Eule
S a a r b r ü c k e r   B i b l i o t h e k

(http://www.jura.uni-sb.de/projekte/Bibliothek)

Erstveröffentlichung:
JuS 1997, S. 281 - 284


Michael Martinek

Der faule Rechtsprofessor
- eine Entlarvung
oder: non difficile est satiram scribere




Gliederung

I.    Die wachgerüttelte Öffentlichkeit
II.   Berechnungsgrundlagen
III.  Lehrveranstaltungen
IV.   Bücher, Beiträge und Aufsätze
V.    Tagungen, Vorträge, Fortbildung
VI.   Serviceleistungen und Doktoranden
VII.  Staatsexamen und Magisterprüfungen
VIII. Selbstverwaltung, Goodwill-Einsatz und Repräsentation
IX.   Gastprofessuren und Auslandsreisen
X.    Der Gipfel

 

I. Die wachgerüttelte Öffentlichkeit

Mit tiefer Befriedigung darf man in diesen universitätspolitisch turbulenten Zeiten zur Kenntnis nehmen, daß die öffentliche Diskussion endlich einem offenbar jahrzehnte-, wenn nicht jahrhundertealten Übel - vielleicht dem Krebsübel der Universität überhaupt - zu Leibe rückt: der Faulheit der Professoren. Allenthalben wird heute in der Presse, im Fernsehen und im Rundfunk, wo immer sich Journalisten oder Politiker als berufene Kenner der Materie zu Wort melden, der Finger auf die seit langem klaffende Wunde gelegt: Die Universitätsprofessoren sind stinkmadig faul, fauler als Beamte ohnehin, fauler noch als die Schullehrer. Mit ihren läppischen acht Stunden Lehrverpflichtungen in der Woche während der Vorlesungszeiten - und das bei fünf Monaten Semesterferien im Jahr - bilden die Hochschullehrer mit ihrer zum Himmel stinkenden Faulheit einen der wichtigsten Gründe dafür, daß die Universitäten bei uns abgewirtschaftet haben. Deshalb muß jede Universitätsreform vordringlich darauf bedacht sein, diese Faulpelze in die Pflicht zu nehmen, um ihrem süßen Leben des Müßiggangs ein Ende zu bereiten. Einführung von Trimestern mit radikaler Kürzung der vorlesungsfreien Zeit, Erhöhung des Lehrdeputats auf zwölf Stunden, Abschaffung der Beamtenstellung zugunsten kündbarer Anstellungsverhältnisse können nur erste Schritte zur nachhaltigen Erhöhung der Qualität von Lehre und Forschung sein.

Ein eindrucksvolles Beispiel für die Berechtigung dieser Kritik ist der Jura-Professor P, der an einer Juristischen Fakultät einen Lehrstuhl für Bürgerliches Recht, Handels- und Wirtschaftsrecht, Internationales Privatrecht und Rechtsvergleichung innehat und ein wahrhaft bequemes Dasein fristet. Schauen wir uns seinen Alltag einmal genauer an. Alltag? Den gibt es für Professor P schon gar nicht. Anders als die meisten seiner Mitmenschen, die in den Arbeitsprozeß eingegliedert sind und von morgens bis abends mehr oder weniger gleichförmig acht Stunden am Schreibtisch oder an der Werkbank schaffen müssen, genießt Professor P in der Gestaltung seines Tagesablaufs eine Freiheit, die jedenfalls für Staatsdiener ohne jede Parallele ist. Dies rechtfertigt er frech mit den wechselnden Anforderungen seiner Tätigkeit in Forschung und Lehre, doch ist für jedermann leicht ersichtlich, daß damit nur der Müßiggang kaschiert werden soll. Professor P kann sogar selbst die Zeiten festsetzen, zu denen er seine acht Pflichtstunden Lehre in der Woche abhält. Acht Pflichtstunden? In Wirklichkeit sind es sogar nur sechs! Denn die ,,cum tempore" anberaumten Doppelstunden beginnen eine Viertelstunde später und enden - wie zur Verhöhnung der Hörer - dann auch noch eine Viertelstunde früher. - Doch wir wollen seinem Zeithaushalt mit detektivischer Akribie auf die Spur kommen; wir werden alle Ausflüchte als Schutzbehauptungen eines Faultiers entlarven.

