Römisches Recht in Fragen und Antworten

Was ist römisches Recht?

Das römische Recht ist zunächst das Recht, das während der Antike in der Stadt Rom und später im römischen Imperium galt. Nach dem Ende der Römerherrschaft in Europa geriet das römische Recht weithin - allerdings nicht vollständig - in Vergessenheit.
Im Mittelalter (etwa vom Ende des 11. Jahrhunderts an) begann man, sich wieder mit dem Recht der Römer zu beschäftigen. Zunächst wurde das römische Recht wissenschaftlich bearbeitet und an den Universitäten (zuerst in Bologna) gelehrt, dann - vor allem im Bereich des Zivilrechts - auch wieder praktisch angewandt. Dieser Prozeß der (Wieder-) Aufnahme (Rezeption) des römischen Rechts fand zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenem Umfang in fast ganz Europa statt (nicht in England). So galt etwa ab dem 16. Jahrhundert in großen Teilen Europas römisches Recht. Allerdings war das rezipierte Recht nicht identisch mit dem römischen Recht der Antike: Es war in zahlreichen Punkten im Laufe des Rezeptionsprozesses verändert und mit Rechtsgedanken anderer Herkunft vermischt worden. Weil das Recht, das auf der Rezeption und Umgestaltung des antiken römischen Rechts beruhte, den verschiedenen Staaten und Regionen Europas gemeinsam war, nennt man es Ius Commune oder Gemeines Recht.
In der Form des Gemeinen Rechtes hat das römische Recht in Europa gegolten, bis es durch die Zivilrechtskodifikationen des 18. und 19. Jahrhunderts abgelöst wurde. In manchen Gebieten Deutschlands galt es bis zum Inkrafttreten des Bürgerlichen Gesetzbuches am 1.1.1900.

Spielt das römische Recht in der englischen Rechtsordung keine Rolle?

Eine
Rezeption des römischen Rechts in der Form, wie sie sich in Kontinentaleuropa (und besonders in Deutschland) abgespielt hat, hat es in England nicht gegeben. Die römischen Rechtstexte wurden dort nicht als Gesetze und Quellen des geltenden Rechtes angesehen. Wie in Bologna wurde aber auch in Oxford und Cambridge römisches Recht gelehrt. Die Absolventen dieser Universitäten hatten Einfluß auf wichtige Bereiche der juristischen Praxis. So gelangten einzelne Regeln des römischen Rechts, aber vor allem Kategorien und Denkfiguren der vom römischen Recht geprägten kontinentalen Rechtswissenschaft auch nach England.

Was versteht man unter klassischem römischem Recht?

Die Römer waren die ersten, die aus dem Recht eine Wissenschaft machten. Diese römische Rechtswissenschaft erlebte ihre Blütezeit in den beiden ersten Jahrhunderten nach Christus. Diese Epoche nennt man darum die (juristische) Klassik, das Recht in der Form, wie es in dieser Zeit gelehrt und angewandt wurde, klassisches römisches Recht.

Was ist uns vom römischen Recht überliefert?

Vom antiken römische Recht sind uns verschiedene schriftliche Zeugnisse erhalten: Einzelne Gesetze, Vertragsurkunden und rechtswissenschaftliche Schriften. Am wichtigsten ist unter allen diesen Zeugnissen das
Corpus Iuris Civilis. Außer diesem sind vor allem die Institutionen des Gaius zu nennen, ein juristisches Anfängerlehrbuch aus dem 2. Jahrhundert nach Christus.

Was ist das Corpus Iuris Civilis?

