Antrag der CDU-Landtagsfraktion auf Aussprache betreffend Begrenzung des Zuzugs von Aussiedlern in die Bundesrepublik Deutschland.
Die CDU-Landtagsfraktion hat diese Aussprache beantragt. Ich eröffne die Aussprache und erteile das Wort Herrn Abgeordneten Peter Müller.
Abg. Müller (CDU):
Herr Präsident! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Der letzte
sozialdemokratische Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland, Helmut
Schmidt, hat am 15.9.1989 in der ,,Zeit'' geschrieben _ ich zitiere _: Ich
schäme mich für Mitbürger, die auf die Hilfe für Aussiedler neidisch sind.
Wer heute als ehemaliger Wolgadeutscher zu uns kommt, gehört genauso zu
uns wie ein Deutscher, der früher aus den von der Sowjetunion annektierten
baltischen Staaten oder der Tschechoslowakei gekommen ist. Wer heute
solche Menschen abwehren will, der irrt sich sowohl über unsere
Rechtsordnung als auch über seine eigene Moral. Er hat unrecht, wenn er
andere der Deutschtümelei zeiht, die die Solidarität zwischen den
Angehörigen desselben Volkes fortführen wollen.
Diese Formulierung Helmut Schmidts war Grundlage der gemeinsamen Politik
des Zuzugs von Spätaussiedlern in die Bundesrepublik Deutschland in den
vergangenen Jahren, gemeinsam verantwortet von den großen Parteien eine
gemeinsame Linie, die auch ein Stück Wahrnehmung der Verantwortung vor
unserer eigenen Geschichte war. Offensichtlich ist bei einigen in der
Republik _ offensichtlich ist bei einigen Sozialdemokraten _ diese
Grundlage mittlerweile in Vergessenheit geraten.
(Beifall bei der CDU.)
Heute hören wir andere Töne aus der SPD. Stopp des Zuzugs von Aussiedlern,
sagt Herr Spöri. Aussiedler überlasten die Rentenversicherung _ Ältere
Aussiedler gehen in die Rente, jüngere in die Arbeitslosigkeit. Natürlich
darf da der neugewählte Bundesvorsitzende der SPD _ nach den ersten
hundert Tagen der Profillosigkeit geziehen _ nicht fehlen und erklärt:
Notwendigkeit der rationalen Steuerung der Zuwanderung von Aussiedlern. Er
läßt sich zitieren mit dem Satz: Wir müssen die Lebenssituation der
Menschen im Auge behalten, die ihren Arbeitsplatz verloren haben oder kurz
davorstehen. Unausgesprochen heißt das: Keine Aussiedler mehr rein,
Aussiedler raus. Er wird zitiert mit dem Satz: Sozial Schwachen werden
keine Sozialwohnungen zugewiesen, weil die Gemeinden diese Wohnungen den
Aussiedlern zuweisen müssen.
Meine sehr verehrten Damen und Herren, ein solcher Satz, ohne realen Hintergrund, ist eine üble Hetze, die gänzlich verantwortungslos ist.
(Beifall bei der CDU.)
Dies hat nichts, aber wirklich überhaupt nichts zu tun, Herr Ministerpräsident, mit einer rationalen und sachlichen Diskussion der Zuwanderungsproblematik. Wenn Sie diese diskutieren wollten, dann dürften Sie sich nicht nur eine Gruppe der Zuwanderer herausgreifen, dann dürften Sie nicht nur über Aussiedler reden, dann müßten Sie auch über andere Zuwanderer reden. Trotzdem reden Sie nur über Aussiedler. Trotzdem greifen Sie sich eine Minderheit heraus und hacken auf dieser Minderheit herum. Das ist Wahlkampf aus der alleruntersten Schublade.
(Beifall bei der CDU.)
Das ist der Versuch, eine Minderheit zum Sündenbock zu machen und
Sozialneid zu schüren. Das ist der Appell an fremdenfeindliche Instinkte
und Abschottungsbedürfnisse. Das ist der Versuch, eine Gruppe zu
Aussätzigen zu machen, um bei den bevorstehenden Landtagswahlen in
Baden-Württemberg, in Rheinland- Pfalz und in Schleswig-Holstein
vielleicht ein paar Zehntelprozente für die SPD zu gewinnen oder
wenigstens anderen ein paar Zehntelprozente abzujagen, indem man diese
Stimmen zu den Republikanern treibt.
Ich meine, eine solche Profilierung auf Kosten der Minderheit ist politische Verantwortungslosigkeit. Ich sage, Gott sei Dank gibt es noch einige Sozialdemokraten, die selbst im Wahlkampf der Versuchung, auf diese Art und Weise Stimmen zu gewinnen, widerstehen. Die Ministerpräsidentin von Schleswig-Holstein, Frau Simonis, Herr Lafontaine, hat Ihre Vorstellungen bezeichnet als eine Steilvorlage für Rechtsradikale. Das tut sie auch im Wahlkampf. Ich sage: Respekt vor Frau Simonis. Da geht ein bißchen noch das Gemeinwohl vor dem Parteiwohl.
(Beifall bei der CDU.)
Niemand versperrt sich einer Diskussion der Zuwandererproblematik in allen
ihren Facetten. Aber es ist wirklich eine Diskussion, die mit Sensibilität
zu führen ist. Deshalb ist es nicht zulässig, die Diskussion auf eine
Gruppe zu fokussieren. Deshalb ist es nicht zulässig, diese Gruppe
herauszugreifen und mit Halb- und Unwahrheiten zu diskreditieren. So
zerstört man Solidarität der Demokraten. So etwas ist schlicht und einfach
schäbig.
(Beifall bei der CDU.)
Zuwanderung _ dies bestreite ich nicht, niemand bestreitet dies _ ist ein regelungsbedürftiger Tatbestand. Aber wer wandert zu? Aussiedler wandern zu, das ist richtig. Aber es wandern doch wohl auch zu Asylbewerber, es wandern zu Bürgerkriegsflüchtlinge, es wandern zu EG-Bürger, es wandern zu Ausländer aus dem europäischen Bereich, die nicht EG-Bürger sind; 1,8 Millionen Europäer, haben wir heute morgen gehört, die nicht EG-Bürger sind, nehmen in Deutschland Arbeitsplätze wahr, arbeiten bei uns. Also wahrhaft eine Vielzahl von Gruppen, die jährlich zuwandern.
Natürlich darf diese Zuwanderung in ihrer Gesamtheit die Grenzen des Erträglichen nicht überschreiten. Unkontrollierter Zugang führt zu Problemen, und deshalb ist unkontrollierter Zugang und Zuzug eine Angelegenheit, die sicherlich nicht zu begrüßen ist. Deshalb besteht Regelungsbedarf. Aber ich frage mich: Warum beginnt man diesen Diskussionsprozeß um die Regelung der Zuwanderung ausgerechnet bei derjenigen Gruppe, bei der wir eine Quotierung haben, bei der die Zuwanderung geregelt ist? Es gibt eine einzige Gruppe, bei der die Zuwanderung quotiert ist, das sind die Aussiedler. Ausgerechnet an dieser Gruppe wird jetzt die Diskussion geführt. Das ist absurd.
(Beifall bei der CDU.)
Im Rahmen des Asylkompromisses, im Rahmen des Kriegsfolgenbereinigungsgesetzes haben wir uns darauf verständigt _ über Parteigrenzen hinweg, mit Zustimmung der SPD _, pro Jahr 220.000 Aussiedler in die Bundesrepublik Deutschland einwandern zu lassen. Diese Vereinbarung _ mit Zustimmung der Sozialdemokraten _ hat dazu geführt, daß sich der Zuzug von Aussiedlern in die Bundesrepublik Deutschland glatt halbiert hat. Deshalb sage ich: Wenn die Zuwanderungsproblematik an diesem Punkt diskutiert wird, wenn an diesem Punkt gesagt wird, die nehmen unseren Leuten die Arbeitsplätze weg, ist das scheinheilig, und dann wird deutlich, es geht nicht um die Sache, sondern es geht um Agitation.
(Beifall bei der CDU.)
Wenn in dem Zusammenhang gesagt wird Stopp des Zuzugs von Aussiedlern,
dann kann ich nur sagen, das ist ein Stück Verleugnung der eigenen
Geschichte. Wer hatte denn neben vielen anderen die Folgen des
Nationalsozialismus zu tragen? Die Deutschen im Reich Josef Stalins haben
den Zweiten Weltkrieg nicht angezettelt. Aber sie hatten in einem für
Westdeutsche unvorstellbaren Ausmaß unter den Folgen dieses Zweiten
Weltkrieges, unter den Folgen des Nationalsozialismus zu leiden.
Verfolgung, Vertreibung, Verbannung, Diskriminierung, vieles hatten sie zu
erdulden. Deshalb ist es völlig richtig, wenn in dem Zusammenhang in den
ARD-Tagesthemen ein Kommentator, von dem man weiß, daß er weit, weit links
von der CDU steht, sagt, die Herren Lafontaine und Spöri sollten einmal
eine Familie Rußlanddeutscher besuchen. Das Schicksal, das fast jede
dieser Familien in den vergangenen Jahrzehnten erfahren hat, wird ihnen
hoffentlich die Schamesröte über ihre eigenen Vorschläge ins Gesicht
treiben.
(Beifall bei der CDU.)
Ich sage vor diesem Hintergrund, das Tor darf nicht zugeschlagen werden. Wir wollen eine sozialverträgliche Regelung der Zuwanderung. Ich persönlich sage, in dem Zusammenhang ist auch über ein Einwanderungsgesetz zu reden, das sich auf alle Gruppierungen von Zuwanderern bezieht und klare Regelungen trifft. Sehr einverstanden. Aber es muß im Bereich der Aussiedlerpolitik gelten, was in der Vergangenheit gegolten hat. Denjenigen, die dort bleiben wollen, wo sie jetzt leben, muß geholfen werden, daß sie dort bleiben können. Das ist die erste Priorität.
(Beifall bei der CDU.)
Diejenigen, die kommen wollen, müssen einen Anspruch auf Aufnahme haben. Der ist verfassungsrechtlich abgesichert. Sie müssen kommen können in einem geregelten Verfahren, in einer sozialverträglichen Form, wie es die Politik bisher gemacht hat. Das ist der genau richtige Weg.
Die Rechtsgrundlage ist eindeutig. Artikel 116 Grundgesetz gibt einen Anspruch auf Einreise und Einbürgerung. Bis heute habe ich keinen Vorschlag gehört, wie dieser Artikel 116 Grundgesetz geändert werden sollte. Vor dem Hintergrund dieses Rechtsanspruchs jetzt einen Stopp des Zuzugs von Aussiedlern zu suggerieren, bringt doch die Gefahr mit sich, daß die drei bis vier Millionen Rußlanddeutschen, die teilweise auf gepackten Koffern sitzen, in eine Torschlußpanik geraten und massenweise hierherkommen. Dann haben wir endgültig unkalkulierbare Situationen, unberechenbare Situationen. Das ist doch gänzlich unerträglich.
(Beifall bei der CDU.)
Meine Damen und Herren, ich sage auch, die Zuwanderung von Aussiedlern ist
nicht nur Belastung, sondern sie ist auch Chance. Auch das war in der
Vergangenheit Konsens zwischen den demokratischen Parteien, daß
Zuwanderung bei allen Gruppen auch Chance und Bereicherung ist. Wir alle
wissen doch, wie die demographische Situation in der Bundesrepublik
Deutschland ist. Wir wissen doch, daß die Bevölkerung bei uns überaltert
ist. Wir wissen doch, daß wir unsere sozialen Sicherungssysteme in der
Langfristperspektive nur halten können, wenn es uns gelingt, einen
stärkeren Ausgleich in der demographischen Situation zu erreichen, mehr
Junge zu bekommen im Verhältnis zu den Alten. Wenn ich dann, lieber
Kollege Tabillion, sehe, daß 40 Prozent der Aussiedler, die zu uns kommen,
jünger als 20 Jahre sind und nur ganze 10 Prozent älter als 60 Jahre, wenn
also die Aussiedler doppelt so jung und halb so alt sind wie die
einheimische Bevölkerung, dann kann ich nur sagen, langfristig ist das mit
Blick auf die demographische Entwicklung ein geradezu wünschenswerter
Zustand.
(Beifall bei der CDU.)
Es ist doch unglaublich kurzsichtig, jetzt zu agitieren mit dem Hinweis darauf, die Aussiedler überlasten unsere Rentensicherungssysteme. Meine sehr verehrten Damen und Herren, 10 Prozent der Aussiedler, die hierherkommen, sind im rentenfähigen Alter. Fünf Prozent, die Hälfte, hat einen Anspruch auf Rente, weil wir im Fremdrentenbereich die Regelung haben, daß Ehefrauen keinen eigenen Rentenanspruch erwerben. Also ganze fünf Prozent haben einen eigenständigen Rentenanspruch.
Im vergangenen Jahr betrug der Anteil der Aussiedler an der Gesamtsumme
der Rentenleistungen in der Bundesrepublik Deutschland ganze 3,4 Prozent.
3,4 Prozent, mehr nicht. Vor dem Hintergrund wird jetzt diese vergiftete
Diskussion geführt. Der Innenminister des Landes Baden-Württemberg, Herr
Birzele, Mitglied der SPD, sagt dazu _ ich zitiere _: Die Belastung der
Rentenversicherung wird langfristig durch die insgesamt günstige
Altersstruktur der Spätaussiedler mehr als ausgeglichen. Langfristig
zahlen die Aussiedler mehr in die Rentenversicherung ein, als wir leisten.
Da kommen heute Leute her und sagen, die Aussiedler überfordern die
Rentenversicherungssysteme, sie dürfen nicht mehr kommen _ Polemik im
wirklich schlimmsten Sinne!
(Beifall bei der CDU. _ Zurufe von der SPD.)
