Eule
S a a r b r ü c k e r   B i b l i o t h e k

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Erstveröffentlichung:


Maximilian Herberger

Die Staats- und Gesellschaftstheorie des Freiherrn vom Stein*1







G l i e d e r u n g

1. Stein und die Philosophie seiner Zeit
2. Die Methode der Staats- und Gesellschaftstheorie
2.1. Die Suche nach Erfahrungswissen zwischen 
     "Besonderem" und "Allgemeinem" 2.2. Kausale Erklärungen und Prognosen 2.3. Die Denkform der Zweck-Mittel-Rationalität 2.4. Der Aufbau allgemeinerer Theorien 2.5. Statistik in praktischer Absicht 2.6. Geschichte als normativer Horizont 3. Der Aufbau von Staat und Gesellschaft 3.1. Der Gedanke der Erziehung in Freiheit 3.2. Die Grundrechte und ihre Sicherung
     durch die Justiz 3.3. Die neu verstandenen Stände als
     freiheitssichernde Zwischengewalten 4. Steins politische Ethik






1. Stein und die Philosophie seiner Zeit

"Baron Karl vom Stein was in no sense a political thinker."2 Mit dieser lapidaren Feststellung faßt Leonhard K r i e g e r die Ansicht eines Teils der Stein-Forschung zusammen. Träfe das Urteil zu, so müßte natürlich der Versuch erfolglos bleiben, Methode und Ergebnisse der Staats- und Gesellschaftstheorie des Freiherrn vom Stein zu beschreiben.

In der Regel wird die These von der durchaus unphilosophischen Natur Steins3 auf die Tatsache gestützt, daß Stein kein umfassendes theoretisches Werk geschrieben hat. Diese Beobachtung ist unbestreitbar; selbst eine so vergleichsweise grundsätzlich gemeinte Arbeit wie die "Nassauer Denkschrift" scheint durch ihren Titel den bloßen Behördenpraktiker zu verraten: "Über die zweckmäßige Bildung der obersten und der Provinzial-, Finanz- und Polizei-Behörden in der preußischen Monarchie". 4 Und dem kurzen "Politischen Testament"5 aus Anlaß der zweiten Entlassung steht als letztes in der Führungsspitze des preußischen Staates erarbeitetes Dokument ein Organisationsplan gegenüber, "die veränderte Verfassung der obersten Verwaltungsbehörden in der Preußischen Monarchie betreffend."6 Findet sich einmal eine Ausarbeitung mit ausgeprägt theoretischer Diktion, wie die "Denkschrift die Verfassungsverhältnisse der Lande Jülich, Cleve, Berg und Mark betreffend"7, so erfährt man von Stein, daß er zwar mit dem Inhalt einverstanden sei, die Anwendung des metaphysischen Firnisses, der Heutzutage zum Effectmachen gefordert wird8, aber auf Schlosser zurückgehe.

Muß es also bei der Einschätzung bleiben, daß Stein ein praktischer Politiker und Pragmatiker war, dem jedes theoriegeleitete Nachdenken über seine eigene Tätigkeit fernlag? Steins enger Mitarbeiter Theodor von Schön neigte auf der einen Seite einer solchen Sicht zu. Ihn befremdete es, wenn Stein vor wichtigen Entscheidungen seinen historischen Notizenkram9 nach Präzedenzfällen durchsuchte. Andererseits wollte er Stein ein eigenartig persönlich geprägtes Verhältnis zur Philosophie doch nicht absprechen: Gegen Philosophie hatte er, obgleich er ein philosophischer Kopf war, einen eingewurzelten Haß.10 Eine merkwürdig paradoxe Einsicht: Ein philosophischer Kopf mit einem Haß gegen Philosophie. Allerdings stößt man öfter auf diese scheinbare Zerrissenheit Steins, wenn es um die theoretische Fundierung der Praxis geht. So berichtet der Philosophie-Professor Steffens aus einem 1513 mit Stein geführten Gespräch, das hauptsächlich um diese Frage kreiste, folgende Äußerung: Eure Konstruktionen a priori ... sind leere Worte, armseliges Schulgeschwätz und recht eigentlich dazu gemacht, alle Taten zu lähmen. 11 Das klingt nach Philosophiefremdheit oder gar Philosophiefeindschaft aus der Perspektive des tätigen Politikers. Und doch schloß Stein dieses Gespräch mit der Frage: Am Ende ... bin ich selbst ein unpraktischer Grübler, der sich über das Grübeln in unnütze Grübeleien verliert.12 Hier scheint wieder eher jemand zu sprechen, der theoretisches Denken zwar kennt, aber an dessen gefährlichen Konsequenzen leidet.

Es dürfte also nicht von vornherein aussichtslos sein, den verstreuten Andeutungen Steins zu Fragen der Theorie nachzugehen und zu prüfen, ob sich daraus eine durchdachte, innerlich zusammenhängende und widerspruchsfreie Position erschließen läßt.13

Im Denken Steins sind oft zwei Fragestellungen miteinander verschränkt, die man im Interesse einer übersichtlichen Darstellung trennen sollte: Die Frage nämlich, welcher Methode sich eine Staats- und Gesellschaftstheorie bedienen sollte, und die Frage, zu welchen Ergebnissen die Anwendung dieser Methode führt.

2. Die Methode der Staats- und Gesellschaftstheorie

    2.1 Die Suche nach Erfahrungswissen zwischen "Besonderem" und "Allgemeinem"

Zum Verständnis dieses Fragenkomplexes wird allgemein einer Äußerung aus dem Jahre 1796 besondere Bedeutung beigemessen. Stein schreibt dort an Prinz Louis Ferdinand: Es ist gewiß, daß der philosophische Geist, welcher die Beziehungen verallgemeinert und die vereinzelten Gegenstände unter einem Grundsatz oder einem höheren Gesichtspunkt zusammenfaßt, diejenige Art des Geistes ist, welche den großen Mann bezeichnet.14

Nach diesem Prinzip wäre also die Gewinnung der Einzelinformationen mit einem anderen Arbeitsschritt verbunden, in dem leitende Prinzipien und übergreifende Zusammenhänge herausgearbeitet werden sollen. Stein sah einen entscheidenden Fehler darin, auf der ersten Stufe stehenzubleiben und sich im Einzelnen zu verlieren; so besaß seiner Ansicht nach Beyme richtige Beurteilung des einzelnen, Gewandtheit in dessen Behandlung, beides durch Rechtspflege entwickelt, keinen Überblick und allgemeine große Ansichten. 15 Dieselben Bezugspunkte bestimmen auch eine Charakteristik Friedrich Wilhelms III: Er unterlag aber den Situationen, in die ihn sein Schicksal versetzte, weil es ihm an Tätigkeit und Kraft des Geistes gebrach, die einen großen Reichtum von Ideen und Hilfsmitteln sammelt, ordnet und sich zu allgemeinen Ansichten erhebt, an der Lebendigkeit und Festigkeit des Willens, die Entschlüsse faßt, ins Leben bringt und mit unerschütterlicher Beharrlichkeit verfolgt. Er begreift und beurteilt das einzelne richtig, es fehlt ihm aber an Überblick, ihm ist das Leben eine Reihe zusammen gestellter oder aufeinanderfolgender Lagen, nicht eine Verkettung von Wirkungen und Ursachen, er trug keine Ideale hinein, die er zu realisieren strebte.16

Die genaue Kenntnis des Einzelnen wird also dann zur Gefahr, wenn sich das Wissen darin erschöpft. Es gibt aber auch das andere Extrem, das Stein fast für gefährlicher hält; ein Denken nämlich, das unter Absehen von aller Erfahrung gänzlich in begriffliche Deduktionen ausweicht: Die Freunde der abstrakten Prinzipien sollten sich an das Schicksal eines ihrer Oberalten, des Abbé Sieyès, des großen politischen Maschinenmeisters, erinnern und überhaupt bedenken, daß der Staat nicht ein Aggregat von mathematischen Figuren ist.17 Das Schlüsselwort für alle, die ohne Rücksicht auf Erfahrung frei gestaltend politische Systeme entwerfen, ist das der Metapolitik. 18 Diese Bezeichnung dürfte in loser Assoziation zu "Metaphysik" gebildet und auf alle diejenigen gemünzt sein, die auf Erfahrung gegründetes Wissen für zweitrangig halten und sich statt dessen durch die innere Konsequenz ihrer frei gestalteten Lehrgebäude mitreißen lassen. Dieser Wut metapolitischer Systeme gilt Steins ganze Abneigung, weil er ihr maschinenmäßiges Funktionieren für freiheitsgefährdend hält.19

Man erkennt aus den bisher untersuchten Äußerungen, daß Stein zwar genaue Kenntnis der einzelnen Tatsachen und allgemeinere Überlegungen über dieses Faktenmaterial für wichtig hält, daß er aber einen Irrweg darin sieht, das eine auf Kosten des anderen zu vernachlässigen. Vielmehr müssen beide Arbeitsweisen sich korrigieren und ergänzen: Man hätte Schön die Leitung der Finanzen anvertrauen sollen, er besitzt sehr gründliche Kenntnisse von dieser Wissenschaft, hat eine seltene Fertigkeit im Kombinieren der Zahlen und ihrer Bearbeitung, und sie sichern ihn wieder gegen die Verirrungen, wozu ihn sein Hang zu systematisieren verleitet. 20 Was hier von der Finanzwissenschaft gesagt wird, gilt gleichermaßen vom juristischen und historischen Studium, das Stein aus eigener Erfahrung kennt: Beide sichern gegen das metapolitische Theoretisieren oder das Buhlen mit der im Moment herrschenden öffentlichen Meinung.21

Was so ganz allgemein für das Verhältnis von Theorie und Praxis als Leitlinie gewonnen ist, das wird auf die Gesetzgebung angewendet: Es wird die Gesetzgebung einer Nation mangelhaft bleiben, wenn sie sich allein aus den Ansichten der Geschäftsleute oder der Gelehrten bildet. Die ersteren sind mit der Besorgung des einzelnen so sehr überladen, daß sie die Übersicht des Ganzen verlieren, und so sehr an das Erlernte, Positive gewöhnt, daß sie allem Fortschreiten abgeneigt sind, die letzteren sind vom wirklichen Geschäftsleben so sehr entfernt, um etwas Nützliches leisten zu können. 22 Vor dem Hintergrund dieser Abgrenzung gegenüber übertriebener Einzelwisserei und nicht an Erfahrung gebundenem Theoretisieren läßt sich nun auch positiv die Vorstellung beschreiben, die Stein von einer sinnvollen Arbeitsweise des praktischen Politikers hatte.

    2.2. Kausale Erklärungen und Prognosen

Da die Kenntnis der Tatsachen dem verallgemeinernden Nachdenken voranzugehen hat, steht am Anfang die Suche nach Erfahrungswissen. Dieser praktisch-empirische Zug tritt bei fast allen Arbeiten Steins überdeutlich zutage, und er hat ja auch maßgeblich dazu beigetragen, Stein als bloßen Praktiker zu charakterisieren. Hinter dieser Methode steht aber im Anschluß an Francis Bacon das Programm, Wissen auf Erfahrung zu gründen:

Baco von Verulam (geb. 1561), merkwürdig als Staatsmann und Gelehrter, drang darauf, die wissenschaftliche Erkenntnis auf Erfahrung und Beobachtung zu gründen und sie von allem unnützen Wortkram zu läutern.23 Dieser Zielsetzung entsprechend wählt Stein zwei Erfahrungsfelder: Die Geschichte und die Gesellschaft seiner Zeit.

Wie wichtig für Stein die Geschichte war, zeigt schon sein historisches "Notizen-Magazin", das auf Schön so befremdlich wirkte.24 Aber man ist nicht auf dieses Indiz angewiesen: Von der starken Beschäftigung mit der Geschichte schon in den ersten Göttinger Studienjahren bis zur Gründung der "Monumenta" ist ein ständiger Umgang mit historischen Fragestellungen zu bemerken. Noch die Zeit der Verbannung in Böhmen benutzt Stein, um eine französische Geschichte zu schreiben.

Nun kann natürlich Beschäftigung mit Geschichte einem reinen Sammlerinteresse entspringen und lediglich zu antiquarischem Vielwissen führen. Stein war bestrebt, dieser deutlich gesehenen Gefahr auszuweichen: Allerdings muß die Geschichte zu etwas Höherem führen, als zur Wisserei von Erscheinungen, in die hunderttausend Hände auf eine verworrene Art eingewirkt haben, wir müssen die von Ihnen aufgestellten Ideen darin erkennen, und hätte ich das Element einer höheren Weltregierung, das Sie nur andeuten, noch näher ausgeführt zu sehen gewünscht.25

In letzter Instanz will Stein also aus dem Gang der Geschichte das Wirken einer höheren Weltregierung erschließen. Aber vorauszugehen haben analytische Schritte, die zunächst einmal die aus der Geschichte gewonnenen Einzelinformationen in einen weiteren Zusammenhang stellen. Zuerst gilt es, die Reihe zusammen gestellter oder aufeinanderfolgender Lagen als eine Verkettung von Wirkungen und Ursachen zu begreifen.26 Daß ein Ereignis die Ursache eines anderen Ereignisses ist, kann man aber nur mit Hilfe mindestens einer Gesetzesaussage feststellen, die in der Regel ihrerseits Bestandteil allgemeinerer Theorien ist. 27 Es läßt sich nicht genau feststellen, mit welcher Präzision Stein dieser Sachverhalt bewußt war; seine Argumentation folgt aber über weite Strecken diesem Schema, was beweist, daß er die Anforderungen an eine kausale Erklärung mindestens intuitiv erfaßt hatte.28 Eine Äußerung zur Frage der Verteilung von Grund und Boden ist geeignet, diese These zu verdeutlichen: Eine zweckmäßige Verteilung des Grundeigentums ist eine wesentliche Bedingung der Güte und Dauer einer Verfassung. Gleich verderblich ist die Anhäufung großer Massen in den Händen weniger, wie in England, dem Kirchenstaat, Spanien, und die Zersplitterung in Atome, wie in Frankreich, den Rheinlanden, dem Altwürttembergischen. Aus beidem entsteht eine gefahrdrohende Masse von Proletariern.29

Mit Hilfe einer solchen aus einer sozialgeschichtlichen Analyse hergeleiteten Gesetzesaussage ist eine kausale Erklärung möglich: Wenn Bodenkonzentration oder -zersplitterung zur Entstehung einer Schicht von Proletariern führen (Gesetzesaussage), und es herrschen in einem Land Bodenkonzentration oder -zersplitterung (singuläre Aussage), so entsteht in diesem Land eine Schicht von Proletariern (zu erklärende Tatsache). Daß Stein das Problem bis zu diesem Punkt durchdacht hat, zeigt seine daraus gezogene politische Schlußfolgerung, die er in der Denkschrift "Über die Vererbung und die Zersplitterung der Bauernhöfe in Westfalen" für den dritten westfälischen Provinziallandtag niedergelegt hat. 30 Hier wird zunächst umfangreiches Zahlenmaterial ausgebreitet, das die eben geschilderte Gesetzmäßigkeit belegen soll. Daran schließt sich die Forderung an, die im Großen und Ganzen noch zweckmäßige Verteilung31 des Grundeigentums durch geeignete Maßnahmen (besonders gegen die Zersplitterung im Erbgang) zu erhalten, denn nur so könnten Verstädterung, Übervölkerung und Verarmung aufgehalten werden. Stein sah die Richtigkeit seiner Analyse dadurch bestätigt, daß anderer Ansicht in Bezug auf die Unteilbarkeit der Höfe die Abgeordneten der Kreise Hagen, Iserlohn und Altena waren, "die der Sitz bedeutender Fabriken sind, deren Interesse das landwirtschaftliche untergeordnet ist32.

