Eule
S a a r b r ü c k e r   B i b l i o t h e k

(http://www.jura.uni-sb.de/projekte/Bibliothek)

Erstveröffentlichung:
Jan Schröder (Hg.)
Entwicklung der Methodenlehre in Rechswissenschaft
und Philosophie vom 16. bis zum 18. Jahrhundert
Beiträge zu einem interdisziplinären Symposion in Tübingen,
18.-20 April 1996, Franz Steiner Verlag Stuttgart 1998, S. 207-216



Maximilian Herberger


Zum Methodenproblem der Methodengeschichte:
Einige Grundsatz-Reflexionen





   Gliederung
   
 O    Vorbemerkung
 O   Trennung von Inhalt und Form
  O   Der Grundgedanke
  O   Der Einwand der notwendigen Einheit von Inhalt und Form
 O   Die Unterscheidungen "empirisch/normativ" und "Objektsprache/Metasprache"
  O   Empirische Ebene samt beschreibender und bewertender Bezugsperspektive
  O   Normative Ebene samt beschreibender und bewertender Bezugsperspektive
  O   Weitere Steigerung der Komplexität: Die Möglichkeit des Irrtums
 O   Die "Unsichtbarkeit" des Methodischen und die Kategorie der "impliziten" Methodentexte
  O   Erste Voraussetzung: Deontische Struktur
  O  Zweite Voraussetzung: Die Schlußmöglichkeit
  O   Dritte Voraussetzung: Widerspruchsfreiheit
 O   Die Gefahr von Fehlschlüssen
  O    Der Fehlschluß vom Sein auf's Sollen
  O   Der Fehlschluß vom Sollen auf's Sein
 O   Rationalitäts- und Kontinuitätsannahmen
  O   Die Ausgangsfrage
  O   Erste Annäherungen
  O   Ein Lösungsvorschlag
  O   Schlußmodus "ponendo ponens 
  O   Widerspruchsfreiheit
  O   Begründungsvollständigkeit
  O   Ausblick

Vorbemerkung


Die folgende Überlegungsskizze geht von der Annahme aus, daß die Methodendebatte auf dem Feld der juristischen Methodengeschichte noch nicht so gründlich wie in anderen Disziplinen der Geschichtsforschung geführt wurde. Es soll deswegen eine Vergewisserung versucht werden, die der Frage der Trennung von Form und Inhalt nachgeht, ein Bezugsraster für Betrachtungsperspektiven vorschlägt, die Kategorie des "impliziten" Methodentextes erläutert, typische Fehlschlüsse skizziert und schließlich die Frage nach der Notwendigkeit bestimmter, die Zeit überdauernder Grundannahmen für die Interpretation aufwirft. Zu betonen ist dabei folgendes: Es sollen Thesen bis zu einem bestimmten Grad der Plausibilität geführt werden, ein vollständiger Beweisgang ist nicht beabsichtigt. Bezugspunkt sind nur Texte aus der Geschichte der Rechtswissenschaft, die explizit oder implizit einen Methodendiskurs zum Inhalt haben. Angeknüpft wird an eigene frühere Überlegungen zur Konstituierung von Rechtswissenschaftsgeschichte (Maximilian Herberger, Rechtswissenschaftsgeschichte - eine neue Disziplin?, in: Rechtshistorisches Journal 3(1984), S. 150-168).

Trennung von Inhalt und Form

Der Grundgedanke


Methodengeschichte als Fach beruht auf der Annahme, man könne bei der Betrachtung der uns interessierenden Texte zwischen der Frage nach dem "Was" (= Analyse des Inhalts) und der Frage nach dem "Wie" (= Analyse der Vorgehensweise) unterscheiden. Gegen diese Annahme wird Kritik vorgebracht, die es wegen ihres prinzipiellen Charakters zu prüfen gilt, bevor man sich der weiteren Ausarbeitung eines methodischen Fundaments widmen kann.