Wenn in dem Zusammenhang dazwischengerufen wird, dann gehe ich gern darauf
ein. Die Arbeitslosenversicherung: Meine sehr verehrten Damen und Herren,
Aussiedler, die hierherkommen, haben keinen Anspruch auf Leistungen aus
der Arbeitslosenversicherung. Ohne daß sie Beiträge zahlen, gibt es keinen
Anspruch auf entsprechende Leistungen. Auch das muß einmal in der
Diskussion zur Kenntnis genommen werden. Auch da wird gehetzt, aber die
Wahrheit ist eine andere.
(Beifall bei der CDU.)
Wenn Sie die Frage der Sozialhilfe ansprechen, lieber Kollege Lang, dann will ich Ihnen dazu auch etwas sagen. Die durchschnittliche Dauer der Arbeitslosigkeit bei Aussiedlern beträgt 7,7 Monate. Die durchschnittliche Dauer der Arbeitslosigkeit bei Einheimischen beträgt zwölf Monate. Da muß man doch einmal fragen, warum. Da muß man doch einmal fragen, ob dies möglicherweise damit zu tun hat, daß es unter den Aussiedlern viele Menschen gibt, die fleißig sind, die einsatzbereit sind und die bereit sind, Arbeiten zu übernehmen, für die einen Einheimischen zu finden mittlerweile sehr schwer fällt. Auch das gehört zur Wahrheit.
(Beifall bei der CDU.)
Wenn ich weiß, daß mit Blick auf die langfristige Entwicklung in der
Bundesrepublik Deutschland die Zuwanderung der Aussiedler uns mehr nutzt
als schadet, dann frage ich mich doch, warum diese Diskussion. Sie, Herr
Lafontaine, haben gesagt, Sie wollen mit dieser Diskussion nicht eine
Gruppe stigmatisieren. Es geht nicht darum, eine Gruppe zu stigmatisieren.
Ich frage Sie, was machen Sie denn anderes, wenn Sie im Zusammenhang der
Zuwanderung nur über eine Gruppe, nur über die Aussiedler reden und sie
verantwortlich machen für soziale Mißstände in der Bundesrepublik
Deutschland? Wenn das nicht stigmatisieren ist, was ist dann noch
stigmatisieren?
(Beifall bei der CDU.)
Da werden Wehrlose gebrandmarkt für Mißstände in der Bundesrepublik
Deutschland. Da wird noch nicht einmal ein Konzept vorgelegt. Da wird nur
gesagt, so kann es nicht weitergehen. Ich habe von Ihnen keinen Vorschlag
gehört, wie Artikel 116 Grundgesetz zu ändern ist. Ich habe von Ihnen
keine anderen Zahlen gehört, ob und wie viele Aussiedler Sie künftig
zuwandern lassen wollen. Ich habe von Ihnen irgendwelche nebulösen
Ausführungen zur Reform des Staatsangehörigkeitsrechtes gehört. Nichts
dagegen. Darüber können wir reden, völlig einverstanden. Das rechtfertigt
aber nicht die Kampagne, die losgetreten worden ist. Es hat damit
überhaupt nichts zu tun.
(Beifall bei der CDU.)
Deshalb sage ich abschließend: Schluß mit dieser Kampagne! Es ist eine niederträchtige Kampagne. Die SPD ist eine Partei mit einer langen humanistischen Tradition. Sie hat sich immer auch verstanden als ein Anwalt von Minderheiten. Die Art und Weise, wie einige Sozialdemokraten zur Zeit die Diskussion um die Minderheit der Aussiedler führen, ist ein Verrat an den eigenen sozialdemokratischen Traditionen.
(Lebhafter Beifall bei der CDU.)
Freimut Duve, der SPD-Bundestagsabgeordnete, hat gesagt: Dieses Faß hätte
nicht aufgemacht werden dürfen. Da hat Freimut Duve recht, und deshalb ist
es höchste Zeit, dieses Faß zuzumachen. Deshalb, Herr Ministerpräsident,
fordere ich Sie auf: Stehen Sie auf und nehmen Sie Ihre Äußerungen zu den
Aussiedlern hier zurück!
(Anhaltender Beifall bei der CDU.)
Hören Sie auf, das Geschäft der Republikaner zu betreiben. Hören Sie auf, schäbige Polemik zu betreiben. Hören Sie auf, gegen eine Minderheit zu hetzen, wie es die deutsche Bischofskonferenz völlig zu Recht feststellt. Nehmen Sie die Äußerungen zurück, die Sie gemacht haben, und entschuldigen Sie sich bei den betroffenen Menschen. Nehmen Sie den Republikanern die Möglichkeit, weitere Dankesschreiben und Glückwunschadressen wegen Ihrer Agitation an die Staatskanzlei des Saarlandes zu richten!
(Beifall bei der CDU.)
Das Vertreten der Interessen einer Partei im Wahlkampf ist legitim. Aber
der Zweck heiligt nicht die Mittel. Und der Zweck, Landtagswahlen zu
gewinnen, heiligt nicht das Mittel, eine schützenswürdige Minderheit in
diesem Land zu diskriminieren. Deshalb: Nehmen Sie zurück, was Sie gesagt
haben, und entschuldigen Sie sich bei den Aussiedlern in diesem Land. _
Vielen Dank.
(Anhaltender Beifall bei der CDU.)
Vizepräsident Meyer:
Ich erteile das Wort Herrn Ministerpräsidenten Oskar Lafontaine.
Ministerpräsident Dr. h.c. Lafontaine:
Herr Präsident! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Ich habe gern die
Gelegenheit ergriffen, vor dem Landtag noch einmal die Haltung der
Landesregierung zur Zuwanderung darzulegen. Anlaß ist der Antrag der
CDU-Fraktion, nicht die Begründung, die ich eben gehört habe. Wir
diskutieren über die Zuwanderung seit vielen Jahren in der Bundesrepublik.
Es ist selbstverständlich, daß wir, wenn wir über die Zuwanderung
diskutieren, nicht über eine Gruppe diskutieren. Wir haben vier
Zuwanderergruppen. Das sind zunächst einmal die, die als Ausländerinnen
und Ausländer bezeichnet werden, die große Mehrheit der europäischen
Mitbürgerinnen und Mitbürger, deren Familien wir vor Jahrzehnten in unser
Land gerufen haben, weil Arbeitskräfte fehlten. Heute haben wir eine
andere Situation. Heute leben die Menschen bereits in dritter Generation
hier, sie haben aber nicht die deutsche Staatsbürgerschaft; ich komme
darauf noch zu sprechen. Und heute haben wir die Konkurrenzsituation der
Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Gesamteuropa.
Die Landesregierung hat daher in dieser Situation dafür geworben, die
Maßnahmen der Integration zu verbessern, und seit langen Jahren dafür
geworben, beispielsweise ausländischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern das
kommunale Wahlrecht einzuräumen. Wir wissen sehr wohl, wer sich lange Zeit
dagegen gesperrt hat. Deshalb: Wenn es um die Integration von
ausländischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern geht, haben wir von dieser
Seite nun keine Belehrungen nötig.
(Lebhafter Beifall von der SPD.)
Ich habe gestern in München noch einmal zu dieser Thematik Stellung genommen, zusammen mit dem Bürgermeister der Stadt Lille, dem ehemaligen französischen Premierminister Pierre Maurois, und habe dort französische Staatsbürgerinnen und Staatsbürger begrüßen können. Anschließend gab es noch eine Kommunalwahlveranstaltung mit diesen europäischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern, die, dank unserer Initiativen lange Jahre _ und wir wollten ja die Verfassung dazu ändern, wir wollten diesen Schritt der Integration unternehmen _, zum ersten Mal wählen können. Ich begrüße dies außerordentlich und habe das dort auch zum Ausdruck gebracht.
Ebenso habe ich ein anderes Problem angesprochen, das für die
Landesregierung seit langem besteht: das Problem, zu welchen
Tarifbedingungen in Deutschland europäische Mitbürgerinnen und Mitbürger
arbeiten können. Wir fanden die Regelungen, die auch die Bundesregierung
vertreten hat, unzureichend. Wir haben in Begegnungen mit vielen
Arbeitnehmerinnen und Arbeit nehmern das Argument gehört, daß es nicht
sein kann, daß hier in Deutschland bei den Kosten für Mieten, bei den
Kosten der Lebenshaltung durch Dumpinglöhne einheimische Arbeitnehmerinnen
und Arbeitnehmer von europäischen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern
herauskonkurriert werden. Deshalb sind wir für das Entsendegesetz
eingetreten. Und auch dank der Initiative der saarländischen
Landesregierung, wie ich in aller Bescheidenheit anmerken darf, ist der
Kompromiß im Vermittlungsausschuß auf größere Gruppen ausgeweitet worden,
weil wir dabei bleiben: Es kann nicht sein, daß ausländische
Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer über Dumpinglöhne hier beschäftigt
werden und den Einheimischen die Arbeitsplätze wegnehmen. So kann die
europäische Einigung nicht vorankommen.
(Beifall bei der SPD.)
Wenn der eine oder andere Gutmeinende dies als Ausländerfeindlichkeit
bezeichnet, dann ist dies _ _
(Abg. Vogtel (CDU): Zum Thema bitte!)
Ihr Zwischenruf ist völlig unangebracht.
(Heftige Zurufe und fortdauernde Unruhe bei der CDU.)
Sie können ruhig lärmen, das beeindruckt mich überhaupt nicht, wie Sie
wissen. Ihr Zwischenruf ist völlig unangebracht. Ich rede jetzt über die
Zuwanderung _ wie Ihr Fraktionsvorsitzender, dem Sie vielleicht zugehört
haben, gefordert hat _, und zwar über alle Gruppen der Zuwanderung. Und
wenn ich das tue, dann paßt Ihnen das wiederum nicht, weil Sie schlicht
und einfach nicht Argumente und Fakten zur Kenntnis nehmen wollen, sondern
Ihre am völlig falschen Punkt ansetzende dämliche Debatte hier zu Ende
führen wollen.
(Beifall bei der SPD.)
Womit Sie sich im übrigen keinen Gefallen tun. Ich freue mich ja immer
über Ihre politische Strategie, die Sie an den Tag legen, die ist wirklich
sehr beeindruckend.
Aber nun zurück zur Sache. Ich sage noch einmal, daß das Entsendegesetz
von uns mit vertreten worden ist, daß wir teilweise die Regelungen als
unzureichend empfinden, weil so die europäische Einigung nicht vorankommen
kann. Wenn man über Integration spricht, dann darf man nicht nur
diejenigen sehen, die zu uns kommen und die die Aufnahme in der
Gesellschaft wollen. Man muß genauso diejenigen sehen, die Betroffene sind
_ als Arbeitnehmerin und Arbeitnehmer _, die mit anderen um Arbeitsplätze
konkurrieren. Dieser Akzent scheint mir in vielen Debatten überhaupt nicht
gesehen zu werden. Ich merke ihn deshalb hier an.
Die zweite Gruppe, die wir als Zuwanderer haben, sind derzeit die
Bürgerkriegsflüchtlinge. Die SPD ist immer dafür eingetreten, daß unser
reiches Industrieland seinen Beitrag dazu leistet, daß
Bürgerkriegsflüchtlinge aufgenommen werden. Ich habe auch in Debatten über
die Frage, ob militärische Interventionen in Jugoslawien notwendig seien,
stets darauf hingewiesen, daß die Hilfe früher beginnt, daß eine der
hervorragenden Hilfeleistungen, die dieser Staat gebracht hat, die
Aufnahme von Bürgerkriegsflüchtlingen ist; und daß ich stolz darauf bin,
daß Deutschland mehr Bürgerkriegsflüchtlinge aufgenommen hat als jeder
andere europäische Staat und als alle anderen europäischen Staaten
zusammen.
(Beifall bei der SPD.)
So, wie ich auf der einen Seite bei den Arbeitsverhältnissen der ausländischen Mitbürgerinnen und Mitbürger _ die ich eher europäische Mitbürgerinnen und Mitbürger nennen möchte _ auch auf die Integration nach beiden Richtungen achten muß, so muß ich bei der Zuwanderung der Bürgerkriegsflüchtlinge natürlich dafür eintreten, daß dann, wenn der Bürgerkrieg zu Ende ist, auch die Rückwanderung der Bürgerkriegsflüchtlinge einsetzen muß, weil sonst das Land nicht in der Lage ist, in ähnlichen Fällen in ähnlichem Umfang zu helfen.
Im übrigen ist es einfach notwendig, auch darauf hinzuweisen, daß bei dem
Wiederaufbau zerstörter Landschaften die Rückwanderer gebraucht werden.
Ich greife durchaus auf, daß es den einen oder anderen gibt, der sagt, wer
Rückwanderung verlangt, handelt herzlos. Ich weise aber auf die Folgen
hin.
(Zuruf des Abgeordneten Vogtel (CDU).)
Jetzt hören Sie doch einmal zu! Wenn wir für die Aufnahme von
Bürgerkriegsflüchtlingen plädieren und wenn dieses Land
Bürgerkriegsflüchtlinge aufgenommen hat wie kein anderer Staat, mehr als
alle europäischen Staaten zusammen, dann muß derjenige, der eine ähnliche
Hilfsbereitschaft in anderen Fällen anbieten will, dafür Sorge tragen, daß
die Bürgerkriegsflüchtlinge, wenn es vertretbar ist _ und das ist im
Einzelfall schwierig _, wieder zurückgehen in ihre Herkunftsländer, wenn
der Bürgerkrieg zu Ende ist und wenn dies moralisch und ethisch
verantwortbar ist.
(Beifall bei der SPD.)
Die dritte Gruppe, die von bestimmter Seite jahrelang stigmatisiert worden ist _ und deshalb habe ich mit großem Interesse den Ausführungen zugehört und war sehr beeindruckt _, das sind die Asylbewerberinnen und Asylbewerber. Ich habe viele Wahlkämpfe erlebt _ wir reden jetzt nicht über einen Zeitraum von einem Monat, sondern von zehn Jahren _, in denen über Zuwanderung geredet worden ist und in denen es immer wieder hieß, das Boot sei voll _ von einer bestimmten Partei; Sie dürfen dreimal raten, welche es war. Das war noch vor der Zeit, als 400.000 Aussiedlerinnen und Aussiedler zu uns kamen. Damals hieß es schon, das Boot sei voll; die Integrationsbereitschaft der Bevölkerung werde überfordert.