Allgemeine Gesetzmäßigkeiten ermöglichen aber nicht nur kausale Erklärungen, sondern auch Prognosen.33 Wenn es zutrifft, daß Bodenkonzentration und -zersplitterung zur Entstehung einer Schicht von Proletariern führen, so läßt sich aus der Beobachtung dieser Entwicklung auf dem Bodenmarkt eben auch die entsprechende Voraussage ableiten. Stein stellt nicht nur die entsprechende Prognose; er sieht auch Kräfte am Werk, die in dieser Richtung arbeiten, und verbindet diese Ansicht mit einer für seine Verfassungstheorie charakteristischen Wertung: In der hierdurch entstehenden allmählichen Bildung großer Massen eigentumslos, vereinzelt stehenden Gesindels, in der Auflösung aller Art von politischen Korporationen und dem Zerstören alles Gemeingeists, wo der Thron allein steht zwischen einem an ihm und dem Ganzen kein Interesse nehmenden Haufen, darin liegt das wahre demokratische Prinzip, das unseren büralistisch zentralisierenden Regierungen gefährlicher ist als alle Narrheiten der Studenten, Gymnasiasten, Professoren und Rektoren oder wie die politisierenden, nebulierenden Schulfüchse heißen, gegen die die geheimen Polizeien und das Mainzer Inquisitionstribunal Kreuzhiebe in die Luft macht. 34 Bemerkenswert ist an dieser Äußerung vor allem, daß Stein außerordentliches Gespür für die längerfristigen Auswirkungen sozialer Umschichtungen zeigt und von daher in der Lage ist, im Gegensatz zu den meisten Regierungen seiner Zeit die Unruhen an den Universitäten als vergleichsweise vordergründig einzuordnen. Seine Methode der Geschichtsbetrachtung führt ihn also zum Verständnis tieferer Gründe gesellschaftlichen Wandels.35

    2.3. Die Denkform der Zweck-Mittel-Rationalität

Wer über allgemeine Gesetze zur Erklärung und Prognose sozialer Erscheinungen kommt, wird sich - vor allem als praktischer Staatsmann - auch einer Untersuchung der Beziehungen von Zwecken und Mitteln zuwenden; denn mit Hilfe einer Gesetzesaussage ist man besser als vorher in der Lage, die zur Erreichung bestimmter Zwecke geeigneten Mittel auszuwählen. Auch wenn Stein nicht über eine voll ausgearbeitete Konzeption von Zweck-Mittel-Rationalität verfügte, beruhen doch viele seiner Argumentationszusammenhänge auf einer Vorstellung dieser Art, deren Grundzüge ja auch der praktischen Vernunft unmittelbar einleuchten. Das läßt sich an einem Beispiel verdeutlichen, das einen zentralen Gedanken Steins betrifft. Das Komitee der ostpreußischen Stände hatte wegen der Aufhebung der Erbuntertänigkeit eine Entschädigung in Form von Landabgaben gefordert. Ein tragender Passus der Entgegnung Steins lautete:

Hätte man ihnen (sc. den Gutsherren) aber auch wegen der vermeinten Notwendigkeit, Gespanne, Gesinde, Tagelohn, Gebäude zu vermehren, eine Entschädigung schaffen wollen, so konnte solches nicht zweckwidriger geschehen als durch die Erlaubnis, ihre Vorwerksländereien zu vergrößern, weil sie alsdann noch mehr Angespann, Gesinde usw. bedurft haben würden. Die Kostenvermehrung ist aber auch nur eingebildet, da ein freier und im Verhältnis seiner Arbeit gut bezahlter Arbeiter bessere und kräftigere Dienste leistet als ein verdrossener schlecht bezahlter Erbuntertan. Was man mehr bezahlt, spart man reichlich an der Zahl der Arbeiter, und nur da ist eine blühende Ackerkultur, wo der Boden von freien Menschen bearbeitet wird.36

Der Gedankengang gliedert sich deutlich in zwei Abschnitte. Zuerst wird der von den Ständen angestrebte Zweck (Entschädigung) hypothetisch akzeptiert und dann bewiesen, daß das vorgeschlagene Mittel (Vergrößerung des Grundbesitzes) zweckwidrig ist; denn diese Maßnahme würde bei ordnungsmäßiger Bewirtschaftung eine Kostensteigerung mit sich bringen und so nur scheinbar eine Entschädigung sein. Im zweiten Teil wird dargelegt, daß die Aufhebung der Erbuntertänigkeit gar nicht zu einem Schaden in Form von Kostensteigerungen führt, daß vielmehr die Aufhebung der Erbuntertänigkeit gerade ein Mittel zur Kostensenkung ist. Der auch von den Ständen akzeptierte Zweck (Kostensenkung) wird also am besten durch das von der Regierung angewendete Mittel (Abschaffung der Erbuntertänigkeit) erreicht. Diesen Gedankengang stützt Stein auf einen Erfahrungssatz, den er bei seiner Tätigkeit in Westfalen gewonnen hatte. Dort brachte die Aufhebung der Wegfrohnden die Ergebnisse, die er hier den ostpreußischen Gutsherren entgegenhält.37

Das Beispiel zeigt, daß das Prüfen von Zweck-Mittel-Beziehungen eine Stein geläufige Arbeitsweise ist. Mit Hilfe dieses Schemas läßt sich auch eine Erklärung der Schwankungen im Denken Steins versuchen; das erscheint notwendig, weil gerade solche Wandlungen scheinbar der Annahme einer widerspruchsfreien Theorie widersprechen. Tatsächlich oszillieren die Überlegungen Steins in vielen Punkten, und man hat versucht, eine Entwicklungslinie von mehr "reformerischen" zu eher "restaurativen" Gedankengängen zu ziehen. 38 Ohne die Fülle des dafür beigebrachten Belegmaterials bezweifeln zu wollen, drängt sich doch die Frage auf, wie sich dieser Befund mit Steins fester Zuversicht verträgt, sich selber treu geblieben zu sein.39 Will man nicht unterstellen, daß Stein sich über seine eigene Entwicklung getäuscht hat, so könnte eine Erklärung in der Denkform der Zweck-Mittel-Rationalität gefunden werden; denn es liegt auf der Hand, daß das Festhalten an bestimmten Zwecken es nicht ausschließt, gegebenenfalls andere Mittel auszuwählen, ohne daß Grundanschauungen verändert werden müßten40. Eine frühe programmatische Äußerung Steins deutet in diese Richtung. Er faßt dort die Ziele der Justizreform des Großkanzlers von Carmer zusammen und fährt dann fort: Der Mann fand Hindernisse, er stieß um, stieß an, wich aus, modificierte und zwar in wesentlichen Sachen und erreichte dennoch seine Absicht, der Schreibsucht der Advokaten und ihrer Geldgierde Grenzen zu setzen und dem Richter mehr Einfluß auf die Untersuchung zu geben. Setzen sie an die Stelle des Großkanzlers, vor dessen Genius ich mich beuge, mich, statt der verwickelten weitläufigen Maschine des preu&s zlig;ischen Justizwesens die Direction eines kleinen, unbedeutenden Bergamts, das in einem dunklen Winkel von Westphalen sein Wesen treibt, und machen Sie die Anwendung.41 Deutlich kommt hier zum Ausdruck, daß Stein entschlossen ist, die unverändert bleibenden Ziele unter Umständen auch auf gewundenen Wegen anzusteuern.42

Diese Erklärungshypothese hält auch der Überprüfung an einer der auf den ersten Blick auffälligsten Wandlungen im Steinschen Denken stand, nämlich seiner Einstellung zur Wahl nach Bezirken, Zünften (bzw. Ständen) oder Parteien. Es geht dabei um die Frage, wie Gruppen von Wählern zu bilden sind, die dann Repräsentanten in bestimmte Gremien entsenden. (Davon zu unterscheiden ist das Problem eines Zensus, der die Voraussetzung dafür bildet, überhaupt Wähler zu werden). Die Städteordnung von 1805 sah in § 72 eine Wahl nach Bezirken vor,43 ein territoriales Einteilungsprinzip war damit an die Stelle anderer Zuordnungskriterien getreten. 1825 erblickte Stein dann Vorteile im Wählen nach Klassen vor dem Wählen nach Bezirken mit der Begründung: Identität der Erziehung, Beschäftigung, des Lebenszwecks gibt mannigfaltige Berührungen, Übereinstimmung in Ansichten, Interessen. 44 1825 schließlich meinte Stein: Die Spaltung in politische Parteien, in Liberale, Konstitutionelle, Monarchisten und in ihre Unterabteilungen und Schattierungen, ist weniger nachteilig als Trennung in Stände, wo Adelsstolz, Bürgerneid, Bauernplumpheit gegeneinander auftreten mit aller Bitterkeit und Verblendung der gekränkten Eigenliebe und einer den anderen niederzutreten sucht ohne alle Rücksicht auf Erhaltung der Verfassung und hierzu die Unterstützung der Bürokratie zu erlangen strebt.45 Hier liegt ein Anschauungswandel vor. Und doch ließe sich diese Beobachtung präziser formulieren, wenn man davon ausgehen könnte, daß Bezirke, Zünfte, Stände und Parteien im Denken Steins nur "Mittel zum Zweck" waren. Für eine solche Interpretation spricht die der dritten Äußerung beigefügte Erläuterung: Die Geschichte lehrt, daß in allen Ländern, wo der Kampf zwischen den Ständen begann, zwischen Adel, Gemeinden, z. B. in Spanien, Frankreich und Deutschland, die allgemeine Freiheit unterging und daß sie sich nur da ausbildete, wo Einigkeit unter den Ständen bestand, in England.46 Die Stände - und das dürfte gleichermaßen für Zünfte und Partein gelten - müssen sich also daran messen lassen, inwieweit sie die "allgemeine Freiheit" fördern. Dieser Leitwert bleibt konstant, aber Stein läßt diejenigen Gruppen fallen, die der allgemeinen Freiheit schaden; seine Arbeitsweise gewinnt damit jenen vorsichtig-tastenden Charakter, mit dem die zur Erreichung der obersten politischen Leitwerte geeigneten Maßnahmen erprobt werden.

    2.4. Der Aufbau allgemeinerer Theorien

Die Aussagen über Gesetzmäßigkeiten, mit denen Ereignisse erklärt, Prognosen aufgestellt und Zweck-Mittel-Beziehungen untersucht werden, lassen sich auf einer noch allgemeineren Stufe zu Theorien zusammenfassen. Daß Stein auch in dieser Richtung Versuche unternommen hat, zeigt seine "Geschichte des Zeitraums von 1789-1799", wo er sich bemüht, die Ursachen der französischen Revolution aufzuklären. Er formuliert eingangs seine die Erklärung leitende Theorie so: Große Weltbegebenheiten finden ihre Entstehung in dem Geist der Zeit und erhalten ihre nähere Richtung durch große Männer und durch zufällige Ereignisse, die in sie eingreifen und mit ihnen zusammentreffen, und auch die Französische Revolution ist ein Werk des Zeitgeistes, der Individualität der handelnden Personen, mancher unberechenbarer Ereignisse.47

Mancher heutige Betrachter könnte dazu neigen, den Inhalt dieser Theorie als sehr einfach zu empfinden. Das darf aber nicht dazu führen, die methodische Anstrengung zu übersehen, die sich in dem Versuch ausspricht, auf ein höheres Abstraktionsniveau zu gelangen. Außerdem gewinnt die theoretische Kurzformel einige zusätzliche Konturen, wenn man weitere Erläuterungen Steins mit heranzieht.

Der an erster Stelle genannte Zeitgeist ist keine naturwüchsige Größe, die sich der Beeinflussung entzieht; vielmehr kommt es darauf an, "den Zeitgeist zweckmäßig vorzubereiten, zu leiten, welches hauptsächlich denjenigen obliegt, die die Erziehung und literarischen Anstalten einer Nation leiten.48 So glaubt Stein auch, in Frankreich eine Gruppe ausmachen zu können, die den öffentlichen Geist der Nation49 so geprägt hat, daß er zur Revolution disponiert war: Die Gelehrten und Philosophen. Deren Vorgehen beurteilt er äußerst kritisch: Eitle und anfangs nach dem Beifall der durch einen unsittlichen Hof verderbten oberen Stände strebende Gelehrte vereinigten sich, um die christliche Religion zu bestreiten und ihre Lehren und Diener lächerlich zu machen, sie wandten alle literarischen und gesellschaftlichen Ränke mit fanatischem Eifer an, um ihre verderblichen atheistischen Lehren zu verbreiten.50 Allerdings geht der Blick für den sozialen Hintergrund nicht verloren, vor dem diese Philosophen zielstrebig agieren: Vermehrter Wohlstand und die sich verbreitende Masse der Kenntnisse hatten die verschiedenen Klassen der Gesellschaft einander genähert, das Übergewicht der oberen an Macht und Reichtum war gesunken und die Ansprüche der mittleren und unteren auf Gleichsetzung hatten sich verstärkt, und aus dieser Reibung war eine allgemeine Bitterkeit entstanden. 51 Entscheidend aber ist für Stein - und darin liegt durchaus eine theoretische Gewichtung-, wie die Gelehrten auf dieser Klaviatur der sozialen Spannungen spielen: Sie rühmten sich einer zarten Teilnahme an den Leiden der unteren Klassen, erregten aber den Neid gegen die oberen, indem sie mit Übertreibung und Einseitigkeit die Fehler des Hofes, des Adels, der hohen Geistlichkeit darstellten.52 Dem Zeitgeist wird so seine Richtung gegeben, er wird "gemacht"; allerdings ist der Spielraum nicht unbegrenzt, es kommt darauf an, welcher Fundus von Ideen bereitliegt: In einem solchen Augenblick, der die Nation zu großer Reform aufforderte, war die Beschaffenheit der bei ihr herrschenden staatsrechtlichen und staatswirtschaftlichen Ideen von den entscheidensten Folgen. 53

In diesem Spannungsfeld bereiten sich also die großen Weltbegebenheiten vor; es sind dann die großen Männer und zufällige Ereignisse, die ihnen die nähere Richtung geben. Für Stein bemißt sich die historische Größe eines Mannes allein nach dem Ausmaß des historischen Einflusses. So ist ihm selbst der verhaßte Napoleon ein großer Mann: Das Leben Napoleons zeigt einen großen Mann im Genuß des höchsten Glücks, der höchsten Macht, die er mißbraucht, um seine Nation um alle bürgerliche Freiheit zu berauben ... und andere Nationen zu unterjochen.54 Das letzte Element der Formel, die zufälligen Ereignisse, faßt eine Erfahrung zusammen, die sich bei dem Versuch aufdrängt, historische Entwicklungslinien nachzuzeichnen: Jede Maßnahme hat unabsehbare Nebenfolgen; auch das ist ein Grund für Stein, behutsamer Reform den Vorzug vor überstürzter Aktion zu geben. Im Alter sprach Stein dann mit zunehmender Deutlichkeit die Erkenntnis aus, daß auf Erfahrung gegründetes Wissen zwar Unsicherheitsspielräume einschränken, aber nicht ausschalten kann.55