 

II. Berechnungsgrundlagen

Das Wintersemester dauert im allgemeinen von Mitte Oktober (z.B. vom 21.10.1996) bis Mitte Februar (z.B. bis 21.2.1997), doch verkürzen sich diese 18 Kalenderwochen wegen der zweiwöchigen Weihnachtsferien auf 16 effektive Vorlesungswochen. Im kürzeren Sommersemester werden die 14 Kalenderwochen etwa von Mitte April (z.B. vom 14.4.1997) bis Mitte Juli (z.B. bis 18.7.1997) de facto wegen der vielen Feiertage um eine Woche verkürzt. Angeblich bemüht sich Professor P für feiertagsbedingt ausgefallene Lehrveranstaltungen um Ersatztermine, aber nicht selten scheitern solche Initiativen am ,,Raummangel". Im Ergebnis sind also von 52 Kalenderwochen sage und schreibe 23 Wochen völlig vorlesungsfrei und nur 29 Wochen Vorlesungszeit zugrundezulegen. Da Professor P ein höchst durchschnittlicher Faulpelz ist, gönnt er sich und seiner Familie von den 52 Kalenderwochen im Jahr 4 Wochen Urlaub. Urlaub wovon, fragt man sich natürlich. Es bleiben 48 Arbeitswochen. Er erzählt gern herum, daß er auch samstags und sonntags noch arbeitet. Doch wird er damit nicht gehört, denn das ist nicht kontrollierbar. Wir gehen von einer 5-Tage-Woche und damit von 48 mal 5 gleich 240 Arbeitstagen aus. Unsere Frage lautet: Wie viele Stunden im Durchschnitt arbeitet Professor P täglich an seinen 240 Arbeitstagen?

 

III. Lehrveranstaltungen

Wie gesagt, Professor P ist pro Semesterwoche genau genommen nur zu 6 (Zeit-) Stunden Lehrveranstaltungen verpflichtet. Das kommt ihm scheint's selbst lächerlich oder unmoralisch vor. Denn in den vergangenen Semestern hat er eigentlich immer mindestens 10, manchmal gar 11 oder 12 Stunden Vorlesungen und Seminare, Kolloquien und Examinatorien angeboten, was freilich wegen der akademischen Viertel im Durchschnitt auf nur acht (Zeit-) Stunden, d. h. auf jährlich 29 mal 8 gleich 232 Stunden hinausläuft. Schaut man noch genauer hin, muß man selbst davon noch Abstriche machen. Alle neun Semester hat er nämlich ein ,,Forschungssemester" und ,,liest nicht"; bei den Seminarveranstaltungen hört er oft nur aufmerksam zu, redet und unterrichtet aber höchstens in der Hälfte der Zeit; in den Übungen im Bürgerlichen Recht ist er an den drei Klausurterminen nicht anwesend; die Übernahme einer einzigen Klausur im Examensklausurenkurs wird gleich mit einer vollen Deputatsstunde für das gesamte Semester veranschlagt. Hier verbirgt sich natürlich viel Müßiggang und Arbeitsscheu. Es erscheint daher bei reeller und noch wohlwollender Betrachtung angebracht, nur 220 intensive Arbeitsstunden im Hörsaal oder Seminarraum zugrundezulegen.