Der Einwand der notwendigen Einheit von Inhalt und Form


Variante l:   Ununterscheidbarkeit von Inhalt und Form

In einer "starken" Variante wird im Rahmen holistischer Ansätze die Möglichkeit einer Trennung zwischen Form und Inhalt bestritten. Dies geschieht oft unter Hinweis darauf, daß bei einer derartigen Trennung lebendige, ganzheitliche Lebensprozesse zerrissen würden. In dieser Form beruht der Einwand auf einer Verwechslung zwischen "realer" und "gedanklicher" (oder auch "analytischer") Trennung: Was real eine untrennbare Einheit bildet, kann sehr wohl gedanklich und methodisch auseinandergelegt werden. In der antiken Unterscheidung zwischen "divisio" (im Sinne begrifflicher Differenzierung) und "partitio" (im Sinne von "realer Zergliederung") ist diese Einsicht vorhanden. Ein Beispiel mag das Gesagte verdeutlichen: Wer behauptet 'anima est unica forma corporis', setzt voraus, daß Körper und Seele eine Einheit bilden. Trotzdem kann man Körper und Seele getrennt betrachten. Im Grunde genommen beruht sogar die Möglichkeit der Formulierung dieses Satzes auf der Fähigkeit, "Körper" und "Seele" als getrennte Konzepte ansetzen zu können. Im übrigen läßt sich nur sinnvoll über Wechselwirkungen sprechen, wenn man eine vorbereitende gedankliche Differenzierung für möglich hält. Ein holistisches Identitätskonzept der "starken" Variante muß daher den Verzicht auf das Sprechen über Wechselwirkungen einschließen - eine sehr kontraintuitive Konsequenz.


Variante 2:   Notwendige arbeitspraktische "Verklammerung" von Inhalt und Form

In einer "schwachen" Variante wird der Einwand hin und wieder so vorgetragen: Man könne die Form nicht ohne den Inhalt verstehen und dürfe deswegen beides nicht künstlich "auseinanderreißen". Genau betrachtet ist das kein Argument gegen die Möglichkeit einer gedanklichen Trennung beider Aspekte, vielmehr bestätigt es, daß man beide Aspekte analytisch differenzieren kann. Das sich daran anschließende Petitum (Kein Verständnis der Form ohne Verständnis des Inhalts) ist bereits eine Regel für das methodengeschichtliche Arbeiten auf der Basis der vorausgesetzten Trennung. Diese Regel ist meistens berechtigt, aber nicht immer. Ein Fall rein formaler Verständnismöglichkeit liegt etwa vor, wenn ein logischer Schluß in sprachlich sinnloser Weise nur der Form nach vorgeführt wird ("Alle blips sind blops, alle blops sind blaps, also sind alle blibs blaps"). Semantisches Verstehen ist in diesem Beispiel allein für die transitive "Alle sind"-Relation erforderlich.


Die Unterscheidungen "empirisch/normativ" und "Objektsprache/Metasprache"


Wie auch auf anderen Feldern wissenschaftlicher Tätigkeit verhilft eine präzise Unterscheidung zwischen empirischer und normativer Dimension zu einer beträchtlichen Klärung des Problemfelds. Hinzutreten muß eine Differenzierung zwischen Objekt- und Metasprache. Auf diese Weise ergeben sich unterschiedliche Muster für die methodengeschichtliche Tätigkeit. Insgesamt lassen sich vier Bezugsformen unterscheiden.

Empirische Ebene samt beschreibender und bewertender Bezugsperspektive


Auf der Ebene des "Wie", der Methode, werden verschiedene Vorgehensweisen praktiziert. Dies beschreibend festzuhalten, ist eine Art der Methodengeschichte mit ihrem Material umzugehen. Die Methodengeschichte kann sich aber auch bewertend auf von ihr beobachtete Zustände beziehen. Je nach Wahl der Bezugsperspektive (beschreibend/bewertend) ergeben sich unterschiedliche Typen des methodengeschichtlichen Diskurses, die es (bis auf die Ebene der einzelnen Feststellung) streng voneinander zu scheiden gilt.