    2.5. Statistik in praktischer Absicht

Neben der Geschichte ist die Gesellschaft seiner Zeit das zweite Gebiet, auf dem Stein um Erfahrungswissen bemüht ist. Das zeigten schon die bisher diskutierten Beispiele: Oft ging dort eine sozialgeschichtliche Betrachtung bruchlos in die Untersuchung der zeitgenössischen sozialen Verhältnisse über. Eine sorgfältige Zusammenstellung von Zahlenmaterial bildet fast immer die Grundlage der von Stein angefertigten Gutachten.56 Das ist deswegen nicht verwunderlich, weil Stein der Statistik eine zentrale Rolle im Prozeß der staatlichen Willensbildung einräumt. Gegenüber dem vorherigen Zustand bildet das eine wichtige Neuerung. Zwar hatte es schon länger Zahlenzusammenstellungen von Universitätsstatistikern gegeben; aber es hing völlig von der Initiative der staatlichen Behörden ab, ob sie davon Gebrauch machen wollten. Auch in der Verwaltung wurden Daten erhoben; es fehlte jedoch an einer zentralen Stelle, die diese Einzelinformationen so aufbereitete, daß sie als Entscheidungsgrundlage für die verantwortlichen Politiker hätten dienen können.57 Weil Stein dieses Dilemma sah, drängte er auf die Errichtung eines zentralen statistischen Büros. Er zog damit die Konsequenz aus den Prinzipien, die er auch bei historischen Untersuchungen anwandte; denn die Analyse von Ursache-Wirkungs-Beziehungen, Prognosen und Prüfung von Zweck-Mittel-Relationen sind für die zeitgenössische Gesellschaft nur möglich, wenn ausreichendes Zahlenmaterial zur Verfügung steht. Stein hat auch hier den Versuch gemacht, zu allgemeineren Theorien vorzustoßen. Allerdings konnte er dabei nicht weiter kommen, als dies der Forschungsstand seiner Zeit zuließ; denn ein Fachwissenschaftler auf statistischem Gebiet war Stein nicht. Aber der Blick für aufschlußreiche Fragestellungen, die er seinen Tabellen abgewann, ist doch beachtlich. So war in der Diskussion um die Unteilbarkeit der Höfe auch das Argument vorgetragen worden, die Länder unter gemeinem Erbrecht - also mit Teilbarkeit - überträfen die Länder ohne Teilbarkeit der Höfe an Sittlichkeit. Stein geht in seinem Gutachten für den Westfälischen Provinziallandtag daran, diese These an der Erfahrung zu überprüfen.58 Als Indikator für die ja nicht direkt zu messende Sittlichkeit wählt er das Verhältnis von nichtehelichen zu ehelichen Geburten. Der Indikator ist der zu messenden Größe sicher nicht adäquat.59 Trotzdem bleibt die teilweise erstaunlich hohe Korrelation zwischen der Teilbarkeit der Höfe und dem Verhältnis ehelicher und nichtehelicher Geburten bemerkenswert;60 ein erklärungsbedürftiger sozialer Tatbestand liegt also vor. Eine noch so hohe Korrelation sagt jedoch über Ursache und Wirkung nichts aus, dazu bedarf es weiterer Untersuchungen. Die von Stein angeführten Zahlen widerlegen somit die These seiner Gegner nicht endgültig, sie begründen aber ernsthafte Zweifel daran, daß die Teilbarkeit der Bauernhöfe die behaupteten positiven Folgen hat. Stein scheint das Bruchstückhafte seiner Analyse gespürt zu haben, denn er deutet noch an, daß neben dem Faktor "Teilbarkeit" auch die Situation der Stadt eine Rolle spielt; die Zahlen weisen nämlich einen signifikanten Unterschied zwischen Stadt und Land auf. Stein verfolgt den Gedanken an dieser Stelle nicht weiter. Man könnte vermuten, daß er dadurch seine Annahme über einen Zusammenhang zwischen Zersplitterung der bäuerlichen Besitztümer und Entstehung einer Schicht von Proletariern bestät igt sah.61

In diesem Beispiel ging es um die Auswertung vorhandenen statistischen Materials. Aber auch Fragen der statistischen Begriffsbildung, die vor der Erhebung von Daten stehen, haben Stein beschäftigt: "Was ist Bauernhof, Bauerngut, gehören hierzu die Dörfer, die Freiflecken, die in die Hände der Bürger und Adligen gekommenen Bauernhöfe, die auf den geteilten Gemeinheiten neu errichteten landwirtschaftlichen Anlagen? Die Frage, was ist Bauernhof, läßt sich zwar nicht mit logischer Schärfe beantworten, so wenig wie die Frage, was ist groß, was ist klein, was ist viel, was ist wenig. Man wird aber für das praktische Leben schon mit dem Satz ausreichen: Bauern sind die in der Gemeinde, Bauernschaft, Dorf genannt, vereint zum vierten Stand gehörigen Grund- und Hausbesitzer. Ackerwirte, so in Städten und Flecken wohnen und ihr Grundeigentum in deren Feldmark liegen haben, sind keine Bauern.62 Stein sieht selbst, daß damit noch nicht die zweckmäßigste Begriffsbildung erreicht ist. Er hat aber ein Problem erkannt und zu lösen versucht, das für die Einschätzung der sozialen Wirkungen der Bodenreform von entscheidender Bedeutung ist. Erst eine Untersuchung des Kgl. Preußischen Statistischen Büros brachte 1865 unter anderem das genau belegte Ergebnis, daß der Begriff der spannfähigen bäuerlichen Nahrung gar keine in allen Landesteilen einheitliche soziale Wirklichkeit bezeichnete. So galten als landesübliches Gespann teils ein bis zwei Pferde, zwei bis drei Ochsen u. U. auch Kühe. Die entsprechende Mindestfläche schwankte zwischen 15 und 70 Morgen.63

Alles in allem erscheint so Stein als ein Staatsmann, der bemüht ist, sein Handeln auf Erfahrung zu gründen, die er teils aus historischem Material, teils aus statistischen Informationen über die Gesellschaft seiner Zeit gewinnt. In der Auswertung dieses Erfahrungswissens kommt er - abhängig von den jeweils vorhandenen Methoden - unterschiedlich weit. Seine Untersuchungen führen jedoch über weite Strecken zur kausalen Erklärung sozialer Erscheinungen, zu Prognosen, zu Zweck-Mittel-rationalen Argumentationen und von da weiter zur ansatzweisen Formulierung allgemeinerer Theorien.64

    2.6. Geschichte als normativer Horizont

Wenn so das Wissen ausreichend auf Erfahrung beruht, hat man aber immer noch keine Handlungsanweisungen gewonnen; was man jeweils tun soll, ist aus dem Zustand der Dinge nicht "ableitbar". Das war auch Stein klar, und hier nimmt die Geschichte für ihn eine zweite Dimension neben der als Erfahrungsfeld an: Er mißt historischen Erkenntnissen einen normativen Charakter bei.

Voraussetzung dafür ist zunächst, daß der Geschichtsbetrachter überhaupt über eigene normative Zielvorstellungen, über Ideale verfügt und diese Kräfte auch in der Geschichte mit am Werk sieht.65 Dazu bedarf es einer gewissen Ausdauer, denn im Laufe der Zeit pflegen sich die Ideale der Wirklichkeit anzunähern, wie Stein einmal bemerkt.66

Einem aufmerksamen Beobachter wird dann aber auch klar, daß die Geschichte eine eigene Würde hat: Voltaire schrieb eine geistreiche Darstellung der Weltgeschichte, vernachlässigte aber historische Treue und beleidigte durch seine zynischen und irreligiösen Spöttereien die Würde der Geschichte.67 Neben den eigenen Idealen des Betrachters ist diese Würde der Geschichte die zweite Voraussetzung, die die Geschichte zur Lehrmeisterin macht.

Stein bleibt jedoch nicht bei der Beschreibung dieser Grundstimmung stehen, mit der man an die Geschichte herantreten soll; vielmehr führt er genauer aus, wie historisches Wissen das Handeln anleiten kann. Zunächst stellt er eine Argumentationsregel auf, nach der die Vergangenheit eine Vernünftigkeitsvermutung für sich hat: Was Geschichte als herkömmlich und von den Vorfahren gebildet und hinterlassen darstellt, das läßt sich aus allgemeinen Vernunftgründen als notwendig zur Erreichung der Zwecke einer verständigen Staatsverfassung dartun.68 Es gilt hier sehr genau auf die Nuance der Formulierung zu achten: Das historisch Gewachsene ist nicht aus sich vernünftig, es läßt sich als notwendig zur Erreichung der Zwecke einer verständigen Staatsverfassung d a r t u n. 69 Die Vermutung ist also widerlegbar; aber Widerlegung und Beweis müssen sich auf rationale Argumentation stützen. Konsequenterweise trifft denjenigen die Beweislast, der für Neuerungen plädiert. Wer als Neuerer auftritt mit dem Anspruch, über das Alte ohne bessere Gründe hinwegschreiten zu dürfen, wird mit Mißtrauen betrachtet: Der wilde Drang der letztvergangenen Jahre hat ebensosehr gelehrt, keinem neues Leben gewinnenden Guten sich abzuschließen, als er gelehrt hat, den Wert des schon vorhandenen dankbar zu fühlen und einer Anmaßung des Besten zu mißtrauen, welche damit beginnt, was eine würdige Vergangenheit zeitgemäß gegründet hat, unbeachtet zu lassen.70

Das historisch Gewachsene ist für Stein auch noch wichtig unter dem Gesichtspunkt geschichtlich sanktionierter Rechtstitel. Diese Überzeugung spricht aus der "Präambel", die Stein der entscheidenden Passage seiner Antwort auf die Eingabe des ostpreußischen Ständekommittees voranstellt: Aus der preußischen Geschichte und der Verfassung überzeugt, daß die Bauernhöfe, sie mochten zu den Domänen oder zu Privatbesitzungen gehören, ursprünglich erblich an die Bauern verliehen waren und daß nur in späteren Zeiten ein tadelhafter Mißbrauch, dem keine Verjährung die gesetzliche Sanktion verschaffen konnte, die Rechte der Bauern unterdrückt und ihr Erbrecht in einen der Willkür des Grundherrn preisgegebenen Zeitbesitz verwandet habe.71 Geschichte führt so zur Erkenntnis des alten Rechts. Allerdings ist lange Dauer wieder nur ein Indiz für die Rechtmäßigkeit, denn unter Umständen gilt es erst, das Geröll langen Mißbrauchs beiseite zu räumen.

Auf diesen Erkenntnissen baut die Reformvorstellung Steins auf, die ganz von dieser normativ akzentuierten Geschichtsbetrachtung geprägt ist: Soll eine Verfassung gebildet werden, so muß sie geschichtlich sein. Wir müssen sie nicht erfinden, wir müssen sie erneuern, ihre Elemente in den ersten Zeiten der Entstehung unseres Volkes aufsuchen und aus diesen sie entwickeln. 72 Stein ist der Überzeugung, daß nur diese Art historischer Fundierung den politischen Schöpfungen Dauer gibt: Verfassungen bilden heißt bei einem alten Volk wie das deutsche ... nicht sie erschaffen, sondern den vorhandenen Zustand der Dinge untersuchen, um eine Regel aufzufinden, die ihn ordnet; und allein dadurch, daß man das Gegenwärtige aus dem Vergangenen entwickelt, kann man ihm eine Dauer in Zukunft versichern, (sonst) erhält die neue Institution ein abenteuerliches Dasein ohne Vergangenheit und ohne Bürgschaft für die Zukunft.73

Ein solches Verhältnis zur Geschichte ist leicht dem voreiligen Mißverständnis ausgesetzt, restaurativ zu sein, das Alte zurückholen zu wollen. Damit aber wäre Stein falsch verstanden, der ausdrücklich für Innovationen eintritt.74 Es sind nicht altehrwürdige Formen, die er bewahren will, sondern es geht um den ursprünglichen Geist: Die Verfassung der Staaten bedarf einer Umformung, da die Einrichtungen veraltert, von ihrem ursprünglichen Geist sich entfernt, und daher teils einer neuen Stählung, Härtung, teils eines Ersatzes bedürfen. 75 Nichts lag Stein so fern wie Starres Kleben am Veralteten;76 die Wiederherstellung des alten Zustandes der Dinge, die denn doch unmöglich ist,77 war selbst im hohen Alter nicht sein Ziel.

Konsequenterweise mündet Steins Reformidee in ein dynamisches Konzept aus. Sein letztes Wort zu dieser Frage bringt das deutlich zum Ausdruck: Es rückt ein neues Geschlecht heran, es drängt sich in alle Kanäle des bürgerlichen Lebens, es bildet sich unter dem Einfluß der neuesten Weltgeschichte, der Zeitungen, der politischen Schriften, es fühlt in sich Jugendkraft, Drang zum Handeln, Ehrgeiz, Habsucht, Neid unter den verschiedenen Ständen beseelen es, religiöse Grundsätze werden durch den Rationalism untergraben. Daß der Funke des politischen Brandes überall glimmt, das zeigt sich in ganz Europa. Ratsam ist es, die Flamme zu leiten, ehe sie zerstörend wirkt78. Diese späte Äußerung Steins klingt wie ein Imperativ für den Politiker: Es gilt, die Triebkräfte der Zeit in aller analytischen Schärfe zu sehen und sie dann in Richtung der eigenen Zielvorstellungen zu lenken, ehe sie das mit in den Abgrund reißen, was man für bewahrenswert hält.

3. Der Aufbau von Staat und Gesellschaft

    3.1. Der Gedanke der Erziehung in Freiheit

Stein hatte also klare, zusammenhängende methodische Vorstellungen. Die volle Tragweite seines Methodenprogramms läßt sich allerdings erst abschätzen, wenn man auch die damit gewonnenen Ergebnisse betrachtet: Die leitenden Vorstellungen über die Gestaltung von Staat und Gesellschaft.79 Diese kreisen um die Frage, wie man den Bürger in Freiheit erziehen könne und wie dementsprechend zugleich erzieherische und freiheitssichernde Institutionen einzurichten seien.

Warum nimmt der Erziehungsgedanke eine solche Schlüsselstellung ein? Steins Antwort lautet, daß nur durch Besserung der Menschen Verfassungen von Dauer begründet werden können: Unsere neueren Publizisten suchen die Vollkommenheit der Staatsverfassung in der gehörigen Organisation der Verfassung selbst, nicht in der Vervollkommnung der Menschen, der Träger der Verfassung. Die mit dem Praktischen des konstitutionellen Lebens innig vertrauten Alten forderten unerläßlich zu seinem Bestehen Religiosität und Sittlichkeit. Der Charakter, das Wollen muß gebildet werden, nicht allein das Wissen.80 Diese Grundidee bringt Stein in Verbindung mit dem Staatszweck, der sich so als Schlüssel zu seinem Verfassungsdenken erweist:81 Denn mir ist der Staat kein Verein zur Hervorbringung und Verarbeitung roher Produkte, sondern sein Zweck ist religiöse, moralische, geistige und körperliche Entwicklung.82 Der Staat ist also eine pädagogische Institution, die ihre Mitglieder erzieht und so selber vollkommener wird.83 Und weil Stein vom Staatszweck her denkt, werden die von ihm vorgeschlagenen Organisationsformen Mittel zur Erreichung dieses Zwecks: Der Zweck (sc. des Staats) ist religiöse, geistige und auch materielle Entwicklung, oder Reichtum, Freiheit ist Mittel zur Erreichung dieses Zwecks.84 Der vorgeschlagene Erziehungsstil ist von Grund auf freiheitlich, wodurch sich dieses Staatsmodell vom reglementierenden Wohlfahrtsstaat des aufgeklärten Absolutismus mit seiner guten Policey abhebt. Zur Veranschaulichung wählt Stein ein Beispiel aus dem Schulleben: So wie die Erfahrung bewiesen, daß nach der Lancesterschen und Bellschen Methode man die Schulknaben selbst, indem man ihnen Ver trauen zeigt, ihre Selbsttätigkeit anspricht, zum Unterricht in den Schulen brauchen und ein Schulmeisterheer ersparen kann, so zeige man uns gleiches Vertrauen, überlasse uns unsere eigenen Angelegenheiten, setze uns den Schulknaben gleich und erspare ein Beamtenheer.85 Damit ist ein Staatsaufbau ausgeschlossen, der die Menschen als Werkzeuge, nicht als Zwecke behandelt.86

Von der Freiheit also erhofft sich Stein den moralischen Fortschritt. Diese Freiheit hat zwei Seiten. Einmal hat jeder Mensch das Recht, persönlich frei, d. h. nicht Leibeigener eines anderen Menschen zu sein. Aus diesem Grund war die Erbuntertänigkeit ungerecht in ihrer Entstehung, und auch die lange Dauer konnte diesen Mißbrauch nicht zu Recht werden lassen. Aus demselben Grund konnte diese Einrichtung auch vom Staat ohne Entschädigung beseitigt werden, da ja nicht ein Recht genommen, sondern Unrecht beseitigt wurde.87 In der Wiederherstellung des ersten Menschenrechts, der persönlichen Freiheit,88 sieht Stein die Hauptbedeutung des Oktober-Edikts, das er das erste Fundamentalgesetz unseres Staates, unseres Habeas-Corpus-Akte89 nennt. Zum anderen soll Freiheit auch im Bereich der politischen Willensbildung herrschen. Stein spricht in diesem Zusammenhang von bürgerlicher und politischer Freiheit90. Hier ist der Einzelne nicht "als Mensch", sondern in seiner Rolle als Staatsbürger betroffen.

