Eule
S a a r b r ü c k e r   B i b l i o t h e k

(http://www.jura.uni-sb.de/projekte/Bibliothek)

Erstveröffentlichung:
75 Jahre Alfred Metzner Verlag
Matinee mit Magier und anderen Juristen
am 5. Oktober 1984 - S. 25-41


Maximilian Herberger

Juristische »Logeleien«*





Der Logik begegnet man oft mit einer Mischung aus Verwirrung und Bewunderung. Dazu besteht kein Anlaß. Denn, so versichert uns der Verfasser eines bekannten Kommentars zur Zivilprozeßordnung:
»Logik ist dem Prinzip nach jedem einzelnen zugänglich« (1). Also auch allen Anwesenden. Also auch allen Juristen. Das ist nicht nur beruhigend, sondern auch »logisch«, und zwar in strenger Linie: Es folgt zwingend aus der angegebenen Prämisse. Was »jedem einzelnen zugänglich« ist, ist allen Menschen zugänglich und damit auch allen Anwesenden, allen Juristen usw.

Nicht immer ist es ganz so einfach, dem logischen Zusammenhang nachzuspüren. CRAMER, im 18. Jahrhundert Richter am Reichskammergericht, legt in seinem Lehrbuch der »juristischen Logik« zur Veranschaulichung dieses Sachverhalts (sicher nicht ohne Augenzwinkern) das folgende Beispiel vor:

Qui bene bibit, bene dormit. Wer feste trinkt, schläft gut.
Qui dormit, non peccat.      Wer schläft, sündigt nicht.
Qui non peccat, salvatur.    Wer nicht sündigt, wird gerettet.
---------------------------- ---------------------------------
Qui bene bibit, salvatur.    Wer feste trinkt, wird gerettet. (2)

Angenommen einmal, alle angegebenen Prämissen seien wahr. Folgt daraus logisch, daß auch die Schlußfolgerung wahr ist? (Man wird der Frage mit Blick auf die uns bevorstehenden Getränke sicher nicht jede praktische Bedeutung absprechen können.) CRAMER behauptet, daß ein Schlußfehler vorliegt, und läßt seine Leser danach suchen. Bei dieser Suche stellt man fest, daß der Fehler geschickt hinter der Scheinplausibilität der äußeren Form des Schlusses verborgen ist. Er liegt darin, daß »sündigt nicht« in der zweiten und der dritten Prämisse nicht dasselbe bedeutet: In der zweiten Prämisse steht «sündigt nicht« für »sündigt während des Schlafes nicht«, in der dritten Prämisse hingegen für »überhaupt nicht sündigt«. Wegen dieser Bedeutungsverschiedenheit zerbricht die »Kette«, die ansonsten diesem »Kettenschluß« seine Gültigkeit sichert (3). (Also ist anschließend beim Genuß der Getränke aus logischen Gründen Vorsicht geboten.)


Machen wir noch ein wenig weiter die Probe darauf, ob die Logik »dem Prinzip nach jedem einzelnen zugänglich« ist, diesmal mit einem Beispiel aus dem 19. Jahrhundert, das in Frankreich fast sprichwörtlich geworden ist:


Die Leute akzeptieren immer Geld.
Die Leute akzeptieren nie gute Ratschläge.
----------------------------------------------------------
Man soll den Leuten lieber Geld als gute Ratschläge geben.

