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Pressemitteilung des Bundesarbeitsgerichts
Nr. 2/97 vom 6. Januar 1997

Am 25. Dezember 1996 verstarb im Alter von 84 Jahren die Vorsitzende Richterin am Bundesarbeitsgericht a.D. Prof. Dr. Marie-Luise Hilger Frau Hilger hat ihre Kindheit und Schulzeit in Bremen und Heidelberg verbracht. Nach Ablegung der großen juristischen Staatsprüfung war sie von 1937 bis 1941 als Assistentin von Professor Dr. Wolfgang Siebert in Kiel und Berlin, anschließend bis zum Kriegsende in der studentischen Begabtenförderung tätig. Von 1947 bis 1959 arbeitete sie als Schriftleiterin der Fachzeitschrift "Der Betriebs-Berater" und als Lektorin der Verlagsgesellschaft Recht und Wirtschaft mbH in Heidelberg. Im Sommersemester 1952 erhielt Frau Hilger einen Lehrauftrag für Arbeitsrecht an der Universität Heidelberg. Im Juni 1959 erfolgte ihre Habilitation (venia legendi für Bürgerliches Recht und Arbeitsrecht). Seit dem Wintersemester 1962/63 lehrte sie als Honorar-Professorin an der juristischen Fakultät der Universität Göttingen. Von 1060 bis 1972 gehörte sie der ständigen Deputation des Deutschen Juristentages an. Frau Hilger wurde im Dezember 1959 zur Bundesrichterin und im November 1973 zur Vorsitzenden Richterin am Bundesarbeitsgericht ernannt. Sie war zunächst dem Dritten, dem "Ruhegeld-Senat", zugeteilt, ab 1965 als stellvertretende Vorsitzende. Von 1973 bis zu ihrem Eintritt in den Ruhestand im September 1980 leitete sie den Fünften Senat des Bundesarbeitsgerichts, der insbesondere für Entgeltfortzahlung, Erziehungsurlaub, Mutterschutz und zentrale Fragen des Arbeitsvertragsrechts zuständig war. Sie war eine der ersten Frauen, die in ein Richteramt bei einem obersten Gerichtshof berufen wurden. Die Art ihrer Amtsführung hat Vorurteile beseitigt und Maßstäbe gesetzt.

Im August 1969 wurden Frau Hilger in Anerkennung ihrer um Staat und Volk erworbenen besonderen Verdienste das Verdienstkreuz 1. Klasse des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland und im November 1980 das große Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland verliehen.

Frau Hilger war eine herausragende Persönlichkeit von ungewöhnlichem Format. Ihrem Richteramt hat sie sich mit ganzer Hingabe gewidmet. Viele richtungweisende Entscheidungen tragen ihre unverwechselbare Handschrift - gekennzeichnet durch sprachliche Klarheit, Stringenz der Gedankenführung und breite wissenschaftliche Fundierung.

Als wissenschaftliche Autorin und Hochschullehrerin genoß Frau Hilger ebenso große Anerkennung. Auch hier war ihre richterliche Prägung unverkennbar. Mit Ernst und großer Intensität suchte sie den gerechten Ausgleich und praxisnahe Lösungen für die Konflikte des Arbeitslebens. Für ungezählte Studierende und jüngere Kolleginnen und Kollegen wurde sie zum richtunggebenden Vorbild. Die Richterinnen und Richter des Bundesarbeitsgerichts trauern um eine beeindruckende Kollegin, der sie außerordentlich viel verdanken. Auch bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Gerichts bleibt sie als sensible und verständnisvolle Gesprächspartnerin unvergessen.

Der Präsident des Bundesarbeitsgerichts Professor Dr. Thomas Dieterich