Eule
S a a r b r ü c k e r   B i b l i o t h e k

(http://www.jura.uni-sb.de/projekte/Bibliothek)

Erstveröffentlichung:
Gedächtnisschrift für Dieter Meurer
hrsg. v. Graul, Eva / Wolf, Gerhard
2002, De Gruyter Recht, Berlin
Seiten 655 - 664


Maximilian Herberger

Rechtswissenschaftliche Texte
und elektronisches Publizieren

Zehn Thesen für die deutsche Diskussion





                              Vorbemerkung

These 1:  Die Möglichkeit des eigenen Publizierens im Internet
          eröffnet der Wissenschaft neue Chancen autonomen Handelns.

These 2:  Die Wissenschaft muß sich bei der Aufstellung von Prinzipien
          für das Publizieren in erster Linie von ihren eigenen Interessen
          nicht-wirtschaftlicher Art leiten lassen.

These 3:  Die Publikation wissenschaftlicher Ergebnisse muß zeitnah erfolgen

These 4:  Elektronische Publikation schafft die Voraussetzungen für
          eine intensivere Rezeption der so publizierten Texte.

These 5:  Es ist möglich, beim elektronischen Publizieren dieselben
          Qualitätsmaßstäbe wie in der Print-Welt zu etablieren.

These 6:  Elektronische Publikationssysteme können genau so dauerhaft
          und nachhaltig organisiert werden wie traditionelle
          papiergestützte Informationssysteme.

These 7:  Elektronische Publikationssysteme können so organisiert werden,
          daß die Zitierfähigkeit gewährleistet ist.

These 8:  Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sollten auch bei
          Druckveröffentlichungen das Recht behalten, ihre Werke in
          nicht-kommerzieller Weise elektronisch zu publizieren.

These 9:  Das nachhaltig zu wünschende wirtschaftliche Überleben der
          Druckprodukte kann nur durch neue Strategien gesichert werden,
          die das elektronische Publizieren einbeziehen.

These 10: Elektronisches Publizieren erfordert eine neue Methodologie des
          wissenschaftlichen Kooperierens.

                              Nachbemerkung



Vorbemerkung


Wer im deutschen rechtswissenschaftlichen Umfeld Äußerungen zum elektronischen Publizieren verfolgt, kann sich in aller Regel des Eindrucks nicht erwehren, daß man hierzulande eine Debatte führt, die beispielsweise Rechtswissenschaftler in Großbritannien oder den USA nur mit Staunen betrachten würden, hätten sie denn den Eindruck, daß diese Erörterungen für sie von Belang seien. Berichtet man Kolleginnen und Kollegen aus diesen Ländern über manche Spezifika der einschlägigen deutschen Diskussion, stößt man häufig auf ungläubiges Staunen. Nun besagt all dies noch nichts über die Richtigkeit der jeweiligen Standpunkte. Bewiesen wird durch diese Beobachtung aber, daß in Deutschland ein Plädoyer für umfassendes elektronisches Publizieren weiterhin eine Adressatenperspektive hat und nicht von vornherein dem Verdikt verfallen muß, bloß mit Emphase Unstreitiges zu wiederholen. In diesem Sinne sind die folgenden Thesen primär als Beitrag zur Gesprächssituation innerhalb der deutschen Rechtswissenschaft gemeint, die juristischen Verlage selbstverständlich eingeschlossen.

These 1:
Die Möglichkeit des eigenen Publizierens im Internet
eröffnet der Wissenschaft neue Chancen autonomen Handelns.


Es ist ein Grundanliegen der Wissenschaft, autonom die Publikation der eigenen Ergebnisse gestalten zu können. In der traditionellen Struktur war jedoch aus wirtschaftlichen Gründen die Eigenpublikation in aller Regel nicht zu erschwinglichen Kosten möglich. Auch die breite Distribution eines Privatdrucks wäre kaum sicherzustellen gewesen. Die im Internet zur Verfügung stehende Publikations- und Distributionsmöglichkeit stellt sich in dieser Hinsicht als ganz neue Lage dar. Sie läßt sich in einer ersten Annäherung als Autonomiegewinn für die Wissenschaft verstehen.