Weil sich die meisten Vorlesungen inhaltlich wiederholen und nur aktualisiert zu werden brauchen, benötigt Professor P für deren Vorbereitung durchschnittlich nur noch doppelt so viel Zeit wie für den Vortrag selbst, also 440 Stunden. Gewiß, als Berufsanfänger, als er alle Vorlesungen neu ausarbeiten mußte, hatte er pro Vortragsstunde drei- oder gar viermal solange gebraucht. Aber inzwischen ist er ein alter Hase. Die 440 Stunden dürften sogar die Vorbereitung der einzelnen Seminarthemen einschließen, denn diese sind oft an seine schriftstellerischen Bemühungen angelehnt, so daß die Seminarvorbereitungen, bei denen im übrigen die Assistenten zum Einsatz kommen, kaum mehr Zeit und intellektuellen Einsatz als die Vorlesungsvorbereitungen beanspruchen werden. Nun gut, die rund 40 Seminararbeiten liest und bewertet er offenbar immer selbst, so daß man ihm dafür noch 40 Stunden zugute halten mag. Das macht bisher 700 Stunden. Die knappen Skripten zu seinen Vorlesungen (insgesamt kaum 150 Seiten) haben weitgehend die Assistenten geschrieben, die sie auch jährlich überarbeiten; von Professor P selbst stammt lediglich die Konzeption und die Endfassung - sagen wir 20 Stunden; für die Überprüfung der zwei Hausarbeits- und drei Klausurvorschläge mit den Musterlösungen der Assistenten kann man ihm ernsthaft kaum mehr als jährlich 50 Stunden gutschreiben, wenn wir ihm einmal glauben wollen, daß er sich darüber verantwortungsvoll Gedanken macht und die Fälle mit den Korrekturassistenten auch ausführlich bespricht; die Kontrolle der von den vorkorrigierten Übungshausarbeiten und -klausuren (im vergangenen Wintersemester waren es 250 Hausarbeiten und 450 Klausuren), bei der sich Professor P - faul wie er ist - auf 10% Stichproben (70 Arbeiten) beschränkt und im übrigen nur unterschreibt, kostet kaum mehr als 30 Arbeitsstunden. Mehr kann er keinesfalls beanspruchen, zumal er nur entweder im Winter-oder im Sommersemester, also nur jährlich eine einzige Anfänger- oder Fortgeschrittenen-Übung übernimmt. Rechnen wir die Klausur des Examensklausurenkurses hinzu, die er ausnahmsweise ganz allein entworfen und zu der er selbst eine Musterlösung verfaßt hat (sie soll demnächst in der JuS veröffentlicht werden), kommen vielleicht noch 20 Stunden hinzu. Ach ja, 2 Wahlfachklausuren hat er auch noch gestellt und besprochen. Diese hat er für 15 Studentinnen bzw. Studenten auch eigenhändig korrigiert und begutachtet - wohl um sich besonders beliebt zu machen und einen besonderen Eifer vorzugaukeln; schreiben wir ihm dafür 20 Stunden gut. Das sind summa summarum also nur 840 Arbeitsstunden jährlich für die Lehre im engeren Sinne, das heißt: bloße 3 1/2 Stunden pro Arbeitstag für Lehrveranstaltungen einschließlich aller Vorbereitungen!

 

IV. Bücher, Beiträge und Aufsätze

Nun ist nicht zu übersehen, daß Professor P wenigstens literarisch nicht unambitioniert ist. Im zurückliegenden Jahrzehnt hat er neun Bücher, darunter zwei Standardlehrbücher geschrieben (nicht einmal ein Buch pro Jahr, aber immerhin). Er hat mehrere Kommentierungen verfaßt und vor allem eine Vielzahl von Aufsätzen in Fachzeitschriften, einige Beiträge zu Festschriften usw. publiziert. Das wollen wir gar nicht leugnen; die Publikationen sind leicht zugänglich und im übrigen in den jährlichen Forschungsberichten des Universitätsrektors aufgelistet. Man kommt kaum daran vorbei, daß Professor P durchschnittlich pro Jahr knapp 1000 Manuskriptseiten in verschiedener Form an mehr oder weniger anerkannter und von anderen Autoren zitierter rechtswissenschaftlicher Literatur produziert. Das ist gar nichts Besonderes, andere Kollegen schaffen dies auch, ohne viel Aufhebens davon zu machen. Diesem Tätigkeitsbereich der, wie er es nennt, ,,Forschung" widmet er sich natürlich nur zum kleineren Teil in seinen Diensträumen. Er arbeitet viel zu Hause, wo er ,,seine Ruhe" hat, wo man ihn nicht kontrollieren kann und wo er gemütlich mit Tee und Tabak am Computer hockt, nicht selten nachts, wenn die Kinder im Bett sind. Er selbst meint, daß er durchschnittlich am Tage sieben Stunden ,,forsche", also denke, lese und schreibe. In der vorlesungsfreien Zeit macht er oft tagelang nichts anderes: sitzt gemütlich zu Hause, denkt, liest und schreibt. Dann will er sogar manchmal 10 oder 12 Stunden arbeiten. Wir lassen den Sinn solcher Forschung einmal außer Betracht. Selbstredend müssen wir auch hier einen Abzug für Übertreibung und Angabe in Ansatz bringen. So geht er ab und zu in den Garten, telephoniert zwischendurch, trinkt Tee und so weiter. Aber immerhin sind die Ergebnisse gedruckt auf dem Tisch. Wenn er für 1 Manuskriptseite etwa 1 1/2 Stunden Zeit braucht (das muß man ihm wohl lassen; man denke allein an die ganzen Zitate in den Fußnoten, die er zusammensuchen muß), dann schafft er die 1000 Seiten an den 240 Arbeitstagen in etwa 6 Stunden täglichem Einsatz. Es erscheint wohl fair, übers Jahr von durchschnittlich 6 Stunden pro Tag Schriftstellerei auszugehen. Damit sind wir bei einem Arbeitstag von 9 1/2 Stunden.