Ich habe dann 1988 in einer Diskussion mit dem Kollegen Biedenkopf, der damals noch nicht Ministerpräsident war, die Frage aufgeworfen, nach welchen Kriterien wir die Zuwanderung eigentlich steuern, und habe mich dafür eingesetzt, daß das erste Kriterium nicht die Abstammung sein darf, sondern die Not der betroffenen Menschen, die zu uns kommen, wenn es um Hilfsbereitschaft und um Aufnahme geht. Dieses Kriterium halte ich nach wie vor in einer zivilen, in einer humanen Gesellschaft aufrecht.
(Beifall bei der SPD.)
Es war nämlich nicht so, daß von dem einen oder anderen, der die Frage aufgeworfen hat, welches Staatsbürgerrecht wir denn eigentlich haben, eine Gruppe stigmatisiert werden sollte. Es war vielmehr so, daß jahrelang eine Gruppe stigmatisiert worden ist, und zwar auch von Ihrer Partei, und das sind die Asylbewerberinnen und Asylbewerber _ jahrelang.
(Beifall bei der SPD. _ Abg. Ulrich (B 90/Grüne): Warum versuchen Sie das
jetzt umzudrehen?)
Gleichwohl habe ich vor vielen Jahren, als die meisten der hier Dazwischenrufenden an der Diskussion noch nicht beteiligt waren,
(Abg. Müller (CDU): Das ist ein biologisches Problem)
im Zusammenwirken mit den Ministerpräsidenten Späth und Albrecht, daß es
zu einer Diskussion über die Begrenzung der Zuwanderung kommen könnte, und
auch jahrelang gegen Anfeindungen in meiner Partei für einen Asylkompromiß
geworben, weil ich genauso wie bei anderen Gruppen sagen muß: Wer der
Aufnahme das Wort redet, muß die Aufnahmebereitschaft der Bevölkerung
sehen und muß nach rationalen Kriterien versuchen, die Aufnahme zu
steuern.
Ich halte daher nach wie vor die Regelung, die wir nicht zuletzt auf das
Betreiben der saarländischen Landesregierung gefunden haben _ die
Drittstaatenregelung: daß derjenige, der aus einem sicheren Drittstaat
kommt, nicht bei uns ebenfalls einen Asylantrag stellen kann _, für
richtig, weil sie mittlerweile dazu geführt hat, daß die
Aufnahmebereitschaft in unserer Bevölkerung gestiegen ist. Nicht zuletzt
dürfen wir nicht übersehen, daß die Asylbewerberinnen und -bewerber in der
Zahl der Aufnahme bei uns enbenfalls höher waren als in der gesamten
europäischen Gemeinschaft.
(Zurufe der Abgeordneten Ulrich (B 90/Grüne) und Bozok (B 90/Grüne).)
Wenn Sie, Frau Bozok, oder Sie, Herr Ulrich, dann meinen, das müßte man
mit dem Argument aufnehmen: Wir nehmen immer noch mehr auf, dann ist das
wirklich eine Haltung, die wir nicht akzeptieren, die wir nicht für
verantwortbar halten. Deshalb tritt die Sozialdemokratie nach wie vor für
die Prinzipien des Asylkompromisses ein; wir haben ihn deshalb gemacht,
und ich wiederhole das hier noch einmal.
(Beifall bei der SPD. _ Zuruf der Abgeordneten Bozok (B 90/Grüne).)
Wir haben also die Probleme der drei Zuwanderergruppen: der ausländischen Mitbürgerinnen und Mitbürger, der Bürgerkriegsflüchtlinge und der Asylbewerberinnen und -bewerber angesprochen, und nun komme ich zu einer Besonderheit in Deutschland, die es in keinem anderen Staat gibt außer im Staate Israel: daß nämlich das Staatsbürgerschaftsrecht eingeräumt wird auf Grund der Abstammung, auf Grund der Blutsbande.
Ich habe diese Regelung jahrelang in Frage gestellt; ich halte sie in der
heutigen Zeit nicht mehr für zeitgemäß; ich halte sie nicht mehr für
europäisch, und ich plädiere seit Jahren dafür, daß wir uns in unserem
Staatsbürgerschaftsrecht den übrigen europäischen Staaten anpassen. Ich
wiederhole dies hier noch einmal.
(Beifall bei der SPD.)
Im Zeitalter des Zusammenschlusses, des Zusammenwachsens der europäischen
Staaten ist ein Staatsbürgerschaftsrecht, das auf die Blutsbande, auf die
Abstammung abstellt, ein Staatsbürgerschaftsrecht, das Familien, die vor
Jahrhunderten ausgewandert sind, immer noch die deutsche
Staatsbürgerschaft zubilligt, während es ,,Ausländern'', d.h. europäischen
Mitbürgerinnen und Mitbürgern, die in der dritten Generation hier leben
und praktisch hier aufgewachsen sind, hier ihre Heimat haben und deutsch
sprechen, nicht das Staatsbürgerschaftsrecht zubilligt, nicht mehr haltbar
und muß revidiert werden.
(Beifall bei der SPD.)
An dieser Stelle kann ich auch die Ausführungen des Fraktionssprechers der
Grünen nicht, aber erst recht nicht die Ausführungen des ehemaligen
niedersächsischen Bundesratsministers Trittin akzeptieren, die plötzlich
völlig anders argumentieren. Ich nehme das zur Kenntnis. Wenn die Partei
der Grünen plötzlich die früher vertretene Position, daß das deutsche
Staatsbürgerschaftsrecht dem europäischen Standard angepaßt werden soll,
daß wir nicht mehr auf die Blutsverwandtschaft oder auf die Abstammung
Bezug nehmen sollen, sondern eben auf den Geburtsort und auf die Heimat
sowie auf die Frage, wo die Menschen aufgewachsen sind und sich
gesellschaftlich integriert haben, aufgibt, dann ist das interessant, wird
uns aber nicht veranlassen, unsere Position aufzugeben. Wir bleiben dabei:
Unser Staatsbürgerschaftsrecht muß dem europäischen Standard angepaßt
werden.
(Beifall bei der SPD. _ Zuruf von B 90/Grüne.)
Wenn zum Beispiel dann grüne Politiker im Jahre 1992 wie Herr Trittin
dafür plädiert haben, daß die Einwanderungsgarantie für deutschstämmige
Aussiedlerinnen und Aussiedler durch Gesetzesänderung beendet werden soll
_ ich habe hier die Erklärung vor mir liegen _, und wenn dann der
betreffende Herr heute eine andere Meinung hat, mag er zu neuen Einsichten
gekommen sein. Wenn er aber diejenigen, die die gleiche Meinung vertreten,
als Stammtischpolitiker oder als Leute bezeichnet, die einer schäbigen
Argumentation Vorschub leisten würden, dann muß er sich selbst einmal
hinsichtlich seiner Glaubwürdigkeit und Zurechnungsfähigkeit befragen
lassen.
(Beifall bei der SPD. _ Zurufe.)
Damit komme ich zu den Purzelbäumen und zu der völligen Unglaubwürdigkeit von CSU und CDU in dieser Debatte. Da hat der Bundesarbeitsminister im Jahre 1994 bereits darauf hingewiesen, daß der Arbeitsmarkt sich immer schwieriger darstelle und daß es rational sei, über die Zuwanderung zu reden, und in einem Artikel der Frankfurter Allgemeinen Zeitung dafür geworben, den Zuzug von Ausländern und Aussiedlern zu begrenzen.
(Zurufe von der CDU.)
Er hat dafür geworben, den Zuzug von Aussiedlern und Ausländern zu begrenzen. Das ist Ihnen jetzt unangenehm. Sie können noch so viel lärmen.
(Abg. Schreier (CDU): Das ist richtig. _ Weitere Zurufe von der CDU.)
Ich kann Ihnen nur sagen, die Forderung des Bundesarbeitsministers war zur damaligen Zeit berechtigt. Nachdem wir im Jahre 1996 eine weitaus höhere Arbeitslosigkeit haben und die neuesten Zahlen zu ernsthafter Besorgnis Anlaß geben müssen, ist die Forderung, den Aussiedlerzuzug zu begrenzen, mehr als berech tigt. Und daher bleiben wir bei dieser Forderung, unabhängig von Ihrer kläglichen Debatte, die Sie hier führen.
(Beifall bei der SPD. _ Abg. Schreier (CDU): Und Sie stehen vor uns im Schafspelz. _ Abg. Vogtel (CDU): Der dreht sich wie ein Dilldopp.)
Im übrigen sind Ihre ganzen Argumente so lachhaft, daß die große Mehrheit
der Bevölkerung besser informiert ist über die Tatbestände, als Sie es
sind.
(Abg. Lang (SPD): Kein Wunder. _ Abg. Hans (CDU): Das ist wirklich
unterste Schublade.)
Wenn Sie beispielsweise sagen, die Zuwanderergeneration wäre zu vierzig
Prozent unter zwanzig Jahre, dann ist das richtig; aber wenn die Leute
unter zwanzig Jahre sind, dann ist es nicht in Ordnung, immer wieder
darzustellen, wie sehr sie doch unter Stalin gelitten haben, denn das kann
schlicht und einfach nicht wahr sein.
(Zurufe von der CDU.)
Wenn Sie keine sachlichen Argumente mehr hören können, dann tut mir das
leid, beeindruckt mich aber überhaupt nicht.
Vizepräsident Meyer:
Liebe Kolleginnen und Kollegen, darf ich um etwas mehr Ruhe bitten.
Ministerpräsident Dr. h.c. Lafontaine:
Sie liegen völlig daneben.
(Abg. Müller (CDU): Ja, wir merken, wer daneben liegt.)
Ja, Sie haben es schon oft gemerkt; Sie werden es auch in Zukunft merken,
Herr Abgeordneter Müller.
Ich möchte noch einmal darauf hinweisen, daß das Argument, daß viele unter
dem Hitler-Terror und dem Terror Stalins gelitten haben, richtig ist, daß
es jedoch falsch ist, dies für die Menschen gelten zu lassen, die jetzt
jünger als zwanzig Jahre sind.
(Zurufe von der CDU.)
Hören Sie doch mal zu! Wir haben Ihnen auch zugehört. Sie müssen zumindest einmal lernen zuzuhören, wenn Sie schon keine Argumente aufnehmen. Lernen Sie zumindest mal die Mindestform, nämlich das Zuhören.
(Beifall bei der SPD.)
Deshalb lautet das Argument, hier zu differenzieren, und quer durch die
Parteien _ irgendwann wird es auch die saarländische CDU-Fraktion
mitbekommen _ wird längst darüber geredet, ob nicht jetzt ein Schlußstrich
gezogen werden muß, weil die sogenannte Erlebnisgeneration nicht mehr
kommt. Der Begriff der Erlebnisgeneration ist ein Begriff, der eben
abstellt auf diejenigen, die tatsächlich die Opfer dieser widrigen
Umstände waren, und der darauf hinweist, daß heute bereits die dritte
Generation kommt und die Frage von der Sache her aufzuwerfen ist, ob dies
eigentlich noch zulässig sei.
Ganz schäbig verhält sich dann die CSU, die vor ihrer Kreuther Tagung
durch ihren Generalsekretär ebenfalls eine Begrenzung des
Aussiedlerzuzuges forderte, dann irgendwie in Irritationen geriet und
wieder dem Aussiedlerzuzug das Wort redete, um dann gestern unmittelbar
vor dem Kommunalwahltermin in Bayern im Kabinett wiederum zu einer ganz
anderen Einsicht zu kommen, die darin mündete, daß Edmund Stoiber
erklärte, die Aussiedler müßten zunächst einmal Deutsch lernen, ehe sie
überhaupt hierherkämen.
(Abg. Ley (CDU): Das geschieht bei uns ja schon.)
Dies zeigt, in welch kläglicher Form Ihre Partei auf diese ganze
Zuwandererproblematik reagiert hat. Sie haben die Asylbewerberinnen und
Asylbewerber über Jahre stigmatisiert, und Sie haben die Aussiedlerinnen
und Aussiedler über Jahre zu einer bevorzugten Einwanderungsgruppe
erklärt, weil Sie an der völkischen Ideologie festhalten, die wir nicht
für richtig halten.
(Beifall bei der SPD. _ Protestrufe von der CDU: Das ist unerhört! Das ist eine Frechheit! _ Große Unruhe bei der CDU und fortdauernde Zurufe.)
Nun ist es interessant, daß trotz des Lärmens der hiesigen Opposition mehr
und mehr CDU- und CSU-Politiker sich für eine Begrenzung des
Aussiederzuzuges aussprechen,
(Abg. Schreier (CDU): Sie wollten schon einmal Deutsche ausgrenzen _ Abg.
Ley (CDU): Er hat die Geschichte vergessen)
weil die Argumente mittlerweile so gravierend sind, daß sich den
Argumenten niemand mehr verschließen kann. Wir haben in den letzten Jahren
eine Zuwanderung von mehr als zwei Millionen Aussiedlerinnen und
Aussiedlern gehabt, und das sind mehr als eine Million Erwerbspersonen.
Wenn wir mittlerweile eine Arbeitslosenquote von weit über vier Millionen
haben, dann ist die Forderung, daß überlegt werden muß, ob es weiterhin
zulässig ist, pro Jahr hunderttausend Erwerbspersonen zuwandern zu lassen,
berechtigt. Ich sage Ihnen hier noch einmal folgendes, selbst wenn Sie es
nicht begreifen wollen. Wir haben nicht nur an diejenigen zu denken, die
außerhalb unseres Landes Not leiden, wir haben genauso an diejenigen zu
denken, die im eigenen Land Probleme haben, einen Arbeitsplatz und eine
Wohnung zu finden. Das ist doch eine pure Selbstverständlichkeit, die ich
hier einmal anmahnen möchte.