Im Zusammenhang dieser These wird nicht verkannt, daß auch für die Publikation im Internet eine Infrastruktur vorgehalten werden muß und daß Kosten entstehen. Da allerdings in der universitären Umgebung Forschung und Lehre mit dieser Infrastruktur ausgestattet sind, besteht die beschriebene größere Publikationsautonomie, solange diese Infrastruktur verfügbar ist.

Das eigentliche elektronische Publizieren im Umfeld einer vorhandenen Internet-Infrastruktur verursacht nur marginale Kosten und verbraucht bei richtiger Organisation kaum Zeit.

Wenn sich die Wissenschaft auf das Grundanliegen der eigenen Autonomie besinnt, ist es nur folgerichtig, daß ein Emanzipationsakt aus alten Strukturen sich mit dem Freiheitsgefühl einer Unabhängigkeitserklärung verbindet. Die Initiative „Declaring independence – A Guide to Creating Community-Controlled Science Journals“ (http://www.arl.org/sparc/DI/) ist von diesem Gedanken inspiriert. Diese Initiative entbehrt übrigens nicht der nötigen Portion Realismus, wie eine Lektüre des Manifests erkennen läßt.

These 2:
Die Wissenschaft muß sich bei der Aufstellung von Prinzipien
für das Publizieren in erster Linie von ihren eigenen Interessen
nicht-wirtschaftlicher Art leiten lassen.


Bereits die eben genannte Publikationsautonomie stellt sich als genuines Eigeninteresse der Wissenschaft dar. Des weiteren besteht Konsens in folgendem: Die Wissenschaft arbeitet für die Vermehrung unserer Erkenntnisse. Dieser Erkenntnisfortschritt wird (gleichfalls nach allgemeiner Übereinstimmung) am besten durch einen möglichst umfassenden Dialog gefördert. Es entspricht dieser Sicht der Dinge, sich einen weltweiten wissenschaftlichen Gedankenaustausch zu wünschen. Für die jeweils erreichbare „Welt“ hat man dies auch in früheren Perioden der Wissenschaftsgeschichte so gesehen. Strebt man dieses Ziel an, so erweisen sich traditionelle Publikationsinstrumente wie Bücher und Zeitschriften wegen der von vornherein begrenzten Stückzahl als ein problematisches Mittel. Das elektronische Publizieren ist im Gegensatz dazu nicht in gleicher Weise limitiert. Es erlaubt prinzipiell die gewünschte weltweite Distribution von Texten.

These 3:
Die Publikation wissenschaftlicher Ergebnisse muß zeitnah erfolgen.


In traditionellen Publikationsumgebungen hatte sich die Wissenschaft mit Warteschlangen abgefunden, weil Alternativen nicht in Sicht waren. Vom Selbstverständnis der Wissenschaft her sind jedoch Warteschlangen nicht mehr tolerierbar, wenn es Alternativen gibt: Die bessere neue Erkenntnis soll sofort zur Verfügung stehen. Für die Medizin leuchtet dies unmittelbar ein und würde wohl auch von niemandem bestritten werden. Die Entstehung von „Pre-Print“-Servern trägt dieser anerkannten Notwendigkeit Rechnung. Betrachtet man allerdings die Situation innerhalb Deutschlands, was die Publikation rechtswissenschaftlicher Ergebnisse angeht, sind immer noch beachtliche Vorlaufzeiten zu beobachten, die weitgehend nicht als problematisch empfunden werden. Die deutsche Rechtswissenschaft sollte jedoch, wenn sie ihre Ergebnisse für aktuell bedeutsam hält, die institutionelle Diskussion über die Einrichtung eines „Pre-Print“-Servers beginnen.

These 4:
Elektronische Publikation schafft die Voraussetzungen für
eine intensivere Rezeption der so publizierten Texte.


Es genügt, um diese These zu veranschaulichen, ein Hinweis auf die gegenwärtig beste Suchmaschine „Google“ (http://www.google.com) und deren Möglichkeiten: Erschließung von 2.073.418.204 Webseiten und Präsentation der Ergebnisse nach elaborierten Ranking-Algorithmen. Die so erschlossenen Texte werden in einer Weise zugänglich, die ein deutlich höheres Maß an Berücksichtigungschancen ergibt, als wir dies aus traditionellen Umgebungen kennen. Die Wirkung der Texte wird so potenziert, weil sie intensiver zu uns sprechen können.