 

V. Tagungen, Vorträge, Fortbildung

Wie alle faulen Professoren ist Professor P oft verreist. Er wird mindestens dreimal im Jahr zu Vorträgen eingeladen, die er, damit er sich nicht blamiert, sorgfältig vorbereiten muß. Gewiß braucht er für einen einstündigen Vortrag zu einem neuartigen Thema durchschnittlich weniger als zwei Wochen Arbeit. Wir schätzen mal 50 Stunden pro Vortrag im Durchschnitt. Andere Angaben sind wohl aufgebauscht. Sagen wir also insgesamt 150 Stunden. Teilweise bekommt er dafür übrigens sogar noch ein separates Honorar vom Veranstalter, als würde er nicht schon von Amts wegen genug verdienen. Gelegentlich stellt er sich auch kommerziellen Seminarveranstaltern für halbtägige oder gar ganztägige Seminare und Schulungen (z. B. von Richtern, Rechtsanwälten, Managern etc.) zur Verfügung, was oft ebenfalls stundenlange Vorbereitungen, manchmal auch besondere Skripten erfordert. Er meint, ein ordentlicher öffentlicher Professor müsse sein Fach auch auf diesem Gebiet und gegenüber solchem Publikum vertreten. Wir unterdrücken unsere Zweifel an der Rechtfertigung solcher außeruniversitären Aktivitäten und schreiben Professor P jährlich 30 Arbeitsstunden hierfür gut.

Auch besucht er ausgiebig Tagungen, Kongresse und ähnliche Veranstaltungen, ohne etwa selbst immer einen Vortrag zu halten. Von A (Arbeitskreis Kartellrecht) bis Z (Zivilrechtslehrer-Tagung) finden jedes Jahr bestimmt fünf angeblich zeitraubende, jedenfalls aber auch sehr gesellige Kongresse statt. Er hört dann vielfach nur zu, beteiligt sich oft nicht einmal an der Diskussion. Immerhin repräsentiert er sein Fach und seine Universität, hält sich auf dem laufenden, knüpft Kontakte und pflegt die scientific community. Das ist nicht durchweg angreifbar, sondern teilweise respektabel. Manchmal ist er drei Tage hintereinander verreist, gelegentlich sogar während der Vorlesungszeit. Natürlich kann man nicht die gesamte Zeit als Arbeitszeit zählen, wie Professor P es wohl gern hätte. Mit Wohlwollen sind ihm jährlich für solche Kongreßbesuche 60 Arbeitsstunden gutzuschreiben. Für Kongresse und Vorträge investiert Professor P nicht mehr als 240 Arbeitsstunden, also lediglich eine einzige Arbeitsstunde am Tag.

Professor P muß sich nicht nur durch den Besuch von Tagungen, sondern vor allem durch das Studium von Fachzeitschriften und neuen Monographien laufend über die Entwicklungen in seinen Fächern informieren. Zugegeben, das ist nicht ganz unwichtig. Ein Professor muß lesen, lesen und nochmals lesen. Vieles kann er aber etwa auf Reisen machen oder abends am Kamin bei einem Glas Wein oder wenn er mit den Kindern ins Strandbad geht. Auch hier muß man also von der tatsächlich aufgewandten Arbeitszeit Abzüge für Konzentrationsdefizite in Ansatz bringen. Bei kritischer Würdigung kann man Professor P nur 1 1/2 Stunden pro Arbeitstag für solche Fortbildungsmaßnahmen zugestehen. Wir sind damit bei insgesamt 12 Stunden täglicher Arbeitszeit.