Normative Ebene samt beschreibender und bewertender Bezugsperspektive


Im methodischen Diskurs finden sich Auskünfte darüber, welche Vorgehensweisen für richtig gehalten werden. Falls derartige Auskünfte fehlen, lassen sich häufig normative Einstellungen dieser Art erschließen. Es handelt sich hier nicht um die Beobachtung praktizierter Methoden, sondern um die Erschließung von Richtigkeitsüberzeugungen, die eine bestimmte Praxis begleiten. Die Analyse dieser Überzeugungen ist von der Beobachtung der Methodenpraxis zu trennen. Daß dem so sein soll und kann, zeigt folgende, wohl allgemein konsensfähige Überlegung (die von der vorgeschlagenen Trennung Gebrauch macht): Man kann eine Methode praktizieren, in der Annahme, sie sei richtig. Denkbar ist aber auch eine Praxis, die mit der Einschätzung verbunden ist, die praktizierte Methode sei falsch (aber beispielsweise wirksam). Exempel Rr die letztere Konstellation liefert die Geschichte der Rhetorik.

Auf die Richtigkeitsüberzeugungen kann die Methodengeschichte wiederum beschreibend oder bewertend Bezug nehmen.


Weitere Steigerung der Komplexität: Die Möglichkeit des Irrtums


Das vorgeschlagene analytische Grundmuster liefert nur die einfachsten Bezugsdaten. Die Komplexität ist noch steigerbar und muß auch, je nach Untersuchungsinteresse, entsprechend gesteigert werden. Dies ist etwa dann erforderlich, wenn man an der Möglichkeit des Irrtums interessiert ist: Beispielsweise kann ein Wissenschaftler sich bezüglich der praktizierten Methode, bezüglich der Richtigkeit oder Wirksamkeit dieser Methode im Irrtum befinden.

Die "Unsichtbarkeit" des Methodischen und die Kategorie der "impliziten" Methodentexte


Die Methodengeschichte steht vor der Notwendigkeit, beim Zuschneiden ihres Gegenstandsbereichs eine fundamentale Auswahl zu treffen. Entweder beschränkt sie sich auf die expliziten Methodentexte (etwa Bücher vom Typ "logica iuridica") oder sie läßt auch "implizite" Methodentexte zu. Dieses Konzept des "impliziten" Methodentextes bedarf der Erläuterung.

Als "impliziter" Methodentext kommen Texte in Frage, die explizit nicht von Methode sprechen. Die Frage lautet, ob man derartige Sachtexte auf einer zweiten Ebene auch als Methodentexte lesen kann. Ein Beispiel mag veranschaulichen, welche interpretatorischen Vorannahmen dazu nötig sind.

Der Sachsenspiegel enthält den folgenden Satz:

"Kein vanlen muz her (sc. Der König) ledig haben iar unde tag" (Landrecht, III 60 § 1).


Das ist auf der ersten Lektüre-Ebene eine Rechtsregel, der sich die Rechtsgeschichte widmet. Auf einer zweiten Betrachtungsebene erweist sich aber, daß der Satz methodische Annahmen "präsupponiert".


Erste Voraussetzung: Deontische Struktur


In Anspruch genommen wird eine deontische Struktur, die sich in dem "muz" andeutet. Wir haben es mit einem Verbot zu tun, das auch als Gebot formuliert werden kann ("Der König ist verpflichtet, jedes ihm heimgefallene Fahnlehen binnen Jahr und Tag wieder auszugeben"). Dabei handelt es sich um eine einfache, fundamentale deontische Struktur. Es sind selbstverständlich, je nach Art der behandelten Texte, auch komplexere deontische Strukturen denkbar. In jedem Fall aber verlangt der am Inhalt interessierte Zugriff der Rechtsgeschichte, daß man eine formale deontische Struktur als dem Text zugrunde- und vorausliegend annimmt, die erst das "inhaltliche" Verstehen des Textes erlaubt. Insofern ist die Methodengeschichte hier Grundlagendisziplin für die Rechtsgeschichte der Inhalte (die "Dogmengeschichte").

