Bekanntmachung an die
Bewohner des Saargebietes.

(Amtsbl. RegKom 1920 S. 1)



Kraft des Friedensvertrages von Versailles tritt die Regierungskommission am heutigen Tage ihr hohes Amt an.

Im Namen des Völkerbundes, der sie eingesetzt hat, wird sie das Gebiet des Saarbeckens verwalten und daselbst die gleiche Regierungsgewalt ausüben, welche ehedem dem Deutschen Reiche, Preußen und Bayern zustand. Die Regierungskommission ist fest entschlossen, die Bestimmungen des Versailler Vertrages genauestens auszuführen, aber auch von jedermann befolgen zu lassen und zwar sowohl dem Buchstaben wie dem Geiste nach. Sie erachtet es zunächst als ihre Pflicht, sich das Vertrauen der Bevölkerung, deren Geschicke in ihre Hände gelegt sind, zu verdienen.

Ihre feste Absicht geht ferner dahin, die Ordnung und die Ruhe im ganzen Umfange des Saargebietes aufrecht zu erhalten. Unter der hohen Aufsicht der Regierungskommission werden die Einwohner ihre gewohnten örtlichen Tagungen abhalten, ihre religiösen Freiheiten ausüben, ihre Vereine, ihre Schulen und ihre Sprache beibehalten können. Die Sicherheit der Person und des Eigentums werden sich des kräftigen Schutzes erfreuen.

In der gleichen Weise, in der die Regierungskommission von dem Bewußtsein ihrer Pflichten durchdrungen ist, ist sie auch gesonnen, ihrer Autorität Achtung zu verschaffen und alle Bestrebungen, von wo sie auch nur immer kommen mögen, die Bevölkerung zu beunruhigen oder sie zu Fehltritten zu verleiten, unnachsichtlich zu unterdrücken. Der Friedensvertrag hat sie keineswegs wehrlos dahingestellt. Die Rechts, die er ihr verlieh, setzen sie sehr wohl in den Stand, sich ihrer hohen Aufgabe zu widmen, ohne auch nur im geringsten sich durch etwaige eitle oder gar verbrecherische Auflehnungen beeinträchtigen zu lassen. Indem sie sich von den gleichen Grundsätzen leiten läßt, denen auch der Völkerbund entsprang, ist sie gewillt, der Bevölkerung mit den Gefühlen bereitwilligen Entgegenkommens näherzutreten.

Andererseits geht ihr Bestreben dahin, die reichen Hilfsquellen des Landes wieder herzustellen und Ruhe in die Gemüter der Bevölkerung zu bringen. Es ist ihr keineswegs entgangen, daß während einer allzulangen Periode des Übergangs und unfertiger Verhältnisse ansehnliche Interessen geschädigt wurden. Die Regierungs-Kommission hat sich vorgenommen, eine feste, wohlgeordnete Regierung ins Leben zu rufen und genau darüber zu wachen, daß das Land eine tüchtige Verwaltung erhalte.

Schon ist ihre Aufmerksamkeit durch einige besonders dringliche Angelegenheiten in Anspruch genommen worden. So wird sie es sich besonders angelegen sein lassen, unverzüglich der Beantwortung gewisser Finanz-, Zoll- und Handelsfragen näherzutreten, die mit Recht den Einwohnern des Saargebietes am Herzen liegen. Sie wird niemals eine Ausbeutung der Bewohner des Saargebiets dulden oder es zulassen, daß sie bezüglich der Entlohnung ihrer Arbeit irgendwie benachteiligt werden.

Die Regierungskommission wird des weiteren ganz besonders ihr Augenmerk auf die Förderung der Industrie und auf die Hebung der Lage der Arbeiter richten. Mit allen ihr zu Gebote stehenden Kräften wird sie dahin streben, die Produktion zu erhöhen und den Angestellten und Arbeitern alle jene Vorteile zu verschaffen, die mit der Einhaltung wohlgeordneter Betriebe vereinbar sind. Von diesem Gesichtspunkt aus wird sie die von den Arbeitnehmer- und Arbeitgeber-Verbänden geäußerten Wünsche berücksichtigen, und zwar im Einklang mit den Grundsätzen des Völkerbundes. Was diesen Punkt betrifft, weiß sie sich übrigens eines Sinnes mit der französischen Bergbehörde. Frankreich sichert sie in dieser Hinsicht eine unbeschränkte Betriebsfreiheit zu, und zwargenau in der durch den Friedensvertrag vorgesehenen Weise. In der Ausübung des hohen, ihr übertragenen Amtes, zählt die Regierungskommission auf die rückhaltlose Mitwirkung der Bevölkerung, deren materielles Wohlergehen vielfach von ihrem ruhigen Verhalten und dem an den Tag gelegten guten Willen abhängen wird.

Auf diese Weise wird es den Bewohnern des Saarlandes geben sein, zugleich ihrem Vertrauen zum Völkerbund Ausdruck zu geben und dem Freidensvertrag den gebührenden Gehorsam zu erzeigen. Durch die erwiesene Ausdauer bei der Arbeit, und zwar in allen Betrieben den ländlichen wie den industriellen, werden sie am wirtschaftlichen Wiederaufbau Europas großen Anteil haben. Sie werden es sich zur ehre anrechnen, die Grundsätze der internationalen gegenseitigen Arbeitsergänzung zu verwirklichen, welche in der Satzung zum Völkerbund zum Ausdruck kommen.

Das sind die Richtlinien, von denen sich die Regierungskommission allezeit leiten lassen wird. Sie ist entschlossen, unter der loyalen Mitwirkung der Bevölkerung im Saargebiet den Geist der Ordnung, der Freiheit und der Gerechtigkeit walten zu lassen, andererseits aber auch das Wohlergehen und die persönliche Sicherheit der Einwohner zu gewährleisten und ihren Rechten Achtung zu verschaffen


Geschehen zu Saarbrücken, den 26. Februar 1920.
Im Namen der Regierungskommission
Der Präsident:
gez. V. Rault, Staatsrat.