(Die Frage, ob das »logisch« ist, ermangelt gleichfalls nicht der praktischen Relevanz, wenn man berücksichtigt, daß heute ein Verlag seine Autoren zu einer Geburtstagsfeier eingeladen hat.) Wer die Schlußfolgerung für vernünftig hält, wird dazu neigen, sie einem alltäglichen Sprachgebrauch folgend als »logisch« einzustufen. Das ist aber nicht der Sprachgebrauch der Logik, wo etwas nur dann als korrekt abgeleitet gilt, wenn die verwendeten Aussagen ihrer Form nach sicherstellen, daß sich die Wahrheit der Prämissen auf die Schlußfolgerung überträgt. Wie steht es angesichts dieses Kriteriums mit dem letzten Beispiel? Man erkennt unschwer (dies ist eine unter Logikern beliebte Redewendung), daß die Empfehlung, den Leuten lieber Geld als gute Ratschläge zu geben, aus den beiden vorausgesetzten Prämissen nicht folgt. Sollte also das »unlogisch« sein, was die Autoren zu Recht von ihrem Verlag erwarten? So einfach darf man sich nicht geschlagen geben. Schließlich könnte es sich bei dem Schluß auch um ein Enthymem handeln. Darunter versteht man einen Schluß, der äußerlich als unvollständig erscheint, bei Hinzufügen einer stillschweigend als selbstverständlich vorausgesetzten Prämisse aber vollständig wird. In diesem Falle könnte man folgende Prämisse ergänzen:


Man soll den Leuten lieber das geben,
was sie akzeptieren, als das, was
sie nicht akzeptieren.


So als Enthymem interpretiert, wäre der Schluß gültig. (Wer dabei mit Blick auf die uns noch erwartende Magie an Zauberei denkt, ist durchaus einem Problem auf der Spur, das sich für die Logik im Rahmen der Argumentationsanalyse stellt.)


Wenden wir uns nach Beispielen aus dem 18. und dem 19. Jahrhundert einer aktuellen Problematik zu. In einer hiesigen Zeitung konnte man kürzlich lesen:


»"Die Ergebnisse für die Müllverbrennungsanlage in Heusenstamm zeigten ganz geringe Dioxinspuren im Filterstaub. Sie lägen deutlich unter der Nachweisgrenze von 0,2 ppb", berichtete gestern die Zeitung für Frankfurt nach Ansicht eines Lesers unlogisch. Der Originalsatz in der Pressemitteilung 112/84 des Hessischen Ministers für Arbeit, Umwelt und Soziales lautete:

"Die Ergebnisse . . . liegen deutlich unter der Nachweisgrenze von 0,2 ppb." Wie etwas nachgewiesen werden kann, das unterhalb der Nachweisgrenze liegt, konnte beim Ministerium nicht geklärt werden« (4).


Die »Unlogik« des Nachweises von etwas, das seiner Konzentration nach unter der Nachweisgrenze liegt, scheint unmittelbar einleuchtend zu sein. Und doch waren im Ministerium und bei der Zeitung Mitarbeiter anzutreffen, die ohne Zögern den »unlogischen« Satz niedergeschrieben haben. Und wenn nicht ein aufmerksamer Leser interveniert hätte, wäre es wohl bei dem Nachweis des nicht Nachweisbaren geblieben. Ob es da so gut ist, sich allein auf die alltägliche Logikkompetenz zu verlassen? Es gibt also schwer erkennbare Fehlschlüsse in scheinbar logischem Gewand (Beispiel 1), unvollständige Schlüsse, die aber als Enthymem interpretiert doch logisch korrekt sein können (Beispiel 2) und schließlich die Logik als unerbittliches Instrument für die Analyse unbedachter Äußerungen (Beispiel 3). Auch wenn das noch nicht alle Rollen sind, in der die Logik auftreten kann: Sie erklären ausreichend die Verwirrung und das Unbehagen ihr gegenüber. Und was soll man sagen, wenn man miterleben muß, wie mit Mitteln der Logik demonstriert wird, daß 3,4 gleich 3,5 (3,4 = 3,5) ist? Hier ist zur Vervollständigung der Einstimmung noch dieses beunruhigende Beispiel:


17:5=3 Rest 2    17:5=3,4
14:4=3 Rest 2    14:4=3,5

Wenn das eine (17:5) gleich »3 Rest 2« ist
und das andere (14:4) gleich »3 Rest 2« ist,
ist das eine (17:5) gleich dem anderen (14:4).

Also ist 17:5=14:4 und da (so.) 17:5=3,4 und 14:4=3,5
schließlich auch 3,4=3,5.