Zweite Voraussetzung: Die Schlußmöglichkeit


Schon bei der eben interpretatorisch vorgeschlagenen Transposition vom Verbot auf's Gebot wurde unterstellt, daß der Text vor dem Hintergrund derartiger Schlußmöglichkeiten zu denken ist. Der Text zielt aber darüber hinaus auf Anwendung, d.h. in konkreten Situationen ist zu entscheiden, ob die Voraussetzungen des Gebotenen vorliegen. Das kann nur durch einen Schluß geschehen, der in der Form des modus ponendo ponens aus dem Obersatz zusammen mit einem angenommene Voraussetzungen beschreibenden Satz auf eine Rechtsfolge schließt. Ohne eine derartige methodische Zusatzannahme kann der Text nicht als anwendungsorientierter Rechtstext verstanden werden. Wiederum impliziert er also Methodisch-Formales. Zur Verdeutlichung sei hinzugefügt, daß die Annahme, ein Text setze derartige Schlußmodi voraus, nicht bedeutet, daß die Zeit über eine ausgearbeitete formale Logik verfügt haben müsse. Es gibt Logikwissen und Schlußkompetenz selbstverständlich auch ohne die Ausarbeitung einer formalen Logik als Disziplin.

Dritte Voraussetzung: Widerspruchsfreiheit


Um normative Kraft zu entfalten und effektiv zu sein, darf die Regel sich nicht selbst in Frage stellen. Sie "lebt" also in ihrer Glaubwürdigkeit davon, daß es nicht anderwärts im einschlägigen Kontext eine Regel gegenteiligen Inhalts gibt. So impliziert das Streben nach Wirksamkeit die Voraussetzung der Widerspruchsfreiheit (wie es auch das noch zu betrachtende Prinzip der formalen Gleichbehandlung tut).

Die Gefahr von Fehlschlüssen

Der Fehlschluß vom Sein auf's Sollen


Der Fehlschluß vom Sein auf's Sollen ist (als "naturalistischer Fehlschluß") so häufig charakterisiert worden, daß hier ein kurzer Hinweis genügt. Die Methodengeschichte verfällt diesem Fehlschluß beispielsweise dann, wenn sie - ohne weitere Indizien oder Beweisführungen (etwa durch Brückenprinzipien) - aus einer beobachteten Praxis auf eine entsprechende konforme Richtigkeitsüberzeugung schließt. Allein wegen der Möglichkeit, daß die betreffende Praxis eben nicht vom Begleitgedanken der normativen Korrektheit getragen ist, verbietet sich (ohne stützende Indiztatsachen) dieser Schluß.


Der Fehlschluß vom Sollen auf's Sein


Noch nicht so im Zentrum der Aufmerksamkeit wie der naturalistische Fehlschluß steht der (komplementäre) Fehlschluß vom Sollen auf's Sein. In diesem Falle wird ohne andere Anhaltspunkte - aus einer bekannten Richtigkeitsüberzeugung auf eine dieser normativen Grundhaltung entsprechende Praxis geschlossen. Die so kurzschlüssig angenommene Entsprechung muß aber nicht bestehen. Das zeigt etwa ein Blick auf die Möglichkeit, daß man (z.B. zynisch oder bequem) der eigenen Richtigkeitsüberzeugung zuwider handelt.

Es steht zu vermuten, daß die Juristen der Gefahr des Fehlschlusses vom Sollen auf's Sein besonders ausgesetzt sind, weil sie leicht zu der Annahme neigen, die Welt sei auch in Wirklichkeit so, wie es ihr (von ihnen) juristisch-normativ verordnet wurde. Speziell für die Rechtsgeschichte dürfte gleichfalls mit einer entsprechenden Versuchung zu rechnen sein, die noch dadurch verschärft wird, daß Einsichten über die normative Ebene quellenmäßig oft leichter zu gewinnen sind als ähnlich stichhaltige Erkenntnisse über das praktizierte Recht. (Ein Beispiel für einen Fehlschluß vom Sollen auf's Sein dürfte die frühere Doktrin der Rechtsgeschichte gewesen sein, die aus dem oben unter anderen Aspekten betrachteten Satz des Sachsenspiegels zum Leihezwang ohne weiteres auf eine der Regel konforme Praxis geschlossen hatte.)

