Eule
S a a r b r ü c k e r   B i b l i o t h e k

(http://www.jura.uni-sb.de/projekte/Bibliothek)

Erstveröffentlichung:
Das Recht und die schönen Künste,
Heinz Müller-Dietz zum 65. Geburtstag,
Heike Jung (Hrsg.),
Baden-Baden 1998, S. 133-159



Alessandro Baratta

Das Theater des Rechts und die Dramaturgie des Lebens.

Zur Zurechnung von Verantwortlichkeit im Strafprozeß


Gliederung

1. Die Artefakte des Rechts und die Lektüre der Konflikte im Strafprozeß
2. Die subjektiven Voraussetzungen der Zurechnung strafrechtlicher Verantwortung.
   Die Krise des Schuldbegriffs.
3. Der Formalismus des Prozesses und die Techniken
   zur Begrenzung der repressiven Antwort auf Konflikte.
4. Die Schule der Ironie: Geschichte, Sozialwissenschaften und Volksweisheit.
   Für eine Reform des "Sinns" des Strafprozesses


"Aber noch ist der Jurist seiner Vergangenheit verhaftet, die nicht allein die Geschichte und den Standort seiner Profession umschreibt. Noch hält ihn das Gefängnis seines Ichs gefangen, aus dessen Gittern, Mauern und normativen Zwängen es kein Entrinnen zu geben scheint. Und doch wird ihm allmählich bewußt, daß die ironische Glossierung von Recht und Juristen in jener Geschichte keineswegs Musils letzte Antwort zum Thema darstellt, daß sich vielmehr mit der Frage nach einer `anderen Politik' oder einer `anderen Organisation der Gesellschaft' notwendig auch die Frage nach einem anderen Verständnis des Rechts und seinem Verhältnis zur Gesellschaft stellt".

Damit bringt Heinz Müller-Dietz, in einem Aufsatz über Musil (1990, 472), in prägnanter Weise die geistige Situation des Rechts und der juristischen Profession zum Ausdruck. Seinen Hinweis auf die Bedeutung der Ironie nicht nur für die Kritik der Beziehungen zwischen Recht, Rechtswissenschaft und Rechtskultur in einer sich wandelnden Gesellschaft, sondern auch für die Suche nach einer anderen Beziehung zwischen diesen Komponenten, im Hinblick auf den Aufbau einer anderen Rechtszivilisation, möchte ich in folgenden Überlegungen aufgreifen. Es geht um das Verhältnis von Recht und Leben, vor allem um die Beziehungen zwischen den verschiedenen, professionellen und "privaten", Akteuren des Strafprozesses in ihren Rollen im Theater des Rechts, aber auch in ihrer Teilnahme an der Dramaturgie des Lebens.

1. Die Artefakte des Rechts und die Lektüre der Konflikte im Strafprozeß

Es geht in erster Linie darum, die Relation zwischen dem Bild der Wirklichkeit im Recht und in der Rechtswissenschaft einerseits und demjenigen in der lebensweltlichen Erfahrung und in den Sozialwissenschaften andererseits zu hinterfragen. Ersteres sollte mit den Erkenntnissen der modernen Philosophie konfrontiert werden, damit die Juristen von einem nicht mehr vertretbaren naiven Realismus Abstand gewinnen. Nach Kant ist es nämlich unmöglich geworden, weiterhin von der Erkenntnis des Dings an sich zu sprechen. Zur Vermeidung eines naturalistischen Realismus ist es deshalb angebracht, vom Erkenntnisgegenstand als einer gesellschaftlich konstruierten Wirklichkeit zu sprechen. Auch die Gesellschaft, der Gegenstand der Sozialwissenschaften, ist eine gesellschaftlich konstruierte Wirklichkeit[1].

Es gibt eine soziale Konstruktion der Wirklichkeit im common sense, eine Herstellung der Realität in den Prozessen der Kommunikation und der Zuschreibung von Sinn, die den Code sozialer Gruppen konstituieren (vgl. J. D. Douglas, Hg. 1970). Es handelt sich dabei um subjektive Prozesse; diese sind jedoch von Bedingungen abhängig, die durch die materielle Struktur der in bestimmten Gesellschaftsformationen bestehenden Produktions- und Machtverhältnisse determiniert werden. In diesem Sinne sind die subjektiven Konstruktionen der Welt nicht willkürlich, vielmehr ist jede einzelne Konstruktion im Rahmen der sozialen Interaktion von der Teilnahme der Akteure an gemeinsamen, tiefen Sinnstrukturen abhängig (A.V. Cicourel 1970). Diese entsprechen ihrerseits den materiellen Strukturen der Gesellschaft und garantieren ihre Reproduktion und Legitimation auf der subjektiven Ebene[2].

Neben der Alltagssprache existieren spezifische Sprachen der Wissenschaft und Technik, die Wirklichkeitskonstruktionen erzeugen, die den praktischen Operationen der funktionalen Subsysteme des sozialen Handelns adäquat sind[3]. Auch das wissenschaftliche und technische Wissen wird im Rahmen der von den materiellen Produktions- und Machtverhältnissen gesetzten Bedingungen erzeugt und entfaltet in diesen Verhältnissen seine Wirkungen. Der Prozeß der Konstruktion der Wirklichkeit innerhalb der informellen Interaktion von sozialen Gruppen ("Lebenswelten") und der sozialen Organisation ("System") steht nicht in monokausalem Abhängigkeitsverhältnis zu den materiellen Strukturen, sondern hat umgekehrt auch einen Einfluß auf sie[4]. Dieser Einfluß kann konservativ (Reproduktion und Legitimation)[5] oder innovativ (Kritik und Emanzipation)[6] sein.

Als Produkt einer Verflechtung von Wissenschaft und Technik ist das Recht eine dieser speziellen Sprachen, durch die eine partikulare Konstruktion der Welt hergestellt wird. Das juridische Artefakt, die Welt des Rechts, besitzt eine hochspezialisierte Struktur aufgrund der praktischen Operationen, über die das Recht in komplexen sozialen Systemen verfügt. Die Funktionen, die es in den einzelnen Sektoren erfüllt, sind: a) die institutionelle Organisation, b) die Verteilung der Ressourcen, c) die Unterdrückung der Konflikte. Die Kategorien, mit denen die Struktur der Welt des Rechts analysiert werden kann (Zeit, Raum, Kausalität etc.), unterscheiden sich von den entsprechenden Kategorien des Alltagswissens und anderen, speziellen Wissensgebieten (vgl. K. Engisch 1965).

Die besonders hohe Künstlichkeit der Welt des Rechts ist durch zwei Umstände bedingt: Der erste ist, daß das Recht auf einer Wirklichkeit aufbaut, die selbst das Produkt einer sozialen Konstruktion in der Alltagssprache ist; das Recht rekonstruiert also die Gesellschaft, indem es eine "zweite Wirklichkeit" herstellt (Müller-Dietz 1990, 22). Der zweite besteht darin, daß die Welt des Rechts als eine normative Struktur konstruiert ist, in der die Verhaltensweisen der Subjekte deontisch qualifiziert werden. Da das Recht, um eine Metapher von Emil Lask zu benutzen, "Halbfabrikate" verarbeitet (E. Lask 1932, 309 ff.) und außerdem nicht unmittelbar die Handlungen, sondern vielmehr Programme und Handlungsmodelle zum Gegenstand hat, kann es als eine Werkstatt aufgefaßt werden, in der die Welt des Seins in eine Welt des Sollens umgewandelt wird (vgl. A. Carrino 1983). Das Ergebnis ist ein Artefakt zweiten Grades, das durch die Umarbeitung der Wirklichkeit und des sozialen Sinns der Handlungen hergestellt wird.

Die Abstraktionsbeziehung, in der das Recht zum Realen steht, wird häufig als eine Distanz zwischen Abstraktem und Konkretem interpretiert. Mit dem "Konkreten" ist das Erlebte gemeint, d.h. die unwiederholbaren Situationen des Daseins: man beabsichtigt damit, die Distanz hervorzuheben zwischen dem existentiellen Drama, das die Subjekte in einer realen Situation des Lebens erleben oder erlebt haben, und seiner Darstellung im Theater des Rechts[7]. Mit aller Deutlichkeit tritt diese Distanz im Strafprozeß zutage.

Die charakteristische Vorgehensweise des Strafprozesses besteht in einer Entscheidung darüber, ob die rechtlich vorgesehenen Voraussetzungen erfüllt sind, um einen Eingriff repressiver Art in einen Konflikt zu veranlassen. Der Strafprozeß ist eine Werkstatt der theatralischen Umwandlung konkreter Konfliktsituationen; hier werden sie in vorgefertigte Bühnenstücke transkribiert, und den Akteuren werden typisierte Rollen zugewiesen. Hinzu kommen im Theater des Prozesses die "institutionellen" Akteure, die in der ursprünglichen Situation nicht zugegen waren, so daß sich die Rahmenbedingungen des Konflikts mehr oder weniger radikal verschieben. Die existentielle Kommunikation zwischen den ursprünglichen Parteien wird durch die Intervention des Richters als eines neuen Protagonisten unterbrochen. An die Stelle der direkten Zuschauer tritt das Element der Öffentlichkeit des Verfahrens, die öffentliche Meinung. Die kollidierenden Interessen und Bedürfnisse werden als Rechte und Rechtsbrüche rekonstruiert. Das Drama des Lebens wird durch eine rituelle Zeremonie, durch die "Dramaturgie des Verfahrens" (C. Meßner 1996, 116) ersetzt, in der professionelle "Vertreter" weitgehend die Rollen der ursprünglichen Akteure übernehmen. An die Stelle von Ermittlungen treten Fiktionen und Vermutungen. Die Wahrheit, zu der der Ritus gelangen soll, ist nicht die existentielle, sondern die prozessuale Wahrheit.