Was „Google“ für das gesamte Web in vorbildlicher Weise leistet, garantiert letzten Endes nicht, daß das wissenschaftlich Einschlägige präzise gefunden wird. In diese Lücke stoßen fachwissenschaftliche, webübergreifende Suchdienste. Genannt sei als Beispiel scirus, „for scientific information only“ (vgl. http://www.scirus.com/about/). Auch hier ist der eben genannte Effekt zu beobachten: Gefunden wird mehr, als vorher praktisch zugänglich war.

Übrigens kann sich die beschriebene Verstärkungswirkung, die sich als Effektivierung der wissenschaftlichen Reichweite begreifen läßt, auch auf ganze Literaturgattungen erstrecken. Ein charakteristisches Beispiel dafür sind die Dissertationen. Es ist bekannt, daß hier ein „Flaschenhalsproblem“ besteht: Nicht alle hervorragenden Dissertationen finden Platz in wissenschaftlichen Reihen. Für die dort nicht zu plazierenden (ich betone: Dissertationen von Qualität) gibt es außerhalb der elektronischen Publikationsmöglichkeiten nur die Verteilung der Pflichtexemplare an Bibliotheken – ein Zufallsspiel in Sachen potentieller Kenntnisnahme durch die Wissenschaft. Im Vergleich dazu ist die Prognose nicht gewagt, daß die elektronische Publikation von Dissertationen diese Literaturgattung erstmals flächendeckend in das ihr zustehende Recht einsetzen kann. Als Einstieg in eine Begleitung der diesbezüglichen deutschen Aktivitäten seien die Adressen http://www.dissonline.de/ und http://www.iwi-iuk.org/dienste/TheO/ empfohlen. Übrigens spricht die Unterrepräsentanz der juristischen Dissertationen in diesen Projekten eine beredte Sprache, was die Aufgeschlossenheit der deutschen Rechtswissenschaft für elektronisches Publizieren angeht.

These 5:
Es ist möglich, beim elektronischen Publizieren dieselben
Qualitätsmaßstäbe wie in der Print-Welt zu etablieren.


Man scheut sich fast, diese These niederzuschreiben, handelt es sich doch um eine schlichte Selbstverständlichkeit. Es ist aber das Betonen dieser Selbstverständlichkeit für die deutsche rechtswissenschaftliche Diskussionslage unumgänglich, weil hier immer noch das Argument kolportiert wird, elektronisches Publizieren führe geradezu naturnotwendig zu einer Art Erosion der Qualität. Dem ist entgegenzuhalten: Qualitätssicherung ist eine Organisationsfrage. Sie hat mit der Form, in der anschließend das Qualitätsprodukt verteilt wird, nicht das geringste zu tun. Demgemäß gibt es zahlreiche elektronische Zeitschriften mit verantwortlichen Herausgebern und/oder Peer-Review.

Die Möglichkeiten elektronischer Publikation haben übrigens im Peer-Review-Kontext noch einen weiteren interessanten Nebeneffekt: Auch Arbeiten, die nicht akzeptiert wurden, können publiziert werden. Dies erhöht die Transparenz der wissenschaftlichen Diskussionslage. Wie wir alle wissen, ist Peer-Review keine Garantie dafür, daß nur Qualität und daß alle Qualität als solche erkannt wird. Wer sich also zu unrecht für ausgeschlossen hält, hat in der elektronischen Welt immerhin die Möglichkeit, seine Stimme zur Geltung zu bringen.

These 6:
Elektronische Publikationssysteme können genau so dauerhaft
und nachhaltig organisiert werden wie traditionelle
papiergestützte Informationssysteme.


Die Betonung liegt bei dieser These auf der Behauptung, daß die betreffenden organisatorischen Möglichkeiten prinzipiell existieren. Keinesfalls soll behauptet werden, daß es damit schon insgesamt zum Besten steht. Dies ist den Kritikern zuzugeben. Im Anschluß daran ist allerdings auch zu betonen, daß die Kritiker speziell in Deutschland manche Entwicklung in Richtung Nachhaltigkeit des Internet noch nicht adäquat wahrgenommen haben. Es gilt dies insbesondere für das anspruchsvolle Projekt der Archivierung des Internets, das Brewster Kahle angestoßen hat (vgl. http://www.archive.org/ samt Suchmöglichkeit im Archiv). Brewster Kahle wird dabei bewegt von dem Gedanken, daß kulturelle Tradition Nachhaltigkeit der Überlieferung verlangt und daß das Internet einen kulturellen Anspruch nur erheben kann, wenn es diesem Anspruch gerecht wird.