Rationalitäts- und Kontinuitätsannahmen

Die Ausgangsfrage


Es fragt sich, ob die Methodengeschichte davon lebt, daß die für sie bestimmenden Texte vor dem Hintergrund bestimmter Rationalitäts- und Kontinuitätsannahmen "entziffert" werden (müssen). In aller Regel lesen wir diese Texte als folgerichtige, die sich in ihren Schlüssen an einer Logik der Konsequenz orientieren. Ist es vertretbar oder gar unausweichlich, dies so zu tun? Und wenn man im Prinzip dieser Überzeugung ist: Welche Logik und wieviel an Logik ist zugrundezulegen? Man könnte annehmen, mindestens die Logik des "modus ponendo ponens" sei unverzichtbar. In der Nähe zur Jurisprudenz drängt sich diese Annahme zusätzlich deswegen auf, weil der "modus ponendo ponens" sich als grundlegender Schluß für jede Art von Rechtsanwendung anbietet. (Von diesem Argument wurde oben bereits bei den Erläuterungen zum impliziten Methodentext Gebrauch gemacht.)


Die Einwände gegen ein derartiges Konzept sind naheliegend:

-   Gibt es nicht auch Folgerichtigkeit außerhalb der Logik?
-   Wie steht es mit der bildhaften "Logik"?
-   Wie ist beispielsweise die assoziative Reihung in dieses Konzept einzubringen?
-   Ist das Phänomen der gewollten Widersprüchlichkeit in das Konzept integrierbar?

Vor dem Versuch einer Antwort soll in einem ersten Schritt gezeigt werden, daß zwei "Unmöglichkeiten" die Frage nach der Notwendigkeit normativer Interpretationsvoraussetzungen nahelegen.

Erste Annäherungen


Das "Paradox" der Unmöglichkeit, einen Widerspruch im Text nachzuweisen

Ist Widerspruchsfreiheit als regulative Idee einmal eingeführt, gibt es auch das Gegenkonzept des widersprüchlichen Textes. Dieser Zustand müßte nachweisbar sein, um sich des Gegenteils sicher sein zu können. Beim Versuch der Einlösung dieses Anspruchs begegnet man aber Schwierigkeiten: Jeder dargelegte Widerspruch kann dadurch "beseitigt" werden, daß man mit Hilfe einer Begriffsdifferenzierung (ein Fall der "divisio" im klassischen Sinn) aufzeigt, wie der angenommene Widerspruch sich in einen scheinbaren auflöst. Um ein konkretes Beispiel zu geben: Wer meint, im Corpus Juris stehe das Prinzip "princeps legibus solutus" im Widerspruch zum Inhalt der Constitutio "Digna vox", sieht sich sofort mit dem Einwand konfrontiert, dem sei nicht so, weil "lex" in beiden Zitaten etwas Unterschiedliches bedeute und deswegen "in Wirklichkeit" der angenommene Widerspruch nicht gegeben sei (so ein Vorschlag der Glossatoren). Ein solches Argumentationsmuster ist im gegebenen Fall stets anwendbar, wobei sich nur fragt, ob es ein Instrument zur Erkenntnis von Vorhandenem (hier: Widerspruchsfreiheit) ist oder der Konstruktion von nicht Vorhandenem (hier: gleichfalls Widerspruchsfreiheit) dient. Anders formuliert: Handelt es sich bei diesem Argument um die argumentative Beseitigung eines (existenten) Widerspruchs oder um den Nachweis der Widerspruchsfreiheit des Textes in der Verteidigung gegen eine zu Unrecht unterstellte Widersprüchlichkeit? Sollten sich die beiden Alternativen letzten Endes nicht unterscheiden lassen, wäre daraus ein Argument dafür zu gewinnen, daß wir im Angesicht der Ununterscheidbarkeit von vorhandener Widerspruchsfreiheit und (möglicherweise) zu beseitigender Widersprüchlichkeit eine interpretatorische Ausgangsannahme zugunsten einer der beiden Möglichkeiten machen müssen. Die Konstitution des Faches hängt dann davon ab, in welcher Form man diese Ausgangsannahme trifft.