Angesichts der spezifischen Interventionsweise des Prozesses in die realen Situationen war die Rede von einer Enteignung der ursprünglichen Konfliktparteien von ihren Konflikten durch die staatlichen Institutionen. Der Strafprozeß wurde als der deutlichste Ausdruck dieser Enteignung[8] angesehen (N. Christie 1986). Tatsächlich wird im Strafverfahren die Distanz zwischen dem realen und dem prozessualen Konflikt durch die Präsenz eines Vertreters der öffentlichen Klage unter den Akteuren erheblich vergrößert. Diese Präsenz symbolisiert die Transkription des existentiellen Konflikts in einen Konflikt von öffentlichem Interesse. Anstelle des durch das Delikt geschädigten Interesses des Opfers tritt das "Interesse" der Gesellschaft an der Strafe, während dasjenige des Opfers in ein privates, inzidentes Interesse zur Entschädigung umgewandelt wird, wozu ihm eine zur öffentlichen Klage parallele Nebenklage zur Verfügung steht.

Hinzu tritt bei den meisten Delikten die Durchdringung des gesamten Prozesses vom Legalitätsprinzip, demzufolge jede Straftat von Amts wegen verfolgt werden muß, wobei alle staatlichen Organe zur Anzeigeerstattung verpflichtet sind, während allen Bürgern die Anzeigeerstattung -auf fakultative Weise, aber jedenfalls unabhängig von der Initiative des Opfers- anvertraut wird.

In den Mittelpunkt der Diskussion rückte in den letzten Jahren die untergeordnete Rolle des Opfers im Strafprozeß sowie die unangemessene Weise, in der seine wirklichen Interessen vertreten werden angesichts der negativen und enteignenden Wirkungen des Strafverfahrens: in den meisten Fällen verfügt das Opfer über keinerlei Einflußmöglichkeiten auf den Ablauf bzw. die Fortsetzung des Prozesses. Betont wurden dabei die zerstörerischen Folgen des Prozesses im Hinblick auf die Chancen der Kommunikation und Versöhnung zwischen den ursprünglichen Konfliktparteien[9].

Was den Täter betrifft, wurde auf die große Distanz hingewiesen -die auch in zeitlicher Dimension besteht- zwischen dem am realen Konflikt beteiligten Akteur und dem Angeklagten oder Verurteilten in der ihm im Prozeß zugewiesenen Rolle: Die Strafe bedeutet ein unnützes und unnötiges Leid, das einem Menschen zugefügt wird, der im Laufe des Prozesses nicht mehr als dasselbe Individuum angesehen werden kann, das es im Augenblick der Tatbegehung gewesen war. Andererseits haben der Prozeß und die Strafe nicht selten die Wirkung, Möglichkeiten des Ausgleichs und der Wiedergutmachung seitens des Verurteilten zunichte zu machen, die bei einer außerstrafrechtlichen Kommunikation eine Chance gehabt hätten[10].

Bei der Feststellung der Verantwortung im Rahmen des Strafprozesses scheint zwischen der Wirklichkeit und der in der Werkstatt des Rechts erzeugten Konstruktion eine gewaltige Distanz zu bestehen. Gewaltig erscheint der Unterschied zwischen der außerprozessualen Wahrheitssuche und der prozessualen Wahrheit. Wenn wir hier von "Wirklichkeit" und von "Wahrheit" sprechen, so ist es nicht unsere Absicht, der Feststellung der Verantwortung im Strafprozeß eine Erkenntnis im naturalistischen Sinn entgegenzuhalten. Vielmehr wollen wir damit auf den Unterschied hinweisen, der zwischen einer in die Tiefe gehenden Vorgehensweise, die die Konflikte in ihrer Situationbezogenheit konstruiert und interpretiert, und der für das Recht eigentümlichen Verfahrensweise besteht. Die Sozialwissenschaften untersuchen die Konflikte innerhalb eines weiten Situationsbegriffs, der sich potentiell auf das gesamte Gesellschaftssystem erweitern kann.

Innerhalb eines solchen Begriffs stellt das individuelle Verhalten eine abhängige Variable dar. Demnach kann man eine Situation nicht verstehen, wenn man vom individuellen Verhalten ausgeht. Im Gegenteil kann man das individuelle Verhalten nur verstehen, wenn man von der gegebenen Situation ausgeht. Die Sozialwissenschaften vermögen darüber hinaus zu unterscheiden zwischen dem Ort, an dem sich ein Konflikt manifestiert, und dem Ort, an dem er im System entsteht und der vom ersteren sehr weit entfernt sein kann[11].

Im Gegensatz zur sozialwissenschaftlichen Betrachtung tritt das individuelle Verhalten in der Werkstatt des Rechts als eine gegenüber der Situation unabhängige Variable auf. In der Tat wird die Feststellung der Verantwortung auf das Vorhandensein und den Grad dieser Unabhängigkeit zurückgeführt. In der Logik des Vorgangs der Verantwortungsfeststellung beschränkt sich die Situationsanalyse auf eine abstrakte Konstruktion, wobei die Situation vom sozialen Kontext getrennt wird und die Erforschung der Ursachen des Konflikts unmöglich oder jedenfalls unerheblich wird. Im Rahmen der prozessualen Wahrheit wird das Verhalten des Individuums unverständlich und die Behandlung der Konflikte beschränkt sich auf deren Symptome (A. Baratta 1993b, 14 ff.). Im Strafprozeß ist es daher nicht möglich, Konflikte zu schlichten oder zu lösen; vielmehr wird die Austragung der Konflikte nur unterdrückt, durch die Repression ihrer unmittelbaren und individuellen Manifestation: der strafbaren Handlung.

2. Die subjektiven Voraussetzungen der Zurechnung strafrechtlicher Verantwortung. Die Krise des Schuldbegriffs.

Im Mittelpunkt der Kritik steht der Begriff der strafrechtlichen Verantwortlichkeit und ihre subjektiven Voraussetzungen: die Zurechnungsfähigkeit und die Schuld. Ausgehend von einer dem juridischen Artefakt angemessenen Auffassung wurde diesen Begriffen der "ontologische" Charakter abgesprochen und ihr rein normativer Inhalt anerkannt. Bei den Urteilen über die Verantwortlichkeit, die Zurechnungsfähigkeit oder die Schuld handelt es sich um "askriptive" und nicht um deskriptive Urteile (H.L. Hart 1951). Dies bedeutet, daß durch solche Urteile keine tatsächlichen Eigenschaften eines Individuums beschrieben, sondern ihm bestimmte Eigenschaften erst zugeschrieben werden. Die Feststellung von Verantwortung ist also eine Zurechnung von Verantwortlichkeit, und die Voraussetzungen für diese Feststellung sind normative, rechtlich konstruierte Kriterien, die nicht Tatsachen, sondern Tatbeständen entsprechen.

Diese gestalten die Verantwortungszurechnung normativ und nicht "ontologisch". Im Rahmen einer Soziologie des Prozesses, die das interpretative Paradigma benutzt, hat sich die "Normativierung" der Kriterien zur Feststellung und Bewertung strafrechtlicher Verantwortlichkeit über die Schuld und die Zurechnungsfähigkeit hinaus auch auf andere Elemente des individuellen Verhaltens, wie die Beweggründe oder die Gesinnung, ausgedehnt[12]. Alle Elemente, auf die sich die Begründung des Strafurteils stützt, offenbaren sich somit als dem Individuum zugeschriebene Eigenschaften; gleichzeitig zeigen die soziologischen Untersuchungen des Strafprozesses, daß die latenten Variablen der richterlichen Entscheidung, die im Urteil und seiner Begründung nicht zum Ausdruck kommen, auf den sozialen Status des Angeklagten und auf die Stereotypen des Kriminellen und der Kriminalität, die von den Organen der Strafjustiz aber auch von der öffentlichen Meinung getragen werden, zurückzuführen sind[13].

Die im Rahmen der Rechtstheorie und der Soziologie des Prozesses stattfindende "Normativierung" des Begriffs der Verantwortlichkeit und ihrer Feststellungskriterien findet eine Entsprechung in den Entwicklungen der Lehre der strafrechtlichen Verantwortlichkeit und insbesondere des Schuldbegriffs.

Bereits am Anfang dieses Jahrhunderts begann das Schuldurteil -mit der Durchsetzung des sog. normativen Schuldbegriffs (R. Frank 1907)- sich von der Feststellung bestimmter psychologischer Elemente der Handlung loszulösen und konzentrierte sich auf deren Vorwerfbarkeit. Das Urteil über die Vorwerfbarkeit hielt allerdings für lange Zeit noch an einer ontologischen Grundlage fest, die angeblich in der vom Individuum nicht genutzten Möglichkeit des "Andershandelns" besteht, d.h. in der von ihm verworfenen Option, sein Verhalten nach den für die Rechtsordnung konstitutiven Normen und Werten zu richten. Die Stigmatisierung des Verhaltens wurde somit als Urteil über die untreue Haltung des Bürgers gegenüber der Rechtsordnung konzipiert (H. Welzel 1941), eine Haltung, die feststellbar ist unter den Voraussetzungen des tatsächlichen Vorhandenseins gesetzeskonformer Optionen, der Kenntnis der verletzten Norm und der Zumutbarkeit des gesetzeskonformen Verhaltens.

Die radikale "Normativierung" des Schuldbegriffs, die die moderne deutsche Strafrechtslehre prägt, hat verschiedene Phasen durchlaufen: a) die Anerkennung der Handlungsfreiheit als einer "staatsnotwendigen Fiktion" (E. Kohlrausch 1910); b) der Nachweis der Nichtentscheidbarkeit, d.h. der Unmöglichkeit einer gerichtlichen Feststellung des Andershandelnkönnens als angeblicher ontologischer Grundlage des Schuldurteils sowie der Unmöglichkeit einer Bemessung des Schuldmaßes (G. Ellscheid 1982); c) die Anerkennung der logischen Unabhängigkeit des Urteils von der angeblichen ontologischen Voraussetzung (C. Roxin 1973; G. Jakobs 1976).

Ein Höhepunkt dieser Entwicklung der Lehre in den letzten Jahren war die Tendenz der Trennung des Schuldurteils vom sozialethischen Inhalt des Vorwurfs, nämlich die Versuche, einen Schuldbegriff ohne Stigmatisierung herauszuarbeiten (G. Ellscheid, W. Hassemer 1977) und sogar eine Theorie vom schuldlosen Delikt zu formulieren (M. Baurmann 1980).