Logisch? Allem Anschein nach ja: Denn es wurde doch nur der anerkannte Satz »Sind zwei Größen einer dritten gleich, so sind sie untereinander gleich« verwandt. Und doch handelt es sich bei dem Schluß lediglich um etwas einem Zaubertrick Analoges, bei dem man, wie bei jedem guten Zaubertrick nicht erkennt, wo man getäuscht wurde. Im Unterschied zum Zauberer darf der Logiker aber den Trick verraten. Er liegt darin, daß »3 Rest 2« in eine Gleichheitsbeziehung zu »17: 5« und »14: 4« gebracht worden ist. Genau das darf man nicht tun, will man nicht »in streng logischer Weise« die nicht akzeptable Konsequenz 3,4 = 3,5 erhalten. In dem Beispiel geht also alles »logisch« (im Sinne von »folgerichtig«) zu. Nur folgt aus falschen Voraussetzungen häufig (nicht immer, wie wir gleich sehen werden) auch etwas Falsches. Aus Beunruhigung darüber möchten manche schließen:


Weil die Logik nicht vor Unsinn bewahrt,
ist man ohne Logik vor Unsinn bewahrt.


Ich würde das für voreilig (um nicht zu sagen: »unlogisch«) halten und eher sagen:

Logik allein schützt nicht vor Unsinn,
Unlogik aber erst recht nicht.


(Über das Scherzhafte hinaus ließe sich zeigen, daß man um gegensätzliche Orientierungen dieser Art gegenüber der Logik verschiedene Wissenschaftsstile gruppieren kann. In gewissem Sinne ist das sogar »logisch« und zugleich sehr ernst.)


Nach den einleitenden, etwas verwirrenden »logischen Fingerübungen« könnte es so aussehen, als biete die Logik überhaupt keine Sicherheiten. Wenn dem so wäre, müßte man es bei der Aufforderung zur Rezitation belassen, die ein französischer Mathematiker vor kurzem mit anhören mußte: »Versuch‘ nicht, es zu verstehen, es handelt sich um Logik« (5). Man kann aber trotz aller, oft von der Logik ausgehender Verwirrung recht einfach zeigen, worin die Leistung der Logik besteht. Um das zu tun, wähle ich der heutigen Atmosphäre angemessene Prämissen und den vielleicht elementarsten logischen Schlußmodus, den altehrwürdigen »modus Barbara« (6).


Im »modus Barbara« schließt man auf der Grundlage von zwei allgemein-bejahenden Prämissen in folgender Weise:


Alle Anwesenden sind Freunde des Metzner-Verlages.
Alle Freunde des Metzner-Verlages sind Freunde des Kluwer-Verlages.
-------------------------------------------------------------------
Alle Anwesenden sind Freunde des Kluwer-Verlages.

Dieser Schluß ist wegen der Struktur der darin vorkommenden Aussagen und ihrer Zuordnung zueinander zwingend. Und da die Prämissen worüber unter den Anwesenden Einigkeit bestehen dürfte wahr sind, überträgt sich die Wahrheit der Prämissen zwingend auf die Schlußfolgerung. Wer die Prämissen für wahr hält, muß aus logischen Gründen auch die Schlußfolgerung für wahr halten.


Mit einem weit verbreiteten Alltagsverständnis von Logik verträgt es sich nun nicht, daß man in genau so zwingender Weise wie eben aus zwei falschen Prämissen auf etwas Wahres schließen kann. Im »modus Barbara« könnte das z. B. so aussehen:

Alle Anwesenden sind Bayern.
Alle Bayern sind Freunde des Kluwer-Verlages.
-------------------------------------------------
Alle Anwesenden sind Freunde des Kluwer-Verlages.

Und man kann sogar aus zwei falschen Prämissen logisch korrekt etwas Falsches ableiten, z. B. (um es beim »modus Barbara« und bei der bisherigen Art der Prämissenwahl zu belassen) folgendermaßen:

Alle Anwesenden sind Bayern.
Alle Bayern sind Jura-Professoren.
--------------------------------------
Alle Anwesenden sind Jura-Professoren.