Eine Verschärfung des Arguments würde wie folgt verlaufen: Wenn es unmöglich ist, einem Text einen Widerspruch nachzuweisen (falls er uns nicht selbst mit dieser Absicht vertraut macht), sollten wir dann nicht - dem Prinzip "Unmögliches ist nicht gesollt" folgend - den Texten von vornherein den Vertrauensvorschuß der Widerspruchsfreiheit einräumen? (Zuzugeben ist sofort, daß man das Argument auch in der gegenteiligen Richtung verschärfen kann, es handelt sich also vorläufig nur um einen Plausibilitätsappell.)

Das Problem der Enthymeme, oder: Gibt es unvollständige Schlüsse?

Ähnlich wie bei der Frage des Widerspruchs stellt sich die Lage bei den Schlüssen dar, die wir in Texten antreffen. Gesetzt den Fall, wir wollen die Unvollständigkeit eines Schlusses nachweisen. Dann ist der Einwand denkbar, der Schluß sei gar nicht unvollständig, weil er durch Hinzunahme einer selbstverständlichen Prämisse "vervollständigt" werden könne. Dies eben ist die Situation beim Enthymem, das seinen Namen davon herleitet, daß in diesem Falle eine erforderliche Prämisse "im Sinn" festgehalten und nicht im Text zum Ausdruck gebracht wird. Wiederum fragt sich, ob es sich hier um ein Instrument zur Erkenntnis von etwas Vorhandenem (der Vollständigkeit des Schlusses) oder um ein Instrument zur Konstruktion von etwas Nicht-Vorhandenem (gleichfalls der Vollständigkeit des Schlusses) handelt. Die Frage stellen, heißt mindestens, schon vom Ansatz her zwei Typen des Herangehens an das methodengeschichtliche Material zu unterscheiden. Im einen Fall wird mit der "wohlwollenden" Voraussetzung gearbeitet, daß alle Schlüsse vollständig seien, im anderen Falle nicht. Gleichermaßen wie eben bei der Betrachtung des Widerspruchs gibt es erneut die Möglichkeit, die Vorannahme zu verschärfen: Wenn man unvollständige von vollständigen Schlüssen nicht zwingend unterscheiden kann, spricht dann nicht - wie oben als Plausibilitätsappell gemeint - einiges dafiir, der Interpretation die Voraussetzung der Prämissenvollständigkeit zugrundezulegen?

Ein Lösungsvorschlag


Die Ausgangslage

Will man eine juristische Basisrationalität in Gestalt von Widerspruchsfreiheit und Folgerichtigkeit der Interpretation zugrundelegen, kann dies auf zwei Arten geschehen.

In der ersten Weise trägt man die Rationalitätsannahme an die Texte mit der Absicht heran, interpretatorisch diesen Zusammenhang zu stiften, und dies unabhängig davon, ob die Texte auch der ihnen zugrundeliegenden Entstehungsabsicht nach auf den angenommenen Voraussetzungen beruhen.

In der zweiten Weise stellt man sich auf den Standpunkt, die unterstellte juristische Basisrationalität sei auch ein sinnvoller Satz von Annahmen Air die empirische Rekonstruktion. Anders ausgedrückt: Man geht davon aus, daß die zu untersuchenden Texte sich (falls sie nicht ausdrücklich anderes verlautbaren), den gleichen Annahmen verpflichtet wissen.

Der erste Typ von Methodengeschichte hat deutlich weniger Begründungsprobleme als der zweite. Man kann zwar das Prinzip etwa mit dem Hinweis bestreiten, man sei daran nicht interessiert, aber das mindert nicht die methodische Klarheit und Vertretbarkeit des vorgeschlagenen Ansatzes. Am Ende kann man dann noch nach dem Prinzip "An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen" die Fruchtbarkeit des gewählten Ansatzes debattieren, aber das ist nichts, was die Lage hier prinzipiell von anderen Ansätzen unterscheiden würde.