Im Rahmen dieser Krise des Schuldbegriffs (vgl. H. Müller-Dietz 1967), welche die dogmatische Struktur eines von Gesetzes wegen auf dem Schuldprinzip aufgebauten Strafrechts durchdringt, verändert sich die funktionale Beziehung zwischen diesem Prinzip und dem Leid der Strafe: Zwischen dem Versuch, die Strafe als Leid zu rechtfertigen und dem Ansatz, die strafrechtliche Verantwortung zu begrenzen, gewinnt letztere in der fortgeschrittenen Strafrechtslehre die Oberhand[14].

Bei dieser Gewichtsverlagerung wird jedoch eher ein scheinbarer als ein realer "Fortschritt" erzielt. Vielmehr handelt es sich um einen Fortschritt der guten Vorsätze oder -was in diesem Fall dasselbe ist- des schlechten Gewissens angesichts der Strafjustiz: dieser Fortschritt vermag aus objektiver Sicht nichts zu verändern; vielmehr wird die funktionale Beziehung zwischen der Schuldzurechnung und der Zufügung des Leids der Strafe noch irrationaler. Erstens ist es in der Tat nicht ersichtlich, wie die Schuld, deren Schwere im Rahmen des Prozesses nicht objektiv meßbar ist, eine Grenze der strafrechtlichen Verantwortlichkeit darstellen kann und wie sie eine Garantiefunktion zugunsten des Angeklagten übernehmen soll gegenüber subjektiven, intuitiven und auf Vermutungen basierenden Formen der Verantwortungsfeststellung. Zweitens wandelt sich die nach dem derzeitigen Stand der Dogmatik technisch unrealisierbare Funktion des Schuldbegriffs, das Leid der Strafe zu begrenzen, in eine negative Ideologie, d.h. in ein (technisch schwaches) Element einer "garantistischen", rein defensiven Strategie. Wenn nämlich die Schuld als Grundlage der Strafe ausgedient hat und zugleich die prätendierten nützlichen Funktionen der Bestrafung diesen Verlust einer Grundlage innerhalb der sogenannten "absoluten" Straftheorie immer weniger kompensieren können, so wird das Strafübel als Naturgegebenheit, d.h. als unvermeidlicher Aspekt der institutionellen Gewalt, akzeptiert, die das Recht durch formale und materiale Anforderungen zwar begrenzen, aber weder legitimieren noch ausschließen kann, ähnlich wie die Technik des Bauwesens die Gewalt des Wassers durch Dämme aufzuhalten vermag, aber an ihrem Vorhandensein nichts ändern kann.

Die Entleerung der Schuld von ontologischen und ethischen Inhalten, für die es in der neuen Strafrechtslehre beachtenswerte Indizien gibt, d.h. die Versuche, die Schuld von ihrer Stigmatisierungsfunktion zu lösen, sind deshalb nicht lediglich ein Ausdruck der Krise des Schuldbegriffs, sondern einer Krise, die die gesamte Theorie der Strafe und der strafrechtlichen Verantwortlichkeit durchdringt. Nehmen wir das Beispiel der Freiheitsstrafe, die immer noch die vorherrschende und für das Bestrafungssystem charakteristische Strafart ist: alle theoretischen oder praktischen Versuche, sie durch die Betonung ihrer nützlichen Funktionen, wie z.B. der Resozialisierung, zu rechtfertigen, sind als gescheitert anzusehen. Alle Bemühungen, die unternommen werden können und müssen, solange die politischen und kulturellen Aktionen zur Befreiung der Gesellschaft von der Notwendigkeit des Gefängnisses[15] noch nicht ihre Früchte getragen haben, können im Hinblick auf die durch das Übel der Strafe erzeugte negative Situation nur eine gewisse persönliche und soziale Erleichterung diesseits und jenseits der Mauern des Gefängnisses bewirken; sie vermögen jedoch keineswegs, das Gefängnis in ein nützliches Instrument für den Einzelnen und die Allgemeinheit umzuwandeln.

Es wird immer deutlicher, daß die Strafe im allgemeinen und insbesondere die Freiheitsstrafe keine nützlichen Effekte erzielen kann; diese könnten allein durch die Schaffung immer größerer Freiräume -und Interaktionsmöglichkeiten mit der Außenwelt- im Strafvollzug angestrebt werden. Dies kann als Zeichen für eine zunehmende Diskrepanz zwischen der Resozialisierungs- und Präventionspolitik einerseits und der Strafe andererseits interpretiert werden (M. Pavarini 1986; G. Mosconi 1986). Diese Diskrepanz macht die Strafe zum rein negativen Moment des Leidens, zu einer Grenze, die immer weiter zurückgesetzt werden muß, um die positiven Zielsetzungen einer Strafrechtspolitik verfolgen zu können. Die Tendenz der fortgeschrittenen Strafrechtslehre, das subjektive Element der Straftat (Schuld) von der Stigmatisierung loszulösen, d.h. den Schuldbegriff als Grenze der Verantwortlichkeit und somit der Zufügung eines Leids anstatt als Rechtfertigung dieses Leids zu konstruieren, ist eine Widerspiegelung der Legitimationskrise, in der sich das Strafrechtssystem befindet.

3. Der Formalismus des Prozesses und die Techniken zur Begrenzung der repressiven Antwort auf Konflikte

Solange aber das Strafmoment, d.h. die Zufügung eines Leids, die reale Bedingung -wenn auch nicht das erklärte Ziel- des Interventionsmodus der Strafjustiz in die Konflikte bleibt, ist die dieser Institution eigene, künstliche Art, die Konflikte zu "lesen" und zu transkribieren, unabwendbar und muß beibehalten werden. Die Isolierung eines Willensakts von seinem situativen Kontext und vom sozialen Makrokosmos sowie von der Kontinuität des persönlichen Mikrokosmos, um auf diesen Willensakt die richterliche Festlegung des Quantums an Übel, das einer Person zugefügt werden muß, zu gründen, ist keine adäquate Vorgehensweise für ein wissenschaftliches Verständnis der Realität von Konflikten; sie ist jedoch unerläßlich für die Begrenzung strafrechtlicher Verantwortlichkeit.

Diese Technik der Begrenzung beruht auf drei Prinzipien, die den weitestentwickelten Stand der Konstruktion einer juristischen Theorie der Straftat im Sinne des minimalen Strafeingriffs und der maximalen Garantien für den Angeklagten und das Opfer darstellen: a) das Persönlichkeitsprinzip, das die objektive oder kollektive Verantwortung ausschließt; b) das Prinzip der Tatverantwortung, das Kriterien strafrechtlicher Verantwortung ausschließt, die auf persönlichen Merkmalen, wie die sogenannte Gefährlichkeit, beruhen; c) das Prinzip der gesellschaftlichen Zumutbarkeit des gesetzeskonformen Verhaltens: auf dieses Prinzip beziehen sich die Versuche der fortgeschrittenen Strafrechtslehre, den Schuldbegriff zu rekonstruieren (A. Baratta 1988).

Der Jurist und der Richter, die diese Kriterien der Feststellung von Verantwortung konstruieren und verwalten, sollten sich der Distanz und des Widerspruchs bewußt sein zwischen zwei Aspekten: der Lesart einer Konfliktsituation im Rahmen der für den Strafprozeß vorgeschriebenen beschränkenden Zielsetzungen einerseits und der "Realität" des Konflikts, die von den Sozialwissenschaften im Rahmen einer in die Tiefe gehenden Konstruktionsarbeit interpretiert werden kann, andererseits. In bezug auf die "Realität" des Konflikts ist die Lektüre, die auf die Handlung und nicht auf den Kontext ausgerichtet ist, geeignet für eine repressive Antwort; für eine präventive und wiedergutmachende Antwort ist sie dagegen ungeeignet. Solange aber die Lektüre der Konflikte in einem gerichtlichen Theater stattfindet, das darauf angelegt ist, über das Vorhandensein der vom Recht vorgesehenen Voraussetzungen einer repressiven Antwort zu befinden, kann nicht einmal die weitestentwickelte juristische Konstruktion das große Artefakt der Justiz überwinden, das die strafbare Handlung von einer abhängigen in eine unabhängige Variable umwandelt. Kein juristischer Konstruktionsansatz kann den Anspruch erheben, das Reale in einer Art und Weise justitiabel zu machen, die garantieren könnte, daß die prozessuale Wahrheit mit der wissenschaftlichen Wahrheit übereinstimmt.

Um zu verhindern, daß die künstliche Rekonstruktion der Wirklichkeit im Strafprozeß noch negativere Auswirkungen auf die Wirklichkeit selbst hat, d.h. auf das Leben der Menschen und auf die Gesellschaft, oder zumindest um ihre negativen Auswirkungen zu begrenzen, besteht zur Zeit die einzige Möglichkeit darin, daß die am prozessualen Drama beteiligten Akteure, und insbesondere die Juristen, das notwendige Bewußtsein für die Distanz entwickeln, die das juridische Artefakt durch seinen "`Filter' für Wahrnehmung und Definition" (H. Müller-Dietz 1990, 36 f.) von der Wirklichkeit trennt[16]. Dies setzt eine unmittelbare Teilnahme der Akteure je nach ihren Verarbeitungs- und Kommunikationsmöglichkeiten an der anderen großen Werkstatt der Wirklichkeit voraus, derjenigen Werkstatt nämlich, in der das gesellschaftliche Wissen konstruiert wird.

Aus dieser These lassen sich wichtige Folgerungen für die Ausbildung und die praktischen Erfahrungen der professionellen Akteure ableiten: zum einen für diejenigen Juristen, die unmittelbar in den Strafprozeß involviert sind, zum anderen aber auch für diejenigen, die indirekt involviert sind, weil sie der Entwicklung der Lehre verpflichtet sind. Man erinnert sich an die aufklärerischen Gedanken zweier großer Juristen. Widar Cesarini Sforza (1973) leitete seine Rechtsphilosophie mit folgenden Worten ein: "Kein wahrer und vollkommener Jurist ist, wer sich trotz seiner wissenschaftlich präzisen Kenntnisse des positiven Rechts eines bestimmten Landes, nicht der unüberwindbaren Distanz zwischen dem Recht und dem Leben bewußt ist". Und Gustav Radbruch (1973) sprach bekanntlich von dem "schlechten Gewissen", ohne das es nicht möglich sei, ein wahrer Jurist zu sein.