(Beifall bei der SPD. _ Abg. Gehring (CDU): Das klingt aber äußerst völkisch. _ Abg. Bozok (B 90/Grüne): Gestatten Sie eine Zwischenfrage?)
Bitte.
Abg. Bozok (B 90/Grüne):
Herr Lafontaine, ist Ihnen bekannt, daß kurz nach den Äußerungen von Ihnen
und anderen SPDlern in Pirmasens ein ausländerfeindlicher Anschlag von
rechtsradikalen Gruppierungen auf Aussiedler verübt wurde?
Ministerpräsident Dr. h.c. Lafontaine:
Frau Bozok, mir ist bekannt, daß viele Übergriffe auf Ausländerheime, auf
Asylbewerber- und Aussiedlerheime in den letzten Jahren stattgefunden
haben. Ich glaube nicht, daß es sachgemäß ist, diese Übergriffe der
jeweiligen politischen Position zuzuordnen. Ich vertrete die Auffassung,
daß wir angesichts dieses Tatbestandes gehalten sind, einer rationalen
Steuerung der Zuwanderung das Wort zu reden, und daß dies die beste
Politik ist, um solche Übergriffe zu verhindern.
(Beifall bei der SPD. _ Zurufe von der CDU.)
Ich sprach von den Erwerbspersonen und war dann auch bei der Behauptung, diese Erwerbspersonen würden jetzt eben sofort in den Arbeitsmarkt kommen, sie würden eine Arbeit finden; und dann werden die Statistiken aus früheren Jahren bemüht. Auch der Vorsitzende der CDU-Fraktion begab sich auf dieses brüchige Eis, indem er hier folgendes darlegte: Die Statistik weist aus, die Aussiedler haben sieben Monate und die Einheimischen haben zwölf Monate, was die Verweildauer in der Arbeitslosigkeit angeht. Das heißt, daß die Aussiedler _ so hat er hier sinngemäß formuliert, ich will nicht Ihrer Neigung frönen, falsch zu zitieren _ eben eher bereit seien, bestimmte Arbeiten aufzunehmen. So habe ich den Fraktionsvorsitzenden verstanden. Wenn ich Sie falsch verstanden habe, mögen Sie dies bitte korrigieren. Ich habe kein Interesse, etwa der Rabulistik zu huldigen und durch falsche Zitate meine Positionen zu stützen.
(Abg. Müller (CDU): Falsche Zitate kann man nicht richtigstellen.)
Mit diesem Argument wäre ich äußerst vorsichtig und äußerst zurückhaltend. Wir hatten kürzlich eine Konferenz von Betriebs räten in Karlsruhe, wo eine Betriebsrätin aus Baden-Württemberg zu mir gekommen ist und von einem Betrieb berichtet hat, der 400 Beschäftigte hat, wo jetzt Leiharbeitsverhältnisse eingegangen werden und wo Beschäftigte ihre Arbeit verlieren, die viele Jahre im Betrieb waren. Leiharbeiterinnen und Leiharbeiter sind Aussiedler, die bereit sind, zur Hälfte des Tariflohnes die Arbeit aufzunehmen. Ich stelle dies nur ganz sachlich fest.
Wenn man dann hier die Statistik bemüht, ist das genau der Punkt, den ich
kritisiere. Wir dürfen, wenn wir über Integration sprechen, nicht nur über
diejenigen reden, die zu integrieren sind, sondern wir müssen genauso über
diejenigen reden, die die Integrationsleistung zu erbringen haben. Und das
sind nicht die Wohltäter, die in sicheren Häusern und sicheren
Arbeitsplätzen jetzt auf einmal mit erhobenem Zeigefinger auf diejenigen
zeigen, die einer Begrenzung der Zuwanderung das Wort reden. Diejenigen,
die betroffen sind _ ich sage es hier noch einmal ganz klar _, sind die
Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in den niederen Lohngruppen, sind die
Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die es eben gerade aufgrund ihrer
geringen Qualifikation schwer haben, einen Arbeitsplatz zu finden, sind
die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die es aufgrund ihres geringen
Einkommens schwer haben, eine preiswerte Wohnung zu finden. Ich bin nicht
bereit, diesen Personenkreis aus unserer Betrachtung auszuschließen, wenn
wir über Integration reden.
(Beifall bei der SPD. _ Zurufe von der CDU. _ Abg. Schreier (CDU): Das gilt für alle Zuwanderer. _ Abg. Hans (CDU): Wer tut denn das?)
Ich sage noch einmal in aller Sachlichkeit: Wenn sich ein sicherlich gutmeinender Abgeordneter hier hinstellt und die Arbeitslosenzeit von Aussiedlern und die von Einheimischen erwähnt und den Sachverhalt des Lohndumpings außen vor läßt, dann habe ich Veranlassung, ihn auf eine mangelhafte Argumentation hinzuweisen; mehr tue ich nicht. Sie mögen die weiter aufrechterhalten. Ich sage Ihnen aber, daß die Menschen in unserem Lande zu Recht sagen, eine solche Lohnkonkurrenz sei sozial ungerecht, und wir sollten Maßnahmen ergreifen, um eine solche Lohnkonkurrenz einzuschränken und, wenn möglich, ganz zu vermeiden.
(Beifall bei der SPD. _ Zurufe von der CDU.)
Dasselbe gilt im übrigen für den Punkt, daß zu Recht moniert wird, daß die
sozialen Versicherungskassen von der Bonner Koalition immer weiter
belastet werden.
(Abg. Vogtel (CDU): Das gilt auch für Ihre häufige Anwesenheit im
Parlament.)
Ich habe häufig dargelegt, daß es ein schwerer Fehler der Regierung Kohl
war, die deutsche Einheit über die sozialen Versicherungskassen zu
finanzieren, weil die Aufgabe, die deutsche Einheit zu finanzieren, nicht
nur eine Aufgabe der Beitragszahler der sozialen Versicherungskassen ist,
sondern aller Bürgerinnen und Bürger dieses Staates. Deshalb hat hier die
Regierung Kohl eine gravierende soziale Ungerechtigkeit und einen schweren
ökonomischen Fehler begangen.
(Beifall bei der SPD.)
Wir werden daher nicht akzeptieren, daß dieser Zustand weiter
aufrechterhalten bleibt. Es dürfte auch überhaupt keine Frage sein, daß
hier natürlich auch das Rentengesetz eine Rolle spielt. Es gibt ja den
Zuschuß zur Rentenkasse, aber es müßte klar sein, daß solche Leistungen,
wenn sie angeboten werden, in jedem Fall steuerfinanziert sein müssen,
weil wir unsere sozialen Sicherungskassen immer mehr ramponieren, wenn wir
immer mehr fremde Leistungen beschließen. Was die Regierung Kohl in den
letzten Jahren falsch gemacht hat, ist folgendes. Aufgrund des Anstieges
der Arbeitslosigkeit haben wir immer weniger Beitragszahler, wir haben
aber aufgrund falscher Gesetzesentscheidungen immer mehr
Leistungsempfänger. Und dann wundert man sich, daß die Beiträge immer
weiter ansteigen.
(Beifall bei der SPD. _ Zurufe von der CDU.)
Im übrigen kommt es bei dem Fremdrentengesetz zu gravierenden Ungerechtigkeiten. Diese gravierenden Ungerechtigkeiten werden von unseren Rentnerinnen und Rentnern immer wieder angesprochen. Man muß sich natürlich immer die Frage stellen, was jemand empfindet,
(Zuruf: Genau)
wenn jemand jahrelang Beiträge gezahlt hat und dann niedrigere Leistungen
empfängt als derjenige, der aufgrund unserer Gesetze Leistungsberechtigter
ist, aber vorher nie einen Beitrag geleistet hat _ aus welchen Gründen
auch immer.
Ich spreche dies hier auch offen an. Das hat überhaupt nichts mit
Stammtisch zu tun. Ich wiederhole noch einmal: Wenn wir über soziale
Gerechtigkeit sprechen, dann dürfen wir doch nicht diejenigen ausklammern,
die hier jahrzehntelang Beiträge gezahlt haben und die auch einen Anspruch
haben auf ihre sozialen Rechte.
(Beifall bei der SPD.)
Nun wird von Ihnen, wie auch von anderen Oppositionspolitikern, der
Asylkompromiß angesprochen. Nur muß man dabeigewesen sein, dann kann man
darüber reden.
(Zurufe von der CDU.)
Der Asylkompromiß ist zu einer Zeit abgeschlossen worden, als diese
Probleme des Arbeitsmarktes noch nicht bestanden. Die hohe Quote der
Aussiedlerzuwanderung war ein Begehren insbesondere des Vorsitzenden der
CDU/CSU-Fraktion, Herrn Schäuble, der gesagt hat, die Tür bleibt auf. Sie
können sich mal genau über die Diskussion, die vorher in der
CDU/CSU-Fraktion geführt worden ist, unterrichten oder informieren, und
dann werden Sie wissen, daß es nicht nur um soziale Argumente ging,
sondern um andere Argumente, die ich jetzt hier nicht erwähnen möchte.
Aber es ist nicht allzu schwer, darauf zu kommen.
Wir haben auf jeden Fall diesen Zustrom schon damals problematisiert, weil
begründet werden muß, wieso jahrzehntelang nach dem Krieg immer noch der
Zuzug der Aussiedlerinnen und Aussiedler befürwortet wird, obwohl längst
bekannt ist, daß die Erlebnisgeneration gar nicht mehr in erster Linie
kommt. Allerdings hatte dieser Asylkompromiß, was alle diejenigen, die
darüber reden, ohne dabeigewesen zu sein, nur vermuten, einen richtigen
Ansatz.
(Abg. Vogtel (CDU): Wir hören es ja jetzt.)
Er hatte eine Eingliederungshilfe, die höher war als heute, zur Grundlage,
er hatte eine längere Bezugsdauer zur Grundlage, und er hatte insbesondere
bei der Sprachintegration eine Zeit von fünfzehn Monaten zur Grundlage.
Sehen Sie, meine Damen und Herren, dies ist das nun ganz und gar nicht
Akzeptable der Position der CDU/CSU. Sie kürzt die Eingliederungshilfen,
sie kürzt insbesondere die Sprachhilfen, und dann erzählt sie, sie würde
sich besonders um die Integration bemühen.
(Beifall bei der SPD. _ Abg. Lang (SPD): Das sind Heuchler.)
Ich will die Zahlen hier an der Saar des Jahres 1994, von dem wir die
Statistik haben, noch einmal nennen. Ich runde ab. Wir hatten im Jahre
1.600 Asylbewerberinnen und Asylbewerber, wir hatten 1.500
Bürgerkriegsflüchtlinge, und wir hatten 3.200 Aussiedlerinnen und
Aussiedler und noch 178 Emigranten, die aus anderen Gründen zu uns kamen.
Das sind die Zahlen, und wenn wir solche Zahlen haben, dann ist es
geboten, angesichts der Situation in unserem Lande auf dem Arbeitsmarkt
und angesichts der Situation auf dem Wohnungsmarkt, für eine rationale
Steuerung der Zuwanderung zu plädieren.
(Zuruf von der CDU: Sie machen es aber nicht.)
Daher wiederhole ich noch einmal: Den Vorwurf der Stigmatisierung einer
Gruppe, den ziehen wir uns nicht an. Der Vorwurf trifft in weitaus
größerem Umfang Ihre Partei, die jahrelang Wahlkämpfe geführt hat gegen
Ausländer und Asylbewerber.
(Beifall bei der SPD. _ Zuruf des Abgeordneten Müller (CDU).)
Kommen Sie uns nur mit irgendwelchen Vorwürfen dieser Art!
(Beifall bei der SPD.)
Wir sind für eine rationale Steuerung der Zuwanderung. Das betrifft zunächst die Möglichkeit, daß ausländische Mitbürgerinnen und Mitbürger hier integriert werden. Wir bleiben bei unserer Position, daß wir allmählich unser Staatsbürgerschaftsrecht dem europäischen Standard anpassen müssen. Ein Staatsbürgerschaftsrecht, das auf Blutsbande und Abstammung abstellt, ist nicht mehr zeitgemäß.
(Beifall bei der SPD.)
Zweitens. Wir treten nach wie vor dafür ein, daß dieses Land eine große
Aufnahmebereitschaft bei Bürgerkriegsflüchtlingen hat. Wir sagen aber
genauso klar: Wenn der Bürgerkrieg zu Ende ist, wenn der Wiederaufbau in
diesen Ländern beginnt, dann muß die Rückführung der
Bürgerkriegsflüchtlinge beginnen.
Drittens. Wir sind dafür, daß dieses Land aufgrund seiner Vergangenheit entsprechend seiner Leistungsbereitschaft _ und da hat es mehr getan als jeder andere europäische Staat _ die Aufnahme von Asylbewerberinnen und Asylbewerbern ermöglicht. Wir treten aber dafür ein, daß eine europäische _ und das war einmal gemeinsamer Konsens aller Parteien _ Regelung der Aufnahme von Asylbewerberinnen und Asylbewerbern gefunden wird. Wir treten in diesem Zusammenhang dafür ein, daß die Drittstaatenregelung aufrechterhalten bleibt, wohl wissend, daß es einige gibt, die diese Auffassung nicht teilen. Aber wir haben nach wie vor eine hohe Zuwanderung von Asylbewerberinnen und Asylbewerbern, die auch entsprechend aufgenommen werden, auch aufgrund der deutschen Sozialhilfegesetze.
Zum vierten. Wir sind bei der Aussiedlerzuwanderung der Auffassung, daß diese Zuwanderergruppe mittlerweile anders zu betrachten ist als in früheren Jahren. Die Erlebnisgeneration kommt nicht mehr. Es sind dreieinhalb Millionen insgesamt zugewandert in den letzten Jahren.
(Zurufe von der CDU, Unruhe und Sprechen.)
