Eule
S a a r b r ü c k e r   B i b l i o t h e k

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d) Folgen der Informationsüberlastung


Dem Time-Sharing-Erwerber wird also infolge der Informationsüberlastung oft nichts anderes übrig bleiben, als sein Verarbeitungsniveau zu senken und die Informationen nach der von ihm subjektiv empfundenen Wichtigkeit zu verarbeiten. Dabei wird er häufig die Angaben entsprechend seiner schon vorhandenen Einstellung zum Time-Sharing herausfiltern. Diese Vorstellungen beruhen aber meist auf dem Inhalt des vorausgegangenen Verkaufsgesprächs, so daß Angaben, die den Verkäufer-Informationen widersprechen, eine geringe Chance haben, in die Kaufentscheidung einzufließen. Die Auswirkungen einer begrenzten Informationsverarbeitungskapazität schränken den Wert von Gegeninformationen somit erheblich ein.

Diese Folgen werden noch zusätzlich dadurch verschärft, daß der Kunde sich seiner Überforderung subjektiv nicht bewußt ist, sondern wegen der Vielzahl der ihm zur Verfügung stehenden Informationen ein Gefühl der Sicherheit hat. Im Rahmen der Konsumentenverhaltensforschung[55] wurden Untersuchungen durchgeführt, in denen Probanden nach ihrer Kaufentscheidung gefragt wurden, wie zufrieden sie mit ihrer Entscheidung waren. Mit einer solchen Vorgehensweise wollte man den Zusammenhang zwischen der Informationsmenge und dem Gefühl des Käufers, die richtige Wahl getroffen zu haben, herausfinden. Als Ergebnis stellte man fest, daß sich der Verbraucher mit einer steigenden Anzahl von Gesamtinformationen immer sicherer fühlt, richtig gehandelt zu haben, obwohl bei Erreichen des information-overload die Entscheidungseffizienz objektiv wieder sinkt. Konsequenz dieses Phänomens ist, daß eine objektiv vorhandene Verschlechterung der Kaufentscheidung als solche nicht empfunden wird, was die Auswirkungen der Informationsüberlastung besonders gefährlich macht.[56] Die vom Verbraucher nicht wahrgenommenen Gefahren sind nämlich die schlimmsten. Die vereinfachte, plakative Information hinterläßt beim Kunden zwar ein Gefühl der Unzufriedenheit, sie verstärkt jedoch den Wunsch nach weiteren ausgewählten Informationen[57], die dann aber eine gute Chance haben, wahrgenommen zu werden und in die Kaufentscheidung mit einzufließen.

Aber auch wenn der Timesharer die Möglichkeit hat, innerhalb von zehn Tagen nach Unterzeichnung des Vertrages ohne Angaben von Gründen vom Vertrag zurückzutreten, so wie es Art. 5 der Richtlinie vorsieht, bestehen bei Informationsüberlastung nur geringfügig bessere Bedingungen für eine effiziente Informationsverarbeitung und das Erkennen von bisher übersehenen Risiken.[58] Im aus verbraucherschützender Sicht idealen Fall sieht sich der Timesharer die dem Vertrag hinzugefügten Informationen in aller Ruhe und ohne emotionale Beeinflussung nochmals an und überdenkt seine Entscheidung, gegebenenfalls unter Zuhilfenahme von sachkundigen Rechtsberatern. Entstehende Nachentscheidungsdissonanzen können durch schlichte Verhaltensänderung, nämlich durch die mittels Ausübung des Widerrufsrechts, abgebaut werden, ohne daß der Verbraucher Nachteile befürchten müßte. Zweifelt der Verbraucher an der Richtigkeit seiner Entscheidung, so muß dies jedoch nicht zwingend zur Ausübung des Widerrufsrechts führen. Naheliegender ist es, nach Informationen zu suchen, die den Kaufentschluß nachträglich bestätigen, zumal ein gemachter Fehler nur ungern eingestanden wird. Sieht der Verbraucher mit einer derartigen Motivation die Vertragsformulare nochmals durch, so wird er möglicherweise eine Ex-post-Stabilisierung seiner Entscheidung dadurch erreichen, daß er die Angaben des Veräußerers selektiv wahrnimmt und diesen große Bedeutung schenkt. Daneben wird er angesichts der großen Zahl von verfügbaren Informationen nur wenig motiviert sein, sich weitere Informationsquellen zu erschließen. Wie gesehen, wirkt sich ein information-overload selbst dann auf die Zufriedenheit des Verbrauchers aus, wenn die Effizienz seiner Entscheidung objektiv wieder sinkt. Ein Erwerber, der das Gefühl der Zufriedenheit und Sicherheit hat, eine richtige Entscheidung getroffen zu haben, wird kaum einen Anlaß sehen, sich erneut mit den Pflichtinformationen binnen zehn Tagen auseinanderzusetzen.