    3.2. Die Grundrechte und ihre Sicherung durch die Justiz

Die Unterscheidung beider Freiheitsbereiche ist wichtig, weil Stein einen Raum der persönlichen Freiheit durch Grundrechte für alle Deutschen schützen wollte,91 während er die bürgerliche und politische Freiheit an bestimmte Voraussetzungen knüpfte, vor allem Eigentum bestimmten Umfangs.92 Faßt man verstreute Äußerungen Steins zu den einzelnen Grundrechten zusammen, so ergibt sich ein umfangreicher Grundrechtskatalog.93

Zunächst sollen Eigentum und Erbrecht garantiert sein. Zu den Grundbedingungen der Territorialverfassungen rechnet Stein, daß keine willkürlichen Eingriffe in das Privateigentum weder des einzelnen noch der Kommunitäten, als Städte und andere Korporationen94 mehr stattfinden dürfen. Zum Schutz des Eigentums gehört auch die Freiheit von neuen Abgaben, es sei denn, daß sie von den Ständen bewilligt wurden.95 Die Garantie von Erbrecht und Testierfreiheit taucht zwar nicht in der Liste der Grundrechte auf; Stein hat aber an anderer Stelle seine Ansicht dazu deutlich gemacht.96

Da der Schutz von Freiheit und Eigentum eine so wichtige Rolle im Denken Steins spielt, könnte man dazu neigen, seine Position als typisch für "bürgerliche" Grundrechtsforderungen anzusehen.97 Stein kennt aber soziale Bindungen der verschiedensten Art, was seinem Grundrechtsdenken einen eigenen Charakter gibt. Wie schon dargestellt,98 wandte er sich mit Entschiedenheit gegen die unbeschränkte Teilbarkeit der Bauerngüter. Die Erhaltung der sozialen Einheit "Bauernhof" setzte hier sowohl der unbedingten Freiheit zu verkaufen, als auch der zu testieren Grenzen.99 Hinzu kommt, daß nach der Ansicht Steins Eigentum nicht das Privileg weniger bleiben sollte: Ist Freiheit und Eigentum nur Los der oberen privilegierten Klassen, so muß die Regierung leiten, unterrichten, aufmuntern durch Gesetze, Belohnungen, Lehranstalten, Geldvorschüsse, Reisen.100 Und an anderer Stelle: Zweckmäßige Verteilung des Reichtums durch alle Klassen der bürgerlichen Gesellschaft hat wohltätige Folgen.101 Über das Programm war sich Stein im klaren; aber er stellte früh die zweifelnde Frage, ob es sich denn unter den Bedingungen seiner Zeit verwirklichen ließe: Bildung der unteren Classen und Verbesserung ihres Zustandes scheint mir das sicherste Mittel, um Revolution zuvorzukommen - doch wie erginge es dem Schlesischen Guthsbesitzer?102

In diesen Zusammenhang gehören auch die Überlegungen, die Stein zum Schutz wirtschaftlich Schwacher angestellt hat.103 Schon 1795 bemerkt er zu einem Bericht der cleveschen Kammer: Zur Sicherstellung der arbeitenden Classe gegen allen Druck der Fabriquenverleger ist der Entwurf eines (Reglements über) eine Lohntaxe und die Rechte und Verbindlichkeiten der Arbeiter gegen die Fabriqueninhaber erforderlich.104 Auf dem Gebiet des Bergbaus konnte Stein einige Vorstellungen dieser Art verwirklichen und Entscheidendes zur sozialen Sicherung der Bergleute leisten: "Hier lag ein Modell sozialpolitischer Wirksamkeit vor, das mehrere Behörden, der Oberpräsident Vincke voran, auch auf alle Lohnarbeiter fabrikmäßig betriebener Gewerbe, ohne Unterschied, ob dieselben in Gebäuden der Fabrikherren oder in ihren eigenen Wohnungen mit Stückarbeiten beschäftigt werden, ausgedehnt wissen wollten."105

Die freie Disposition über das Eigentum sollte in einer den Bauernschutz fördernden Richtung eingeschränkt werden: Nur e i n e gesetzliche Einschränkung der freien Disposition über das Eigentum wird bleiben müssen, diejenige nämlich, welche dem Eigennutz des Reicheren und Gebildeteren Grenzen setzt und das Einziehen des Bauernlandes zum Vorwerksland verhindert. Dieses wird um so nötiger sein, als der im § 1 (sc. des Oktoberedikts) erlaubte freie Güterverkehr die Veränderungen mit der Herrschaft vervielfältigen und der steigende Kaufwert die neuen Besitzer immer mehr reizen wird, ihren Vorteil zu suchen.106 Die Forderung zielt auf eine soziale Bindung der freien Verfügung über das Eigentum ab.107

Weitere Rechte sollten Religions-, Geistes- und Gewissensfreiheit, sowie Denk- und Meinungsfreiheit sichern. Allerdings wird hier eine Abstufung des Schutzes sichtbar, die davon abhängt, wie sehr die jeweiligen Tätigkeiten der Öffentlichkeit zugewandt sind. Stein lehnte mit Beharrlichkeit staatliche Einflußnahme in dem Innenbereich ab, in dem sich die Überzeugungen der Menschen bilden.108 Man könnte der Auffassung sein, dies müsse als leere Deklamation betrachtet werden, weil hier staatliche Eingriffe ohnehin nicht möglich seien. Demgegenüber geht Stein von der sozialpsychologischen Erkenntnis aus, daß der Staat ein öffentliches Klima schaffen kann, das dem Bürger die Selbsttätigkeit des Denkens nimmt. Als Beispiel dient ihm das Napoleonische Herrschaftssystem. Es hat in seiner Sicht eine Gesinnung von Servilität erzeugt, die den Wunsch nach selbsttätigem Denken gar nicht mehr aufkommen läßt.109 An die Stelle geistiger Beweglichkeit tritt der Wunsch nach Ruhe und Genuß.110 Der preußische Absolutismus unter Friedrich d. Gr. hat hingegen nach Stein die Denkfreiheit gefördert.111

Wenn Stein die rationalistische Theologie seiner Zeit erbittert bekämpft, so steht das nicht im Widerspruch zu der Vorstellung vom unbedingten Schutz der Religionsfreiheit. Für ihn ist diese Art Theologie vielmehr dadurch gekennzeichnet, daß sie Religion zum politisch wirksamen Faktor machen will und sich so selbst auf das politische Kampffeld begibt. Er sieht die Lehre dieser schwarzröckigen Jacobiner112 geradewegs zur Demokratie führen.113 Maßnahmen der Staatsaufsicht fordert Stein hier trotzdem nur, soweit diese Theologen Beamte, besonders Professoren sind.114

Hat sich der Einzelne seine Meinung gebildet, so formt sich aus vielen solcher Einzelansichten die öffentliche Meinung. Steins Kritik am Napoleonischen System gipfelt in der Feststellung: Es gibt keine öffentliche Meinung mehr, die sich aus denen frei ausgesprochenen sich wechselseitig bekämpfenden Urteilen der Menschen bildet.115 Daß die öffentliche Meinung, der Geist der Zeit unter Umständen der Leitung und Beeinflussung bedarf, wurde schon dargestellt.116 Nur kommt für Stein - ganz allmählich wie im Bereich der Selbstverwaltung - keine Beeinflussung durch Bevormundung in Frage, sondern auch hier Leitung durch Erziehung in freiheitlichen Institutionen.

Das Recht, seine Meinung drucken zu lassen, wertet Stein anders als das Recht, seine Meinung zu sagen. Das bleibt in der Konsequenz des Gedankens, denn damit ist der Bereich von Rede und Gegenrede verlassen und die für damalige Verhältnisse höchste Form von Öffentlichkeit erreicht. In einer Hinsicht erwog Stein eine unbeschränkte Druckfreiheit: Jeder Bürger sollte das Recht haben, seine Beschwerden gegen die Obrigkeit drucken zu lassen.117 Allerdings war wahrscheinlich lediglich an Beschwerden gegen staatliche Maßnahmen gedacht, die den beschwerdeführenden Bürger in irgendeiner Form betrafen. Die Pressefreiheit hingegen hat Stein nur als "Preßfreiheit unter gewissen Normen118 ins Auge gefaßt. Weil er zwar die Pressefreiheit grundsätzlich für ein schätzbares Gut119 hielt, gleichzeitig aber dem Journalism120 zutiefst mißtraute, dachte er an wechselnde Vorsichtsmaßregeln. So sollte z. B. die Vorzensur nur aufgehoben werden für Werke, die wenigstens 24 Bogen in 8° enthalten, denn ein solches Buch setzt schon mehrere Gründlichkeit bei dem Verfasser und bei dem Leser voraus.121 Selbst in den schärfsten Verurteilungen der Pressefreiheit wird dieser Freiheitsvorbehalt für ernsthafte, gründliche Druckschriften gemacht.122 Insofern ist Steins Haltung nicht schwankend; ihm schwebte eine von Staatseingriffen ungestörte, allerdings in irgendeiner Form qualifizierte Druckfreiheit vor. Gleichzeitig gilt es die evolutionäre Komponente im Auge zu behalten, die Stein am Beispiel dieses Grundrechts erläutert: Preßfreiheit ist allerdings, so wie jede Äu&szli g;erung menschlicher Kraft, ein großes Gut, ihr Mißbrauch wird auch unschädlich, sobald in einem Land eine freie Verfassung besteht, die den Einwohnern eine Teilnahme und Mitwissenschaft an öffentlichen Angelegenheiten gestattet. Fehlt dieses aber, so finden sie auf einer Seite im praktischen Leben keine Belehrung, und auf der anderen Seite sind sie den seichten, unberufenen, absichtlichen, unverschämten Pamphletisten preisgegeben. Das fällt in die nichtswürdigsten Hände.123 Der Erziehungsgedanke bildet ersichtlich auch hier den Hintergrund: Die freie Verfassung macht den Bürger immun gegen Mißbräuche der Pressefreiheit, weil er durch die Teilnahme an öffentlichen Angelegenheiten ausreichende Belehrung findet.

Aus Steins überwiegend negativen Äußerungen zur Lehrfreiheit hat man den Schluß gezogen, Stein habe die Lehrfreiheit stets abgelehnt.124 Die Ablehnung Steins beschränkt sich aber auf eine ungebundene Lehrfreiheit. Das ergibt sich daraus, daß er die Autonomie der Universitäten in einem inneren Zusammenhang mit dem Charakter der Wissenschaft sieht; so kritisiert er den nach den Karlsbader Beschlüssen an den Universitäten eingesetzten Universitätskommissar und fährt fort: Man unterwirft seiner Aufsicht sowohl die Studenten als auch die Professoren, man beraubt die einen und die anderen der Unabhängigkeit, die für die Entwicklung des Charakters der ersteren und die Suche nach der Wahrheit notwendig ist125. Erst da, wo die Professoren dazu übergehen, politische Handlungsanweisungen vom Katheder her zu verbreiten, will Stein die staatliche Aufsicht eingreifen sehen: Nichts berechtigt den vom Staate berufenen öffentlichen Lehrer, Mord und Aufruhr und Zerstörung alles Alten und Herkömmlichen zu predigen und ich würde Herrn Fries als einem ganz unreifen, hohlen, haltungslosen Schwätzer den Lehrstuhl verbieten.126 Ebenso handelt ein Professor der Rechtsgelehrsamkeit gegen den ihm ertheilten Beruf, wenn er Grundsätze aufstellte, die die Heiligkeit des Eigenthums, die Gültigkeit der Vererbung untergrüben.127 Die Professoren sollen mit anderen Worten auf die staatliche Grundordnung verpflichtet sein. Diese Verpflichtung stellt sich zwar als Schranke der Lehrfreiheit dar, hebt diese aber nicht auf.

Als weitere Grundrechte nannte Stein die Freizügigkeit (nach Ableistung des Militärdienstes),128 das Recht zur Emigration129 und die freie Wahl der Dienstverhältnisse (de choisir le service civil ou militaire de l`Allemagne qui lui convient).130

Den Grundrechtskatalog runden Grundrechte ab, die man zusammenfassend als "Justizgrundrechte" bezeichnen könnte. Immer wieder ist von einer Habeas corpus-Akte nach englischem Vorbild die Rede.131 In dem Entwurf eines Abkommens der Alliierten über die Verfassung Deutschlands stehen an der Spitze das Recht auf den gesetzlichen Richter und das Recht, ihm nach längstens 45 Stunden Haft vorgeführt zu werden.132 Die Todesstrafe kann nur durch den ordentlichen Richter verhängt werden.133 Gleichheit vor dem Gesetz soll garantiert,134 die Rückwirkung von Gesetzen verboten sein.135

Damit die Grundrechte keine Maximen bleiben,136 sondern durchsetzbare Rechte werden, will Stein eine starke Stellung der Justiz: Die Unabhängigkeit der Gerichtshöfe in den Provinzen würde man sichern: a) durch das Öffentliche des Verfahrens; b) die Ernennung der Gerichtsmitglieder halb durch Stände, halb durch die Fürsten; c) durch Inamovibilität des Richters außer durch richterliche Erkenntnis; d) Rechtspflege durch das Institut der Geschworenen würde das Leben und die Freiheit des Bürgers sicherstellen gegen Willkür.137 Die Einheitlichkeit der staatlichen Rechtspflege verlangt auch die Abschaffung der Patrimonialgerichtsbarkeit. Dafür ist Stein konsequenterweise eingetreten, allerdings mit einem schwer zu erklärenden Schwanken in den Jahren nach 1814. 138 Er neigt dazu, eine gerichtliche Verantwortlichkeit der Minister einzuführen139, und vom Wiener Kongreß erhofft er sich die Einrichtung eines obersten Bundestribunals, das nicht nur für Streitigkeiten zwischen Fürsten und Ständen zuständig sein soll, sondern auch Rekurse wegen Justizverweigerung entgegenzunehmen hat.140 Alle diese Vorschläge fügen sich zu einem Bild der Justiz zusammen, das Stein 1830 mit Blick nach England auf den Nenner bringt: Verbesserte Organisation der Justizbehörden, wodurch sie wegen ihrer Örtlichkeit, Wohlfeilheit dem Mittelstand, den Armen erreichbar werden.141 Hauptsächlich aber bezieht Stein sein Bild vom Rechtsstaat aus dem alten Reich, wo die Reichsgerichte keine diplomatischen Mannequins, sondern selbständige, auf die Gesetze vereidete, nach bestimmten in der Reichsgerichtsordnung vorgeschriebenen Formen zu verfah ren angewiesene Rechts gelehrte waren.142

    3.3 Die neu verstandenen Stände als freiheitssichernde Zwischengewalten

Eine unabhängige Justiz reicht aber zur Freiheitssicherung nicht aus. Stein dürfte durchaus die Ansicht seines Freundes Vincke geteilt haben, daß die Freiheit ungleich mehr auf der Verwaltung als auf der Verfassung beruhe.143 Diese Sicht bedeutet gewiß keine Geringschätzung der Verfassung,144 wohl aber eine realistische Einschätzung der Verwaltungsmacht. Von daher erklärt sich auch, warum verwaltungsinterne Organisationspläne in der Arbeit Steins so breiten Raum einnehmen; denn es ist z. B. schon eine Machtfrage, in welcher Reihenfolge eine Akte über Schreibtische läuft. Als geeignetes Mittel zur Eindämmung bürokratischer Macht sieht Stein die Teilnahme der Landstände an der Provinzialverwaltung an.145 In Einzelfällen, z. B. bei der Abnahme des Kreisetats, soll die Zustimmung der Stände die Genehmigung durch die Oberbehörden ersetzen.146 So kann seiner Ansicht nach wahre praktische Freiheit erreicht werden.147 Diese Freiheit hat wiederum die Aufgabe, erzieherisch zu wirken, ein Gedanke, den Vincke in einem Gutachten für Stein näher ausführt. Er hält es dort für zweifelhaft, daß der Charakter der Nation den Charakter der bürgerlichen Einrichtungen prägen könne. Vielmehr sei zu fragen, warum nicht auch umgekehrt der Charakter durch die Verwaltung gebildet werden könne;148 durch die Verwaltung heißt hier: Durch Teilnahme an der Verwaltung.