In den letzten Jahren sind über zwei Millionen Aussiedlerinnen und
Aussiedler nach Deutschland zugewandert. Davon sind eine Million
Erwerbspersonen. Wer in der jetzigen Situation einer weiteren Begrenzung
nicht das Wort redet, handelt verantwortungslos. Sie dürfen aber ganz
unbesorgt sein. Spätestens in einigen Tagen werden FDP, CDU und Grüne
genau das vertreten, was wir fordern. Insofern lernen Sie jetzt nur. Uns
beeindruckt es überhaupt nicht.
(Beifall bei der SPD.)
Vizepräsident Meyer:
Liebe Kolleginnen und Kollegen, es liegen noch eine Reihe von weiteren
Wortmeldungen vor. Wir treten deshalb jetzt in die Mittagspause ein. Ich
unterbreche die Sitzung bis 14.00 Uhr.
(Die Sitzung wird von 12.52 Uhr bis 14.01 Uhr unterbrochen.)
Vizepräsidentin Hollinger:
Kolleginnen und Kollegen, wir setzen unsere unterbrochene Sitzung fort.
Wir befinden uns bei Punkt 4 der Tagesordnung, Antrag der
CDU-Landtagsfraktion auf Aussprache betreffend Begrenzung des Zuzugs von
Aussiedlern in dieBundesrepublik Deutschland. Ich erteile das Wort Herrn
Abgeordneten Ulrich.
Abg. Ulrich (B 90/Grüne):
Frau Präsidentin! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Es ist schade,
daß man in einer so wichtigen Debatte _ auch wenn es nach der Mittagspause
ist _ vor fast leeren Rängen reden muß. Das finde ich ein bißchen
beschämend. Ich kann es ja bei manchen anderen Themen verstehen, die nicht
so _ _
(Abg. Bozok (B 90/Grüne): Die Grünen sind vollständig da.)
Die Grünen sind vollständig da. Das ist richtig. Die Fraktion ist zu 100
Prozent anwesend.
(Abg. Schoenen (CDU): Trotzdem sieht der Saal leer aus. _ Abg. Schmitt
(SPD): Das Plenum ist mal voller und mal leerer. _ Zuruf des Abgeordneten
Dr. Pollak (B 90/Grüne).)
Vizepräsidentin Hollinger:
Herr Abgeordneter Ulrich hat das Wort, Kolleginnen und Kollegen.
Abg. Ulrich (B 90/Grüne):
Bei der ganzen Debatte, die wir heute hier führen, habe ich irgendwo ein
beklemmendes Gefühl. Da werden bei mir wirklich Erinnerungen wach,
Erinnerungen an die ganzen Diffamierungskampagnen, die _ großenteils von
seiten der CDU _ gegen die Asylbewerber gelaufen sind. Ich denke auch an
brennende Asylbewerberheime. Diese Dinge mußten wir in den letzten Jahren
leider Gottes zuhauf erleben. Menschen anderer Abstammung und anderer
Hautfarbe werden diffamiert und wurden vor allen Dingen in der
Vergangenheit zum Teil auch auf offener Straße ermordet. Ich denke da an
Lübeck, ich denke da an Rostock, ich denke da aber auch an meine
Heimatstadt Saarlouis, wo auch ein Asylbewerber in einem Asylbewerberheim
verbrannte.
Ich unterstelle den allermeisten Politikern _ auch aus der CDU/CSU _ keine Absicht, daß solche Dinge bewußt provoziert wurden. Allerdings unterstelle ich den Leuten aus der CDU/CSU die Absicht, mit Hilfe dieses Themas um Wählerstimmen gebuhlt zu haben _ Wählerstimmen im rechten Spektrum.
(Beifall des Abgeordneten Dr. Pollak (B 90/Grüne).)
Die Parallele hierzu erleben wir jetzt leider von der anderen Seite. Auch
Oskar Lafontaine geht es in erster Linie um die Wählerstimmen und leider
Gottes nicht um die Sache.
(Beifall bei B 90/Grüne.)
Ich unterstelle auch Oskar Lafontaine nicht, daß es ihm darum geht,
irgendwelche Anschläge oder ähnliche Dinge zu provozieren. Das will er mit
Sicherheit nicht. Aber auch Lafontaine ist wie die meisten anderen
Politiker intelligent genug und hat genug Übersicht und Überblick in
dieser ganzen Debatte, um sich über die Folgen seines Tuns und seiner
Thesen im klaren zu sein.
(Zuruf des Abgeordneten Dr. Pollak (B 90/Grüne).)
Er nimmt vor allen Dingen diese Folgen billigend in Kauf. Eine Folge ist natürlich, daß die Stimmungslage an den Stammtischen durch so eine Diskussion umschlägt, zunächst einmal umschlägt weg von den Asylbewerbern hin zu den Aussiedlern. Das ist auch so gewollt, und das ist der erste Schritt in diesem ganzen Spiel, das eine solche Debatte nach sich zieht, wenn man sie denn vom Zaun bricht. Der zweite Schritt wird sein, daß viele Aussiedler diese Debatte ganz konkret und ganz direkt zu spüren bekommen.
(Beifall bei B 90/Grüne.)
Sie werden sie spüren beim Einkauf, sie werden sie spüren an der Theke,
und sie werden sie spüren bei der Arbeit. Die Lebensbedingungen dieser
Menschen werden in unserem Lande durch so eine Diskussion insgesamt
verschlechtert; sie werden schwieriger.
(Erneuter Beifall bei B 90/Grüne.)
Der dritte Schritt wird sein, daß die Diskussion weiterhin angeheizt wird durch Thesen, die da lauten: Die Aussiedler _ ähn lich wie früher die Asylbewerber _ nehmen uns die Wohnungen weg, die Aussiedler überstrapazieren die Rentenkassen, die Aussiedler tragen zur Arbeitslosigkeit bei, und nicht zuletzt tragen die Aussiedler mit dazu bei, daß die Sozialhilfekosten noch einmal um einiges hochgehen. Dabei sehen die realen Zahlen, die heute zum Teil bereits genannt wurden, ganz anders aus. Nur zehn Prozent der Menschen, die als Aussiedler in dieses Land kommen, sind im rentenfähigen Alter, also über sechzig Jahre alt. Über vierzig Prozent sind unter zwanzig Jahren alt, und weniger als die Hälfte ist im arbeitsfähigen Alter. Das sind Zahlen, die man im Moment eigentlich nicht oft genug nennen kann. Die Folge ist dann, daß die Möglichkeiten zur Eingliederung per Gesetzesänderung zusammengestrichen werden. Das ist ein Prozeß, der bereits im Gange ist.
Der vierte Schritt in diesem ganzen Spiel wird letztendlich sein, daß
durch die angeheizte öffentliche Debatte Anschläge auf Aussiedlerheime
passieren werden, was in diesem Land bisher zum Glück noch nicht oder nur
in sehr beschränktem Umfang vorgekommen ist. Denn die Tumben werden es
sein, die nach den Molotowcocktails greifen und solche Dinge verüben
werden. Da muß man den Ministerpräsidenten, Herrn Dr. Lafontaine, schon
einmal fragen dürfen, ob das alles wirklich die Jagd nach Wählerstimmen
wert ist. Ich glaube es nicht.
(Beifall bei B 90/Grüne.)
Ich bin fest der Meinung, diese Gäule hätte der Ministerpräsident des Saarlandes besser im Stall gelassen. Aber Oskar Lafontaine ist ja dafür bekannt, insbesondere zu Wahlkampfzeiten bestimmte Themen in die Öffentlichkeit zu bringen, und das immer wieder nur aus wahlkampftaktischen Gründen. Gerade wir als Saarländer kennen das zur Genüge. Ich darf nur an die ganze Diskussion um die ökologische Steuerreform oder den ökologischen Umbau der Industriegesellschaft erinnern, die von Lafontaine angeheizt wurde. Worthülsen, mit denen man einfach Politik gemacht hat, denen aber keine Taten gefolgt sind, zumindest nicht dort, wo Lafontaine das Sagen hat, nämlich hier im Saarland. Diese Dinge gibt es noch nicht einmal ansatzweise.
Eine weitere Geschichte ist das Recht auf Asyl. Auch hier ist Lafontaine jahrelang dafür eingetreten _ verbal hat er es heute wieder getan _, daß das Recht auf Asyl nicht ausgehöhlt werden darf. Real ist er aber einer der Politiker in dieser Republik, die dazu beigetragen haben, daß der Artikel 16 in unserem Grundgesetz praktisch fast abgeschafft wurde.
(Beifall bei B 90/Grüne.)
Was natürlich nervt an der ganzen Debatte, die hier geführt wird, ist, daß in der CDU eine ganze Reihe von Pharisäern sitzt wie Schäuble, Kanther und nicht zuletzt Lummer, der frühere Innensenator von Berlin. Sie haben in der Vergangenheit wirklich in einem ganz starken Maß eine Hetze gegen Menschen aus dem Ausland betrieben, die nicht mehr zu ertragen war. Da kann man wirklich nur sagen: Wer im Glashaus sitzt, der sollte nicht mit Steinen werfen. Ähnliche Gründe aber hat jetzt Lafontaine dafür, daß er diese Debatte losgetreten hat. In drei Wochen haben wir in dieser Republik drei Landtagswahlen, und nun wird eben mit aller Kraft versucht, bestimmte Wählerschichten zu den Republikanern zu treiben, wie es heute bereits angeklungen ist. Oder man versucht eben auch, über die Herrschaft an den Stammtischen bestimmte Wählerschichten zur SPD zu holen. Ich denke, beides ist eigentlich gleich schlimm, egal ob es von der CDU oder von der SPD kommt und egal gegen welche Gruppe sich das richtet.
Der Standpunkt von Bündnis 90/Die Grünen ist nun nicht, daß es in dieser
ganzen Diskussion um die Zuwanderung keine Probleme gibt. Da gibt es eine
Menge Probleme. Das ist uns allen klar. Aber durch Hetze sind sie nun
einmal nicht zu lösen.
(Beifall bei B 90/Grüne.)
Hetze ist es nun einmal, wenn man versucht, Asylbewerber in die kriminelle
Ecke zu schieben _ was geschehen ist. Hetze ist es auch, wenn man
versucht, Asylbewerber oder vielleicht irgendwann auch Aussiedler zum
Freiwild für marodierende Unmenschen zu machen. Ich will noch einmal an
das erinnern, was in Rostock gelaufen ist. Hetze ist es auch, wenn man
versucht, Asylbewerber und Aussiedler zu den Schuldigen an den
wirtschaftlichen Problemen dieses Landes zu erklären. Aber Hetze ist es
auch, wenn man versucht, Aussiedler dafür verantwortlich zu machen, daß
die Rentenkassen ausbluten, wenn man versucht, Aussiedler und
Aussiedlerinnen dafür verantwortlich zu machen, daß die Arbeitsplätze in
diesem Land knapp sind, daß wir eine hohe Massenarbeitslosigkeit haben,
die aber eigentlich ganz andere Ursachen hat als die Zuwanderung. Und
Hetze ist es auch, wenn man versucht, die Aussiedler dafür verantwortlich
zu machen, daß wir in diesem Land eine Wohnungsnot haben. Auch dafür
liegen die Ursachen ganz woanders. Diese Menschen können mit Sicherheit
nichts dafür, zumindest nicht sehr viel.
(Beifall bei B 90/Grüne.)
Das sollte sich auch der Ministerpräsident des Saarlandes klarmachen, daß
es zwischen der einen Hetze und der anderen Hetze keinen Unterschied gibt.
Das eine ist so übel wie das andere.
Parallel läuft in diesem Lande eine ganz andere Debatte, nämlich die Diskussion, wer unsere Renten in zwanzig, dreißig oder vierzig Jahren zahlt, die Renten der Generation, die heute in Arbeit steht. Wir kennen alle unsere Alterspyramide, und wir haben nun einmal mit dieser Alterspyramide das große Problem, daß sie im Prinzip auf dem Kopf steht. Wir sind also in diesem Lande in ganz starkem Maße auf Zuwanderung angewiesen. Wir können im Prinzip froh sein, daß so viele Menschen, vor allem junge Menschen in die Bundesrepublik Deutschland kommen. Jedem, der sich ernsthaft mit diesem Problem beschäftigt, ist klar, daß wir hier in der Bundesrepublik in starkem Maße eine Zuwanderung brauchen.
Ich spreche mich allerdings nicht für offene Grenzen aus. Ich denke, mit
einer Diskussion um offene Grenzen wäre das Problem nicht zu lösen.
Tatsache ist aber, daß die Zuwanderung in die Bundesrepublik Deutschland
unbedingt nach einheitlichen Kriterien gesteuert werden muß. Ein solches
Kriterium sollte nicht die Blutsverwandtschaft sein mit Menschen, die vor
Jahrhunderten aus diesem Lande ausgewandert sind. Einheitliche Kriterien
sollten beispielsweise familienpolitische Notwendigkeiten sein,
entwicklungspolitische Notwendigkeiten oder auch ökonomische
Notwendigkeiten. Die Vorteile davon wären sehr viel mehr Transparenz, sehr
viel mehr Verläßlichkeit, eine solide Planung und vor allen Dingen _ das
dürfte im Moment ein sehr wichtiges Kriterium sein _ ein sachliches Klima,
in dem man die Diskussion über diesen Problembereich führen könnte. Ein
ganz entscheidender Nachteil einer solch geregelten Zuwanderung wäre
natürlich, daß Populisten wie Oskar Lafontaine eine Spielwiese in diesem
Lande weniger hätten.
Ein weiterer wichtiger Punkt in diesem Zusammenhang ist die Frage der
Staatszugehörigkeit. Gerade bei der Staatszugehörigkeit hat sich die
Regierungskoalition in Bonn bis zum heutigen Tage nicht mit Ruhm
bekleckert. Die ganze Diskussion, die in diesem Zusammenhang geführt wird,
ist von Grund auf unehrlich und darauf angelegt, Neid zu schüren und
Menschen auszugrenzen.