Ich schlage vor, diese Einstellung, die uns erlaubt, das Strafjustizsystem von innen zu erleben in der Einsicht seiner notwendigen Artefakte, so daß wir diese zum Zweck der Begrenzung der negativen Auswirkungen und sozialen Kosten des Systems einsetzen können, als "kritische Option" zu bezeichnen. Das Gegenteil dieser Einstellung kann als "ideologische Option" bezeichnet werden; es handelt sich um die Einstellung derjenigen, die für sich beanspruchen, die Wirklichkeit außerhalb des Systems "objektiv" zu interpretieren, indem sie den dem System eigenen Interpretationsschlüssel anwenden. An einer ontologischen Konzeption der Verantwortlichkeit und der Schuld festzuhalten, als ob Konflikte und sozial negative Situationen in der Wirklichkeit aufgrund der Handlungen von Individuen erklärt werden könnten, dies ist die Art und Weise, in der die Strafe als Leid bei einem großen Teil der Juristen und fast ausnahmslos im Alltagsverständnis nach wie vor ihre Legitimation erhält[17]. In der Perspektive tiefgreifender Veränderungen des Strafjustizsystems können von der Verbreitung der "kritischen Option" unter den Juristen und in der öffentlichen Meinung sowie von einem wachsenden "schlechten Gewissen" der Juristen und der Gesellschaft, die sich der Strafgewalt bedient, Fortschritte erwartet werden. Was den Strafprozeß betrifft, geht es nicht nur um die möglichen und notwendigen Verbesserungen im Strafprozeßrecht, sondern vor allem um einen Wandel des Sinns, in dem das Drama des Prozesses in der Wahrnehmung und Erfahrung der beteiligten Akteure erlebt wird.

In der Perspektive einer verstärkten zivilen Gestaltung des Prozesses hat man häufig darauf hingewiesen, daß es sinnvoll wäre, die Artefakte des Rechts zu begrenzen und den Prozeß der Wirklichkeit, dem Leben, wieder anzunähern. Auf diesem Weg kann man jedoch leicht zu theoretischen Illusionen gelangen und schwerwiegende praktische Risiken eingehen. In diesem Zusammenhang ist auf den ideologischen Charakter eines Diskurses hinzuweisen, der auf der Gegenüberstellung von Künstlichem und Natürlichem beruht, in einer Kultur, in der die gesamte Wirklichkeit durch künstliche Eingriffe konstruiert wird. Die Idee einer "Rückkehr zur Natur" kann leicht zum Mythos werden, mit dem man die Probleme der notwendigen Transformationen, um die Wirklichkeit menschlicher zu gestalten, d.h. um die schlechten Artefakte durch gute Artefakte zu ersetzen, nicht in Angriff nimmt, sondern sich ihnen zu entziehen versucht.

Die Artefakte des Rechts, die im Rahmen der bestehenden Rechtsordnungen wirken, sind auch für die Schaffung eines gerechteren und humaneren Rechts von Bedeutung. Denn die Erfahrung lehrt uns, daß viele der äußerst ungerechten und autoritären Regime der jüngeren Vergangenheit von einer Perversion der Rechtsordnung (F. von Hippel 1955) begleitet waren. Diese Perversion war auch durch den Anspruch bedingt, den Rechtsformalismus durch die Einführung konfuser substantialistischer Ideologien im Namen einer vermeintlichen Wiederannäherung der juristischen Praxis an die politische Wirklichkeit und an die "ethische Substanz" der Nation zu überwinden[18].

Solange die Macht- und Unterwerfungsverhältnisse unverändert bleiben und die negative Auswirkung der Strafgewalt auf die Individuen und auf die Gesellschaft fortbesteht, werden die Versuche, die Artefakte und den Formalismus des Rechts zu überwinden, niemals einen Fortschritt zu höheren Formen der Rechtskultur bewirken können. An die Stelle der bekannten Nachteile einer Reduzierung der Kommunikationsmöglichkeiten innerhalb des prozessualen Ritus mit seinen vorbestimmten Rollen, Argumentationskriterien und Wahrheitscodes, könnten leicht, infolge antiformalistischer Kreuzzüge, noch schwerwiegendere Nachteile treten. Dies könnte sich dann ergeben, wenn die reale Strafgewalt, anstatt durch den rituellen Formalismus eingeschränkt zu werden, der freien Kommunikation zwischen den Parteien und der "freien" Wahrheitssuche seitens eines paternalistischen Richters überlassen werden würde[19].

Mit all seinen Nachteilen bewirkt der prozessuale Formalismus, wenn er innerhalb eines fairen Akkusationssystems mit rechtsstaatlichen Garantien Anwendung findet, die Eindämmung der Machtungleichheit der am Prozeß beteiligten Parteien. Das hier vorgeschlagene Modell einer Transformation des Prozesses von innen beruht auf der Anerkennung des künstlichen, theatralischen Charakters der Welt des Rechts, zugleich aber auch auf der engagierten Beteiligung der Akteure und des Publikums an dem Reformwerk der justiziellen Artefakte im Hinblick auf einen gerechteren Prozeß, der die Rechte des Angeklagten und des Opfers achtet.

Der kulturelle und politische Fortschritt, der zu einem verstärkten zivilen Charakter des Prozesses führen soll, wird in diesem Modell weniger in der Verminderung der kommunikativen und existentiellen Distanz zwischen den in ihren Rollen eingeschlossenen Akteuren des prozessualen Dramas gesehen; den Fortschritt macht vielmehr der neue Sinn aus, den das Drama für alle Akteure haben könnte, wenn ihnen die Möglichkeit gegeben wird, anstatt die soziale Wirklichkeit durch die justiziellen Artefakte wahrzunehmen, die justiziellen Artefakte durch die soziale Wirklichkeit zu begreifen. Es ist dieser neue Sinn, der die Akteure des Prozesses als Menschen und Bürger in einer zivilen Kommunikation zusammenführen kann, selbst wenn sie nicht die Möglichkeit haben, sich von ihren Rollen im Theater des Prozesses zu lösen.

Die Einführung der "kritischen Option" in die Art und Weise, wie der Prozeß von allen beteiligten Personen erlebt wird, kann mit einer Metapher dargestellt werden, die an das Brechtsche Theater erinnert. Auf der Bühne stehen die Akteure, die ihre Rollen spielen. Sie sind aber gleichzeitig auch Teil des Publikums und erwecken durch diese Teilnahme das kritische Bewußtsein. Sie übernehmen eine Leitfunktion für das Publikum, da sie nicht nur Akteure sondern auch ihr eigenes Publikum sind. Sie spielen ihre Rolle und sehen sich spielen: Sie sind Akteure des Theaters in dem Bewußtsein, in erster Linie Akteure des Lebens zu sein[20][21].

In ähnlicher Weise betrachten wir die Akteure des Prozesses in dem hier vorgeschlagenen Idealmodell: damit könnte das Leben durch die Ironie in den Prozeß eintreten. Ironie bedeutet leben und sich leben sehen. In diesem Fall bedeutet Ironie, seinen Part im Prozeß mit rituellem Respekt der Regeln und der Rollen zu spielen und sich dabei bewußt zu sein, daß im Theater des Prozesses lediglich eine fiktive Transkription des Dramas der Gesellschaft stattfindet. Auf diese Weise würde ein wichtiges politisches Moment in den Prozeß Eingang finden. Die Ironie, von der hier die Rede ist, besteht in dem dramaturgischen Bewußtsein, das die Akteure von ihren Rollen befreit und sie über diese Rollen hinaus gemeinsam zu kritischen Teilnehmern des Lebens und der Gesellschaft werden läßt. Aber die Ironie der Akteure besteht zugleich in der Art und Weise wie diese das Publikum, d.h. die Gesellschaft selbst im Prozeß, darstellen und vertreten. Der prozessuale Ritus, der sonst das konservative und konsensstiftende Moment des sozialen Status quo bildet[22], würde sich somit im Theater der Wirklichkeitskritik in einen Ort der Emanzipation umwandeln[23].

Wenn in der Gesellschaft der Strafprozeß in einem kritischen Bezug zur Wirklichkeit gesehen und erlebt wird, ist es möglich, die Reform des Prozesses nicht nur durch eine umfassendere Kommunikation als die der Experten und Praktiker unter sich zu unterstützen, sondern sie auch in eine Richtung zu lenken, in der die Reform des Prozesses Teil eines umfassenden Emanzipationsprojekts der Gesellschaft sein kann. Es geht darum, die prozessuale Wahrheit zu relativieren, sie aber dennoch im Rahmen der Strafjustiz zu erhalten als Mittel zur Begrenzung der Verantwortlichkeit, die vom Recht den einzelnen Personen zugeschrieben wird, und sie durch eine tiefere Kenntnis der sozialen Wirklichkeit und der Konflikte, deren Ausdruck die Straftat ist, zu ergänzen.

4. Die Schule der Ironie: Geschichte, Sozialwissenschaften und Volksweisheit. Für eine Reform des "Sinns" des Strafprozesses

Welche Schule kann ein solches Wissen vermitteln? Oft war davon die Rede, daß man den professionellen Akteuren der Justiz eine breitere wissenschaftliche Ausbildung, aufgrund einer Integration der Rechtswissenschaft mit den Sozialwissenschaften, ermöglichen müßte[24]; hingewiesen wurde ferner auf die Notwendigkeit begrifflicher Entwicklungen innerhalb der juristischen Lehre vom Verbrechen, die die dogmatischen Kategorien durchlässiger für das Wissen über die Gesellschaft gestalten könnten. Auch die neuere Diskussion um den Schuldbegriff läßt sich in ein solches Forschungsvorhaben integrieren, auch wenn darin widersprüchliche Entwicklungsrichtungen erkennbar sind. Außer technokratischen Lösungswegen, die bereits diskutiert und kritisiert worden sind (A. Baratta 1984; G. Smaus 1985b), sind auch andere Möglichkeiten denkbar, um justitiable Momente der Erkenntnisse der Sozialwissenschaften über die Gesellschaft und ihre Konflikte in die dogmatische Struktur des Begriffs zu integrieren[25].