Die Übertragung von Verwaltungsaufgaben an gewählte Vertreter zur Kontrolle der von oben ernannten Beamten war ein Prinzip, das bei konsequenter Durchführung hierarchisch-zentralistische Strukturen hätte abbauen können. So stellte denn auch ein kritischer zeitgenössischer Beobachter fest, Stein habe ein "Föderativsystem von Republiken" in die Verwaltung eingeführt.149 Die Teilnahme an der Verwaltung hätte aber auch zu einer Verklammerung von Staat und Gesellschaft führen können.150 Letzten Endes zielte das Vorhaben darauf ab, den Bürger vom Objekt der Verwaltung zum Staatsbürger zu machen: Die passive Masse der Verwalteten liegt auf dem Amboß, wird gehämmert, bald mit dem Possekel des Grobschmieds, bald mit dem Hämmerchen des Schuhflickers, und ihr erscheint das Vaterland nur als Abgaben fordernd, ihr Leben und Gesundheit in Anspruch nehmend, bald in den trockenen Formen der Zivil- und Militärverwaltung, bald bei eindringender großer Gefahr, wo man gedrungen wird, die höheren, edleren Gefühle des Menschen zur Selbstaufopferung anzusprechen, in poetischen hoch tönenden Wortschwällen, die aber passato il pericolo - -. 151

Während die Vertreter der Landstände als Offizianten an der Verwaltung beteiligt sein sollten, war ihre zweite Aufgabe die Mitwirkung an der Gesetzgebung als Volksrepräsentanten.152 Auch hier steht der Gedanke der Eindämmung unkontrollierter Macht - diesmal des Monarchen - mit im Vordergrund. Die Grundlinien einer repräsentativen Verfassung hat sich Stein in Auseinandersetzung mit den Ideen Rousseaus und Montesquieus erarbeitet und sie dann mit einem ethisch-pädagogischen Akzent versehen. Der tiefste Grund der Entscheidung für Montesquieu liegt darin, daß seinen Grundsätzen Erfahrung und das Studium der Geschichte zugrundelagen. Daher führte die Anwendung seiner Grundsätze zwar zu Reformen, nicht aber zu einem gänzlichen Umsturz der bestehenden Verfassung.153 Die Entscheidung gegen Rousseau wird damit begründet, daß seinem System durchaus Anwendbarkeit fehlt: Denn der allgemeine Wille eines zahlreichen Volks bedarf der Leitung der Veredelteren aus ihm, er bedarf eines Organs, und es entsteht daher immer die Frage, wie ein solches Organ einzurichten, um es wohltätig und kräftig zu machen; es war also mit einem solchen metaphysischen System, wenn es auf Anwendung ankam, wenig geholfen, es war, da Rousseau keine Repräsentation annimmt, auf große Staaten unanwendbar.154 Repräsentation ist also praktisch notwendig und zur Leitung des allgemeinen Willens pädagogisch nötig.

Die Mitglieder dieser Gremien repräsentieren ihre Wähler als Träger eines Mandats. Das Mandat soll frei sein, ein Grundsatz, der ausführlich in § 110 der Städteordnung geregelt ist: "Das Gesetz und ihre Wahl sind ihre Vollmacht, ihre Überzeugung und ihre Ansicht vom gemeinen Besten der Stadt ihre Instruktion, ihr Gewissen aber die Behörde, der sie deshalb Rechenschaft zu geben haben. Sie sind im vollsten Sinne Vertreter der ganzen Bürgerschaft, mithin wenig Vertreter des einzelnen Bezirks, der sie gewählt hat, noch einer Korporation, Zunft etc., zu der sie zufällig gehören.155

Das freie Mandat und die Abkehr vom Rousseauschen Räteprinzip156 sind keine Erfindung Steins.157 Originell aber ist Stein in der Begründung: Nur auf diesem Wege der Stimmfreiheit, wodurch die Verantwortlichkeit der Meinung dem Abstimmenden selbst zugewendet und jeder einzelne genötigt wird, den Gegenstand von allen Seiten zu erwägen, kann ein lebendiger und wirksamer Geist in die Berathschlagungen über gemeinsames Interesse gebracht werden;158 d. h. nur wer frei abstimmen kann, trägt Verantwortung, und - so wird man im Sinne Steins ergänzen dürfen - kann durch diese Verantwortung erzogen werden. Der Erziehungswert parlamentarischer Institutionen steht und fällt also mit dem Grundsatz des freien Mandats; durch dessen Einbau in die Städteordnung erhält die Stadtverordnetenversammlung "die Merkmale des ersten modernen Parlaments, das in Deutschland das Licht erblickte".159 Die so konzipierten Versammlungen nehmen eine Mittelstellung zwischen altständischem und parlamentarischem System ein: Einteilungsprinzip bleibt eine modifizierte ständische Gliederung,160 aber der Gewählte ist Abgeordneter mit unabhängigem Mandat.

Das Konzept der Freiheitssicherung durch Verfassung wird im Denken Steins vervollständigt durch die Rolle, die er den Korporationen zuweist. Ausgangspunkt der Überlegung ist die Erkenntnis, daß der Einzelne der Staatsgewalt nahezu vollständig ausgeliefert ist, wenn zwischen ihm und der staatlichen Macht nicht schützende Zwischengewalten stehen.161 Wenn aber solche mittleren Gewalten für einen wirksamen Schutz der Freiheit unentbehrlich sind, dann kann eine "Gleichheit" nicht akzeptiert werden, die diese Verbände zerschlägt. Deswegen ist die französische Revolution zu verurteilen, indem sie, ohne Rücksicht auf die wesentlichen Interessen jedes Landganzen und deren gegenseitiges Verhältnis zu nehmen, alle einer erträumten, nirgends gegen Willkür und Gewalt Schutz bietenden Gleichheit zum Opfer brachte.162 Das Luftgebild der Gleichheit163 und die Freiheit lassen sich nach Stein also nicht gleichzeitig verwirklichen. Entsprechend dem als wichtiger eingeschätzten politischen Leitwert ergeben sich vielmehr verschiedenartige Verfassungstypen, für die Stein als Beispiele auf das napoleonische Frankreich und auf England verweist: Wie ihm (sc. dem Franzosen) der Buonaparte selbst sagt, es käme ihm mehr auf die Gleichheit als auf die Freyheit, dem Engländer mehr auf Freyheit als auf Gleichheit an.164 Unter Napoleon wird also, folgt man dem Gedankengang Steins, mehr Gleichheit um den Preis der Freiheit erkauft.

Das aus heutiger Sicht so Fremde der Steinschen Staats- und Gesellschaftstheorie beruht in erster Linie darauf, daß dieser einmal entwickelte korporative Ansatz in den verschiedensten Richtungen weitergedacht wird: Die Korporationen können - neben den einzelnen Bürgern - Träger von Grundrechten sein.165 Die Ständeversammlungen sind - wie erwähnt - korporativ gegliedert,166 so daß also die Korporationen auf diesem Wege an Verwaltung und Gesetzgebung mitwirken167. Auch an der Richterwahl sind die Stände beteiligt, und damit wieder die Korporationen.168 Schließlich vertreten die Stände das Land beim Abschluß des verfassungsbegründenden Staatsvertrages, den Stein fordert.169 Aber was so fremd erscheint, ist nichts Nebensächliches; denn die Zwischengewalten sollen ja die freiheitliche Atmosphäre sichern, in der die Erziehung des Bürgers stattfindet. Sie können also nicht aus der Gesellschaftstheorie Steins weggedacht werden, ohne daß diese Theorie ihren Charakter entscheidend verändern würde.

Letzten Endes beruht auch Steins Überzeugung, einen mittleren Weg zu gehen, auf seiner Sicht der mittleren Gewalten; denn sowohl die demokratischen Phantasten als auch die gemieteten Verteidiger der fürstlichen Willkür,170 die schlau kalkulierenden Macher wie die Anhänger des despotischen Buralism171 sind sich in ihrer Feindschaft gegen die Zwischenverbände einig.172 Mit besonderem Verständnis stand Otto von Gierke diesen Gedankengängen Steins gegenüber, da sie in die Tradition "genossenschaftlichen" Denkens gehören. Er beschrieb die Extreme, zwischen denen Stein einen Mittelweg suchte, folgendermaßen: "Die herrschende Naturrechtslehre war allen Zwischenverbänden zwischen Staat und Individuum feindlich gesonnen. Staatsabsolutismus und Individualismus waren die Pole, um die sich der innere Streit und die fortschreitende Bewegung der Geister drehte. Den Zwischeneinheiten zwischen der souveränen Allgemeinheit und dem souveränen Individuum erklärten beide Richtungen übereinstimmend den Krieg. ... Turgot in seinem berühmten Enzyklopädie-Artikel von 1757, Rousseau im Contrat social sprachen der Korporation das Todesurteil, das die Revolution vollstreckte".173

4. Steins politische Ethik

Überblickt man Steins Theorie, so steht sie in eigenartiger Weise zwischen den Fronten seiner Zeit. In einer Epoche, wo egalitäre Demokratievorstellungen und absolutistische Reaktion im Vordergrund der politischen Bühne als bestimmende Mächte auftreten, scheint eine solche "Mitte" keine Chance zu haben. Das Bild der Steinschen Staats- und Gesellschaftstheorie bliebe aber unvollständig, würde man nicht noch darauf hinweisen, daß es in der politischen Ethik Steins keinen Raum für bestimmte Kompromisse gibt: Ihre, meine und jedes redlichen Mannes Pflicht ist es, der Wahrheit getreu zu bleiben, diese mit Mäßigung, Ernst und Festigkeit zu sagen, und wenn man sieht, daß alles vergeblich ist, so zieht man sich von dem Geschäft zurück und läßt sich nicht zur Ausführung eines Gebäudes führen, das wegen seiner Unvollkommenheit entweder von selbst zusammenstürzt oder den Druck und den Unwillen vieler Tausender bewirkt. Der Beifall des Gewissens und der verwalteten Menschen ist besser als der eines Ministers.174 Stein sieht durchaus, daß er sich dadurch selber zur Einflußlosigkeit verurteilt. Es bleibt für ihn aber ein unbezweifelter Wert, sich vom Gewissen und nicht vom berechenbaren Erfolg leiten zu lassen, das auch deswegen, weil er die Grenzen rationaler Planbarkeit sieht: Denn nicht der berechenbare Erfolg soll uns in unseren Handlungen bestimmen, ihn hat die Vorsehung dem Auge des Menschen entrückt. Die Menge der ineinandergreifenden Umstände, von denen er abhängt, ist unübersehbar und unerforschlich, in die Brust des Menschen ist daher das Gefühl für Recht und Pflicht gelegt, das uns in dem Dunkel, worin die Zukunft gehüllt ist, leiten soll, das selbst uns oft gebietet, einem unvermeidlichen Untergang für eine große edle, nach menschlichen Ansichten schon aufgege bene, Sache entgegenzugehen, also selbst bei der anscheinenden Gewißheit des Nichterfolgs zu handeln.175

Das Denken Steins endet aber nicht in heroischem Pessimismus. Vielmehr dürfte der letzte Schlüssel in der "leidenschaftlichen Kraft des Glaubens an die erzieherische Macht der Freiheit" zu suchen sein, wie Theodor Heuß schon 1921 schrieb.176 Hinzu kommt das Vertrauen auf das stille, untergründige Weiterwirken auch kleiner Reformen. Stein wollte die Menschen gehen lehren: Daß sie aber, wenn sie gehen sollen, zuerst taumeln oder gleichgültig sind, das ist natürlich und kann nicht anders sein.177






Fußnoten:

1 * Der Aufsatz geht auf ein Referat zurück, das der Verfasser im Sommersemester 1973 im Seminar von Professor E r l e r gehalten hat. Es hatte das Thema: Die Gegenwartsbedeutung des Freiherrn vom Stein.

2 Leonard K r i e g e r, The German Idea of Freedom. History of a Political Tradition - From the Reformation to 1871, Chicago/London 1972, S. 147.

3 So Eduard S p r a n g e r über Stein (und auch Hardenberg) in: Philosophie und Pädagogik der preußischen Reformzeit, HZ 104 (1910), S. 278 ff. (281). Nach Gerhart R i t t e r hat Stein gewirkt "nicht so sehr als politischer Denker, fruchtbar in neuen "Ideen", sondern als politischer Charakter, als Mann des Willens und der Tat" (Stein - Eine politische Biographie, 1958, S. 10). Zur These von Steins Philosophiefremdheit vgl. auch die Nachweise bei D. S c h w a b, Die "Selbstverwaltungsidee" des Freiherrn vom Stein und ihre geistigen Grundlagen, 1971, S. 21 ff.

4 Freiherr vom Stein, Briefe und amtliche Schriften, bearb. v. Erich B o t z e n h a r t, neu hrsg. v. Walther H u b a t s c h, 10 Bde., 1957-1974; Bd. II/1, S. 380 ff. (380). Diese Ausgabe wird im folgenden zitiert durch Angabe des Bandes und der Seitenzahl.

5 II/2, S. 988-992 (24. 11. 1808). Da der Entwurf von Schön stammte, kann man Stein zwar den Inhalt, nicht aber die Formulierungen zurechnen; vgl. G. Ritter, a.a.O., (Fn. 2), S. 360.

6 Heinrich S c h e e 1 / Doris S c h m i d t (Hrsg.), Das Reformministerium Stein. Akten zur Verfassungs- und Verwaltungsgeschichte aus den Jahren 1807/08, 3. Bde., 1966-1968; Bd. III, S. 1088-1134. Diese Ausgabe wird im folgenden zitiert als Scheel/Schmidt, Band, Seitenzahl. Mit Blick auf den Organisationsplan ist Spranger der Ansicht, daß Altenstein "den eigensten Absichten Steins zugleich einige philosophisch-theoretische Gesichtspunkte aufprägte" (a.a.O., Fn. 2, S. 297).

7 V, S. 857-868 (Januar/Februar 1818). Stein hat an dieser Denkschrift, deren Schlußredaktion bei Schlosser lag, wesentlich mitgearbeitet und ihren Inhalt gebilligt; vgl. Georg Heinrich P e r t z, Das Leben des Ministers Freiherrn vom Stein, 6 Bde., 1849-1855; Bd. V, S. 160 ff., 225. Die Biographie von Pertz wird im folgenden zitiert als Pertz, Band, Seitenzahl.

8 An Spiegel, 15.3. 1818; Pertz V, S. 184 = V, 743.

9 Aus den Papieren des Ministers und Burggrafen von Marienburg Theodor von Schön, Bd. I/Anlagen, 1875, S. 165. Vgl. dazu auch Ruth F l a d, Der Begriff der öffentlichen Meinung bei Stein, Arndt und Humboldt, 1929, S. 306. Stein seinerseits bescheinigte Schön einen Hang zu systematisieren (III, 335) und eine manière hypermétaphysique d`envisager les choses (III, 517).

10 Theodor von Schön, a.a.O., (Fn. 8), Bd. I, 1875, S. 52.

11 Henrich S t e f f e n s, Was ich erlebte, 1956, S. 332.

12 Henrich Steffens, a.a.O., (Fn. 10), S. 333. Scholz wertet diesen Gedanken als humorvollen und versöhnlichen Abschluß eines harten Gesprächs, was sicher auch zutrifft. Es ist aber nicht unwahrscheinlich, daß Stein zugleich ein ihn bewegendes Problem zur Sprache brachte (Hans-Jürgen S c h o 1 z, Die kulturellen Anschauungen des Freiherrn vom Stein, 1962, S. 94).

13 So auch der methodische Ansatz Thiedes: "Es fehlt denselben (sc. den Staatsmännern wie Stein) zumeist an der äußeren Systematik der wissenschaftlichen Begründung, ein Gedanke ist in einem Brief verborgen, ein anderer findet sich in einer Denkschrift, der dritte in einem Gesetzentwurf, aber bei einer Zusammenstellung ergibt sich ein geschlossenes System, falls man anerkennt, daß von einem solchen gesprochen werden darf, wenn sich alle zerstreuten Teile der Anschauungen aus einem leitenden Grundsatz erklären lassen" (K. T h i e d e, Die Staats- und Wirtschaftsauffassung des Freiherrn vom Stein, 1927, S. 2). Es geht also nicht in erster Linie um die Frage ob die Gedanken Steins originell sind. (Das sind sie sicher in vielen Punkten nicht.) Vielmehr soll geprüft werden, ob die Überlegungen - seien sie nun von Stein konzipiert oder aus anderen Quellen übernommen - sich mosaikartig zu einem Gesamtbild zusammenfügen lassen.