(Beifall bei B 90/Grüne.)
Warum ist diese Diskussion um die doppelte Staatsbürgerschaft ausgrenzend? Die Diskussion um die doppelte Staatsbürgerschaft _ bei der von Bonn aus so getan wird, als gäbe es sie nicht, als wäre sie aus verfassungsrechtlichen Gründen überhaupt nicht möglich _ ist von vorne bis hinten heuchlerisch. Gerade wir im Saarland wissen, daß die doppelte Staatsbürgerschaft im Prinzip eine Realität ist. Wie viele Deutschfranzosen haben einen französischen und zugleich einen deutschen Paß? Es gibt also die doppelte Staatsbürgerschaft, es darf sie nur nicht geben für Türken, für Kurden und andere Menschen aus dem europäischen Ausland. Das ist ein Punkt, an dem man ansetzen muß. Das Staatszugehörigkeitsrecht, das wir heute haben, ist völlig überholt, ebenso die Blut- und Bodenmentalität insbesondere der CDU/CSU.
Ich bin auch der Meinung, daß einem Türken, der in Berlin vielleicht schon
in der zweiten Generation geboren ist, endlich einmal ein Wahlrecht in
diesem Land zugestanden werden muß, genauso wie dem Menschen, der aus
Kasachstan kommt und dessen Vorfahren vor 200 Jahren dorthin ausgewandert
waren. Ich kann dort keinen Unterschied sehen, und dort einen Unterschied
zu machen, ist eine schreiende Ungerechtigkeit.
(Beifall bei B 90/Grüne.)
Die ganze Problematik, die sich auftut, läßt sich letztendlich nur durch ein Einwanderungsgesetz lösen, ein Einwanderungsgesetz, das den Gesetzen ähneln sollte, die es in den USA, in Kanada und auch in Schweden gibt. Ein solches Gesetz müßte natürlich quotiert sein. Wir waren schon vor Jahren die Vorreiter in der Bundesrepublik mit der Forderung nach einem Einwanderungsgesetz, in dem auch die Aussiedler erfaßt sein müßten. Man kann meines Erachtens auch noch darüber diskutieren, daß man für eine bestimmte Anzahl von Jahren innerhalb eines solchen Einwanderungsgesetzes eine gewisse Quote vorsieht für Spätaussiedler, für Aussiedler überhaupt. Das sind alles Dinge, über die man ernsthaft diskutieren kann.
Wichtig ist, daß man auf jeden Fall auf eine Quote dringt, eine Quote, die
den entsprechenden Organen in der Bundesrepublik Deutschland eine gewisse
Planungssicherheit gibt, die aber auch den Menschen, die in diesem Lande
zuwandern _ _
(Abg. Gehring (CDU): Wir müssen das Grundgesetz ändern.)
Richtig, dazu müßte auch das Grundgesetz geändert werden. Wichtig ist aber, daß wir in die gesamte Zuwanderungsdebatte eine gewisse Gerechtigkeit hineinbekommen, daß nicht Gruppen gegeneinander ausgespielt werden, daß wir unserer demographischen Entwicklung etwas unter die Arme greifen durch junge Leute aus dem Ausland, egal, wo sie herkommen.
Das würde auch dazu führen, daß die nach wie vor unsägliche Debatte um das Asylrecht eine gewisse Entschärfung erfahren würde. Es kann aber nur so sein, daß ein Mensch, der nach Deutschland zuwandern will, sich entscheiden muß, was er will, ob er einen Antrag auf Einwanderung stellen will oder einen Antrag auf Asyl. Das eine muß das andere ausschließen, hätte dann aber zur Folge, daß das Asylrecht merklich entlastet würde.
(Beifall bei B 90/Grüne.)
Eine weitere Entlastung für das Asylrecht könnte dadurch erreicht werden,
daß die Bundesregierung endlich davon abläßt, auch Bürgerkriegsflüchtlinge
in das Recht auf Asyl hineinzudrängen. Alle Dinge zusammengenommen haben
zu der unsäglichen Diskussion geführt, die wir seit Jahren über uns
ergehen lassen müssen.
Abschließend möchte ich noch auf einen Punkt eingehen, der mir in dem Redebeitrag des Ministerpräsidenten sehr unangenehm aufgestoßen ist. Er hat gesagt, daß alle die Aussiedler, die unter zwanzig Jahre alt sind, nichts mehr mit dem Stalinismus zu tun hätten, daß diese Menschen nicht mehr unter die Verfolgungsdiskussion fallen könnten.
(Zurufe.)
Die Erlebnisgeneration, richtig. So hat er es genannt. Das ist eine
verheerende Sache, die Lafontaine da formuliert hat. Was er da vertreten
hat, ist eine These der Rechten.
(Zuruf des Abgeordneten Gehring (CDU).)
Wenn man das auf das Geschichtsbewußtsein der Bundesrepublik Deutschland
anwendet, dann heißt das nichts anderes als: Was haben wir denn damit zu
tun, was die Nazis in diesem Lande gemacht haben? Wir sind sehr viel
später geboren, folglich haben wir keinerlei Verpflichtungen, irgend etwas
an Wiedergutmachung zu zahlen. Das steckt in dem drin, was Lafontaine
gesagt hat, und das ist wirklich verheerend.
(Beifall bei B 90/Grüne. _ Abg. Stritter (SPD): Freie Interpretation nennt
man das.)
Auch der Versuch, die Grünen in ein Boot zu setzen mit denen, die jetzt
der völkischen Ideologie das Wort reden, ist schon fast eine
Unverschämtheit.
(Abg. Gehring (CDU): Was heißt völkische Ideologie vor dem Hintergrund des
Artikel 16 Grundgesetz?)
Jürgen Trittin hat lediglich darauf abgehoben, daß die Ungleichbehandlung zwischen Aussiedlern und Asylbewerbern so nicht weitergehen kann. Das ist eine völlig andere Position als die, die Lafontaine darzulegen versucht hat. Dagegen verwahre ich mich auch aufs äußerste.
Abschließend möchte ich die TAZ zitieren, die das treffend formuliert hat, was Lafontaine eigentlich meinte. Die TAZ hat Waigel zitiert, der sagt, das Boot ist voll. Die TAZ hat einen draufgesetzt und gesagt, richtig, das Boot ist voll, und Oskar Lafontaine sitzt jetzt mit drin. _ Vielen Dank.
(Beifall bei B 90/Grüne.)
Vizepräsidentin Hollinger:
Das Wort hat Herr Abgeordneter Schoenen.
Abg. Schoenen (CDU):
Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Wenn wir hier eine sehr
schwierige Diskussion führen, so muß man feststellen, daß diese Diskussion
mit den unseligen Begleiterscheinungen, die damit möglicherweise verbunden
sind, alleine von Herrn Oskar Lafontaine losgetreten wurde,
(Beifall bei der CDU)
ohne Not, nur mit Blick auf die Wahlen in Rheinland-Pfalz,
Schleswig-Holstein und Baden-Württemberg. Mich erfüllt mit Ingrimm und
Zorn, wenn er bei diesem wichtigen Thema auch nur für ein paar Minuten
kommt, austeilt und geht. Das kann nicht der Stil sein, der in diesem
Hause immer wieder vorkommt.
(Beifall bei der CDU.)
Ich bin sehr betroffen über den Gebrauch des Wortes völkisch, Herr Kollege
Gehring, im Zusammenhang mit unserem Denken und Handeln. Dieser Begriff
ist äußerst negativ besetzt, und jeder weiß, warum. Allein schon die
Wortwahl kann sehr verletzen. Ich hätte gerne Herrn Lafontaine das einmal
selber gesagt, und ich wäre froh gewesen, er hätte es von Auge zu Auge und
von Ohr zu Ohr gehört. Aber so macht er es, ob es mit uns hier ist oder
mit Helmut Schmidt, den er der Sekundärtugenden bezichtigt hat, mit denen
man auch ein KZ leiten kann. Diese Dinge brechen doch alle wieder auf,
wenn wir die heutige Diskussion führen. Ein Helmut Schmidt, meine Damen
und Herren, der heute bereits von Peter Müller zitiert wurde, der in der
Aussiedlerfrage wirklich ein Staatsmann war und der, als er auf seiner
Reise nach Mannheim gehört hat, daß Lafontaine neuer Bundesvorsitzender
ist, auf dem Fuße kehrt gemacht hat und nach Hause gefahren ist _ das
alles spricht Bände. Recht hat er gehabt.
(Beifall bei der CDU.)
Meine sehr verehrten Damen und Herren, wer wie Herr Lafontaine mit dem
Finger immer auf andere Leute deutet, weist mit drei Fingern auf sich
selbst zurück. Er sagt, wir hätten hier stigmatisiert. Er muß sich dieses
unselige Wort in Erinnerung rufen lassen, das er im Jahre 1988 gesagt hat:
Ein verfolgter Afrikaner ist mir lieber als ein bedrängter
Rußlanddeutscher. _ Da frage ich mich, wer stigmatisiert, wer hier in zwei
Gruppen teilt und versucht, die eine gegen die andere auszuspielen. Das
hat er doch versucht, auch am heutigen Tage.
Meine sehr verehrten Damen und Herren, der Begriff Deutscher im Sinne des
Artikels 116 Grundgesetz bedeutet nun einmal mehr als nur deutscher
Staatsangehöriger. Das ist auch ein Ergebnis unserer Geschichte. Der
Begriff Deutscher umfaßt nun auch einmal die Flüchtlinge, die Vertriebenen
und deren Ehegat ten und Abkömmlinge, kurz gesagt die Spätaussiedler. Das
ist Unsinn, sagen Sie, Herr Dr. Tabillion. Dann stehen Sie genausowenig
wie Herr Lafontaine auf dem Boden des Grundgesetzes. Sie können ja sagen,
wir wollen das ändern, aber das Grundgesetz ist nun einmal so, wie es im
Text heißt, und nicht so, wie Sie es interpretieren. Ich finde das ganz,
ganz schrecklich, meine Damen und Herren.
(Beifall bei der CDU.)
Sie spalten, wenn Sie Asylanten und Aussiedler gegeneinander ausspielen. Ich sage Ihnen, wo Sie Möglichkeiten haben, entschlossen und entschieden zu handeln. Wenn ein Asylsuchender zum Beispiel das Rechtsstaatliche, was wir an Möglichkeiten haben, ausgeschöpft hat und Sie nicht abschieben, wenn Sie das nicht tun, dann haben Sie wirklich auch kein Recht zu sagen, das Tor muß zugemacht werden gegenüber unseren Landsleuten aus dem Osten. Das eine und das andere, das ist nun einmal ein klaffender Widerspruch.
Ich muß auch folgendes sagen: Es gibt ein zweites Thema im Wahlkampf, der
derzeit läuft. Wenn Herr Lafontaine sagt, ausländische Arbeitnehmer
konkurrieren über Dumpinglöhne und nehmen damit einheimischen
Arbeitnehmern die Arbeitsplätze weg, konkurrieren die raus, dann sage ich,
hier wird genauso mit Angst Wahlkampf gemacht. Das zweite Thema ist die
Währungsunion in Europa. Nur mit der kriegen wir nämlich diese Angst aus
den Köpfen der Bevölkerung heraus. Aber das sage ich nur am Rande, wir
sind ja hier bei einem anderen Thema.
Meine Damen und Herren, wir sind stolz, sagte Herr Lafontaine _ und darunter können wir auch gern unsere Unterschrift setzen _, daß wir bereit und in der Lage waren, so viele Bürgerkriegsflüchtlinge aufzunehmen. Das sind natürlich sehr viele Menschen. Fast 80 Prozent der Asylsuchenden in Europa waren in den Spitzenzeiten in Deutschland. Wir können froh sein, wenn unsere Gesellschaft das mitmacht und wir das tun können. Wenn aber Herr Lafontaine die Frage des Deutschseins von anderen Kriterien abhängig macht, nicht mehr von der Abstimmung, sondern von aktueller Not und Bedrohung, dann muß ich wirklich fragen, wo das hinführt. Wie viele Menschen in dieser Welt sind denn von Not bedroht? Das sind doch Milliarden. Ich kann nur sagen, Deutschland allein wird das Elend der Welt nicht lösen können und schon gar nicht in Deutschland. Das ist einfach so. Wir sagen, ob das nun populär ist oder nicht, Wirtschaftsflüchtlinge können wir hier nicht aufnehmen. Wir werden sonst unseres Lebens nicht mehr froh. Alle wichtigen Absprachen, angefangen beim Asylkompromiß und mit anderen Dingen aufgehört, sind gemeinsam mit der SPD gemacht worden. Aus diesem Grunde frage ich mich, weshalb heute dieses Thema eine so große Rolle spielt. Das kann _ ich bleibe dabei _ nur Wahlkampfgründe haben.
Wenn wir die Deutschen, von denen wir heute sprechen, aus Rußland, aus
Kasachstan fragen, seid ihr wirklich Deutsche, dann fühlen sie sich
verletzt. Was heißt denn hier Erlebnisgeneration? Das ist ein Begriff, den
finde ich ganz fürchterlich. Das hört sich so positiv an. Wer ist denn
dann Erlebnisgeneration aus der Nazizeit? Ist das nur der, der unmittelbar
von der Nazizeit betroffen war? Ist denn nur von den fürchterlichen Dingen
betroffen, der im KZ gesessen hat?
(Abg. Stritter (SPD): Wer es erlebt hat!)
Bin ich nicht mehr betroffen? Wenn Sie so schreien, haben Sie es nötig. Ich habe den Zweiten Weltkrieg persönlich nicht mehr erlebt; ich bin Jahrgang 1943. Aber ich habe meinen Preis bezahlt. Ich habe meinen Vater verloren. Ich bin insofern doch von diesen Dingen genauso betroffen. Ich könnte mich nach dem Muster Erlebnisgeneration aus der Verantwortung verabschieden, was damals alles passiert ist, nach dem Motto: Ich hab' doch das nicht gemacht. Das sind wirklich ganz schlimme Dinge. Mich stört bei diesem ungeheuer sensiblen Thema die unsensible, berechnende und fürchterliche Wortwahl eines Herrn Lafontaine.