(Brewster Kahle, Archiving the Internet, 1997, http://www.archive.org/sciam_article.html)

Es versteht sich von selbst, daß Nachhaltigkeit in dieser Beziehung auch von gesetzgeberischen Aktivitäten abhängt. Die zentralen Nationalbibliotheken sind als rechtliche Institutionen entstanden und mit Rechten ausgestattet worden. Was man hier in der Welt der Bücher getan hat, gilt es nun in angemessener Form auch in der elektronischen Welt zu institutionalisieren. Konkret bedeutet dies für die Deutsche Bibliothek: Kraft gesetzlichen Auftrags werden bisher nur digitale Publikationen gesammelt, die auf physischen Trägern verbreitet werden. Netzpublikationen werden durch den gesetzlichen Auftrag noch nicht erfaßt. Dies gilt es zu ändern. Die Diskussion um das Sammeln von Netzpublikationen und die praktischen Erprobungen dazu bei der Deutschen Bibliothek haben einen Reifegrad erreicht, der weiteren Aufschub nicht als notwendig erscheinen läßt.

(Vgl. dazu „Sammlung, Verzeichnung und Archivierung von Netzpublikationen“, http://www.ddb.de/wir/netzpubl.htm).

Mit Blick auf die Sorge um die mangelnde Nachhaltigkeit elektronischer Materialien ist im übrigen noch eine Bemerkung unumgänglich: Wer das Tradieren elektronischer Materialien ernsthaft für nicht gesichert hält, muß konsequenterweise zweifeln, ob unsere Industriegesellschaften überhaupt überlebensfähig sind. Denn in allen Lebensbereichen setzen wir darauf, daß die elektronischen „records“ verläßlich und kontinuierlich der Verwaltung zur Verfügung stehen. Sollte dem nicht so sein, werden unsere Gemeinwesen in einer sehr fundamentalen Weise ihre Überlebensfähigkeit verlieren, was die Frage nach der Persistenz des publizierten Wissens dann sogleich mit erledigt. Daraus folgt, daß die betreffende Skepsis nicht auf elektronische Publikationszusammenhänge begrenzbar ist. Sie betrifft alles – oder nichts.

These 7:
Elektronische Publikationssysteme können so organisiert werden,
daß die Zitierfähigkeit gewährleistet ist.


Zitierfähigkeit setzt das für einen längeren Zeitraum garantierte Vorhandensein des betreffenden Referenzobjekts und dessen Zugänglichkeit voraus. Denn nur wenn diese Voraussetzungen erfüllt sind, ist es möglich, einem Zitat überprüfend nachzugehen. In der Welt der gedruckten Bücher kann man diesbezüglich auf das physisch-reale Überdauern der (am besten auf säurefreiem Papier gedruckten) Bücher vertrauen. Aber schon in dieser Welt ist Vorsicht geboten: Loseblattsammlungen (eine für die Rechtswissenschaft wichtige, noch real existierende Literaturgattung) sind im Grunde nicht zitierfähig, wenn die aussortierten Lieferungen nicht systematisch archiviert werden, was selten geschieht.

In der elektronischen Welt kann nichts anderes gelten als in der gedruckten Welt: Zitierfähigkeit setzt das für einen längeren Zeitraum garantierte Vorhandensein des betreffenden Referenzobjekts und dessen Zugänglichkeit voraus. Man erkennt daran, daß die eben behandelte Frage der (auch institutionell) dauerhaften Archivierung des Internets für die Zitierfähigkeit von entscheidender Bedeutung ist. In welcher Richtung eine erste Lösung denkbar ist, zeigt die auf das Internet-Archiv bei http://www.archive.org/ aufgesetzte Wayback-Machine, die mit dem Kommando „Take me back!“ das Aufrufen früherer Zustände des World Wide Web ermöglicht. Hier gewinnt die Praxis, beim Zitieren von Internet-Adressen das Datum des Besuchs dieser Adresse beizufügen, zum erstenmal praktische Bedeutung. Denn die Wayback-Machine erlaubt eine datumsbezogene Abfrage bezogen auf URL´s (= Uniform Resource Locators, vgl. http://www.w3.org/Addressing/).