14 Übersetzung nach E. Botzenhardt/G. Ipsen, Freiherr vom Stein, Ausgewählte politische Briefe und Denkschriften, l955, S. 32. Im französischen Original lautet die Stelle: Il est certain que l`esprit philosophique qui généralise les rapports et qui combine les objets isolés sous un principe ou un point de vue plus élevé est le genre d`esprit qui caractérise le grand homme (I, 438); vgl. zu dieser Stelle Scholz, a.a.O., (Fn. 11), S. 95; Paul M i k a t, Politische Theorie, pragmatisches Denken und historischer Sinn in den Reformideen des Freiherrn vom Stein, in: Politische Ordnung und menschliche Existenz, Festgabe für Eric Voegelin zum 60. Geb., 1962, S. 395 ff. (410); Wilhelm I s e n b u r g, Das Staatsdenken des Freiherrn vom Stein, 1968, S. 7 f.

15 IX, 736; dieselbe Beurteilung Beymes auch IX, 835. Im Sprachgebrauch Steins ist Theorie manchmal der Gegenbegriff zur juristischen Praxis (z. B. 1, 114).

16 IX, 733

17 An Friedrich Raumer, 21. 2. 1828 (VII, 297).

18 Ohne Anspruch auf Vollständigkeit seien hier einige der wichtigsten Fundstellen angegeben:
V, 532, 674
VI, 97, 149, 627
VII, 777, 901, 1037, 1072, 1077, 1079, 1080, 1081, 1089, 1095
IX, 758, 759, 767, 770, 772, 786, 802
Ähnlichen Aussagewert haben Bezeichnungen wie phantastische Gelehrte (V, 698), Doktrinäre, Kerls die räsonieren (VI, 816), Doktrinärs mit guten Gehalten versehen (VI, 850) und - kulturgeschichtlich interessant - unbärtige Jünglinge (VI, 42).

19 VI, 97. Mikat weist nach, daß Stein hier auf Überlegungen von Burke und Adam Smith fußt, die durch Rehberg und Brandes vermittelt worden sein dürften, vgl. a.a.O. (Fn. 13), S. 412 ff.; wie nahe Stein in vielen Punkten den Gedanken Rehbergs stand, läßt sich der Untersuchung von U. Vogel entnehmen (Konservative Kritik an der Bürgerlichen Revolution. August Wilhelm Rehberg, 1972); zur Gefahr, sich durch den "Geist des Systems" hinreißen zu lassen, vgl. auch V, 465; ebenso Fn. 8, 19.

20 An Reden, 22. 7. 1810 (III, 335).

21 An Graf von Arnim Boitzenburg, Juni 1823 (VI, 627).

22 Staatswissenschaftliche Betrachtungen (IX, 854 f.). Für ungeeignet hielt Stein auch die Advokaten. So bemerkt er, 1789 in Frankreich seien die meisten Abgeordneten des dritten Standes Advokaten und Prokuratoren gewesen, Menschen, die ihr dunkles Leben im Betrieb von Prozessen zugebracht hatten und sich an Schlauheit, Streitsucht und Schikane gewähnt hatten, die im Besitz der Fertigkeiten ihres Gewerbes unfähig wurden zu dem freien, erhabenen, leidenschaftslosen Überblick, der dem Mitglied eines großen Nationalsenats eigen sein muß" (IX, 758).

23 Französische Geschichte (IX, 640). Stein stellt sich mit dieser Andeutung selber in die empiristische Tradition. Auch hier dürften der in der Göttinger Studienzeit begründete Kontakt mit englischem Gedankengut, sowie die Arbeiten von Rehberg und Brandes eine wichtige Rolle gespielt haben, vgl. Mikat, a.a.O. (Fn. 13), S. 401 ff. Zur Berufung auf die Erfahrung s. noch IV, 214 (les principes sanctionnés par l`experience), V, 432, 806. Erfahrung als Grundlage politischen Handelns kontrastiert im Denken Steins mit einer Empirie, die ihren Gesichtskreis selber verengt hat, der Aktenempirie. Die von ihm heftig befeindeten Bürokraten sieht er lebend in der Buchstabenwelt oder der Empirie der Akten (VI, 485), ohne Kontakt zur Wirklichkeit; s. dazu noch V, 538, VI, 485, 498.

24 Vgl. Fn. 8

25 An Humboldt, 30. 3. 1822 (VI, 500).

26 IX, 733 (vgl. Fn. 15).

27 Vgl. Karl-Dieter O p p, Methodologie der Sozialwissenschaften, 1973, S. 29 ff

28 Mitunter formulierte Stein solche Gesetzmäßigkeiten lapidar als Satz: Übereinstimmend mit der Erfahrung und der Meinung alter Schriftsteller ist der Satz, daß der Zustand des Landmannes, der ihm persönliche Freiheit und Eigentum sichert, am zuträglichsten ist für sein individuelles Glück und für die möglichste Beförderung seines Erwerbsfleißes (Denkschrift über die Fixation der ohnbestimmten Gefälle der gutsherrlichen Eigenbehörigen, 1. 6. 1797; 1, 458; vgl. auch 1, 501 f.). Wie sehr das Benutzen von Erfahrungssätzen die Arbeitsweise Steins prägte, berichtet auch Schön: Bei dieser Persönlichkeit Steins war es natürlich, daß weil er nur in Erfahrungssätzen und Verstandes-Begriffen, seiner Bildung nach, sich bewegte, die Macht der Idee ihm fremd war (a.a.O., Fn. 8, S. 53).

29 An Gagern, 3. 3. 1831 (VII, 1088).

30 VII, 989 ff. (13. 12. 1830).

31 Es entfielen nach Steins Berechnungen durchschnittlich ca. 19 Morgen Land auf einen Bauern (VII, 993, 1085). Wenn Stein diese Verteilung als zweckmäßig bezeichnet, so läßt sich daraus schließen, daß sein Ideal nicht unbedingt der Großbauer war.

32 VII, 1085; diesen erläuternden Zusatz hat Stein dem Entwurf Landsbergs für die Darstellung der Verhandlungen des 3. Westfälischen Provinziallandtags hinzugefügt. In diesem Protokollentwurf war nur der Widerstand der Abgeordneten aus Hagen, Iserlohn und Altena erwähnt.

33 Vgl. zur Frage der strukturellen Identität von Erklärung und Prognose Karl-Dieter Opp, a.a.O., (Fn. 26), S. 67 ff.

34 An Schuckmann, 9. 12. 1821 (VI, 419 f.); s. auch VI, 461. Das Problem der Zersplitterung des bäuerlichen Grundbesitzes hat Stein in dieser Zeit besonders beschäftigt; vgl. V, 509, 683 (wo Stein seine Schrift "Fragmente über den Bauernhof, die Hofesverfassung und das Bauernrecht, 1812, zitiert); VI, 239, 446 f., 449 f., 460 f., 469, 485, 647, 649, 760, 816; VII, 117 f., 321, 717.

35 In diesem Zusammenhang verdient auch Steins soziale Bilanz der französischen Revolution Beachtung: Herrschaft der Bankiers statt der großen Grundeigentümer (an Arndt, 29. 3. 1831; VII, 1018).

36 Stein an das Komitee der ostpreußischen Stände, 1.7.1808 (II/2, 775).

37 Vgl. die Denkschrift "Über die Instandsetzung der Hauptcommercial Straßen und der zur innen Communication gehörigen Wege der Grafschaft Marck" (1, 232 ff., insbesondere die Berechnung S. 234 f.). Adam Smith hatte festgestellt, es scheine auf Grund der Erfahrung aller Zeiten und Völker festzustehen, daß die Arbeit freier Leute am Ende wohlfeiler zu stehen kommt als die von Sklaven (übers.), in: An inquiry into the nature and causes of the wealth of nations, Basel 1791, Bd. 1, S. 123). Stein hat diesen Satz in der von ihm benutzten Smith-Ausgabe doppelt angestrichen. Zu Steins Lesespuren in diesem Buch vgl. G. S c h m ö 1 d e r s, Stein und Adam Smith - Ein Beitrag zur Ideengeschichte der Preußischen Reformzeit, in: Festschrift für Peter Rassow, 1960, S. 235 ff.

38 Vgl. in diesem Sinne, z. B. Werner G e m b r u c h, Freiherr vom Stein im Zeitalter der Restauration, 1960; ders., Gedanken von Stein und Marwitz zur Agrar-, Gewerbe- und Steuerpolitik, Nassauische Annalen 82 (1971), S. 181 ff.

39 Vgl. etwa den Nachtrag zur Autobiographie vom März 1824 (IX, 911); auch I, 562.

40 Ganz ähnlich der Erklärungsansatz Thiedes: "Eine Theorie darf nicht mit Widersprüchen erfüllt sein; in der Praxis aber kann der Vertreter einer Theorie nur bestrebt sein - will er vernünftig handeln - der Entwicklung eine Richtung auf das theoretische Ziel zu geben, muß jedoch dabei auch den historischen Verhältnissen Rechnung tragen, also von rein theoretisch-systematischem Gesichtspunkt aus gesehen, in den meisten Fällen ein (sic) Kompromiß schließen" (a.a.O., Fn. 12, S. 133).

41 An Reden, 26. 2. 1785 (I, 203).
Marwitz legt seiner Kritik an Stein genau dieses Schema zugrunde. Nicht die von Stein angestrebten Zwecke seien abzulehnen, wohl aber die eingesetzten Mittel. Hier mangele es Stein an Beurteilung, weswegen er sich von der Meinung des Zeitalters habe hinreißen lassen; vgl. F. A. L. v. d. Marwitz, Ein märkischer Edelmann im Zeitalter der Befreiungskriege, hrsg. v. F. M e u s e 1, 1908 ff., Bd. II/2, S. 88.

42 Wobei seine Ethik allerdings die Grenze setzte: Der Zweck heiligte ihm nicht die Mittel. Trotzdem bleibt immer noch ein breites Spektrum sittlich erlaubter Mittel übrig; vgl. S. 647 f.

43 II/2, 956.

44 Denkschrift Steins für Rochow, "Bemerkungen über die Städteordnung d. d. 19.11.1808, November 1825; VI, 915.

45 An Gagern, 13. 2. 1828; VII, 295.

46 VII, 295; s. dazu M. L eh m a n n, Freiherr vom Stein, 3 Bde., 1902-1905, Bd. III, S. 483; H. v. G a g e r n, Mein Anteil an der Politik, Bd. IV, 1833, S. 211; zur Kritik am Haß unter den Ständen siehe noch V, 698; VII, 1035, 1074 (Neid unter den Ständen).

47 IX, 746.

48 Staatswissenschaftliche Betrachtungen (IX, 834). Ausgehend von dieser Erkenntnis sah Stein in der zweckmäßigen Leitung des Zeitgeistes, in der Erziehung, den obersten Staatszweck; s. dazu unten S. 631 f. Daß die öffentliche Meinung in bestimmten Fällen bekämpft werden muß, sprach Stein auch gegenüber Gagern aus (VI, 494).

49 IX, 747; vgl. zum Zeitgeist, öffentlichen Geist etc. noch III, 292, 329, 380, 405, 700; IX, 779; außerdem R. Flad, a.a.O., (Fn. 8).

50 IX, 747; ebenso schrieb Stein am 17. 3. 1811: Frankreich klagt jetzt laut seine Philosophen an, als Verderber des öffentlichen Geistes, als Zerstörer der religiösen und moralischen Grundsätze, als Veranlasser einer scheußlichen Revolution, die in einem eisernen Despotism geendigt hat (III, 483).

51 IX, 770.

52 IX, 747

53 IX, 747

54 Staatswissenschaftliche Betrachtungen (IX, 857).

55 Vgl. z. B, den Brief an Hövel vom 16.11.1819 (VI, 173).

56 Ein besonders instruktives Beispiel dafür ist der General-Bericht Steins an das General-Direktorium über den Zustand der Provinz Minden-Ravensberg vom 10. 3. 1801 (I, 503 ff,). Es finden sich dort z. B. Angaben über die Bevölkerung, die sich beziehen auf ihr Verhältniß zur bewohnten Oberfläche, ihre Dichtigkeit zu den Wohnungen und Wohnorten, auf ihr Fortschreiten und dessen Beförderungsmittel (S. 504 f.), das Verhältnis der Geborenen zu den Gestorbenen, die mittlere Fruchtbarkeit der Ehen. Hinzu kommen Daten über die Seuchen, Bodenverteilung, Viehzucht, Handel u.s.w. Schon in diesem Bericht versucht Stein, den Nachweis zu führen, daß die Eigenhörigkeit nicht nur ungerecht, sondern auch unwirtschaftlich ist.

57 Zur Abneigung der Behörden gegen statistische Erhebungen und der dadurch notwendig gewordenen ,Auslösung` der Statistik aus dem gewöhnlichen Verwaltungskörper vgl. E. B l e n c k (Hrsg.), Festschrift des Königlich Preußischen Statistischen Bureaus zur Jahrhundertfeier seines Bestehens, 1905, T. 1, S. 1 ff. (2).

58 VII, 995 f. (Stein formuliert ausdrücklich: Die E r f a h r u n g widerlegt die Behauptung).

59 Man muß hierbei allerdings auch berücksichtigen, daß man bei lückenhaftem statistischen Material oft gezwungen ist, auf Indikatoren zweiter oder dritter Wahl zurückzugreifen, um überhaupt Auswertungen vornehmen zu können.

60 Nach Steins Angaben verhalten sich im Regierungsbezirk Münster-Land (keine Teilbarkeit) die ehelichen zu den nichtehelichen Geburten wie 38:1. Im Obermain-Kreis des Königreichs Bayern (unbeschränkte Teilbarkeit) finden sich dagegen Verhältnisse zwischen 3,6:1 (Landgericht Waldsassen) und 1,5 :1 (Landgericht Bayreuth).

61 Vgl. oben S. 617 ff.

Eine entscheidende Rolle spielt in dieser Zeit auch die Bevölkerungsvermehrung, und zwar besonders auf dem Lande. E. A. W r i g 1 e y weist darauf hin, daß sich "in ländlichen Gebieten mit traditioneller Agrarwirtschaft" die Bevölkerung besonders stark vermehrte (Bevölkerungsstruktur im Wandel, 1969, S. 132 ff. (152), 180 ff.). Bezogen auf das Gebiet des deutschen Reiches (in den Grenzen von 1937) ergeben sich durchschnittliche jährliche Wachstumsraten von 1,5% (1816-1819), 1,3% (1819-1825), 1,1% (1825-1828), 0,8% (1828-1831), wobei in den ländlichen Gebieten die Zuwachsraten z. T. doppelt so hoch liegen (Prozentsätze berechnet nach Statistisches Jahrbuch, Hrsg. Statistisches Bundesamt, 1966, S. 27 und 1973, S. 34). Die Ursachenfrage ist bis heute noch nicht geklärt (vgl. Wrigley, S. 156 ff.).

62 VII, 996.

63 Veränderungen, welche die spannfähigen bäuerlichen Nahrungen in den sechs östlichen Provinzen der preußischen Monarchie und in der Provinz Westfalen durch die Bodenbewegung während des Zeitraums von 1816 bis Ende 1859 nach Ausweis der im Jahre 1860 aufgenommenen Matrikeln erlitten haben, Zeitschrift des Kgl. Preuß. Stat. Bureaus, Nr. 1/2 (Jan./Febr.) 1865, S. 1 ff.

64 Das von Mikat (a.a.O., Fn. 13) gezeichnete Bild des "Empirikers" Stein bestätigt sich also auch, wenn man seine Arbeitsmethodik im einzelnen analysiert. Dabei ist zu beachten, daß Empirie und Theorie sich nicht ausschließen, sondern im Gegenteil untrennbar verbunden sind. W. B l e e k sieht in dieser Verschränkung von Theorie und Praxis eine Arbeitsweise, von der heutige Reformvorschläge lernen könnten (Die preußische Reform, Verwaltungsqualifikation und Juristenausbildung, in: Die Verwaltung, 7 (1974), S. 179 ff. (196).