Was also bleibt angesichts der beunruhigenden Tatsache, daß aus Falschem Wahres und aus Falschem Falsches in logisch zwingender Weise folgen kann, als sicheres Fundament übrig? Etwas, das manche für sehr wenig, andere aber für sehr viel halten: Es ist unmöglich, aus wahren Prämissen in logisch gültiger Weise auf etwas Falsches zu schließen. Damit ist die Logik notwendige Bedingung der Richtigkeit für ein Argumentieren, das auf eine Garantie für die Übertragung von Wahrheitswerten Wert legt.


Juristen sehen sich unausweichlich vor Entscheidungsalternativen gestellt. Ihr Denken ist deshalb über weite Strecken durch die »Denkform der Alternative« (7) gekennzeichnet. Von daher ist es kein Zufall, daß das sogenannte »Dilemma«, eine Schlußform mit alternativer Ausgangsprämisse, häufig in juristischen Zusammenhängen auftaucht. Um unserem kurzem Rendezvous mit der Logik nun auch noch den nötigen juristischen Gehalt zu geben, soll zum Schluß ein Argument in Form eines Dilemmas vorgestellt werden. Mit ihm wird bewiesen, daß nach geltendem Wettbewerbsrecht jede Werbung unzulässig ist. Um die Feinheiten dieser Argumentation ausreichend würdigen zu können, sei jedoch zunächst das »Dilemma« in einer einfacheren Gestalt eingeführt. Dabei wähle ich als Beispiel das Dilemma, in dem ich mich gerade eben auf Grund der Tatsache befinde, daß ich versprochen habe, genau 15 Minuten zu sprechen:


Ich habe zwei Möglichkeiten:
Ich spreche länger als 15 Minuten oder kürzer als 15 Minuten.

Wenn ich länger als 15 Minuten spreche,
halte ich meine Zusage nicht ein.

Wenn ich kürzer als 15 Minuten spreche,
halte ich meine Zusage nicht ein.
----------------------------------------------------------------
(Gleichgültig, ob ich länger oder kürzer als 15 Minuten spreche,)
ich halte meine Zusage nicht ein.


An dem Beispiel erkennt man deutlich die Struktur eines »einfachen Dilemmas« und die Möglichkeit, wie man sich ihm (pragmatisch) entziehen kann.


Die Struktur läßt sich auf folgende Form bringen:

(1) p oder q.
(2) Wenn p, so r.
(3) Wenn q, so r.
----------------------------
(5) Also (auf jeden Fall): r


Die Möglichkeit des Ausweichens hängt davon ab, ob man die erste Prämisse erschüttern kann, indem man eine weitere Handlungsmöglichkeit in die Betrachtung einbezieht. Was mein gegenwärtiges Dilemma angeht, hätte ich es da verhältnismäßig einfach: Ich müßte mich nur an meine Zusage halten und genau 15 Minuten sprechen.


Nicht immer ist ein Dilemma so einfach zu durchschauen. Das zeigt das wohl älteste überlieferte Dilemma, das noch dazu einen juristischen Hintergrund aufweist:


Protagoras unterrichtet Euatlos in Rhetorik. Hinsichtlich des Honorars wird vereinbart, daß Euatlos ein Honorar nur zahlen muß, wenn er seinen ersten Prozeß gewinnt. Nach dem Ende der Ausbildung führt Euatlos keinen Prozeß. Daraufhin verklagt ihn Protagoras auf die Zahlung eines Honorars, In dem anschließenden Prozeß argumentieren beide Parteien in Form eines Dilemmas.

Protagoras erklärt:
Euatlos wird gewinnen oder verlieren.
Wenn Euatlos gewinnt, zahlt er Honorar (wegen des Vertrages).
Wenn Euatlos verliert, zahlt er Honorar (wegen des Prozeßausganges).
--------------------------------------------------------------------
(Gleichgültig, ob Euatlos gewinnt oder verliert,) er zahlt Honorar.