 

VI. Serviceleistungen und Doktoranden

Professor P klagt darüber, daß er ,,immens viel Zeit für Serviceleistungen" für die Studierenden aufzubringen habe. In Wirklichkeit kann davon gar keine Rede sein. Er hat montags von 8 bis 10 Uhr Sprechstunde. Vielleicht hat er die Zeit so unmenschlich früh gelegt, weil er auf mangelnde Nachfrage hofft. Indes hat er die Rechnung ohne den Wirt gemacht; seine Sprechstunde ist immer voll. Manchmal muß er noch gesonderte Termine anberaumen. Keinesfalls nimmt er sich aber pro Semesterwoche mehr als drei Stunden Zeit für solche Sprechstunden. Zugegeben, nach den Vorlesungen muß er manchmal noch Fragen beantworten, aber beileibe nicht immer und nie länger als eine Viertelstunde, also höchsten 1/2 Stunde pro Woche. Weil Professor P immer den Wohlwollenden und Studentenfreundlichen mimt, kommen die Studierenden auch oft mit dem Wunsch nach Gutachten oder Empfehlungsschreiben zu ihm. Das hat er ausweislich sich wiederholender Formulierungen derart routinisiert, daß es ihn pro Semesterwoche nicht mehr als eine 1/2 Stunde Zeit kostet. Nimmt man dies alles zusammen, so läuft dies auf nicht mehr als vier Stunden pro Semesterwoche, also bei 29 Semesterwochen auf 116 Stunden jährlich hinaus. Er prüft am Semesterende auch die ausländischen Erasmus- bzw. Socrates- Studierenden sowie die Nebenfach-Studierenden (Soziologie-, WiWi-Studenten usw.) zum Stoff seiner Vorlesungen, denn diese müssen einen Extra-Schein vorweisen. Natürlich prüft er sie aus Bequemlichkeit nur mündlich und in Gruppen. Das macht im Jahr niemals mehr als 4 Stunden aus. Alles andere ist pure Übertreibung. Die vorgeblich so bedrückenden Serviceleistungen sind also nur mit 120 Stunden in Rechnung zu stellen.

Man wird Professor P allerdings einräumen müssen, daß seine zahlreichen Doktoranden eine gewisse Arbeitslast mit sich bringen: Themenwahl, gelegentliche Besprechungen und Rücksprachen, dann die Erstgutachten,

die Disputationen oder Rigorosen. Im letzten Jahr hat er fünf Leute promoviert. Sicherlich ist es ins Reich der selbstgefälligen Angabe zu verweisen, wenn er für die Begutachtungen jeder Arbeit zwei volle Tage reklamiert. Wahrscheinlich braucht er in Wirklichkeit nur einen Lektüretag pro Arbeit und dann noch ein paar Stunden für das Gutachten. Gewiß hat er auch noch Zweitgutachten für die Doktoranden von Kollegen zu verfassen und an den mündlichen Prüfungen teilzunehmen. Darüber zu klagen besteht kein Grund; das ist seine Amtspflicht. Arbeitslastmäßig macht das alles im Jahr jedenfalls nicht mehr als drei Arbeitswochen, also bei reeller Betrachtung lediglich 120 Stunden pro Jahr aus, und zwar alles inklusive. Im letzten Jahr hat sich zwar ein Assistent habilitiert, was angeblich eine ganze Woche zusätzlich Zeit gekostet haben soll, aber das können wir vernachlässigen; so etwas passiert ja nicht jedes Jahr. Also: Serviceleistungen und Doktoranden fallen nur mit 240 Stunden Arbeitsstunden pro Jahr, d.h. mit nur einer einzigen Stunde pro Arbeitstag ins Gewicht.