Kritischer ist die Begründungslage im Fall des zweiten Ansatzes, der von der Voraussetzung ausgeht, bestimmte Minimalannahmen seien in dem zu untersuchenden Textkorpus eine Art vorhandener Grundkonsens. Die weitere Argumentation bezieht sich auf diese These.

Die nötige Grundannahme: Formale Gleichbehandlung

Man benötigt, will man die angedeutete Art juristischer Basisrationalität in Richtung empirischer Forschung entfalten, nur eine Grundannahme. Diese lautet, daß man es mit Texten zu tun hat, die sich der Zielvorstellung verpflichtet wissen, gleichgelagerte Fälle gleich zu behandeln.

Es ist zu betonen, daß hier (in Gestalt des Prinzips der formalen Gerechtigkeit) nicht etwas vorausgesetzt wird, das in besonderer Weise staatsformenabhängig wäre. Vielmehr wird auch der Unrechtsstaat in aller Regel die Maximen seines Unrechts möglichst gleichmäßig angewandt wissen wollen (weil sie nur so effektiv sein können). Anders wäre das lediglich bei einem Terror-Regime, das die völlige Unberechenbarkeit zur Maxime erhebt. Texte aus einem derartigen Willkürstaat wären nicht mit erfaßt. Allerdings ist sogar bei Regimen dieser Art die Konstellation zu beobachten, daß die unberechenbare Willkür zentralisiert wird, während den nachgeordneten Instanzen eine Art von berechenbarer Gleichbehandlung auferlegt wird, die sich in dem Gleichbehandlungsprinzip verpflichteten Texten niederschlägt.

Die Konsequenzen für die Textlogik

Das Prinzip der Gleichbehandlung gleichgelagerter Fälle hat logische Implikationen. Es kann argumentativ nur dargestellt, begründet und gesichert werden, wenn bestimmte logische Gegebenheiten beachtet werden. Die Betonung Rr diese Beweisführung liegt auf "dargestellt, begründet und gesichert", d.h. die Beschreibung der betreffenden Praxis in Texten ist unerläßlich. Der Entscheidungstyp, bei dem ein weiser Entscheider ohne Begründungen intuitiv treffsicher die Gleichbehandlung gewährleistet (zu gewährleisten vorgibt), die Regeln dafür aber (nur) "in scrinio pectoris" bewahrt, wird nicht betrachtet.

Schlußmodus "ponendo ponens"


Wer darlegen will, daß er zwei Fälle mit Rücksicht auf bestimmte Eigenschaften gleichbehandelt hat, muß einen einfachen Schluß in der Form des Modus "ponendo ponens" ziehen, etwa in folgender Art:

Wenn zwei Fälle Fx und Fy in den relevanten Eigenschaften M, ... M übereinstimmen, kommt ihnen die gleiche Rechtsfolge R zu.

Nun aber: Fa und Fb stimmen in den relevanten Eigenschaften M, M überein.

Also: Fa und Fb kommt die gleiche Rechtsfolge R zu.

Mindestens bezogen auf das angenommene Ziel erweist sich damit dieser logische Schluß einfachster Art als unverzichtbar. Es steht darüber hinaus zu vermuten, daß der Status dieses Schlusses noch viel universellerer Art ist, weil man sich eine Begründungsargumentation ohne ihn kaum vorstellen kann. Dies muß aber Air das vorliegende Beweisziel nicht vertieft werden. Zur Sicherheit sei jedoch hinzugefügt, daß es sich jedenfalls nicht um eine spezifisch europazentrierte Logik-Betrachtung handelt. Die formale Logik hat bekanntermaßen nicht nur Wurzeln in Griechenland, sondern auch in Indien.