Euatlos erwidert:
Ich werde gewinnen oder verlieren.
Wenn ich gewinne, zahle ich kein Honorar (wegen des Prozeßausganges).
Wenn ich verliere, zahle ich kein Honorar (wegen des Vertrages).
---------------------------------------------------------------------
(Gleichgültig, ob ich gewinne oder verliere,) ich zahle kein Honorar.


Hier führt die gleiche Ausgangsalternative logisch entwickelt zu einem Widerspruch. Zugleich ist es unmöglich, der Ausgangsalternative auszuweichen: Bei streitiger Entscheidung gibt es außer Prozeßgewinn oder Prozeßverlust keine dritte Möglichkeit. Man wird daher wohl annehmen müssen, daß das besondere Verhängnis, das sich im Wege der logischen Schlußfolgerung offenbart, schon in dem vertrackten Vertrag zwischen Lehrer Protagoras und Schüler Euatlos angelegt ist.


Man begegnet oft der Annahme, Beispiele wie das »Lehrer-Schüler-Paradox« könnten allenfalls das Ergebnis »logischen« Problematisierens sein, ansonsten aber im Alltag nicht vorkommen. WATZLAWICK hat demgegenüber die Aufmerksamkeit darauf gerichtet, daß dilemmatische Situationen dieser Art real als bedrohlich empfunden werden können und dann u. U. zu psychischen Störungen verschiedenster Art führen (8). Zur Veranschaulichung denke man an das vielleicht manchmal nicht völlig im Bereich des Scherzhaften angesiedelte Beispiel der Ehefrau, die ihrem Mann zum Vorwurf macht, ihr nie spontan Blumen mitzubringen. Damit wird der Ehemann in das folgende (unauflösliche?) Dilemma versetzt:

Er bringt Blumen mit oder er bringt keine Blumen mit.
Wenn er Blumen mitbringt, bringt er nicht spontan Blumen mit
(da im Anschluß an die Aufforderung die Spontaneität fehlt).
Wenn er keine Blumen mitbringt, bringt er nicht spontan
Blumen (da er überhaupt keine mitbringt).
------------------------------------------------------------
(Gleichgültig, ob er Blumen mitbringt oder nicht,) er bringt
nicht spontan Blumen mit.


Was der in der geschilderten Weise angesprochene Ehemann also auch tut: Er kann der Aufforderung seiner Frau nicht nachkommen. Und es fällt sehr schwer, sich eine dritte Möglichkeit zwischen dem Mitbringen und dem Nicht-Mitbringen von Blumen vorzustellen ...

Die Allgegenwärtigkeit der dilemmatischen Struktur kann die Politik nicht aussparen. In der vor etwa zehn Jahren aktuellen Diskussion um die Frage der Redaktionsstatute argumentierte der seinerzeitige Regierungssprecher folgendermaßen (9):

Entweder das Verhältnis Redaktion—Verleger ist in Ordnung,
oder es ist nicht in Ordnung.

Wenn das Verhältnis Redaktion—Verleger in Ordnung ist,
braucht man kein Statut.

Wenn das Verhältnis Redaktion—Verleger nicht in Ordnung ist,
hilft das Statut auch nicht.


Der Pressenotiz nach blieb damals die Schlußfolgerung unausgesprochen. Aber sie sollte sich wohl in folgender Form als »logisch« aufdrängen:


(Gleichgültig, ob das Verhältnis Redaktion - Verleger
in Ordnung ist oder nicht,)
braucht man kein Statut oder das Statut hilft auch nicht.


Soll man hier sagen »das ist logisch«? Oder ist ein Argument dieser Art eher rhetorisch?


