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Pressemitteilung des Bundesarbeitsgerichts
Nr. 60/97 vom 17. November 1997

Am 14. November 1997 verstarb in Frankfurt/Main der zweite Präsident des Bundesarbeitsgerichts Prof. Dr. Gerhard Maria Müller im 84. Lebensjahr. Voll tiefer Trauer gedenken wir des Mannes, der den höchsten deutschen Gerichtshof für Arbeitsrecht nach seinem Aufbau über 17 Jahre geleitet hat.

Gerhard Müller wurde am 10. Dezember 1912 in Limburg/Lahn als Sohn eines Sattlers geboren. Als überzeugter Katholik war er fest in der katholischen Sozialbewegung verwurzelt und engagierte sich schon am Ende seiner Gymnasialzeit und während seines Studiums in der christlichen Gewerkschaftsbewegung. Nach dem Studium der Philosophie, Geschichte und Rechtswissenschaft bestand er im Jahre 1935 die erste juristische Staatsprüfung und im Jahr 1939 das Große juristische Staatsexamen. Im Jahre 1942 promovierte er an der Universität Frankfurt/Main.

Von Ende 1942 bis Juli 1944 leistete Prof. Dr. Müller Wehrdienst. Anschließend war er bis 1945 als Assessor bei einer Kreisverwaltung als Anwaltsvertreter tätig. Von April 1945 bis September 1946 leitete er das Arbeitsamt in Limburg/ Lahn. Im Anschluß daran übernahm er als erster Präsident des Landesarbeitsgerichts Frankfurt/Main ein Richteramt. Am 12. April 1954 wurde er Richter des Bundesarbeitsgerichts, das zum gleichen Zeitpunkt seine Tätigkeit aufnahm. Er war zunächst Senatspräsident und ständiger Stellvertreter des Präsidenten des Bundesarbeitsgerichts. Am 26. Februar 1963 wurde er Nachfolger von Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Nipperdey, dem ersten Präsidenten des Bundesarbeitsgerichts; er übernahm den Vorsitz des Ersten Senats, der insbesondere über Fragen des Koalitionsrechts, Arbeitskampfrechts und Betriebsverfassungsrechts zu entscheiden hat.

Im Oktober 1967 wurde er zum Honorarprofessor an der Universität zu Köln mit dem Lehrauftrag "Arbeitsrecht" ernannt. Von 1972 bis 1981 war er Präsident des Deutschen Arbeitsgerichtsverbandes e.V. und anschließend dessen Ehrenpräsident.

In seiner Funktion als Richter und Präsident des Bundesarbeitsgerichts hat er die Rechtsprechung des Gerichts in zentralen und gesellschaftspolitisch entscheidenden Fragen maßgeblich mitgeprägt und dazu beigetragen, daß das Bundesarbeitsgericht im In- und Ausland starke Beachtung und Anerkennung gefunden hat. In der Fachwelt ist Prof. Dr. Müller über seine Richtertätigkeit hinaus durch eine Reihe bedeutender Monographien und eine große Zahl arbeitsrechtlicher Publikationen bekannt geworden. Besonders hervorzuheben sind seine Veröffentlichungen zum Koalitionsrecht, zum Arbeitskampfrecht, zum Betriebsverfassungsrecht und zum Kirchenrecht. Er war Mitautor mehrerer Kommentare und Herausgeber des Jahrbuchs "Das Arbeitsrecht der Gegenwart" sowie Mitherausgeber der Zeitschrift "Recht der Arbeit". Kennzeichnend für seine Denk- und Arbeitsweise war die komplexe Zusammenschau juristischer Fachprobleme mit ihren gesellschaftspolitischen und rechtsphilosophischen Grundlagen und Konsequenzen.

Rechtsphilosophie, Sozialethik und Geschichte haben Prof. Dr. Müller ein Leben lang fasziniert. Im Ruhestand fand er die Zeit, sich diesen Fragen verstärkt zu widmen. Darüber hinaus nahm er trotz mancher gesundheitlicher Beeinträchtigungen mit großem Sachverstand zu aktuellen arbeitsrechtlichen und rechtspolitischen Fragen Stellung.

Sein Wirken hat er selbst stets als ein Dienen am Recht und für die Menschen gesehen, gegründet auf dem festen Fundament seines christlichen Glaubens. Als Richter, Wissenschaftler und Rechtspolitiker hat er nicht nur die Rechtsprechung des Bundesarbeitsgerichts, sondern den Auf- und Ausbau unserer sozialstaatlichen Ordnung wesentlich mitgeprägt.

Die Angehörigen des Bundesarbeitsgerichts werden Prof. Dr. Gerhard Müller als eine der prägenden Rechtspersönlichkeiten in dankbarer Erinnerung bewahren.

Der Präsident des Bundesarbeitsgerichts
Professor Dr. Thomas Dieterich

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