Neben der Schule der Wissenschaft gibt es jedoch noch eine, nicht minder wichtige Schule, aus der auch die Juristen sehr viel lernen können: die Volksweisheit. Die Ironie, von der bereits die Rede war, braucht man nicht zu erfinden. Sie existiert bereits und wird jenseits der "offiziellen" Kultur in einer jahrhundertealten Tradition gepflegt, deren Protagonisten die Volksschichten sind: die Armen und die Marginalisierten, die schon immer zur bevorzugten Klientel des Strafjustizsystems gehörten. In der Volkskultur lassen sich unzählige Beispiele für diese weise Ironie aufzeigen, mit der die unterprivilegierten Klassen, d.h. die ihnen angehörenden Angeklagten und Verurteilten, ihre Familien und ihr unmittelbares soziales Umfeld, die eigene geschichtliche Verwicklung in das Strafjustizsystem und ihre "privilegierte" Anwesenheit vor den Gerichten und in den Gefängnissen erleben. Eine Geschichte der Strafjustiz von unten[26], d.h. die Geschichte, die im Volksgedächtnis aufgehoben ist, kann eine außerordentlich wertvolle Quelle des Wissens und Gewissens sein für die professionellen Akteure der Justiz, wie auch allgemein für alle Bürger, die sich durch die Strafjustiz vertreten und abgesichert fühlen.

Zur Schule der Geschichte gesellt sich in der Alltagswirklichkeit des Prozesses die Erfahrung des Volkes, wie sie sich in der Person des Angeklagten manifestiert, wenn dieser, wie es meistens der Fall ist, den sozial schwächeren Schichten der Gesellschaft angehört. Im Rahmen des Prozesses können die professionellen Akteure als Repräsentanten der institutionellen Macht und der herrschenden Kultur der Gesellschaft durch den Kontakt mit der Welt des Angeklagten sehr viel lernen, wenn sie über die rituelle Kommunikation hinaus eine menschliche und politische Kommunikation mit ihm einzugehen verstehen, um seine Sprache und dadurch auch die alte und weise Ironie der Armen zu verstehen, wie sie oft auch in der Literatur thematisiert wird[27].

Unter den Angeklagten befinden sich zweifelsohne auch Vertreter der sozial mächtigen Gruppen. Man denke an die Prozesse gegen das organisierte Verbrechen oder gegen schwere Verfehlungen von Staatsorganen. Betrachtet man allerdings den Output der Maschinerie der Strafjustiz und somit auch die Gefängnispopulation, stellt die Präsenz von Individuen aus sozial mächtigen Gruppen innerhalb letzterer nach wie vor eine Ausnahme dar. Die Prozesse gegen mächtige Personen vermitteln jedoch ebenfalls wichtige und lehrreiche Erfahrungen.

Es handelt sich dabei um eine Intervention der Strafjustiz in Konflikte, die von solcher Tragweite sind, daß sie als soziale Kämpfe bezeichnet werden können, nämlich als Auseinandersetzungen um die Macht oder andere Ressourcen, die sich im Kontext der komplexen Beziehungen einer Gegenüberstellung und Durchdringung von legaler und illegaler Gewalt in der Gesellschaft abspielen[28]. Die Untauglichkeit des Strafjustizsystems für die Herausforderung einer organisierten Kriminalität, die nicht nur imstande ist, mit der Staatsmacht auf nationaler und internationaler Ebene zu konkurrieren, sondern diese auch zu beeinflussen -in bestimmten geschichtlichen Konstellationen sogar zu korrumpieren-, kann man unter der gleichen "kritischen Option" betrachten und mit derselben Ironie erleben, wie im Fall der Prozesse gegen Angeklagte aus sozial schwachen Schichten.

Die Ungeeignetheit des Strafjustizsystems damit zu erklären, daß es auf seiten der Institutionen der Strafjustiz an Mitteln mangelt und daher für eine Verstärkung der Justizmaschinerie zu plädieren, heißt dann nichts anderes, als den Diskurs in einer viel zu engen Perspektive zu verhaften. Um dagegen die Diskussion in der angemessenen Breite führen zu können, muß vor allem auf die reduktive Art und Weise hingewiesen werden, in der solche Konflikte aus dem Standpunkt des Strafrechts begriffen und rekonstruiert werden, nämlich durch die Auflösung ihrer politischen in einer technisch-juristischen Dimension. Bevor noch die Frage nach den materiellen Ressourcen des Strafjustizsystems gestellt wird, ist es erforderlich, die realen Dimensionen solcher Konflikte anzuerkennen. Das heißt auch, die Front des Kampfs gegen die organisierte Kriminalität zu einer Front des politischen Kampfs, der die gesamte Zivilgesellschaft einbezieht, auszuweiten sowie den Bewußtwerdungs- und Handlungsprozeß zu fördern, dessen Protagonisten alle demokratischen Kräfte und nicht nur die Organe der Strafjustiz sind.

Um die Distanz zwischen der komplexen Wirklichkeit der Konflikte und ihrer Rekonstruktion im Prozeß zu begreifen, steht den Juristen auch in diesem Fall die große Schule der Sozialwissenschaften und der Geschichte zur Verfügung. Diese zeigen uns den funktionalen Zusammenhang zwischen den Prozessen der illegalen Akkumulation und denjenigen der legalen Zirkulation des Kapitals, die in bestimmten geschichtlichen Konstellationen strukturellen Formen der Korruption und des stillschweigenden Einverständnisses der Staatsorgane mit der organisierten Kriminalität sowie die endemische Abhängigkeit der Verbrechen und Abweichungen seitens von Staatsorganen von der degenerierten Parteienherrschaft im Rahmen des politischen Repräsentationssystems.

Man sollte einsehen, daß es unmöglich ist, lediglich durch repressive Interventionen in bezug auf einzelne Verhaltensweisen von Individuen -über die hinauszugehen der Strafjustiz in einem Rechtsstaat nicht gestattet ist- Konflikte zu bewältigen, deren Gegenstand und Modalitäten eher in Organisationen und komplexen Handlungssystemen als bei einzelnen Individuen und identifizierbaren Verhaltensweisen zu suchen ist. Es handelt sich um Konflikte, die illegale Formen der Aneignung und der Akkumulation von Ressourcen betreffen, deren Nutznießer möglicherweise weit entfernt von den Akteuren sind, wie es z.B. bei den illegalen Tätigkeiten großer nationaler oder multinationaler Unternehmen der Fall ist.

Auch in diesem Fall steht übrigens den professionellen Akteuren und dem Publikum der Strafjustiz neben der Schule der Geschichte und der Wissenschaft auch die Alltagsschule der Erfahrung des Prozesses zur Verfügung. Auch der mächtige Angeklagte ist, wenn auch auf unterschiedliche und dem sozial schwachen Angeklagten entgegengesetzte Weise, Träger einer wichtigen Botschaft, die nur durch einen sozialen und politischen Kommunikationscode entschlüsselt werden kann, der denjenigen der Strafjustiz transzendiert -so wie die Politik ständig das Rechtssystem transzendiert. Von diesem Standpunkt aus ist die Ironie der Mächtigen, die sich der Irrelevanz ihres gegen die Strafjustiz geführten Kampfes für den Ausgang ihres Krieges bewußt sind, nicht weniger weise und lehrreich als die Ironie der Schwachen, die wissen, daß der "Krieg gegen die Kriminalität", den die Strafjustiz gegen sie führt, keine Änderungen in den Bedingungen ihres Alltagskampfes am Rande der Gesellschaft herbeiführen wird.

_______________________________________________________________________________________

Literaturverzeichnis

ACHENBACH Hans (1974), Historische und dogmatische Grundlagen der strafrechtssystematischen Schuldlehre, Schweitzer, Berlin

ALBRECHT Peter-Alexis (1993), Erosionen des rechtsstaatlichen Strafrechts, in: KritV, 2, 163-182

ALTHUSSER Louis (1974), Bertolazzi und Brecht. Bemerkungen über materialistisches Theater, Alternative, Nr. 97, 130-143

ASSOCIAZIONE NAZIONALE <<LIBERARSI DALLA NECESSITÀ DEL CARCERE>> (1986), Documento fondativo del Coordinamento Nazionale, in: Dei delitti e delle pene, IV, 2, 367-371

BARATTA Alessandro (1961), Antinomie giuridiche e conflitti di coscienza, Giuffrè, Milano

BARATTA Alessandro (1966), Positivismo giuridico e scienza del diritto penale, Giuffré, Milano

BARATTA Alessandro (1968), Rechtspositivismus und Gesetzespositivismus. Gedanken zu einer "naturrechtlichen" Apologie des Rechtspositivismus, ARSP, 54, 325-350

BARATTA Alessandro (1980), Strafrechtsdogmatik und Kriminologie. Zur Vergangenheit und Zukunft des Modells einer gesamten Strafrechtswissenschaft, ZStW, 92, 107-142

BARATTA Alessandro (1982), Criminologia critica e critica del diritto penale, II Mulino, Bologna

BARATTA Alessandro (1984), Integration-Prävention. Eine systemtheoretische Neubegründung der Strafe, in: Kriminologisches Journal, 132-148

BARATTA Alessandro (1988), Prinzipien des minimalen Strafrechts. Eine Theorie der Menschenrechte als Schutzobjekte und Grenze des Strafrechts, in: G. Kaiser/H. Kury/H.-J. Albrecht (Hg.), Kriminologische Forschung in den 80er Jahren, Freiburg i. Br., 513-542

BARATTA Alessandro (1989), Il nuovo rito penale: la posta in gioco, in: Il nuovo rito penale, fascicolo monografico de "la difesa penale", Bucalo, Latina, 231-251