Wie immer es sich nun mit Logik oder Rhetorik verhält, das Bewußtsein dafür, daß einfache oder komplizierte Dilemma (»Probleme«) Bedeutung für die persönliche Lebensführung haben, wächst und das sogar in Kriminalromanen. Wenn dann noch dazu, wie in »Thus was Adonis murdered« von SARAH CAUDWELL, ein Rechtshistoriker die Ermittlungen führt, sind alle Voraussetzungen für eine logikgerechte Einbettung des Dilemmas gegeben. In diesem Kriminalroman steht die Fachanwältin für Steuerrecht Julia vor der für sie praktisch wichtigen Frage, ob sie in eine nähere Beziehung zu Ned ( Adonis) treten kann, ohne den anscheinend mit Ned affektiv verbundenen Kenneth zu verletzen. Sie entscheidet diese Frage guter Juristentradition nach durch streng logische Überlegungen und (was uns hier interessiert) in der Form eines komplizierteren, gestaffelten Dilemmas, das sich in freier Übersetzung folgendermaßen wiedergeben läßt (10):


«(1) Kenneth hat eine tiefe und ehrliche Zuneigung zu Ned,
oder er hat sie nicht.

(2) Wenn er keine solche Zuneigung hat, wird mein Annäherungsversuch
an Ned ihm keine Enttäuschung bereiten.

(3) Wenn er eine solche Zuneigung hat, dann ist die Zuneigung
gegenseitig oder nicht.

(4) Wenn die Zuneigung gegenseitig ist, wird Ned meinen
Annäherungsversuch zurückweisen und dieser wird folglich keine
Enttäuschung für Kenneth bewirken.

(5) Wenn die Zuneigung nicht gegenseitig ist, wird Kenneth eine
Enttäuschung erleben, gleichgültig, ob ich einen
Annäherungsversuch an Ned unternehme oder nicht.

(6) Wenn Kenneth eine Enttäuschung erlebt, gleichgültig, ob ich
einen Annäherungsversuch an Ned unternehme oder nicht, kann
mein Annäherungsversuch an Ned nicht die Ursache für eine
Enttäuschung von Kenneth sein.

(7) Es ist deshalb aus logischen Gründen ausgeschlossen, daß mein
Annäherungsversuch an Ned für Kenneth eine Enttäuschung
bewirken kann.«


Es leuchtet ein, daß Julia diese schwierige Überlegung anschließend als ein »Beispiel für die Nützlichkeit der Logik« einstuft, »ohne die ich möglicherweise zu einer gänzlich anderen Schlußfolgerung gekommen wäre« (11). Ob auf diese Weise die Logik einen Platz im Reich der Gefühle erhalten soll, bleibt auf Grund der feinen Ironie gänzlich in der Schwebe. Aber das ist ein anderes logisches Problem: Das der sich selbst aufhebenden Sätze.


Wir sind nunmehr genügend vorbereitet, um den ebenfalls als kunstvolles Dilemma mit ganz ähnlicher Struktur konstruierten Nachweis von BORCK ausreichend zu würdigen, wonach das geltende Wettbewerbsrecht Werbeangaben als prinzipiell unzulässig einstuft (12). BORCK geht davon aus, daß Werbeangaben Informationen enthalten (»im Grenzfall wenigstens 1 bit«) und daß dann gilt:


«Entweder trifft jedes einzelne bit an hierin enthaltener Information zu oder nicht; tertium non datur.
a) Trifft nicht jedes bit an Informationen zu, dann ist die Werbeangabe schon dieserhalb als insgesamt irreführend unzulässig.
b) Trifft aber jedes bit an Information zu, dann gibt es wiederum
zwei Möglichkeiten:

2. Zutreffende Informationen sind nämlich entweder «trivial«
oder aber «nicht trivial«: tertium non datur.«
(13)

Wenn eine Werbeangabe nun »trivial« ist, also »nur mitteilt, was ohnehin selbstverständlich ist«, ist sie als »Werbung mit Selbstverständlichkeiten« unzulässig (14).


Wenn die Werbeangaben hingegen »nicht trivial« sind, d.h. mitteilen, »was keineswegs selbstverständlich ist«, erwecken sie den Eindruck, daß nicht alle Mitbewerber zur gleichen Leistung in der Lage sind. Wegen der sich daraus ergebenden pauschalen Herabsetzung der Mitbewerber sind deshalb auch derartige »nicht triviale« Werbeangaben unzulässig (15).