Zitierfähigkeit setzt im strengen Sinne noch ein weiteres voraus: Der „Name“ (genauer: Die Kennzeichnung), womit auf eine Quelle gezeigt wird, muß dauerhaft gleichbleiben. Dies ist, wenn wir auf unsere Erfahrungen mit „richtigen“ Büchern (nicht Loseblattsammlungen) zurückgreifen, dort problemlos der Fall: Eine neue Auflage hat im Sinne des Kennzeichnens auch einen neuen Titel, denn zur Identifizierung wird die Auflagenbezeichnung mit herangezogen. Begreifen wir im Internet die URL als Äquivalent zum Buchtitel, so entsteht ein Problem: Der Inhalt des Buches kann sich nicht so in Bewegung setzen, daß er irgendwo unter einem anderen Titel (im eben beschriebenen kennzeichnenden Sinne) landet (von Urheberrechtsverletzungen einmal abgesehen). Im World Wide Web kann aber der unter einer bestimmten URL abrufbare Inhalt eine Wanderung antreten und später nur unter einer anderen URL erreichbar sein. Kritiker sprechen hier gerne vom World Wide Web als „Wanderdüne“. Eine erste Lösung für dieses Problem bietet die eben besprochene Wayback-Machine: Soll ein zitierter Text überprüft werden, der sich nicht mehr unter der URL befindet, unter der er zitiert worden ist, erlaubt die Wayback-Machine den Aufruf des früheren Zustandes unter der im Zitat benutzten URL, wenn der Zitierende ein Datum des Aufrufs beigefügt hat.

Es ist allerdings nicht zu verkennen, daß die eben referierte Architektur nicht die zweckmäßigste ist. Denn es wird in ihr ein Mangel (Der Inhalt wandert, ohne die Kennzeichnung „mitzunehmen“) nur kompensiert. Besser wäre es, den Mangel prinzipiell zu beseitigen, und dem „wandernden“ Inhalt dauerhafte Kennzeichnungen mitzugeben. Standards für solche „persistent identifiers“ existieren bereits (vgl. http://www.ddb.de/professionell/carmen_aps.htm#ap4).

Damit ist auch die für die Zitierfähigkeit wichtige Anforderung der „Persistenz“ der Kennzeichnungen im World Wide Web kein prinzipielles Problem mehr.

Zum Schluß sei an dieser Stelle etwas angemerkt, was im Vergleich der uns vertrauten Druckmedien mit den elektronischen Medien ein durchlaufendes Prinzip sein sollte: Es geht um einen fairen Medienvergleich. „Fairness des Vergleichs“ bedeutet nun in diesem Kontext, daß man nicht eine falsche Gegenüberstellung vornimmt, die etwa klassischen Medien durchgehend Zitierfähigkeit zuschreibt und elektronischen Medien diese Zitierfähigkeit durchgehend abspricht. Widerlegungsinstanzen für diese antagonistische Sicht der Dinge wurden bereits genannt. Das wahre Bild ist also differenzierter. Im Sinne einer solchen differenzierten Sicht der Dinge kann man dann etwa auch Fragen wie die folgende aufwerfen: Ist die Zitiersituation bei einer Referenz auf hundert gedruckte Exemplare besser als bei einer Referenz auf Hundert mal x elektronisch verteilte Exemplare? Erst in der Konsequenz solcher Fragestellungen wird ein fairer Medienvergleich möglich.

These 8:
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sollten auch bei
Druckveröffentlichungen das Recht behalten, ihre Werke in
nicht-kommerzieller Weise elektronisch zu publizieren.