Im 6. Jahrhundert nach Christus ließ der oströmische Kaiser Iustinianus mehrere Gesetzbücher erstellen. Diese stützten sich auf viel ältere Rechtsquellen, zu einem großen Teil auf Gesetze und juristische Literatur aus der
klassischen Zeit. Es entstanden:
die Institutionen (Institutiones):
Sie wurden zu großen Teilen aus den - mehr als 300 Jahre älteren Institutionen des Gaius abgeschrieben und sind - wie ihre Vorlage - ein Lehrbuch für Anfänger. Zugleich haben jedoch die in ihnen enthaltenen Rechtsregeln Gesetzeskraft.
die Digesten (Digesta oder Pandectae):
eine Sammlung von Fragmenten aus rechtswissenschaftlichen Schriften . Wie die Lehrsätze der Institutionen wurden auch die in den Digesten gesammelten Rechtsmeinungender der klassischen Juristen zum Gesetz erhoben.
der Codex:
eine Sammlung der von den Kaisern erlassenen Gesetze (Konstitutionen).
Justinian hatte schließlich noch eine Sammlung der von ihm selbst nach der Veröffentlichung des Codex neu erlassenen Gesetze (novellae constitutiones) geplant. Diese kam aber nicht zustande. Es gibt jedoch private Sammlungen dieser Novellen. Sie werden gemeinsam mit den drei justinianischen Gesetzbüchern als Corpus Iuris Civilis bezeichnet.
Das Corpus Iuris Civilis ist bei weitem die wichtigste Quelle des römischen Rechtes. Die in ihm überlieferten Texte waren die Grundlage der
Rezeption des Römischen Rechtes. Ihnen verdankt auch die moderne rechtsgeschichtliche Forschung den größten Teil ihrer Erkenntnisse.

Was ist die Glosse?

Die wissenschaftliche Bearbeitung der Texte des Corpus Iuris Civilis im Mittelalter bestand zunächst darin, daß man Erläuterungen verfaßte, die den Sinn bestimmter Worte erklären sollten (Glossen). Auf der Grundlage der früherer Arbeiten erstellte im 13. Jahrhundert der Bologneser Accursius Glossen zu den Digesten und zum Codex. Diese Glossensammlung verdrängte die früheren Werke und wurde die Glosse schlechthin (glossa ordinaria). Die weitere Bearbeitung der römischen Rechtstexte wurde von der accursischen Glosse entscheidend beeinflußt.

Warum ist das römische Recht heute noch wichtig?

Das römische Recht ist heute durch moderne Kodifikationen ersetzt. Diese Kodifikationen haben aber nicht völlig neues Recht geschaffen, sondern über weite Strecken nur die übrlieferten römischen Rechtsregeln in einem systematisch aufgebauten Gesetzbuch zusammengefaßt. Ganz besonders trifft dies für das BGB zu. Um das BGB zu verstehen ist es daher von großem Nutzen, die gemeinrechtlichen Fundamente zu kennen, auf denen es steht.
Vor allem hat das römische Recht im Hinblick auf die Bemühungen Bedeutung, für das politisch zusammenwachsende Europa einheitliche Rechtsregeln zu schaffen. Das römische Recht ist die gemeinsame Grundlage der europäischen Rechtsordnungen. Es kann daher dazu dienen, Regelungen zu finden, die sich in die Rechtsordungen aller Einzelstaaten organisch einfügen.

Wo kann ich mehr über das römische Recht erfahren?

Im Internet
Die hier genannten Links zeigen auf zu einführende Informationen. Weitere Links zu WWW-Seiten mit Informationen zum römischen Recht und allgemein zur Antike finden Sie hier.
Literatur:
(Es gibt sehr viel Literatur zum römischen Recht. Die nachstehende Auswahl umfaßt nur einführende Werke und ist notwendig willkürlich.

Derzeit erscheint eine Ausgabe des Corpus Iuris Civilis mit dem lateinischen Text und einer deutschen Übersetzung. Bislang sind verfügbar: Okko Behrends, Rolf Knütel, Bernhard Kupisch, Hans-Hermann Seiler: Corpus Iuris Civilis, Text und Übersetzung.
Band I, Institutionen, Heidelberg 1990
Band II, Digesten 1-10, Heidelberg 1995

Eine nicht nur für Juristen gedachte Darstellung der Entwicklung des römischen Rechts in der Antike:
Mario Bretone: Geschichte des römischen Rechts, München 1992

Ein Kurzlehrbuch, das die wesentlichen Inhalte des antiken römischen Rechtes vor allem für Jurastudenten darstellt:
Max Kaser: Römisches Privatrecht, Ein Studienbuch, 16. Auflage, München 1992

Eine sehr gedrängte, sich "an den allgemein interessierten Leser" wendende Darstellung des römischen Rechtes von der Antike über seine Wiederentdeckung im Mittelalter bis zu seiner heutigen Bedeutung:
Peter Stein: Römisches Recht und Europa, Frankfurt a. M. 1996

Alle genannten Werke bieten ausführliche Hinweise auf weiterführende Literatur. Im Internet ist ein größere Auswahl von Literatur zum römischen Recht in englischer Sprache von Prof. B. Hibbits von der Law Schoold der University of Pittsburgh bereitgestellt worden.


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Thomas Rüfner