 

VII. Staatsexamen und Magisterprüfungen

Wir sind jetzt bei 13 Stunden Arbeit am Tag. Das Staatsexamen schlägt natürlich zu Buche. Professor P muß durchschnittlich jedes Jahr zwei Klausuren für das Justizprüfungsamt mit Musterlösung und Prüfervermerk stellen. Dieser Aufgabe unterzieht er sich höchstpersönlich. Wir wollen ihm dafür 20 Stunden gutschreiben. In dieser Zeit muß das eben zu schaffen sein. Er hat rund 60 Erstgutachten und die gleiche Zahl Zweitgutachten jährlich anzufertigen. Hierbei kann er seine Faulheit schwerlich ausleben, denn wegen der Kontrolle der Mitprüfer und wegen der Gefahr einer gerichtlichen Überprüfung muß er sich mit den vielfach 20 und mehr Seiten langen Klausuren besondere Mühe geben: also 1 1/2 Stunde pro Erstgutachten und 1 Stunde pro Zweitgutachten gleich 150 Stunden, macht bisher 170 Stunden. Hinzu kommen die mündlichen Prüfungstermine, bei denen er wohl oder übel auch dann hellwach sein muß, wenn er nicht selbst das Prüfungsgespräch führt, sondern nur die Prüfungsgespräche anderer verfolgt. Er hat im Jahr durchschnittlich sieben Prüfungstermine (wahrscheinlich drückt er sich mit fadenscheinigen Ausreden um weitere Prüfungstermine) mit jeweils fünf Prüfungsstunden und mit vielleicht einer knappen Stunde Beratung. Notgedrungen muß er seine eigenen mündlichen Prüfungen wenigstens halbwegs vorbereiten, jedenfalls wenn er als Erster prüft. Meist greift er dabei trickreich auf alte Unterlagen zurück. Sagen wir, daß er jährlich 50 Stunden für das mündliche Staatsexamen aufbringt, also eine reichliche Woche. Auf das Konto Staatsexamen gehen im Ergebnis nicht mehr als 220 Stunden jährlich.

An den beiden Aufbaustudiengängen, die seine Fakultät zum Europarecht (Magister Iuris Europae) und für ausländische postgraduierte Juristen (LL.M.) veranstaltet, muß Professor P gleichfalls mitwirken. Hier geht es um die Begutachtung von Magisterarbeiten und um die anschließenden mündlichen Prüfungen. Sein Aufwand hierfür ist aber sehr überschaubar, auch wenn die Teilnehmerzahlen in den letzten Jahren explodiert sind. Er verwendet dafür, wenn er ehrlich ist, wohl kaum mehr als 20 Stunden im Jahr. Staatsexamen und Magisterprüfungen sind zusammen mit allerhöchstens 240 Stunden jährlich, d.h. mit einer lumpigen Stunde pro Arbeitstag zu verbuchen.

 

VIII. Selbstverwaltung, Goodwill-Einsatz und Repräsentation

Wir sind jetzt bei 14 Stunden Arbeit am Tag. Das Gejammere von Professor P über die Selbstverwaltung bedarf ebenfalls der kritischen Überprüfung. Er sitzt im Fachbereichsrat, im Kleinen Fakultätsrat, im Großen Fakultätsrat, im Promotionsausschuß, im Senat und im Konzil. Stellvertreter ist er in der zentralen Kommission für Studium und Lehre und - sehr selten beansprucht - in der Haushalts- und Planungskommission. Keines dieser Gremien tagt im übrigen häufiger als einmal monatlich (freilich nur während der Vorlesungszeit), das Konzil sogar nur jährlich. Bei einer genauen Überprüfung ist festzustellen, daß Professor P, der natürlich auch gelegentlich ,,kneift", wenig länger als drei Stunden pro Vorlesungswoche in den diversen offiziellen Gremien sitzt, wobei er übrigens nicht selten in seinen Fachzeitschriften herumblättert oder in dicken Wälzern schmökert. Schreiben wir ihm hierfür jährlich 100 Stunden gut. Hinzu kommen allerdings die Berufungskommissionen mit vielleicht 20 Stunden jährlich, wobei aber die Vorträge der Kandidaten eingeschlossen sind. Macht 120 Stunden. Hinzu kommen auch die inoffiziellen Gremien, insbesondere das monatliche Professorium, in dem die offiziellen Gremiensitzungen vorbesprochen werden, und die Zivilrechtslehrerbesprechung, in der das Lehrprogramm und gemeinsam interessierende Probleme unter den Kollegen diskutiert werden. Mit reichlich zwei Stunden pro Vorlesungswoche und mit 60 Stunden jährlich ist das gewiß abgegolten. Macht 180 Stunden. Möglicherweise lassen sich zum Selbstverwaltungsbereich im weiteren Sinne auch die akademischen Feiern und Veranstaltungen (Ehrenpromotionen, Gedächtnisfeiern, Jubiläen, besonderen Vorträge von Gästen, Dies Universitatis, Tag der offenen Tür etc.) mit jährlich 20 Stunden zählen, wobei berücksichtigt ist, daß Professor P beileibe nicht an allen diesen Veranstaltungen, zu denen er eingeladen wird, teilnimmt.