Damit ist, wie BORCK bemerkt, das »Dilemma« perfekt:
man kann ihm auch nicht entgehen, indem man die weniger leistungsfähigen Mitbewerber namentlich benennt. Denn das wäre als vergleichende Werbung ebenfalls unzulässig (16).


Mit dem letzten Beispiel sind hoffentlich die praktischen Seiten der Logik endgültig sichtbar geworden.


Wenn man einmal mit dem »Dilemma« vertraut ist, kann man es überall verwenden, auch bei der Lektüre der »Zeitschrift für Rechtspolitik«. Dort war vor nicht gar so langer Zeit in der Leserbriefspalte folgendes zu lesen:


»Nicht in der Logik, wohl aber in der sozialen Wirklichkeit gibt
es immer mehr als zwei Alternativen«
(17).

Es sei dahingestellt, ob das für die Logik gilt. Jedenfalls trifft es auf die soziale Wirklichkeit nicht zu. Denn dort gibt es manchmal nur zwei Alternativen, wie z. B. jetzt für mich:


Entweder ich höre auf oder ich höre nicht auf.
Tertium non datur.

Ich wähle die erste Möglichkeit.



  F u ß n o t e n


* Wer bei einer Geburtstagsfeier in mehr oder weniger improvisierter Weise etwas gesagt hat, befindet sich in einer ungünstigeren Lage als der Zauberer, der bei gleicher Gelegenheit gezaubert hat. Im Unterschied zum Zauberer kann er nämlich dem freundlichen Drängen nicht ausweichen, für eine Veröffentlichung etwas zu Papier zu bringen. Dabei stellt sich dann schnell heraus, daß die spontane Heiterkeit eines Augenblicks sich der schriftlichen Fixierung entzieht. Es bleibt daher nichts anderes übrig, als vom Text an die Erinnerung des (geneigten) Lesers zu appellieren.

(1) B. Wieczorek, Zivilprozeßordnung, 1957, § 128 B II 1 c.

(2) U. Cramer, Primae Lineae Logicae Juridicae ..., in: ders., Supplementum Opusculorum Suorum, 1757.


(3) Der »Kettenschluß« von Kramer hat in symbolischer Notation folgende Form:
p -> q
q -> r
r -> s
p -> s
Es genügt hier, dem Pfeil zu folgen, um zu erkennen, daß (bildlich gesprochen) die Kette vom p bis zu s reicht.

(4) FAZ (Zeitung für Frankfurt), 9. 8. 1984, S. 25.

(5) M. Wolf, La bosse des maths est-elle une maladie mentale?, 1984, S. 7.

(6) Vgl. zur Syllogistik und zum »modus Barbara« Lewis Carroll, Symbolic Logic, Part I: Elementary, 1896.

(7) So der Titel des bekannten Buches von J. Rödig (1969).

(8) Vgl. P. Watzlawick/J. H. Beavin/D. D. Jackson, Menschliche Kommunikation - Formen, Störungen, Paradoxien, 3. Aufl., S. 171 - 238 (und S. 184 zu den Paradoxien vom Typ »sei spontan!«).

(9) Wiesbadener Kurier, 14. 11. 73, S. 2.

(10) S. Caudwell, Thus was Adonis murdered, S. 65.

(11) A.a.O. (Fn. 10).

(12) H.-G. Borck, Kunstfehler und kalkulierte Risiken beim Umgang mit Unterlassungsverfügungen, WPR 1979, S. 274 - 278.

(13) A. a. 0. (Fn. 12), S. 274; mit wettbewerbsrechtlichen Einzelheiten.

(14) A.a.O. (Fn. 13).

(15) A.a.O. (Fn. 13).

(16) A.a.O. (Fn. 13).

(17) H. P. Bull, ZRP 1982, S. 56.

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