(Beifall bei der CDU.)
Meine sehr verehrten Damen und Herren, ich möchte zum Schluß kommen. Es
geht um das Stichwort Minderheiten. Alle Gruppen, die auch Herr Lafontaine
aufgezählt hat, sind Minderheiten. Wir haben sehr viele Minderheiten bei
uns. Wir selbst sind oft Minderheit.
(Zuruf des Abgeordneten Dr. Tabillion (SPD).)
Nehmen Sie das einmal ernst, Herr Kollege Tabillion. Auch Herr Lafontaine
hat das nicht sehr ernst genommen heute morgen. Er hat hier vorne gesessen
und sehr häufig gegrinst. Das war der Sache nicht angemessen. Wie heulen
wir auf, wenn pauschal über die Politiker geschimpft wird. Insofern sind
wir dann auch einmal Minderheit. Die Qualität einer Gesellschaft zeigt
sich daran, wie sie mit ihren Minderheiten umgeht und ob sie es vermeiden
kann, zu pauschalisieren. Es ist die Frage der Akzeptanz, der Toleranz, es
ist auch die Frage, wie man zur Nationalität steht. Ich sage hier: Wer die
Wiedervereinigung nicht wollte, kann die Aussiedler im Grunde nicht mögen.
Das ist so! Herr Lafontaine wollte die Wiedervereinigung nicht. Das ist
doch so, er wollte sie nicht.
(Beifall bei der CDU.)
Wir fordern ihn auch heute dazu auf, sein Verhältnis zur deutschen
Geschichte zu klären, sein Verhältnis zur Wiedervereinigung zu klären und
all dem, was das nach sich zieht. Meine sehr verehrten Damen und Herren,
ich sage mit meinen Kolleginnen und Kollegen der CDU-Landtagsfraktion:
Wenn Helmut Schmidt zitiert wurde und auch andere Sozialdemokraten, die
das anders gesehen haben _ _ Willy Brandt zum Beispiel würde sich im Grabe
herumdrehen, wenn er hören würde, was sich Herr Lafontaine heute morgen
wieder geleistet hat. Das ist eben der Unterschied zwischen Staatsmännern
wie Willy Brandt, der mit den Ostverträgen, Warschauer Vertrag, Moskauer
Vertrag und vielen anderen _ _
(Abg. Lang (SPD): Nur ein toter Brandt ist ein guter Brandt! Nach diesem
Motto spricht die CDU.)
Das habe ich nicht gesagt. Herr Kollege Lang, das habe ich nicht gesagt. Das waren Staatsmänner, die durchaus auch das Interesse Deutschlands gesehen haben und für die das Wort national auch kein Schimpfwort war. Das waren Männer mit großen Verdiensten. Demgegenüber haben wir heute morgen den letzten Populisten wieder erlebt, der Helmut Schmidt zur Strecke gebracht hat, der Rudolf Scharping zur Strecke gebracht hat und dem jedes Mittel und jedes Thema recht ist, um für sich Vorteile herauszuziehen.
(Beifall bei der CDU.)
Wir plädieren statt dessen für einen pfleglichen Umgang mit den Menschen, weil es Minderheiten sind. Statt populistischer Reden bitten wir darum, fordern dazu auf: Machen wir mit Kopf und Herz hier Dinge, die Hand und Fuß haben und denen helfen, die heute zur Sprache stehen.
(Starker Beifall bei der CDU.)
Vizepräsidentin Hollinger:
Das Wort hat Herr Abgeordneter Portz.
Abg. Portz (SPD):
Frau Präsidentin! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Eine
Vorbemerkung. Von seiten insbesondere der CDU gab es sehr viel Polemik,
insbesondere gegen den Ministerpräsidenten.
(Abg. Hans (CDU): Von ihm! _ Zuruf des Abgeordneten Gehring (CDU).)
Zur Sache selbst wurde erschreckend wenig gesagt. Sie haben sich vor den
Fragen, wie man die Probleme, die es zweifelsohne gibt, lösen kann,
absolut gedrückt.
(Zurufe von der CDU.)
Zum besseren Verständnis der Diskussion will ich einige Zahlen nennen.
(Zuruf des Abgeordneten Gehring (CDU).)
Ich will die Entwicklung der Aussiedlerzahlen in den letzten Jahren wieder
in Erinnerung bringen. Bis 1987 gab es eine jährliche Zuwanderung, die
unter 50.000 lag, 1988 waren es knapp über 200.000, 1989 377.000, 1990
397.000. Die Zahl wäre sicherlich noch gestiegen, hätte es nicht die
Vereinbarung gegeben im Rahmen des Asylkompromisses, daß die Zuwanderung
begrenzt wird. Ich kann mich noch an die Diskussion Ende der achtziger
Jahre erinnern, als insbesondere das Geschrei von der CDU groß war im
Rahmen der Asyldiskussion: Das Boot ist voll. Damals kamen Asylbewerber in
einer Anzahl von unter 100.000 hierher. Damals hat man gesagt: Das Boot
ist voll.
(Abg. Müller (CDU): Wieviel waren es 1990? _ Zuruf der Abgeordneten Beck
(CDU).)
Es waren in der Tat mehr, über 400.000. Das hat auch dazu geführt _ das gebe ich gerne zu _, daß wir in einem sehr sensiblen Bereich eine Änderung vollzogen haben. Wir haben das Grundrecht auf Asyl geändert.
(Anhaltend Zurufe von der CDU.)
Dazu waren wir Sozialdemokraten bereit, weil wir Handlungsbedarf gesehen
haben. Aber genauso sehen wir heute Handlungsbedarf im Bereich der
Aussiedlerpolitik.
(Weiter anhaltend Zurufe von der CDU.)
Die Situation im Saarland sieht folgendermaßen aus.
(Zuruf des Abgeordneten Gehring (CDU). _ Sprechen, Unruhe, Zurufe.)
Vizepräsidentin Hollinger:
Kolleginnen und Kollegen, ich bitte um ein kleines bißchen Aufmerksamkeit.
Das Wort hat Herr Abgeordneter Portz.
(Abg. Gehring (CDU): Das ist ein Problem, da zuhören zu können.)
Abg. Portz (SPD):
Ich trage hier nur einfach Zahlen vor, und schon regen Sie sich auf.
Anscheinend sind Ihnen die Zahlen schon unangenehm. _ Im Jahre 1995 kamen
im Saarland 3.256 Aussiedler an und 1.800 Asylbewerber.
(Abg. Vogtel (CDU): 6.000 Saarländer, die keine Arbeit gefunden haben,
sind anderswohin gegangen.)
Hören Sie doch bitte zu. Ich trage hier nur nüchterne Zahlen vor, ohne daß
ich eine Wertung gebe.
Vizepräsidentin Hollinger:
Herr Abgeordneter Vogtel, Sie haben das Recht, sich zu Wort zu melden,
wenn Sie das möchten. Ich bitte Sie, doch jetzt nicht dauernd
dazwischenzureden.
(Anhaltend Zurufe.)
Wir haben noch eine Wortmeldung. Lassen Sie doch jetzt bitte jeden, der
hier vorn zur Sache redet, auch reden.
Abg. Portz (SPD):
Ich will noch die Zahl der bosnischen Flüchtlinge nennen; es waren 1.200,
die im Jahr 1995 zu uns gekommen sind. Man sieht an den Zahlen, daß die
Aussiedler bei weitem die Mehrheit sind.
Die Aussiedler werden nach einem Schlüssel auf die einzelnen Bundesländer
verteilt. Grundlage ist auch das Gesetz der Wohnortzuweisung. Deshalb kann
man sagen, daß sie ziemlich gleichmäßig auf die einzelnen Bundesländer
verteilt werden. Sie haben keine Möglichkeit, ihren Wohnort in den ersten
zwei Jahren zu wählen.
Auf den Asylkompromiß habe ich schon hingewiesen. Damals gab es die
Änderung, es gibt schon eine De-facto-Begrenzung des Zuzuges der
Aussiedler.
(Zuruf des Abgeordneten Vogtel (CDU).)
Wenn es eine Begrenzung gibt, dann kann man sicherlich auch darüber
diskutieren, ob die Zahl 220.000 zu hoch ist oder ob sie nicht verringert
werden muß.
(Abg. Gehring (CDU): Sehr vernünftig!)
Nichts anderes wollen wir Grunde genommen zum großen Teil natürlich auch tun. Das ist auch das Anliegen des Ministerpräsidenten.
(Sprechen bei der CDU.)
War es in der Vergangenheit so, daß die Deutschstämmigkeit hier in Deutschland nachgewiesen werden konnte _ das heißt, die Aussiedler sind hier eingereist und haben von Deutschland aus ihre Deutschstämmigkeit nachgewiesen _, so ist es heute so, daß über ihr jeweiliges Heimatland, über die deutsche Botschaft dort die Deutschstämmigkeit nachgewiesen werden muß. Erst dann kann eine Einreise erfolgen.
(Abg. Vogtel (CDU): Mit welcher Mehrheit im Bundestag ist das geändert
worden?)
Lassen Sie mich doch mal ausreden. Ich nenne hier doch wirklich einfach
nur Fakten.
(Abg. Schmitt (SPD): Kann man diesen Vogtel nicht mal rauswerfen? _ Abg. Müller (CDU): Das müssen gerade Sie sagen!)
Deshalb stimmen auch die Aussagen von Waffenschmidt nicht, wenn er sagt:
Würde jetzt das Tor zugehen, kämen sie in Massen zu uns. Schon heute wird
gesteuert. Ich denke, das wollen Sie zumindest beibehalten. Wenn Sie
sagen, es sollen alle, die deutschstämmig sind, die Möglichkeit haben, zu
uns zu kommen,
(Abg. Beck (CDU): Die haben das Recht!)
müssen Sie wissen, daß es etwa zehn Millionen Deutschstämmige in den ehemaligen Ostblockstaaten gibt. Es sind etwa fünf Millionen, die einreisen wollen. Wenn Sie damit einverstanden sind, müssen Sie der deutschen Bevölkerung erklären, daß Sie in den nächsten Jahren eine Zuwanderung von mindestens fünf Millionen Menschen in Kauf nehmen wollen.
(Abg. Vogtel (CDU): Wollen Sie das Grundgesetz ändern? _ Abg. Müller
(CDU): Was wollen Sie denn vorschlagen?)
Ich fahre weiter fort und werde dann auch sagen, was die SPD konkret
vorschlägt.
Woher kommen die Aussiedler? Die Aussiedler kamen vorher vorwiegend aus dem Gebiet von Polen, Schlesien, Oberschlesien. Das sieht heute anders aus. Heute kommt der überwiegende Teil aus Kasachstan.
(Abg. Vogtel (CDU): Und warum ist das so?)
Dabei ist festzustellen, daß diejenigen, die hierherkommen, fast
ausnahmslos keine Sprachkenntnisse haben.
(Abg. Ley (CDU): Das ist falsch. Die Hälfte hat Sprachkenntnisse.)
Unsinn. Gehen Sie mal bitte mit mir dorthin, wo die Aussiedler aufgenommen
werden.
(Andauernd Zurufe, Sprechen und große Unruhe.)
Es ist auch festzustellen _ _
Vizepräsidentin Hollinger:
Kolleginnen und Kollegen, jetzt bitte in Güte! Herr Abgeordneter Portz hat
das Wort. Ich bitte, keine Zwiegespräche hier zu halten. Lassen Sie bitte
den Kollegen Portz ausreden.
(Zuruf des Abgeordneten Gehring (CDU).)
Herr Abgeordneter Gehring, Sie können sich anschließend zu Wort melden.
Können wir uns nicht wenigstens auf diesen Minimalkonsens einigen, daß der
Abgeordnete Portz jetzt das Wort hat und redet!
Abg. Portz (SPD):
Ich trage hier einfach nur Fakten vor, die im Grunde genommen überhaupt
nicht zu widerlegen sind.
(Weiterer Zuruf des Abgeordneten Gehring (CDU).)
Die Schlußfolgerungen, die man daraus zieht, können natürlich unterschiedlich sein. _ Es ist leider auch eine Feststellung, daß die Ausbildung derer, die hierherkommen, nicht besonders gut ist.
Wie sieht es denn nun aus mit der Eingliederungshilfe? Da gab es doch
gravierende Änderungen, die nicht wir zu verantworten haben, sondern die
Bundesregierung. Gab es bis 1995 noch Sprachkurse von mindestens zehn
Monaten, so gibt es heute Sprachkurse nur noch von sechs Monaten. Ich
frage Sie: Wo war denn damals Ihr Aufschrei über die Ungerechtigkeit, die
man diesen Menschen antat?
(Beifall bei der SPD.)
War es bis 1995 so, daß nach einem Sprachkurs die Menschen, soweit sie
keine Arbeit gefunden haben, ins Arbeitslosengeld bzw. in die
Arbeitslosenhilfe gefallen sind, so fallen sie heute nicht mehr in die
Arbeitslosenhilfe, sondern gleich in die Sozialhilfe. Und da frage ich Sie
auch, wo denn Ihr Aufschrei war, als das AFG geändert worden ist, wo denn
Ihr Protest war. Warum haben Sie nicht gegen diese Ungerechtigkeit
protestiert? Wo war denn Ihre Empörung darüber, daß der Garantiefonds, der
1991 noch bei 510 Millionen Mark lag, im Jahr 1996 nur noch bei 240
Millionen Mark liegt? Da frage ich mich: Wo waren Sie denn? Warum haben
Sie nicht dafür gesorgt, daß die Eingliederungsbeihilfen, die sehr
wesentlich für diese Menschen sind, damit sie eine Lebensperspektive
aufbauen können, beibehalten bleiben?
(Beifall bei der SPD. _ Zuruf der Abgeordneten Beck (CDU).)