65 IX, 733 (vgl. Fn. 15). Es handelt sich gewissermaßen um eine zweite Ebene der Analyse.

66 Man ist zu diesem Zustande geneigt in dem Alter, wo die Ideale der Jugend der Wirklichkeit sich immer mehr nähern, wenn nicht freundliche und hilfsbereite Umgebungen uns unterstützen (an Uvarov, Frankfurt 16.6.1814; V, 15).

67 IX, 716.

68 Denkschrift "Über die Herrenbank", 10./12. 2. 1816 (V, 465).

69 Das historisch Gewachsene gilt mit anderen Worten als geeignetes M i t t e 1 zur Erreichung verständiger Z w e c k e (vgl. dazu oben S. 619-623).

70 Denkschrift, die Verfassungsverhältnisse der Lande Jülich, Kleve, Berg und Mark betreffend, (Jan./Febr.) 1818 (V, 868). Zur Beteiligung Steins an dieser Denkschrift vgl. Fn. 6.

71 1.7. 1808 (11/2, 774). Ähnlich die Äußerung vom 28.5.1810: Da ich das Eigentum der Bauerngüter in Preußen selbst für Usurpation des Adels halte ... (III, 377).

72 Denkschrift vom 20.8.1816 (V, 539). Zu Abwandlungen dieses Grundgedankens vgl. V, 432, 511, 539, 698.

73 Denkschrift "Über die Herrenbank", 10./12. 2. 1816 (V, 465). Als weitere Äußerungen zu dieser geschichtlich verwurzelten Art der Reform vgl. noch 1, 464; V, 432, 511, 621, 624, 698; VI, 31, 123 f.

Zur Begründung, warum diese behutsame Art der Reform vorzuziehen ist, zitiert Stein zustimmend eine Äußerung von Sir John Malcolm (VI, 816 f.): No innovations can be more dangerous, than those which touch long established usages and laws, which rend asunder ancient ties, or trench on local manners, because they destroy what never can be repaired and leave a hideous void in society, which is but inedaquately filled up by the crude and theoretical contrivances of rash reformers (A Memoir of Central India, 1823).

74 ... il s`en suit qu`il faudra i n n o v e r (Hervorhebung von Stein), mais point bouleverser, et choisir et amalgamer, mais point chasser tout et remplacer tout (an Heinitz, 1.2.1798: I, 464); vgl. dazu W. Steffens, Rheingrenze und territoriale Entschädigungsfrage in der preußischen Politik der Jahre 1795-1798, zugleich ein Beitrag zur Stein-Forschung, mit 3 unveröffentlichten Denkschriften des Freiherrn vom Stein, Westfälische Forschungen VI (1943-1952), S. 149 ff.

75 Staatswissenschaftliche Betrachtungen (IX, 835); vgl. außerdem VI, 123 und die Kritik an den Werken Mablys, die voll Unmut über die Gegenwart, sie nach Idealen aus der alten Geschichte beurteilt (sic) und diese zurückrufen will (IX, 722).

76 An seine Tochter Therese, 28.2.1831; VII, 1081.

77 An Hüffer, 27. 11. 1830; VII, 963; weitere Belege sind III, 743, 750; VII, 1081; IX, 732 f.

78 An Gneisenau, 18.2.1831; VII, 1074. Ein ähnlicher Gedanke findet sich schon in einem Brief vom 19.7.1816 (V, 515)

79 Dieses Gebiet ist genauer bearbeitet als die Frage von Steins Arbeitsmethode; vgl. z. B. K. Thiede, a.a.O. (Fn. 12); W. Isenburg, a.a.O. (Fn. 13); D. Schwab, a.a.O. (Fn. 2). Deshalb werden im folgenden auch nur die theoretischen Grundlinien dargestellt und nicht organisatorische Einzelvorschläge.

80 An Gagen, 3. 3. 1831; VII, 1087.

81 Das betont F. S c h n a b e 1 (Was bedeutet uns heute der Freiherr vom Stein? (1947) in: Abhandlungen und Vorträge 1914-1965 (hrsg. v. H. L u t z), 1970, S. 184 ff., 185.) Schön meint hingegen: Man würde Stein in Verlegenheit gesetzt haben, wenn man die Beantwortung der Frage von ihm verlangt hätte: Was ein Staat sey? und zu welchem Zwecke wir in einem Staate leben - leben sollen? (a.a.O., Fn. 8, S. 166).

82 An Kunth, 8.11.1821 (VI, 408); vgl. noch VI, 569, 929.

83 Es ist mir sehr wohl bekannt, daß diese Meinung der Ansicht derjenigen widerspricht, denen Bevölkerung und Erzeugung von Nahrungsmitteln der Hauptzweck des Staats ist; mir ist er aber seine religiös-moralische, intellektuelle und politische Vollkommenheit (an Spiegel, 28.3.1820; VI, 239 f.).

84 An Hüffer, 7. 6. 1831 (VII, 1160). Pertz hielt dieses Schreiben für so wichtig, daß er es in seine Ausgabe der "Denkschriften des Ministers Freiherrn vom Stein über deutsche Verfassungen" (1848) aufnahm; dort S. 272 ff., 274.

85 An Vincke, 20. 7. 1818 (V, 806). Die Schul-Analogie findet sich auch sonst: Ich sehe ständische Verfassung als die große Erziehungsanstalt eines Volks (an Prinzessin Luise Radziwill, 24.12.1828; VII, 473); vgl. auch V, 432. Wie Schwab (a.a.O., Fn. 2) ausführlich darstellt, soll auch die Selbstverwaltung die religiös-moralische Vervollkommnung des Einzelnen und der Nation fördern (vgl. insb. S. 28 ff.).

86 IX, 828; G. W i n t e r sieht das oberste Ziel der preußischen Reformer in der Beseitigung eines Zustandes, in dem "der Mensch nicht als solcher geachtet, sondern als Sache anderer Menschen im Staat betrachtet ... werde" (Die Reorganisation des Preußischen Staates unter Stein und Hardenberg, T. 1, 1931, S. 391).

87 Vgl. II/2, 604. Das erkannten auch manche Adlige an, s. Scheel/Schmidt III, 1030. Zur Aufhebung der Erbuntertänigkeit vgl. auch A. E r l e r, Die Gleichheit vor dem Gesetz, 1967, S. 26 f.

88 So in der Nassauer Denkschrift (II/1, 397) außerdem z. B. V, 125

89 II/2, 990; s. zu dieser Einschätzung des Oktober-Edikts noch IV, 396; V, 70,107, 127, 395.

90 V, 127; s. noch V, 59, 390 (droits politiques et civils), 726 (bürgerliche Freiheit). Zur Terminologie hinsichtlich der verschiedenen Freiheitsbereiche vgl. H. C o n r a Rechtsstaatliche Bestrebungen im Absolutismus Preußens und Österreichs am Ende des 18. Jahrhunderts, 1961, S. 22 ff., 46.

91 Die wesentlichen Bestandteile einer Bundesverfassung sind: ... Rechte j e d e s einzelnen Staatsbürgers (Über die deutsche Bundesverfassung", 16.7.1814; V, 67); ebenso V, 242 (les droits communs à to u s les Allemands); V, 395 (les droits de c h a q u e A 11 e m a n d).

92 Vgl. D. Schwab, a.a.O., (Fn. 2), S. 132 ff.

93 Eine Äußerung Steins in seiner "Französischen Geschichte" scheint auf den ersten Blick Zurückhaltung, wenn nicht gar Ablehnung gegenüber Grundrechten zu verraten: Sie (sc. die Nationalversammlung) glaubte, ihr eine metaphysische Einleitung geben zu müssen, die berüchtigte metapolitische Déclaration des droits de l`homme, die das Volk von seiner Souveränität belehrte (IX, 767). Vor dem Hintergrund der anderen Äußerungen Steins zur Grundrechtsproblematik wird jedoch deutlich, daß seine Kritik nicht der Idee von Menschenrechten gilt, sondern dem metapolitischen Begründungszusammenhang (vgl. Fn. 17). Diesen Hintergrund beschreibt Hans M a i e r so: Nicht ein versunkenes Rechtsgut gilt es aus der Tradition heraufzuholen und wieder lebendig zu machen wie in der amerikanischen Revolution, sondern jenseits der für tot erklärten Tradition erscheinen die Menschenrechte als neue Schöpfung eines selbstmächtig gestaltenden Gemeinwillens. Die Geschichte ist nicht mehr die Geburtshelferin vernünftiger Ordnung, vielmehr gebiert die Vernunft selbst den neuen Äon der Geschichte" (Die Grundrechte des Menschen im modernen Staat, 1973, S. 22). Diesen Vorstellungsinhalt dürfte Stein als Metapolitik abgelehnt haben.

94 IV, 396; zum Eigentumsschutz vgl. noch IV, 242; V, 125, 188, 240; VII, 901.

95 IV, 396.

96 Das jus publicum der Liberalen nennt zwar die légitimité eine niaiserie; mit ähnlichen metapolitischen Gründen kann man auch dahin gelangen, daß man Eigentum, Erbrecht der Kinder, Befugnis zum Testieren einer niaiserie nennt (an Niebuhr, 13. 9. 1830; VII, 901). Stein denkt hier metapolitische Gedankengänge weiter, um zu zeigen, daß von einem solchen Ausgangspunkt her die Notwendigkeit des Schutzes überkommener Rechte nicht begründet werden kann.

97 Zwar gelten Stein im Anschluß an Adam Smith Freiheit und Eigentum als Kennzeichen einer guten bürgerlichen Verfassung. Smith hatte geschrieben: Manufactures gradually introduced order and good government, and with them, the liberty and security of individuals (a.a.O., Fn. 36, S. 211). Stein übersetzte in seiner Ausgabe am Rand: Handel und Manufaktur führen Ordnung und eine gute bürgerliche Verfassung ein, mit ihr Freyheit und Eigentum (vgl. zu dieser Randbemerkung G. Schmölders, a.a.O., Fn. 36, S. 237). Die Auffassung von Freiheit und Eigentum gewinnt aber bei Stein eine persönliche Ausprägung, aus der sich auch sein distanziertes Verhältnis zu Adam Smith erklärt. Nach Schmölders war Stein "viel zu sehr Verwaltungspraktiker, um nicht starke Bedenken gegen ein politisches Programm zu haben, das bewußt und ausdrücklich von der gerade herrschenden Freihandelsideologie geprägt war" (a.a.O., Fn. 36, S. 236).

98 Vgl. S. 617 ff., insbesondere Fn. 33.

99 Daher lehnte Stein in diesem Bereich auch die Anwendung römischen Rechts ab (VII, 996). Den Code civil hielt er für eine Mischung aus Revolution und römischem Recht (VI, 88). Die Tätigkeit Savignys in diesem Bereich schätzte er nicht besonders: Sehr zu wünschen wäre es, daß der gute, gelehrte Herr v. Savigny bei der ante-justinianeischen und justinianeischen Jurisprudenz bliebe und nicht in unsern bäuerlichen Angelegenheiten kramte, die ihm durchaus unbekannt sind (an Spiegel, 13. 11. 1824; VI, 771).

100 IX, 836 (Anmerkung zu Adam Smith, a.a.O., Fn. 36, Bd. II, S. 264).

101 IX, 824. Was Stein meint, wird noch deutlicher, wenn man den Text Ganilhs heranzieht, den er hier zustimmend kommentiert: Elle (la distribution des richesses) donnait tout à un petit nombres d`individus, et refusait tout a la masse générale des citoyens. Elle créait a la fois l`extrême pauvreté et l`extrême richesse; ... elle devait donc produire tous les désordres, dépraver les hommes, pervertir les institutions; les bis, les m_urs, et corrompre la morale, la justice et I`humanité (Des Systèmes d`Economie Politique, Paris 1809, Bd. 1, S. 36 ff.).

102 An Reden, 22. 2. 1794 (I, 371).

103 Die Frage der sozialen Motivation Steins bedarf noch weiterer Klärung. Es steht jedoch fest, daß er sowohl in Nassau wie in Cappenberg für die notleidende Bevölkerung gesorgt hat (vgl. dazu J. H. F. W i e s m a n n, Lebensumriß des Ministers Freiherrn vom Stein. Zur Gedächtnisfeier seines 100. Geburtsjahres und zum Besten der Denkmalsstiftung. Von dem ehemaligen Arzte des Verewigten, 1857; Josef L a p p e, Freiherr vom Stein als Gutsherr auf Kappenberg, 1920). Weiterhin stellte er Überlegungen an zur Getreideversorgung der Arbeiterbevölkerung und zur Einrichtung von Armenhäusern. Er förderte auch die Gefangenenfürsorge. Außerdem bemühte er sich um eine Verbesserung des Zustands der Irrenanstalten (s. zu diesen Fragen 1, 287, 427, 490 f.; II/1, 153 f., VII, 515, 579, 588, 594, 634, 818, 839, 842, 919 f. 963, 1004). Die soziale Frage allerdings konnte Stein noch nicht in ihrer vollen Tragweite sehen denn er lebte in der Phase des "Aufbruchs zur Industrialisierung" (1780/1800-1835 nach der Periodisierung bei F. W. H e n n i n g, Die Industrialisierung in Deutschland 1800-1914, 1973, S. 15 ff.).

104 I, 471

105 R. K o s e l l e c k, Die Auflösung der ständischen Gesellschaft und das Aufkommen neuer Klassen im preußischen Vormärz, in: E. W. B ö c k e n f ö r d e (Hrsg.), Moderne deutsche Verfassungsgeschichte (1815-1918), 1972, S. 385 ff. (368 f.); Vincke forderte die Ausdehnung der §§ 213-216 II 16 des ALR auf die Fabrikarbeiter. Da Stein die Einführung einer Lohntaxe erwog, die im ALR für das Gesinde vorgesehen war, dürfte er der Ansicht Vinckes nicht ablehnend gegenübergestanden haben. Zur Problematik der Lohntaxe im Gesindewesen vgl. F. D e m m e r, Das Gesinderecht im Allgemeinen Landrecht für die Preussischen Staaten von 1794 und in der Gesindeordnung für sämtliche Provinzen der Preussischen Monarchie von 1810, Diss. Köln 1968, S. 45 f. Die Einflußnahme des Staates im Bergbau schildert H. D. K r a m p e, Der Staatseinfluß auf den Ruhrkohlenbergbau in der Zeit von 1800-1865, 1961.

106 Notiz Steins zum Kabinettsvortrag, 8. 10. (1807); 11/2, 455. Vgl. dazu G. F. K n a p p, Die Bauernbefreiung und der Ursprung der Landarbeiter in den ältheren Theilen Preußens, Bd. II, 1927, S. 168 ff.; G. Ritter, a.a.O., (Fn. 2), S. 223, der die Notiz zurückhaltend interpretiert.

107 So schon K n a p p: "Hiernach ist es klar, daß Herr vom Stein ganz und gar nicht daran dachte, nach Aufhebung der Erbuntertänigkeit dem Gutsbesitzer allgemein die freie Verfügung über das Bauernland einzuräumen. Es ist vielmehr die fortbestehende Staatsaufsicht, damit nicht Bauernland eingezogen werde, gerade der von Stein allein ganz entschieden ausgesprochene Gedanke, während alle andern im Grunde ihres Herzens den Bauernschutz als nicht mehr zeitgemäß betrachteten" (a.a.O., Fn. 105, Bd. I, 1927, S. 135 f.). Noch bei den Vorarbeiten für die "Verordnungen wegen des Einziehens und Zusammenschlagens von Bauernhöfen" versuchte Stein, diese Linie des Bauernschutzes durchzuhalten (11/2, 639, 653; Knapp, a.a.O., S. 141 f.). Allerdings trug er dann doch die Verordnung vom 14.2.1808 mit, die den Bauernschutz erheblich einschränkte. Ausschlaggebend könnte dabei gewesen sein, daß Stein angesichts der Stimmung in der Immediat-Kommission wahrscheinlich glaubte, das Maximum des durchsetzbaren Maßes an Bauernschutz erreicht zu haben.

108 Vgl. die Nachweise zum Schutz von Geistes-, Religions- und Denkfreiheit bei Isenburg, a.a.O., (Fn. 13), S. 30 ff.

109 Diese plötzliche Verwandlung glühender Republikaner in geschmeidige, charakterlose, vom Wink eines Einzigen abhängige Höflinge müßte mitleidiges Lachen erregen, wäre nicht dieser Leicht- und Sklavensinn die Quelle eines so großen und weitverbreiteten Elends geworden (IX, 749). In einem solchen Zustand wird dann die Freiheit nicht so sehr unterdrückt, sondern man wird schlechterdings unfähig der Freiheit (an Gagern, 5. 4. 1830; VII, 814).