BARATTA Alessandro (1993a), La violenza e la forza. Alcune riflessioni su mafia, corruzione e il concetto della politica, in: Dei delitti e delle pene, 2, 115-122

BARATTA Alessandro (1993b), Die Menschenrechte zwischen struktureller Gewalt und strafrechtlicher Strafe, Festschrift für Günther Jahr, Mohr, Tübingen, 9-24

BARATTA Alessandro (1996), Der Mischlingsstaat und die plurale Bürgerschaft. Überlegungen zu einer weltlichen Theorie der Allianz, in: J. Milios (Hg.), Social Policy and Social Dialogue in the Perspective of the Economic and Monetary Union and of the "Europe of Citizens", Athens, European Cultural Centre of Delphi/Kritiki Verlag, 403-424

BARATTA Alessandro, GIANNOULIS Christina (1996), Vom Europarecht zum Europa der Rechte, in: KritV, 3, 237-266

BAURMANN Michael (1980), Schuldlose Dogmatik?, in: Seminar: Abweichendes Verhalten, IV, Kriminalpolitik und Strafrecht, hg. von K. Lüderssen/F. Sack, Suhrkamp, Frankfurt a.M., 196-265

BERGER Peter L., LUCKMANN Thomas (1966), The Social Construction of Reality, Doubleday, Garden City, New York

BIERBRAUER Günter (1978), Attributionstheoretische Überlegungen zur strafrechtlichen Schuld, in: Sozialwissenschaften im Studium des Rechts, Bd. III, Strafrecht, hg. von W. Hassemer/K. Lüderssen, Beck, München, 130-152

BLANKENBURG Erhard, SESSAR Klaus, STEFFEN Wielke (1978), Die Staatsanwaltschaft im Prozeß strafrechtlicher Sozialkontrolle, Duncker & Humblot, Berlin

BLASIUS Dirk (1978), Kriminalität im Alltag, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen

BLOCH Ernst (1959), Prinzip Hoffnung, Suhrkamp, Frankfurt a. M.

BLUM Alan F., McHUGH Peter (1971), The Social Ascription of Motives, in: American Sociological Review, 39, 98-127

BRECHT Bertold (1993), Kleines Organon für das Theater (1948-49), in: Werke, Bd. 23, Schriften 3, bearb. von B. Wallburg, Aufbau und Suhrkamp, Berlin/Frankfurt a.M.

CARRINO Agostino (1983), L'irrazionale nel concetto. Comunità e diritto in Emil Lask, Edizioni Scientifiche Italiane, Napoli

CESARINI SFORZA Widar (1958), Filosofìa del diritto, Giuffrè, Milano

CHRISTIE Nils (1986), Grenzen des Leids, AJZ, Bielefeld

CICOUREL Aaron V. (1970), The Acquisition of Social Structure. Toward a Development Sociology, in: Understanding Everyday Life, hg. von J. D. Douglas, Aldine Publ., Chicago, 136-163

DAVID Jones (1982), Crime, Protest, Community and Police in nineteenth-century Britain, Routledge & Kegan, London

DIMOULIS Dimitri (1996), Die Begnadigung in vergleichender Perspektive. Rechtsphilosophische, verfassungs- und strafrechtliche Probleme, Duncker & Humblot, Berlin

DONINI Massimo (1993), Il delitto contravvenzionale. `Colpa iuris' e oggetto del dolo nei reati a condotta neutra, Giuffré, Milano

DONINI Massimo (1996), Teoria del reato. Una introduzione, Cedam, Padova

DOUGLAS Jack D. (Hg.) (1970), Understanding Everyday Life, Aldine Publ., Chicago

ELLSCHEID Günther (1982), Alternativen zur Strafmaßschuld, in: Recht und Gesetz im Dialog, hg. von Elmar Wadle, Heymanns, Köln, 77-104

ELLSCHEID Günther, HASSEMER Winfried (1975), Strafe ohne Vorwurf, in: Seminar: Abweichendes Verhalten, II, Die gesellschaftliche Reaktion auf Kriminalität, 1, hg. von K. Lüderssen/F. Sack, Suhrkamp, Frankfurt a.M., 266-292

ENGISCH Karl (1965), Vom Weltbild der Juristen, Carl Winter, Heidelberg

EUSEBI Luciano (1990), La pena "in crisi". Il recente dibattito sulla funzione della pena, Morcelliana, Brescia

FERRAJOLI Luigi (1990), Diritto e ragione. Teoria del garantismo penale, 2. Aufl., Laterza, Roma

FIANDACA Giovanni, COSTANTINO Salvatore (Hg.) (1994), La Mafia, le Mafie, Laterza, Roma

FRANK Reinhard (1907), Über den Aufbau des Schuldbegriffs, Gießen

FRISTER Helmut (1994), Beschleunigung der Hauptverhandlung durch Einschränkung von Verteidigungsrechten?, in: StV, 8, 445-454

GARCÌA MENDEZ Emilio (1985), Recht und Autoritarismus in Lateinamerika: Argentinien, Uruguay und Chile 1970-1980, Ed. Iberoamericana, Frankfurt a M.

GIDDENS Anthony (1984), The Constitution of Society, Polity Press, Cambridge

HABERMAS Jürgen (1981), Theorie des kommunikativen Handelns, Bd. 2, Zur Kritik der funktionalistischen Vernunft, Suhrkarnp, Frankfurt a.M.

HART Herbert L. A. (1951), The Ascription of Responsability and Rights, in: Logic and Language, hg. von A. Flew, Clarendon Press, Oxford

HASSEMER Winfried (Hg.) (1984), Sozialwissenschaften im Strafrecht, Luchterhand, Neuwied

HASSEMER Winfried (1990), Das Schicksal der Bürgerrechte im "effizienten" Strafrecht, in: StV, 7, 328-331

HASSEMER Winfried, LÜDERSSEN Klaus, (Hg.) (1978), Sozialwissenschaften im Studium des Rechts, Bd. III, Strafrecht, Beck, München

HESS Henner (1988), Mafia, 3. Aufl., Mohr, Tübingen

HIPPEL Fritz von (1955), Die Perversion von Rechtsordungen, Mohr, Tübingen

JAKOBS Günther (1976), Schuld und Prävention, Mohr, Tübingen

JUNG Heike (1987), Das Opferschutzgesetz, JuS, 2, 157-160

KAISER Günther (1985), Kriminologie, Müller, Heidelberg

KELLEY Harold H. (1971), Attribution in Social Interaction, General Learning Press, New York

KOHLRAUSCH Eduard (1910), Sollen und Können als Grundlage strafrechtlicher Zurechnung, in: Festgabe für Güterbock, Duncker & Humblot, Berlin, 26-48

KORIATH Heinz (1994), Grundlagen strafrechtlicher Zurechnung, Duncker & Humblot, Berlin

KRAUSS Detlev (1983), La vittima del reato nel processo penale, in: Dei delitti e delle pene, I, 2, 283-298

KRISTEVA Julia (1988), Étrangers à nous-mêmes, Fayard, Paris

LASK Emil (1932), Rechtsphilosophie, in: Gesammelte Schriften, hg. von E. Herrigel, Mohr, Tübingen, 275-332

LÜDERSSEN Klaus, SACK Fritz, (Hg.) (1975a), Seminar: Abweichendes Verhalten, I, Die selektiven Normen der Gesellschaft, Suhrkamp, Frankfurt a.M.

LÜDERSSEN Klaus, SACK Fritz, (Hg.) (1975b), Seminar: Abweichendes Verhalten, II, Die gesellschaftliche Reaktion auf Kriminalität, 1, Suhrkamp, Frankfurt a.M.

LÜDERSSEN Klaus, SACK Fritz, (Hg.) (1976), Seminar: Abweichendes Verhalten, III, Die gesellschaftliche Reaktion auf Kriminalität, 2, Suhrkamp, Frankfurt a.M.

LÜDERSSEN Klaus, SACK Fritz, (Hg.) (1980), Seminar: Abweichendes Verhalten, IV, Kriminalpolitik und Strafrecht, Suhrkamp, Frankfurt a.M.

LUHMANN Niklas (1974), Soziologische Aufklärung. Aufsätze zur Theorie sozialer Systeme, 4. Aufl., Westdeutscher Verlag, Opladen

LUHMANN Niklas (1975), Legitimation durch Verfahren, 2. Aufl., Suhrkamp, Frankfurt a.M.

MATHIESEN Thomas (1974), The Politics of Abolition, Universitetsforlaget, Oslo

MATHIESEN Thomas (1989), Gefängnislogik, AJZ, Bielefeld

MEAD George H. (1936), Mind, Self and Society, Aldine Publ., Chicago

MESSNER Claudius (1996), Recht im Streit. Das Jugendstrafrecht, die alternativen Sanktionen und die Idee der Mediation, Centaurus, Pfaffenweiler

MILLS WRIGHT Charles (1940), Situated Actions and Vocabularies of Motive, in: American Sociological Review, V, 6, 904-913

MOSCONI Giuseppe (1986), Riferimenti per un'alternativa reale al carcere, in: Dei delitti e delle pene, IV, 2, 277-315

MÜLLER-DIETZ Heinz (1967), Grenzen des Schuldgedankens im Strafrecht, Müller, Karlsruhe

MÜLLER-DIETZ Heinz (1979), Grundfragen des strafrechtlichen Sanktionensystems, Decker's Verlag, Heidelberg

MÜLLER-DIETZ Heinz (1990), Grenzüberschreitungen. Beiträge zur Beziehung zwischen Literatur und Recht, Nomos, Baden-Baden

PAVARlNI Massimo (1986), Fuori dalle mura del carcere: la dislocazione dell'ossessione correzionale in: Dei delitti e delle pene, IV, 2, 251-276

PETERS Dorothee (1973), Richter im Dienste der Macht, Enke, Stuttgart

POULANTZAS Nicos (1974), Les classes sociales dans le capitalisme aujourd'hui, Editions du Seuil, Paris

POULANTZAS Nicos (1981), L'Etat. le Pouvoir, le Socialisme, 2. Aufl., P.U.F., Paris

RADBRUCH Gustav (1973), Rechtsphilosophie, Mohr, Tübingen

RINALDI Stanislao (1992), Un dibattito sulla risposta istituzionale alla criminalità organizzata, in: Dei delitti e delle pene, 3, 57-99

ROTTLEUTHNER Hubert, (Hg.) (1983), Recht, Rechtsphilosophie und Nationalsozialismus, ARSP, Beiheft 28, Steiner, Wiesbaden

ROXIN Claus (1973), Strafrechtliche Grundlagenprobleme, De Gruyter, Berlin

ROXIN Claus (1993), Das Schuldprinzip im Wandel, Festschrift für Arthur Kaufmann, Müller, Heidelberg, 519-535

RÜTHERS Bernd (1968), Die unbegrenzte Auslegung. Zum Wandel der Privatrechtsordrung im Nationalsozialismus, Mohr, Tübingen

SACK Fritz (1978), Probleme der Kriminalsoziologie, in: Handbuch der empirischen Sozialforschung, Bd. 12, Wahlverhalten, Vorurteile, Kriminalität, hg. von R. König, Enke, Stuttgart, 192-492

SCHUMANN Karl F. (1977), Der Handel mit Gerechtigkeit, Suhrkamp, Frankfurt a.M.