Derart motivierend könnten sich nur Erfahrungsdissonanzen auswirken, die allerdings nicht unmittelbar nach dem Kauf auftreten, sondern frühstens bei sich andeutenden oder auch erst bei tatsächlichen “Ent-täuschungen” mit dem erworbenen Gegenstand. Beim Time-Sharing können sich für den Kunden früher oder später stark ansteigende Nebenkosten, unseriöse Verwaltungsmethoden der Anlage und oder Schwierigkeiten beim Tausch von Time-Sharing-Objekten abzeichnen. Diesen dissonanzauslösenden Erfahrungen ist indes durchweg gemeinsam, daß sie erst nach dem Ablauf der zehntägigen Widerrufsfrist entstehen.[59] Meist wird der Timesharer sich seiner Probleme erst bewußt, wenn er in der Time-Sharing-Anlage Urlaub macht, was unter Umständen erst mehrere Monate nach Vertragsabschluß der Fall sein kann. Die daraus resultierende Motivation zur Informationswahrnehmung und -verarbeitung kommt dann aber für eine mögliche Abstandnahme vom Vertrag zu spät, da die Widerrufsfrist nach Art. 5 in der Regel abgelaufen sein dürfte.[60] Das zehntägige Widerrufsrecht schützt den informationsüberlasteten Verbraucher also nur in geringem Maße vor komplexen Geschäften wie dem Time-Sharing.



[55] Hermann Berndt, Konsumentscheidung und Informationsüberlastung, 1983, S. 200, 201; Diller (Fn. 46), S. 274, 280.
[56] Berndt (Fn. 55), S. 211; Hagemann (Fn. 47), S. 96.
[57] Berndt (Fn. 55), S. 217, 218.
[58] Kind (Fn. 3), S. 525, hält bei Informationsüberlastung generell eine Verhaltensänderung während der Widerrufsfrist für wenig wahrscheinlich; gegen informationsbedingte Widerrufsrechte sprechen sich aus: Holschbach, Rechtsfragen um das Widerrufsrecht nach § 1b AbzG, NJW 1975, 1109; Löwe, Schutz gegen Überrumpelung beim Vertragsabschluß, BB 1986, 821 ff.; Scholz, Zweite Novelle zum Abzahlungsgesetz, MDR 1974, 881, 883.
[59] Martinek (Fn. 36), S. 1397; vgl. auch Kappus, Europäische Timesharingrichtlinie und deutsche Umsetzungsgesetzgebung, EWS 1996, 273, 275, der aus diesem Grunde in Anlehnung an § 852 BGB eine Dreijahresfrist für wünschenswert hält.
[60] Vgl. dazu die Mitteilungen der Bundesnotarkammer zum TzWrG, DNotZ 1996, 715, 722; eine ähnliche Sachlage besteht übrigens beim VerbrKrG, wo Schwierigkeiten bei der Kreditabwicklung ebenfalls meist zu spät auftreten, als daß sie noch über das Widerrufsrecht behoben werden könnten.

 


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