Zunächst: Zahlreiche wissenschaftliche Verlage praktizieren dies bereits weltweit so. Trägt man diese These aber in Deutschland juristischen Verlagen vor, stößt man kaum auf positive Resonanz. Überwiegend wird argumentiert, daß Druckwerke bei dieser Politik nicht mehr absetzbar seien. Dabei wird verkannt, daß es empirische Erkenntnisse gibt, die gegen diese Annahme sprechen. Wer elektronisch ein Werk mehrfach konsultiert hat, wird irgendwann ernsthaft erwägen, dieses Werk zu kaufen. Insofern gleichen die elektronischen frei zugänglichen Publikationsorte den Bibliotheken: Auch dort werden Bücher konsultiert, die man zunächst nicht kauft. Wenn man aber erkannt hat, daß man auf ein bestimmtes Werk dauerhaft angewiesen ist, wird man zum Kauf schreiten – sofern der Preis als angemessen erscheint. Natürlich gibt es einen Unterschied zwischen frei zugänglichen elektronischen Bibliotheken und traditionellen Bibliotheken: Das Kopieren der Werke in den freien elektronischen Bibliotheken ist leichter. Indessen muß man den Aufwand realistisch betrachten, der zwischen der Übertragung auf den eigenen Rechner und dem Herstellen eines ansprechenden Lese-Exemplars liegt: Um diesen Aufwand zu ersparen, zahlt man gerne einen angemessenen Preis. Und Lesen auf dem Bildschirm will man ja wirklich nicht (dies übrigens im vorliegenden Zusammenhang ein schöner übergreifender Konsens). Funktional sind deshalb freie elektronische Bibliotheken eher Nachschlage-Bibliotheken.

Um zu zeigen, daß die skizzierten empirischen Annahmen eine ernsthafte Prüfung verdienen, sei auf den Mohr-Siebeck-Lesesaal verwiesen. Dort liegen bereits seit geraumer Zeit ganze Bücher im Internet für eine bestimmte Zeit frei zugänglich auf. Im Augenblick des Verfassens dieser Zeilen handelt es sich um

Luther - zwischen den Zeiten
Eine Jenaer Ringvorlesung. Herausgegeben von Christoph Markschies und Michael Trowitzsch
1999. V, 239 Seiten. ISBN 3-16-147236-5

Und einladend heißt es dazu:

„Sie können das Buch als Datei im PDF-Format herunterladen, indem Sie auf das Titelbild klicken. Die Datei hat einen Umfang von 1046 KB.“

Es ist nicht anzunehmen, daß dieser Lesesaal von Mohr-Siebeck kontinuierlich bestückt würde, wenn es dem Absatz der betreffenden Werke schaden würde.

Als weiteres Beispiel sei das Geschäftsmodell von „European Science Publisher“ genannt.


In diesem Modell behalten Autorinnen und Autoren das Recht zur nicht-kommerziellen Publikation des elektronischen Werkes, das im Druck bei „European Science Publisher“ erscheint.

These 9:
Das nachhaltig zu wünschende wirtschaftliche Überleben der
Druckprodukte kann nur durch neue Strategien gesichert werden,
die das elektronische Publizieren einbeziehen.


Die vorliegenden Überlegungen zum elektronischen Publizieren folgen nicht einer Logik des „Entweder-Oder“. Vielmehr ist es entscheidend wichtig, daß Druckprodukte weiterhin eine wirtschaftliche Grundlage haben, weil wir im kulturellen Gesamtinteresse auf Druckprodukte nicht verzichten können. Da dies in Deutschland allseits akzeptiert ist, ist eine nähere Darlegung der Gründe hier nicht erforderlich. Insofern kann auf die Schrift von Vittorio E. Klostermann „Verlegen im Netz – Zur Diskussion um die Zukunft des wissenschaftlichen Buches“ verwiesen werden. Sie findet sich im Internet unter der Adresse