SCHÜNEMANN Bernd, (Hg.) (1984), Grundfragen des modernen Strafrechtssystems, de Gruyter, Berlin

SCHÜNEMANN Bernd (1986), Zur Stellung des Opfers im System der Strafrechtspflege, in: NStZ, VI, 5, 193-200

SCHÜTZ Alfred (1960), Der sinnhafte Aufbau der sozialen Welt, 2. Aufl., Springer Wien

SCHÜTZ Alfred (1962), Collected Papers, I, The Problem of Social Reality, The Hague

SILBERNAGL Michele (1985), Dogmatica penale e scienze sociali. Appunti critici sui recenti sviluppi della categoria della colpevolezza nella dottrina tedesca ovvero sulla ricezione di sapere sociologico da parte della scienza giuridico penale, Diplomarbeit, Universität Bologna

SILBERNAGL Michele (1987), Il diritto penale senza colpevolezza? Appunti critici sul processo di dissoluzione della categoria della colpevolezza nel diritto penale preventivo orientato alle conseguenze, in: Dei delitti e delle pene, V, 2, 269-314

SMAUS Gerlinda (1985a), Das Strafrecht und die Kriminalität in der Alltagssprache der deutschen Bevölkerung, Westdeutscher Verlag, Opladen

SMAUS Gerlinda (1985b), Technokratische Legitimationen des Strafrechts, in: Zeitschrift für Rechtssoziologie, 6, 90-103

STOLLEIS Michael (1993), Recht im Unrecht. Studien zur Rechtsgeschichte des Nationalsozialismus, Suhrkamp, Frankfurt M.

WÄCHTER Gerd H. (1984), Der doppelte Charakter des Strafrechts. Ökonomie, Repression und Ideologie in der Theorie des Strafrechts, in: Kritische Justiz, XVII, 161-185

WÄCHTER Gerd H. (1987), Strafrechtliche Aufklärung, Diss. Univ. Frankfurt/M.

WELZEL Hans (1941), Persönlichkeit und Schuld, ZStW, 60, 428-474

WETTMANN Peter (1987), Il sistema penale inglese nel 18. secolo. Sviluppi nel campo della ricerca storica, in: Dei delitti e delle pene, V, 1, 223-230

ZAFFARONI E. Raul (1982), Tratado de derecho penal. Parte general, vol. IV, Ediar, Buenos Aires

ZAFFARONI E. Raul (1985), Los derechos humanos y sistemas penales en America Latina, Buenos Aires

_______________________________________________________________________________________

Fußnoten

[1]Die Anerkennung der Künstlichkeit der sozialen Realität ist eine wichtige Errungenschaft der modernen Gesellschaftstheorie; grundlegend dazu beigetragen haben auf der Basis der wegweisenden Arbeiten von A. Schütz (1960, 1967) und G. H. Mead (1936) die Untersuchungen im Rahmen des sogenannten interpretativen Paradigmas in der Soziologie, d.h. die phänomenologische Soziologie und der symbolische Interaktionismus (P.L. Berger, T. Luckmann 1966) sowie die Ethnomethodologie (H. Garfinkel 1967).

[2]Vgl. hierzu bereits A. Schütz (1967).

[3]Es ist also kein Zufall, daß die interaktionistische Forschung in bezug auf die soziale Konstruktion der Kriminalität und der Devianz ihr Erkenntnisinteresse auf die spezifischen Sprachen der Wissenschaft und Technik im Rahmen der Systeme der Strafjustiz und der Verwaltung der Devianz sowie auf die Grundprinzipien und -regeln dieser Sprachen konzentrierte bzw. teilweise immer noch konzentriert. Zu einer ausführlichen Bibliographie s. F. Sack (1978).

[4]Dieser Problemkreis gibt heute den fortgeschrittensten Versuchen der Gesellschaftstheorie Anlaß, die aus der interpretativen Soziologie gewonnenen Erkenntnisse zu einer materialistischen Gesellschaftstheorie zu integrieren. S. die wichtige Arbeit von A. Giddens (1984); zu einer Untersuchung aus dieser Perspektive im Bereich des Strafsystems vgl. G.H. Wächter (1984, 1987).

[5]Eine stringente Analyse der Strategien zur Produktion und Reproduktion (Legitimierung) der Ungleichheitsverhältnisse in den spätkapitalistischen Gesellschaften hat N. Poulantzas (1974) vorgelegt.

[6]Zu einer Theorie und Praxis der Kritik und der Transformation der Gesellschaft s. im allgemeinen E. Bloch (1959), J. Habermas (1981). Insbesondere das System der Strafjustiz betreffend vgl. T Mathiesen (1974, 1989), A. Baratta (1982, 199 ff.).

[7]N. Poulantzas spricht von der "théâtralité de l'Etat moderne, (...) théâtralité inscrite dans la loi moderne, dans les dédales et labyrinthes où cette loi se matérialise" (1981, 31).

[8]Dieser Enteignunsprozeß ist charakteristisch für das gesamte moderne Rechtssystem; vgl. N. Poulantzas (1981, 98).

[9]Vgl. D. Krauss (1983), G. Kaiser (1985, 109 ff.). Diese Diskussion führte in der Bundesrepublik Deutschland zu einigen Ergebnissen. Das Opferschutzgesetz vom 3.10.1986 (in Kraft getreten am 1.4.1987) verstärkt die Stellung des Opfers im Strafprozeß erheblich, indem es die Möglichkeiten seiner aktiven Intervention in den Prozeßablauf wesentlich ausbaut, einen stärkeren Persönlichkeitsschutz vorsieht und das Prinzip der Schadenswiedergutmachung hervorhebt. Zu einer Auswertung und Kritik angesichts der Gefahr einer Schwächung der Verteidigungsgarantien und der geringen Kohärenz des gesetzlichen Vorhabens s. B. Schünemann (1986), H. Jung (1987); allgemeiner dazu T. Mathiesen (1989, 172 ff.).

[10]Dazu s. ausführlich im Rahmen der Diskussion um die Neuregelung des Jugendstrafrechts C. Meßner (1996).

[11]Vgl. die Bemerkungen von N. Luhmann (1974, 42 ff.).

[12]Zu den Verfahren der Attribution von Motiven und ihren Funktionen innerhalb der Alltagsinteraktionen s. C.W. Mills (1940), A.F. Blum, P. McHugh (1971), H. Kelley (1971). Speziell zum Verfahren der Feststellung strafrechtlicher Verantwortlichkeit s. G. Bierbrauer (1978), G. Smaus (1985a) sowie die Bemerkungen von H. Müller-Dietz (1990, 34 ff., 466, 469).

[13]Vgl. die von D. Peters (1973) durchgeführte empirische Untersuchung über die Praxis richterlichen Entscheidens im Bereich der Strafzumessung und der Berücksichtigung von mildernden oder anderen begünstigenden Umständen. Wie die Untersuchung zeigt, orientieren sich die Richter an einem negativen Stereotyp des "normalen Kriminellen", dessen objektive und subjektive Merkmale völlig mit jenen übereinstimmen, die für die Zugehörigkeit zu den sozial schwächeren Klassen maßgeblich sind (prekäre Arbeits- Unterhalts- und Wohnverhältnisse, zerrüttete Familienverhältnisse, niedriges Bildungsniveau etc.). Zu ähnlichen Ergebnissen gelangen auch die Untersuchungen über die Praxis der Staatsanwaltschaften hinsichtlich der Erhebung der öffentlichen Klage (E. Blankenburg, K. Sessar, W. Steffen 1978); für eine Einbeziehung dieser Richtung der Forschung über strafrechtliche Instanzen in eine Soziologie des Strafrechts s. A. Baratta (1982, 159 ff.); G. Smaus (1985a).

[14]Zur den Entwicklungen der Schuldlehre in der deutschen Strafrechtsdogmatik s. A. Baratta (1961, 1966), H. Achenbach (1974); zu weiterführenden kritischen Rekonstruktionen des Schuldbegriffs im "präventiven" bzw. folgenorientierten Strafrecht s. H. Müller-Dietz (1979, 1 ff.), B. Schünemann (Hg. 1984), W. Hassemer (1986), M. Silbernagl (1985, 1987), L. Eusebi (1990, 127 ff.), M. Donini (1993, 18 ff.; 1996, 251 ff.), C. Roxin (1993), H. Koriath (1994). Nach dieser Doktrin, die das Problem der Folgenberücksichtigung in das Zentrum ihrer strafrechtlichen Reflexion stellt, sind nur noch diejenigen Bestrafungsmaßnahmen richtig und somit legitim, die Anforderungen der (Spezial- oder General-)Prävention genügen.