110 Die Anhänger Napoleons sieht Stein als Freunde der Ruhe und des Genusses (IX, 841).

111 Vgl. dazu VII, 1138 und Isenburg, a.a.O., (Fn. 13), S. 31, der zu Recht darauf hinweist, daß die Einschätzung Friedrichs d. Gr. bei Stein auch sehr kritische Akzente enthält, von undistanzierter Bewunderung also keine Rede sein kann.

112 VII, 1146.

113 Unser protestantischer Rationalismus führt zur Democratie (an Kronprinz Friedrich Wilhelm v. Preußen, 12. 11. 1830; VII, 945). Dazu, daß hier Wirkungszusammenhänge sehr präzise gesehen werden, vgl. H. R o s e n b e r g, Theologischer Rationalismus und vormärzlicher Vulgärliberalismus, in: ders., Politische Denkströmungen im deutschen Vormärz, 1972, S. 18 ff.; zur Kritik des theologischen Rationalismus s. noch III, 483, 566; V, 767; VI, 70 f., 78,97; VII, 579, 744 f., 776 f., 813 f., 838, 844, 920, 945, 951, 1102, 1106; IX, 714 f.

114 Vgl. VII, 579, 813 f. Das hing mit seiner Vorstellung von Lehrfreiheit zusammen, dazu unten S. 639 f. Die Predigten des eher der rationalistischen Richtung zuneigenden Pfarrers hat Stein jedenfalls Sonntag für Sonntag gehört, wenn er in Nassau war.

115 Brünner Denkschrift (März 1810); III, 293. Die Rolle der öffentlichen Meinung ist geradezu das Leitmotiv dieser Denkschrift.

116 Vgl. oben S. 623 f.

117 Tout homme et toute corporation a le droit de faire imprimer les griefs contre l`autorité (10.3.1814; IV, 613 f.). Im ALR hatte es noch geheißen: Jeder gute Untertan zeige Mängel des öffentlichen Wesens der Obrigkeit an, mache aber kein Geräusch davon in publico 156 Teil II, Titel 20); dieses Beschwerderecht, eine Vorstufe zum Petitionsrecht, sollte erhalten bleiben (vgl. V, 242, 262).

118 V, 107.

119 V, 674.

120 Ich bin kein Freund von Journalism, er tötet gründlich Wissenschaft, ihre Stelle nimmt ein seichtes, politisches, bösartiges Machwerk, das nach Abonnenten strebt, den Leidenschaften der Menge schmeichelt und am Ende die Staaten regiert (VII, 954); s. dazu noch VII, 1079 f., 1095, 1101 f., 1106.

121 An Hüffer, 20. 11. 1830 (VII, 955). An anderer Stelle wird 200-300 Seiten als Maß angegeben (X, 293).

122 VI, 430.

123 An Eichhorn, 15.5.1818 (V, 774); zum inneren Zusammenhang von Pressefreiheit und freier Verfassung s. noch V, 801; VI, 71; VII, 1139.

124 So z. B. Isenburg, a.a.O. (Fn. 13), S. 37

125 On soumet à son inspection et les étudiants et les professeurs, on prive les uns et les autres d`une indépendance nécessaire pour le développement du caractère des premiers et la recherche de la vérité (an Uvarov, 30.11.1819; VI, 179); s. auch VI, 188

126 An Gersdorff, 10. 12. 1817; V, 674. Jacob Friedrich Fries (1773-1843) war Naturwissenschaftler und rationalistischer Philosoph, zuerst in Heidelberg, dann in Jena. - Einer Absetzung hatten nach Stein aber richterliche Untersuchung und Erkenntnis vorauszugehen, 16. 11. 1819 an Hövel (VI, 172).

127 An Bäumer, März 1830; VII, 153.

128 V, 107, 242, 262; IV, 396.

129 IV, 613 f.

130 IV, 396, 613 f.; die beiden letzten Punkte scheinen sich mit Art. 18 (b, c) der Bundesakte von 1815 zu decken. An der Bundesakte kritisiert Stein aber gerade, daß sie keine wirklichen Grundrechte gewährt, s. unten Fn. 135.

131 IV, 396; V, 70, 107, 127, 242, 262, 395 (Kritik an der Bundesakte wegen Fehlens einer Habeas corpus-Akte). Im Oktober-Edikt sieht Stein nicht nur das erste Fundamentalgesetz unseres Staates, sondern auch unsere Habeas-Corpus-Akte; vgl. dazu vorne Fn. 88.

132 G. H. P e r t z (Hrsg.), Denkschriften des Ministers Freiherrn vom Stein über deutsche Verfassungen, 1848, S. 19 ff. (21 f.) IV, 613 f. (10. 3. 1814). Im französischen Original lautet der Text: Tout homme ne peut être jugé que par ses juges naturels; ne peut être detenu plus de 48 heures sans leurs être présenté pour qu`ils décident sur les causes de son arrestation. Zum Recht auf den gesetzlichen Richter vgl. noch V, 127.

133 Über das Leben kann nur durch den ordentlichen Richter erkannt werden (IV, 396).

134 Entwurf einer Proklamation an sämtliche Bewohner des preußischen Staates, 21. 10. 1808 (II/2, 904). Der Entwurf hatte die Zustimmung Steins (vgl. II/2, 920).

135 V, 501. Für äußerste Fälle des Mißbrauchs staatlicher Gewalt kennt Stein noch ein Widerstandsrecht, vgl. VII, 578 und Isenburg, a.a.O., (Fn. 13), S. 27 ff.

136 So die Kritik an Art. 18 der Bundesakte vom 8. 6. 1815: (Maximes), qui ne sont garantie (sic) par aucune institution protrectrice (V, 395). Die gleiche Kritik richtet sich gegen Art. 54 der Wiener Schlußakte (V, 390).

137 Zur Verfassungsdenkschrift Wilhelm von Humboldts, 3. 1. 1814 (IV, 430). Zur Inamovibilität vgl. noch V, 127; VI, 28, 104.

138 Die Frage der Patrimonialgerichtsbarkeit hat Stein ständig beschäftigt (vgl. I, 689; II/1, 397; II/2, 553, 557, 588, 604, 730, 820, 861, 877, 886, 904, 989 f., 992 f.; III, 9, 526; V, 231, 677 f.; VI, 33 f.; VII, 287, 1083, 1159, VIII, 140, 148, 150, 151). Die ablehnenden Äußerungen überwiegen; allerdings meint Stein, der Reichsritterschaft stehe die Patrimonialgerichtsbarkeit zu (V, 231) und er fordert die Rückgabe der Gerichtshoheit von der nassauischen Regierung (V, 677 f.). Für Bagatellsachen scheint er sie an einer Stelle zu befürworten (VI, 33 f.).

139 VI, 31.

140 An von Dalwigk, 29. 6. 1814 (V, 45); zu Hardenbergs Verfassungsentwurf (§ 22), 16. 7. 1814 (V, 69 f.); zum obersten Bundestribunal vgl. noch IV, 591, 750. Zu diesem Punkt des Steinschen Denkens und ihrem zeitgeschichtlichen Kontext vgl. H. M ü l l e r - K i n e t, Die höchste Gerichtsbarkeit im deutschen Staatenbund 1806-1866, 1975, insb. S. 42, 55, 59.

141 An Gagern, 14. 5. 1830 (VII, 838).

142 VI, 849.

143 Darstellung der inneren Verwaltung Großbritanniens, hrsg. v. B. G. Niebuhr, 1815, Vorrede.

144 Die Einführung einer Verfassung hat Stein bis zuletzt immer gefordert, vgl. VII, 1038, 1059, 1063, 1074, 1083 f., 1092. Zusätzlich dachte er aber über gegen Willkür der Verwaltung schützende Institutionen nach (VI, 55)

145 Vgl. die Denkschrift "Über die Teilnahme der Provinzialstände an der allgemeinen und Provinzialgesetzgebung und an der Provinzialverwaltung", 13. 2. 1818 (V, 715). Als Verwaltungszweige werden aufgezählt: Feuersozietätssachen, Katasterrevision, Einquartierungs- und Serviswesen, Fourage- und Brotlieferungen an die in der Provinz stehenden Truppen, Meliorisationssachen in der Provinz, wie Wegebau, Wasserbau, Armensachen; vgl. auch VI, 55, 467.

146 a.a.O. (Fn. 144).

147 a.a.O. (Fn. 144) S. 719.

148 Gutachten vom August 1808; vgl. E. v. B o d e l s c h w i n g h, Leben des Oberpräsidenten Freiherrn v. Vincke, 1853, S. 379

149 K. L. v. W o l t m a n n, Geist der neuen preußischen Staatsorganisation, 1810, S. 101.

150 K o s e l l e c k sieht es sogar als die Absicht Steins an, "eine Identität von Staat und Gesellschaft herzustellen, nämlich durch gegenseitige Erziehung der Laien und Fachleute in den Behörden" (Preußen zwischen Reform und Revolution. Allgemeines Landrecht, Verwaltung und soziale Bewegung von 1791-1848, 1967, S. 177). Im Verbot der Zusammenarbeit zwischen den Ständen und der Verwaltung, das den Vorstellungen Steins diametral entgegengesetzt ist, erblickt Koselleck "ein weiteres Moment der staatlich stimulierten Entfremdung zwischen Staat und Gesellschaft" (Staat und Gesellschaft in Preußen 1815-1848, in: W. C o n z e (Hrsg.), Staat und Gesellschaft im deutschen Vormärz 1815-1848, 1970, S. 79 ff., 112). H u b e r spricht von einer "Verbindung von Gesellschaft und Staat" (Deutsche Verfassungsgeschichte seit 1789, Bd. I, 1967, S. 291). Vgl. zu diesem Problemkreis auch Schwab, a.a.O., (Fn. 2), S. 116 ff; R. V i e r h a u s, Art. Bildung, in: O. Brunner/W. Conze/R. Koselleck, Geschichtliche Grundbegriffe, 1972, Bd. 1, S. 533

151 VI, 468.

152 An Schroetter, 25. 8. 1808 (11/2, 835).

153 IX, 748.

154 IX, 748. Dies gegen Rousseaus These: La volonté ne se représente point (Contrat social, Buch III, Kap. 15).

155 II/2, 961.

156 Contrat social, Buch III, Kap. 15.

157 "Diese Sätze, abgesehen von dem Tribunal des Gewissens, sind den Bestimmungen französischer Gesetze, des Gesetzes vom 22.12.1789 und den Konstitutionen von 1791 und 1795, für die Nationalvertretung nachgebildet" (O. v. G i e r k e, Die Steinsche Städteordnung, 1957 (Ndr.), S. 57

158 Auf Stein zurückgehende Kabinettsorde an Auerswald, 31. 1. 1808 (II/2, 640).

159 O. v. Gierke, a.a.O., (Fn. 156), S. 57; zur Weisungsfreiheit vgl. noch G. v. B e l o w, Territorium und Staat, 1923, S. 117 ff.; zur Ablehnung des imperativen Mandats außerdem Burke, der Stein beeinflußt haben dürfte (The Works of the Right Honourable Edmund Borke, London 1801, Bd. III, 5. 19 f.). An der Städteordnung hatte schon Marwitz kritisiert, sie habe jede Stadt der Monarchie zu einer kleinen Republik gemacht (Marwitz, a.a.O., Fn. 40, Bd. I, S. 495).

160 Die Nationalrepräsentation wäre nach diesem Modell in Sektionen eingeteilt. Nach einem Vorschlag Rehdigers sollte es geben: Die Sektionen der Würden und Stände, der großen Eigentümer, des ansässigen Bauernstandes, des Handelsstands, des Fabrikenstands, der städtischen Gemeinden, des Gelehrtenstands. Stein stimmte dem Entwurf zu: Die Repräsentation ist also vollständig (7.11.1808; 11/2, 921). Das Ziel ist, eine möglichst vollständige Repräsentation der maßgeblichen Interessen zu erreichen, wobei durchaus auch neue hinzukommen können; vgl. die Denkschrift von 1818 (Fn. 6), S. 864 f.

161 Vgl. oben Fn. 33.

162 Denkschrift vom Januar/Februar 1818 (vgl. Fn. 6), V/865. Ebenso S. 867: In unseren Tagen sieht man ganz so, wie es zu den Zeiten der einbrechenden französischen Umwälzung geschah, den Wert erblicher Vertretung in ständischer Verfassung häufig verkennen, den mit ihr innig verbundenen Begriff echter Freiheit aber mit dem Begriff sogenannter Gleichheit, das heißt der Auflösung aller fest geordneten Rechte und Dauer versprechenden Einrichtungen verwechseln .
Den freiheitssichernden Wert der pouvoirs intermédiaires hatte schon Montesquieu betont (Esprit des bis, Buch II, Kap. 4), der auch hier Stein beeinflußt haben dürfte. Auf diesen Zwischengewalten fußte die Idee der "korporativen Libertät", wie sie K. v. R a u m e r schildert (Absoluter Staat, korporative Libertät, persönliche Freiheit, in: Die Entstehung des modernen souveränen Staates, hrsg. v. H. H. Hofmann, 1967, S. 173 ff.). Zur Ablehnung der revolutionären Gleichheitsforderungen durch Stein vgl. noch A. Erler, a.a.O., (Fn. 86), S. 26 f.

163 I, 563.

164 An Sack, 11.9.1802 (I, 563).
Es ist denkbar, daß sich Stein in seinen Äußerungen zu Freiheit und Gleichheit den Gedanken Feders anschließt, der schreibt: Staaten, in denen die höchste Gewalt eines Einzigen durch die erkannte Unverletzbarkeit der natürlichen und ausgemachten Gesellschaftsgesetze, und denen gemäß, durch mittlere Gewalten, durch gesichertes Eigentum und Freiheiten der Stände und Untertanen, gemäßigt ist, stehen in der Mitte zwischen den demokratischen Freistaaten und den Despotien (Untersuchungen über den menschlichen Willen, dessen Naturtriebe, Veränderlichkeit, Verhältnis zur Tugend und Glückseligkeit und die Grundregeln, die menschlichen Gemüter zu erkennen und zu regieren, 1779, Bd. II, S. 711).

165 Vgl. z. B. IV, 396, 613 f.; V, 390, 684.

166 Repräsentation nach Ständen, nicht nach arithmetischen Zerstückelungen einer in einem großen Teig, in eine chemische Flüssigkeit atomweise aufgelösten Nation statthaben müsse (an Spiegel 15.3.1818, Pertz V, 184 = V, 743

167 Vgl. oben S. 642 f.

168 Vgl. oben S. 641.

169 Ein feierlicher, förmlicher, zwischen Fürsten und Land abgeschlossener Staatsvertrag kann allein den Menschen Zuversicht geben auf die Unwandelbarkeit und Heiligkeit der neuen Verfassung. Auf solche Verträge zwischen Fürst und Land gründeten unsere Vorfahren ihre Landesverfassung (Denkschrift, Februar 1818; V, 725). Allerdings soll dieser Staatsvertrag nicht als neuer Contrat Social geschlossen werden, gleich als wären wir eine neulich eingewanderte Kolonie (18. 12. 1817; V, 681; auch 617 f.). Der Vertrag wird also historisch begründet, nicht aber aus Prinzipien deduziert (ebenso wie die Grundrechte, vgl. Fn. 92)

170 An Arndt, 5.1.1818 (V, 698)

171 An Rottenhan, 27. 12. 1817 (V, 684). Es handelt sich um jakobinischen Aristokratismus (VII, 1042).

172 Stein kritisiert ausdrücklich an den absolutistisch regierenden Fürsten: Ils ont écrasé les classes intermédiaires (an Alexander I, 9.7.1814; V, 58).

173 a.a.O., Fn. 156, S. 52.

174 An Sack, 9. 9. 1802; I, 562.

175 An Graf Meerveldt, 5.2.1822; VI, 464.

176 Theodor H e u ß, Demokratie und Selbstverwaltung, 1921, S. 9.

177 An Reden, 6. 3. 1809 (III, 64).




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