Widerspruchsfreiheit


Wer begründbare Gleichbehandlung gleichgelagerter Fälle will, darf keine Widersprüche zulassen. Denn sonst wäre Beliebiges ableitbar. Die Logik kennt diesen Umstand als "ex falso quodlibet". Er leuchtet aber auch ansonsten unmittelbar ein. Gesetzt den Fall, die folgenden beiden, sich widersprechenden Prämissen seien in einem Rechtssystem enthalten:

P,: Wenn zwei Fälle Fx und Fy in den relevanten Eigenschaften M1 ... Mn übereinstimmen, kommt ihnen die gleiche Rechtsfolge R zu.

P,: Wenn zwei Fälle Fx und Fy in den relevanten Eigenschaften M1 ... Mn übereinstimmen, kommt ihnen nicht die gleiche Rechtsfolge R zu.

Dann ist nicht sichergestellt, ob die beiden Fälle gleich oder ungleich behandelt werden sollen. Der Widerspruch eröffnet also den Raum für Willkür (und deswegen darf er, gemessen am Ziel der formalen Gerechtigkeit, nicht geduldet werden.)

Begründungsvollständigkeit


Nicht ganz so offensichtlich wie bei den vorherigen beiden Prinzipien stellt sich, gemessen am Prinzip der formalen Gleichbehandlung, die Frage nach der nötigen Begründungsvollständigkeit dar. Darunter soll hier verstanden werden, daß Enthymeme nicht vorkommen, d.h. daß begründungsrelevante Prämissen nicht ausgelassen werden, weil man sie als selbstverständlich voraussetzt. Bei genauerer Betrachtung ergibt sich jedoch auch hier ein Zusammenhang. Dieser Zusammenhang resultiert daraus, daß die Ergänzung der fehlenden Prämisse einen Unsicherheitsspielraum eröffnet. In aller Regel sind mehrere Ergänzungen denkbar. Dazu ein einfaches Beispiel. Das Enthymem laute:

Hans ist ein Mensch.
Also: Hans ist vernunftbegabt.

Denkbarer Obersatz wäre:

Alle Menschen sind vernunftbegabt.

Denkbar wäre aber auch (mit gleicher Konsequenz) eine Ergänzung um zwei Obersätze:

Alle Menschen sind Lebewesen.
Alle Lebewesen sind vernunftbegabt.

Wegen dieser unterschiedlichen Ergänzungsmöglichkeit eröffnen sich Begründungsmöglichkeiten Air unterschiedliche Rechtsfolgen in enthymematischen rechtlichen Texten, weswegen mindestens eine Gefahr für die Gleichbehandlung gleichgelagerter Fälle besteht. Indessen ist der notwendige Zusammenhang hier - praxisnah betrachtet - schwächer ausgeprägt als bei den vorherigen Themen. Das liegt daran, daß nach Vervollständigung des Enthymems das Problem ausgeräumt ist.

Ausblick


Die forschungsleitende Hypothese, um deren Plausibilität die vorstehenden Überlegungen bemüht waren, bedarf der Überprüfung an zahlreichen Texten. Erst dadurch kann der Nachweis geführt werden, daß sie nicht nur kohärent und stringent, sondern auch fruchtbar ist. Es geht dabei um den Versuch, eine Grundkontinuität zu finden, die das Gespräch über sonstige Epochengrenzen hinweg ermöglicht. Wer dem vorgelegten Versuch skeptisch gegenübersteht, wird nicht umhin können, ein anderes Kontinuität stiftendes Modell vorzulegen, wenn er Diachronie will. Denn ohne ein derartiges Modell zerfällt der Methodengeschichte ihr Material in Synchronie-Scheiben ohne durchgehenden Zusammenhang.

Die Rede war im bisherigen Kontext von einer Wissenschaftsgeschichte, die vom Prinzip der formalen Gerechtigkeit her ihre methodische Geschlossenheit gewinnt. Daß daneben und darüber hinaus ein Ansatz wünschenswert wäre, der Wissenschaftsgeschichte und das Prinzip der materialen Gerechtigkeit zusammenbringt, sei als Desiderat ohne Einschränkung eingeräumt. Ob aber ein Weg dorthin führt, ist ein wesentlich schwierigeres Thema als das, von dem hier zu sprechen war.


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