Was die Betonung der positiven Seiten einer Kultur des Buches angeht, kann ich dieser Schrift nahezu ohne Einschränkungen folgen. Erst wenn die Betonung der Stärken des Papiers und des Buches gegen die Notwendigkeit elektronischen Publizierens ins Feld geführt und mit einer Perhorreszierung des Internet verbunden wird, trennen sich die Wege. Richtigerweise gilt ein „Sowohl – Als auch“, weil die traditionelle und die elektronische Repräsentation sich hervorragend ergänzen und die jeweils gegebenen Schwächen (ja, auch das Buch hat sie bei allen sonstigen Vorzügen) kompensieren. Für diese These liefert übrigens die Schrift Klostermanns, die „bi-medial“ existiert (im Druck zum Preise von DM 10.- und elektronisch kostenlos) einen interessanten Beweis: Nur in der elektronischen Fassung ist es möglich, den per Link in Bezug genommenen Texten nachzugehen. Die Druckfassung kann diese Möglichkeit nicht bieten. Deswegen heißt es dort auch mit aller wünschenswerten Offenheit: „Unter den blau unterstrichenen Passagen im Text liegen ‚Links’, mit denen in der Netzversion dieses Beitrags zu anderen Texten gesprungen werden kann.“ (Im Original ohne Seitenzahl auf dem ersten Blatt verso.) Kann man wirklich bezweifeln, daß hier die elektronische Repräsentation des Textes ein Mehr an Wissensvernetzung im Vergleich zur Druckfassung bringt? Diese rhetorische Frage dient nicht dazu, den Respekt gegenüber der Druckfassung zu mindern: Ich schätze sie in ihrem eigenen Recht und lese gerne an wechselnden Orten darin (auch im Schwimmbad, worauf manche Skeptiker des Elektronischen Wert legen). Aber unter dem anderen Aspekt des Wissensnetzwerks ist die elektronische Repräsentation der Druckfassung überlegen. Warum also das eine gegen das Andere ausspielen?

Jenseits der methodisch-prinzipiellen Argumentation stellt sich eine praktische Frage: Könnte es sein, daß Print-Produkte nur im Kontext neuer Koexistenz-Strategien mit elektronischen Produkten eine ernsthafte Überlebenschance haben? Wie gesagt: Dieses Überleben ist wünschenswert. Gibt es nun derartige Koexistenz-Strategien? Prominente Beispiele zeigen, daß kühl wirtschaftlich kalkulierende Verlage in dieser Richtung denken. So garantiert Springer mit dem Programm „Online-First“ Autorinnen und Autoren, daß für den Druck akzeptierte Beiträge sofort und vor Drucklegung im Internet erscheinen, zitierfähig schon in diesem Stadium, da mit einem „Digital Object Identifier“ (DOI) versehen.




These 10:
Elektronisches Publizieren erfordert eine neue Methodologie des
wissenschaftlichen Kooperierens.


Dieser letzte Punkt ist eigentlich der mit dem größten Gewicht, weil er die Perspektive eines Aufrechnens von Medienvor- und nachteilen überschreitet. Sehen wir die Chancen des elektronischen Publizierens als eine seriöse Erweiterung unserer wissenschaftlichen Handlungsmöglichkeiten an, stellt sich konsequenterweise die Frage, wie wir mit diesen neuen Handlungsmöglichkeiten methodisch umgehen wollen. Beim Nachdenken über diesen Punkt verdient der Gedanke Berücksichtigung, daß „wir“ vielleicht bereits früher einmal in einer vergleichbaren Situation waren. So wie Glossatoren, Postglossatoren und Kommentatoren Gedanken über einen juristischen Ausgangstext weitergesponnen haben, können wir im World Wide Web ein assoziatives Netz vergleichbarer Art weiterweben. Es ist wirklich so, wie Rüfner mit Blick auf diese schon seinerzeit erkannten und realisierten Möglichkeiten geschrieben hat:

„Iuri Romano medii aevii operam danti similitudo inter ‚Hypertext’ et modum, quo Accursii glossae cum legibus Coporis Iuris coniunguntur, perspicua est: Singula verba legum signantur, ut pateat ea in glossa explicari. Item glossae indicationes legum aliarum et glossarum continentur.“


Man sollte diese nicht nur imaginierte kulturelle Brücke betreten, um das World Wide Web richtig zu verstehen.

Nachbemerkung


Am Ende bleibt, damit der Autor seinem Plädoyer treu bleiben kann, nur eine Frage zu beantworten: Wo befindet sich der hier gedruckte Text im Internet? Die Antwort lautet: In der „Saarbrücker Bibliothek“ unter der Einstiegsadresse katalog.php, die zugleich den Zugang zu den weiteren elektronischen Veröffentlichungen dieser Bibliothek gestattet.

 


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