Was sind denn die Folgen dieser verfehlten Politik der Bundesregierung? Es sind die, daß die Aussiedler in einer mittlerweile unheimlich großen Zahl direkt nach einem halben Jahr in die Sozialhilfe abfallen. Der Arbeitsmarkt tut das übrige dazu. Wir wissen, daß wir mittlerweile die höchste Arbeitslosigkeit seit dem Kriege haben.
Die Probleme auf dem Wohnungsmarkt, das wissen Sie auch, sind verschärft.
Es herrscht mittlerweile auch eine große Not unter jenen, die
hierhergekommen sind. Ich will Ihnen einmal am Beispiel des Landkreises
Saarlouis aufzeigen, wie konkret mittlerweile die Probleme angefallen
sind, wie sie gestiegen sind. Da stimmt einfach nicht mehr die Statistik,
die der Kollege Müller bemüht hat. Es ist eine Statistik, die leider nicht
mehr aktuell ist, auch durch die Veränderungen. Die Menschen, die
hierherkommen, die aus Kasachstan kommen und unter diesen besonderen
Voraussetzungen _ _
(Abg. Feibel (CDU): Das stimmt nicht.)
Bitte, bemühen Sie sich einmal und schauen Sie sich wirklich die Zahlen
an. Gucken Sie wirklich einmal, wo die Menschen herkommen. Sie können hier
nicht einfach sagen, es stimmt nicht. Die überwiegende Zahl kommt aus
Kasachstan.
(Zuruf des Abgeordneten Vogtel (CDU).)
Das spielt doch zunächst einmal keine Rolle, sondern ich stelle das
einfach nur fest. Es ist nun einmal Fakt, daß diese Menschen besondere
Probleme haben. Man wird diesen Problemen von seiten der Bundesregierung
ganz einfach nicht gerecht.
(Beifall bei der SPD.)
Waren 1994 im Landkreis Saarlouis unter den Sozialhilfeempfängern noch 228
Aussiedler, so sind es seit Beginn des Jahres über 800, das heißt, eine
dramatische Steigerung von weit über 300 Prozent der Sozialhilfeempfänger,
die Aussiedler sind. Das ist einfach eine nüchterne Feststellung, die
nicht nur im Landkreis Saarlouis, sondern überall zu verzeichnen ist. Das
heißt, jene, die jetzt hierherkommen, fallen mit einem
überdurchschnittlichen Anteil sofort in die Sozialhilfe. Dieses Problem
kann man doch nicht leugnen, und das ist mit ein Beleg dafür, daß hier
dringend Handlungsbedarf geboten ist.
Bei den Rentenkassen ist es mittlerweile auch ein Problem. Gerade die
jüngeren Menschen, die nicht ausreichend Sprachkurse besuchen können, die
nicht ausreichend gefordert werden, fallen in die Arbeitslosigkeit. Sie
bezahlen im Grunde genommen auch keine Beiträge für die
Rentenversicherung. Auch da ist doch die Rede davon, daß in diesem Jahr
sechs Milliarden DM aufgebracht werden müssen, um bei der Rentenkasse die
notwendigen Zahlungen zu leisten.
(Zuruf der Abgeordneten Beck (CDU).)
Es ist einfach nur eine Feststellung. Da muß man sich doch fragen: Wer ist da schuld? Schuld daran ist die total verfehlte Politik der Bundesregierung. Was ist nun zu tun? Wir müssen uns fragen, was zu tun ist. Lassen wir es so laufen, wie es ist, lassen wir zu, daß jedes Jahr 220.000 hierherkommen? Dann müssen wir uns damit abfinden, daß die Probleme noch zunehmen werden. Dann werden die Probleme noch zunehmen, und ich bezweifle, daß wir den betroffenen Menschen Hilfestellung geben.
(Abg. Müller (CDU): Das Boot ist voll.)
Das Kriegsfolgengesetz müssen wir ändern, wir müssen auch den
Grundgesetzartikel 16 ändern. Das ist eine Position, die die SPD schon
seit langem vertreten hat. Darauf müssen wir uns verständigen, daß wir
hier eine Veränderung vollziehen müssen. Es muß doch erlaubt sein, fünfzig
Jahre nach dem zweiten Weltkrieg darüber zu reden, ob das, was vielleicht
vor zwanzig, dreißig oder von mir aus noch zehn Jahren richtig war, gültig
war, beibehalten werden muß. Wenn Sie sagen ja, dann müssen Sie bitte
erklären, wie Sie noch mindestens fünf bis zehn Millionen Menschen hier
einreisen lassen wollen.
(Abg. Vogtel (CDU): Gestatten Sie eine Zwischenfrage?)
Bitte schön.
Abg. Vogtel (CDU):
Gestatten Sie mir zwei Zwischenfragen. Die erste Frage, die ich Ihnen
zwangsläufig stellen muß angesichts Ihrer Aussage, vierzig oder fünfzig
Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, nach dem Nationalsozialismus muß endlich
Schluß sein, ist folgende: Gilt diese Aussage auch gegenüber Israel, auch
gegenüber dem, was damals an Schrecklichem den Juden passiert ist?
(Beifall bei der CDU.)
Zweite Frage. Sie haben soeben von der Tendenz her davon gesprochen, das
Boot ist voll, die Belastung in der Rentenversicherung, in der Sozialhilfe
ist entschieden zu groß. Der Ministerpräsident hat heute morgen eine
Anpassung des Staatsbürgerschaftsrechtes an den europäischen Standard
gefordert. Sind Sie der Auffassung, daß nach Ihren Aussagen von eben auch
das Asylrecht _ das deutsche Asylrecht _ an die europäischen Standards
angepaßt werden muß?
(Beifall bei der CDU.)
Abg. Portz (SPD):
Zur ersten Frage. Ich weiß nicht, was diese Frage soll.
(Zurufe von der CDU.)
Was soll diese Frage? Sie wissen genau, daß wir eine Verantwortung
insbesondere gegenüber den jüdischen Menschen haben, und diese
Verantwortung wird noch eine lange, lange Zeit bestehenbleiben. Insofern
ist diese Frage im Grunde genommen _ _
(Abg. Müller (CDU): Aber nicht gegenüber den Aussiedlern, da gilt das
nicht?)
Es ist dummes Zeug, eine solche Frage in diesem Zusammenhang zu stellen.
(Beifall bei der SPD.)
Zur zweiten Frage. Selbstverständlich bin ich dafür, daß wir auf
europäischer Ebene das Asylrecht regeln.
(Abg. Vogtel (CDU): Ob wir das deutsche Recht standardisieren sollen, so
wie es andere Länder haben.)
Ja, ich bin dafür, daß wir die Regelung, die wir in Deutschland haben, auch auf europäischer Ebene einführen. All das, was es im Asylbereich an Problemen gibt, ist auch darauf zurückzuführen, daß es unterschiedliche Handhabungen der einzelnen EU-Länder gibt. Hier wäre eine einheitliche Regelung natürlich sehr gut _ auch für die betroffenen Menschen.
Ich habe darauf hingewiesen, daß wir den Grundgesetzartikel 16 ändern müssen. Ich habe darauf hingewiesen, daß es fünfzig Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg Zeit ist, über das Kriegsfolgengesetz nachzudenken und es zu ändern. Wir treten dafür ein, daß wir ein Einwanderungsgesetz bekommen.
(Zuruf des Abgeordneten Gehring (CDU).)
Im Rahmen eines Einwanderungsgesetzes ist natürlich zu regeln, wie groß
die Zahl derer sein kann, die nach Deutschland ein wandern können. Es kann
keine Rede davon sein, daß wir die Schotten dichtmachen, sondern die
Einwanderung soll so geregelt werden, daß sie den betroffenen Menschen
zugute kommt. Wenn der Kollege Müller heute morgen davon gesprochen hat,
daß die SPD, daß Oskar Lafontaine nur die Einreise von Aussiedlern
begrenzen will: Es gibt einen Einreisestopp praktisch für alle nicht
EU-Bürger; wenn also ein nicht EU-Bürger hier einreisen will, dann gibt es
da enorme Schwierigkeiten.
(Abg. Müller (CDU): 800.000 Arbeitserlaubnisse haben wir _
Nicht-EU-Bürger.)
Insofern wollen wir das in einem Einwanderungsgesetz so regeln, daß
diejenigen, die hierherkommen, für sich selbst und für ihre Familien eine
Lebensperspektive aufbauen. Natürlich soll es dann im Rahmen der
Familienzusammenführung möglich sein, daß Menschen aus Weißrußland, aus
Kasachstan oder wo immer hierher einreisen können. Aber auch nur so, wie
es den Menschen zuzumuten ist und wie es sozial verträglich sein kann. Was
wir brauchen, ist eine verantwortungsvolle Politik gegenüber den Menschen,
die hier bei uns leben. Wir brauchen auch eine verantwortungsvolle Politik
gegenüber den Menschen, die bei uns einreisen. Ich bin der festen
Überzeugung, es wird in kurzer Zeit dazu führen, daß wir den derzeitigen
Zustrom von Aussiedlern weiter begrenzen werden; das, was Oskar Lafontaine
gefordert hat, wird sicherlich noch in diesem Jahr umgesetzt werden. _
Schönen Dank.
(Beifall bei der SPD.)
Vizepräsidentin Hollinger:
Das Wort hat Frau Abgeordnete Bozok.
Abg. Bozok (B 90/Grüne):
Meine Damen und Herren, in drei Minuten möchte ich gerne für Bündnis
90/Grüne ein Fazit ziehen und vielleicht auch eine Gemeinsamkeit hier
feststellen, um hier dasjenige, was uns bewegt, nämlich ein
menschenwürdiges Leben in dieser Gesellschaft, allen zu garantieren.
Die CDU-Fraktion regt sich mit Recht auf zum Beispiel über diesen heute
neu eingebrachten Begriff Erlebnisgeneration von Oskar Lafontaine. Die SPD
regt sich zu Recht auf darüber,
(Zuruf des Abgeordneten Schreier (CDU))
daß die CDU in Bonn den Aussiedlern und Aussiedlerinnen zwar das Recht auf
Einreise als Deutsche gibt, aber die Integration nicht mehr ernsthaft
betreibt.
(Zuruf des Abgeordneten Gehring (CDU). _ Zurufe und Sprechen.)
Lassen Sie mich reden. Dann sind es mehr als drei Minuten. Das liegt an
Ihnen. _ Die CDU hat leider _ und wir Grünen bedauern, daß die
Integrationsbeihilfen _ _
(Zurufe.)
Vizepräsidentin Hollinger:
Frau Kollegin Bozok, einen Moment bitte. Kolleginnen und Kollegen, Frau
Kollegin Bozok hat angedeutet, daß Sie versuchen wird, ihren Beitrag in
drei Minuten abzuhandeln. Ich bitte um drei Minuten Ruhe, damit Frau
Kollegin Bozok ausreden kann.
(Beifall bei der SPD und bei B 90/Grüne.)
Abg. Bozok (B 90/Grüne):
Vielen Dank Frau Präsidentin. Auch wir verurteilen wie die SPD, daß die
Integrationsbeihilfen von fünfzehn Monaten auf sechs Monate reduziert
wurden. Wenn wir im Landtag Gruppen von Aussiedlern zu Besuch haben, wird
das immer wieder als großes Manko angeführt, denn dadurch kommt es zur
Ausgrenzung, zur Gettoisierung; vor allem bei jungen Leuten mit
Sprachschwierigkeiten ist eine zwangsläufige Folge davon die
Arbeitslosigkeit.
Wir sagen auch, Aussiedlerinnen, Aussiedler, Einwanderer, Einwanderinnen,
die hierherkommen, dürfen nicht diskriminiert werden. Da paßt uns
überhaupt nicht, was Kollege Portz gesagt hat, daß SPD und CDU zum
Beispiel Aussiedlerinnen diskriminieren, indem sie ihnen das Recht auf
Freizügigkeit, nämlich innerhalb der ersten zwei Jahre sich frei in
Deutschland zu bewegen, nicht geben.
(Beifall bei B 90/Grüne.)
Für uns führt das zu Deutschen zweiter Klasse. Das dürfen wir nicht
dulden. Das ist das Anliegen, warum ich mich noch einmal gemeldet habe.
Wir dürfen diese Gesellschaft _ das darf keine Partei und kein einzelner _
nicht weiterhin spalten. Wir müssen in dieser Gesellschaft die Integration
von allen, die einwandern, vorantreiben. Wir dürfen keinen Unterschied bei
den Bürgerrechten machen. Dazu gehört auch, daß die, die nicht deutscher
Abstammung sind, die Einwanderinnen und Einwanderer, die hier sind, im
Rahmen einer Altfallregelung integriert werden und Aufenthaltsrecht
kriegen.
(Beifall bei B 90/Grüne.)
Das verschleppen SPD und CDU leider in Bonn. Ich kann nur an Sie appellieren, auf Ihre Parteifreunde in Bonn einzuwirken.
Um es klarzustellen. Wir müssen in Deutschland das Asylrecht bewahren. Asylrecht und Einwanderungsrecht haben unter schiedliche Grundlagen. Das eine betrifft Menschen, die fliehen, um ihr Leben zu retten. Das andere betrifft Menschen, die wandern, um irgendwo anders ihre Chancen zu suchen, um irgendwo anders Arbeit zu suchen. Wir brauchen deshalb ein Einwanderungsgesetz, die Beibehaltung des Asylrechts und den Flüchtlingsstatus entsprechend der Genfer Flüchtlingskonvention.
Wenn wir das gemeinsam anpacken und die Gesellschaft nicht spalten,
sondern denjenigen, die hier sind, Integrationshilfen geben, dann würde
die Diskussion, die wir heute geführt haben, uns vielleicht im Sinne der
Menschen, die betroffen sind, weiterbringen.
(Beifall bei B 90/Grüne.)
Vizepräsidentin Hollinger:
Kolleginnen und Kollegen, weitere Wortmeldungen liegen mir nicht vor. Ich
schließe die Aussprache.
Wir sind am Ende der heutigen Sitzung angelangt. Ich schließe die Sitzung.