[15]"Liberarsi dalla necessità del carcere" ist der Name eines in den 80er Jahren in Italien gegründeten Vereins von Gefangenen, Sozialarbeitern, Politikern und Persönlichkeiten der Kultur und Wissenschaft, die sich das Ziel gesetzt hatten, Initiativen zur Debatte und zum wirksamen Eingriff in die Gefängnisfrage zu koordinieren sowie eine breite kulturelle und politische Basis für die drastische Reduktion des Interventionsbereichs der Strafgewalt zu gewinnen, in der Perspektive ihrer endgültigen Überwindung als institutionell privilegierter Antwort auf problematische Situationen und als Instruments zur Unterdrückung von Konflikten (Vgl. Associazione Nazionale "Liberarsi dalla necessità del carcere", 1986).

[16]Zum Ansatz, eine distanzierte "rechtspositivistische" Betrachtung nicht nur i. S. des "Garantismus" und der Bewahrung der Rechtsstaatlichkeit, sondern auch in Richtung einer Entmythologisierung des Rechts einzusetzen, s. A. Baratta (1968) und neuerdings D. Dimoulis (1996, 34 ff.).

[17]In bezug auf die Übereinstimmung der dogmatischen Schuldkonzeption mit der im Alltagsverständnis dominierenden vgl. G. Smaus (1985a, 57 ff.).

[18]Zu einer Analyse solcher substantialistischer Tendenzen in der Rechtswissenschaft als Vorläufer der Entwicklung zu einem autoritären "Gesinnungsstrafrecht" nach der Machtübernahme und Konsolidierung des nationalsozialistischen Totalitarismus in den 30er Jahren in Deutschland, vgl. A. Baratta (1961); zum moralisierenden Substantialismus und Antiformalismus der Rechtswissenschaft und der Gesetzgebung im nationalsozialistischen Deutschland, vgl. B. Rüthers (1968), H. Rottleuthner (Hg. 1983), M. Stolleis (1993). Zu ähnlichen Tendenzen in den Rechtsordnungen autoritärer Regime in Lateinamerika s. E. Garcìa Mendez (1985).

[19]Besorgniserregend sind auf der anderen Seite die Entwicklungen im Rahmen der neueren funktionalistisch-effizientistischen Tendenzen in Europa in Richtung eines Aushandelns der prozessualen Wahrheit, mit der zunehmenden Einbeziehung von plea bargaining Modellen in das Strafprozeßrecht, wie z.B. in die italienische Strafprozeßordnung von 1989; dazu s. A. Baratta (1989, 241 ff. m. w. Hinw.). Zur Kritik der funktionalistischen Tendenzen s. die grundlegende Arbeit von L. Ferrajoli (1990); aus der deutschen Literatur s. K.F. Schumann (1977); W. Hassemer (1990); P.-A. Albrecht (1993); H. Frister (1994).

[20]B. Brecht (1993, 83): "Ein Urteil: 'er spielte den Lear nicht, er war Lear' wäre für ihn [den Schauspieler, A.B.] vernichtend. Er hat seine Figur lediglich zu zeigen, oder besser gesagt, nicht nur lediglich zu erleben; dies bedeutet nicht, daß er, wenn er leidenschaftliche Leute gestaltet, selber kalt sein muß. Nur sollten seine eigenen Gefühle nicht grundsätzlich die der Figur sein, damit auch die seines Publikums nicht grundsätzlich die der Figur werden. Das Publikum muß da völlige Freiheit haben". Es handelt sich dabei um die im Brechtschen Theater beabsichtigten Verfremdungseffekte, die die Beziehungen zwischen den Schauspielern und dem Publikum als Beziehungen zwischen dem Theater und der Gesellschaft zeigen (ebda, 81 ff.): "Wir müssen nicht von ihm [dem Menschen], sondern auf ihn ausgehen. Das heißt aber, daß ich mich nicht einfach an seine Stelle, sondern ihm gegenüber setzen muß, uns alle vertretend. Darum muß das Theater, was es zeigt, verfremden" (82); "eine solche Verfremdung einer Person als 'gerade dieser Person' und 'gerade dieser Person gerade jetzt' ist nur möglich, wenn nicht die Illusionen geschaffen werden: der Schauspieler sei die Figur, und die Vorführung sei das Geschehnis" (85). An dieser Stelle muß auch eine weitere Illusion aufgegeben werden: "die, als handelte jedermann [und wir ergänzen hier sinngemäß: jedermann und jederzeit, A. B.] wie die Figur (...). Es ist eine zu große Vereinfachung, wenn man die Taten auf den Charakter und den Charakter auf die Taten abpaßt; die Widersprüche, welche Taten und Charakter wirklicher Menschen aufweisen, lassen sich so nicht aufzeigen. Die gesellschaftlichen Bewegungsgesetze können nicht an 'Idealfällen' demonstriert werden, da die 'Unreinheit' (Widersprüchlichkeit) gerade zu Bewegung und Bewegtem gehört. Es ist nur nötig -dies aber unbedingt-, daß im großen und ganzen so etwas wie Experimentierbedingungen geschaffen werden, d.h. daß jeweils ein Gegenexperiment denkbar ist" (85).

[21]Zum Verfremdungseffekt, der sich nicht auf technische Elemente der Aufführung und psychologische Interpretationen des Zuschauerverhaltens reduzieren läßt, vgl. die Ausführungen L. Althussers (1974): Einerseits ist das Theaterstück selbst von einer "inneren Dissoziation", einer "latenten dissymmetrisch-kritischen Struktur" geprägt. "Im Innern des Stückes selbst, in der Dynamik seiner inneren Struktur wird diese Distanz produziert und dargestellt, zugleich die Kritik an Bewußtseinsillusionen und deren Abgrenzung gegenüber ihren wirklichen Voraussetzungen" (140). Andererseits spiegelt sich in der "Freiheit", in der "Distanz" des Publikums zur Aufführung, eine komplexe, ambivalente Bewegung wider. "Ebensowenig wie das Stück das `Jüngste Gericht' seiner eigenen `Geschichte' enthält, ist der Zuschauer oberster Richter des Stücks" (142). "Wir haben an genau derselben Geschichte teil -und damit beginnt alles. Deshalb sind wir selbst schon vom Prinzip her und von vornherein das Stück selbst; und seinen Ausgang zu kennen, ist unwichtig, weil es immer nur in uns selbst hineinführt, soll heißen: in unsere Welt" (143). Die "stillschweigende Identität", das unmittelbare, "unbewegliche Wiedererkennen-Verkennen-seiner-selbst" ist -in einem bestimmten kulturell-ästhetischen und in diesem Sinne auch ideologischen Rahmen- beim Zuschauer immer schon da. Wie kann nun in der Aufführung das Unbewegte in Bewegung gesetzt werden? In einem Spiegel, den man "versetzen, zur Seite drängen, ihn nehmen und verlieren, ihn verlassen und zu ihm zurückkehren, ihn von weitem fremden Kräften unterwerfen und derart unter Spannung setzen [muß], daß er endet wie durch jene physische Resonanz, die aus der Distanz ein Glas zerspringen läßt" (143).

[22]Die Funktionalität des Verfahrens im Sinne einer Absorption und Neutralisation des Protestes und einer Legitimation der Wirklichkeit steht im Mittelpunkt der Überlegungen N. Luhmanns (1975) zur Rolle des Verfahrens im rechtlichen, administrativen und politischen System.

[23]Ein weiterer emanzipatorischer Aspekt einer kritischen (Selbst-)Reflexion, der auch an einer "Verfremdung des Vertrauten" (B. Brecht 1993, 82) ansetzt, wurde -im Anschluß u.a. an J. Kristevas (1988) Arbeit "Fremde sind wir uns selbst"- an anderer Stelle aufgezeigt (A. Baratta 1996, A. Baratta, Ch. Giannoulis, 1996, 254 ff.).

[24]Zu den Perspektiven einer Integration des Wissens der Rechts- und der Sozialwissenschaften im Bereich der Strafrechtswissenschaft und der Kriminologie s. die Sammelbände von K. Lüderssen, F. Sack, Hg. (1975a; 1975b; 1976; 1980), W. Hassemer, K. Lüderssen, Hg. (1978), W. Hassemer, Hg. (1984); vgl. H. Müller-Dietz (1979, 80 ff.); zu einer Kritik des Modells der gesamten Strafrechtswissenschaft s. A. Baratta (1980).

[25]Ein wichtiger Beitrag dazu ist in der Theorie der Mitschuld zu sehen, die von dem bedeutenden argentinischen Strafrechtler E. R. Zaffaroni (1982, 65 ff., 74; 1985, 97 ff.) entwickelt wurde. Diese ließe es nämlich zu, eine kompensatorische Bewertung der Verantwortung von Individuen in sozial benachteiligten Situationen vorzunehmen, je nach den Handlungsspielräumen, über die sie in ihrer jeweiligen sozialen Lage verfügen; auf diese Weise könnten die Faktoren der sozialen Ungerechtigkeit und der "Schuld" der Gesellschaft an der ungerechtfertigten Notlage dieser Menschen in den juristischen Erwägungen berücksichtigt werden.

[26]In der Sozialgeschichte und insbesondere in der Geschichte des Strafrechts ist in den letzten Jahren geradezu eine Umkehrung der Forschungsperspektive vollzogen worden; im Rahmen der historischen Rekonstruktion der Entwicklung sozialer Institutionen richtete sich das Erkenntnisinteresse insbesondere auf die Wahrnehmung dieser Institutionen seitens der Bürger in ihrem Alltagsleben; vgl. u.a. D. Blasius (1978); J. David (1982) sowie die Literaturhinweise zur Kriminalitätsgeschichte und zum englischen Strafrechtssystem im 18. Jh. bei P. Wettmann (1987).

[27]Die Beschäftigung mit dem Thema Literatur und Recht, mit dem sich Heinz Müller-Dietz intensiv auseinandergesetzt hat (H. Müller-Dietz 1990), ist Bestandteil einer kritischen Analyse der Welt des Rechts; zur Erkenntnis- und Kritikfunktion der Literatur s ebda, 144, 196 f.

[28]Zu einer Analyse des Phänomens der Mafia aus diesem Standpunkt vgl. etwa H. Hess (1988), A. Baratta (1993a), Fiandaca, Costantini, Hg. (1994) sowie die Übersicht von S. Rinaldi (1992).


Zum GESAMTKATALOGZum ANFANG des Dokuments