Zusätzlich zu den bisherigen 200 Stunden will Professor P als Goodwill-Einsatz solche Aktivitäten veranschlagt wissen, die dem Betriebsklima am Lehrstuhl und Institut sowie in der Kollegenschaft zugute kommen oder die der Verbesserung des Kontaktes zur Studentenschaft dienen. Hier ist freilich zu großer Zurückhaltung zu mahnen. Die ganztägigen Ausflüge mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern einmal im Jahr, das Weihnachtsfest, den Fakultätsausflug, den Bibliotheksausflug etc. kann Professor P allenfalls zu einem kleinen Teil als Arbeitszeit behandelt wissen wollen, mögen dabei auch gelegentlich wichtige Dinge besprochen werden. Reduziert man all diese Aktivitäten auf einen Kern ernsthafter fachlicher Gespräche, kommen hierbei nicht mehr als 10 Stunden pro Jahr Arbeitszeit heraus. Großzügiger kann man mit den Geselligkeiten verfahren, die die Studentenschaft einschließen, denn für die Studentinnen und Studenten ist das persönliche Gespräch mit dem Hochschullehrer in privater Atmosphäre erfahrungsgemäß besonders wertvoll. Dies betrifft etwa den regelmäßigen Umtrunk mit den Seminarteilnehmern oder mit den von Professor P besonders betreuten Studierenden der Wahlfachgruppen. Gönnen wir ihm hierfür also 20 Stunden Arbeitszeit pro Jahr. Weitere 10 Stunden jährlich müssen für Repräsentationsverpflichtungen genügen, zu denen etwa Empfänge und Mahlzeiten mit ausländischen Kollegen oder die Verabschiedung des Präsidenten des Justizprüfungsamts zählen. Das Konto ,,Selbstverwaltung, Goodwill-Einsatz und Repräsentation" weist also 240 Stunden pro Jahr, d.h. nur eine einzige Stunde pro Arbeitstag auf. Womit wir bei 15 Stunden Arbeit am Tag angelangt sind.

 

IX. Gastprofessuren und Auslandsreisen

Fast jedes Jahr nimmt Professor P in der vorlesungsfreien Zeit eine mehrwöchige Gastprofessur wahr: zum Beispiel in Sofia, Prag, aber auch Poitiers, Salamanca oder Kairo. Dafür muß er sich gehörig anstrengen, was dem Faulpelz gar nicht schadet. Wochenlang vorher bereitet er seine Vorträge in englischer Sprache vor, wenn auch mit Hilfe von Assistenten. Er verbrämt seine touristischen Exkursionen mit dem Hinweis darauf, es sei wissenschaftspolitisch von besonderer Wichtigkeit, daß er als deutscher JuraProfessor unsere Rechtskultur im Ausland fördere. Wenn er nach Südkorea oder nach Argentinien reist, geht es ihm sogar um die europäische Rechtskultur. Er hat bereits in ausländischen Zeitschriften schon seine Vorträge veröffentlicht und bildet sich darauf womöglich etwas Besonderes ein. Es ist wohl klar, daß man nicht die gesamte hierfür aufgewendete Zeit ernsthaft als Arbeitszeit in Ansatz bringen kann, denn er erschließt sich damit ja auch rein private Freizeitwerte. Ähnliches gilt für die Auslandsreisen, die Professor P manchmal zu den ausländischen Partneruniversitäten unternimmt, um dort die studentischen Austauschbeziehungen zu besprechen. Bei einer reellen Bewertung all dieser Aktivitäten erscheint es gerechtfertigt, sie mit etwa sechs Wochen im Jahr oder mit 240 Arbeitsstunden zu bewerten. Dies entspricht im Jahresdurchschnitt einer lausigen Stunde Arbeit am Tag. Damit sind wir bei einer Arbeitszeit von 16 Stunden am Tag - womit er für seine lukrativen privaten Rechtsgutachten für großindustrielle Auftraggeber doch weiß Gott genügend Zeit übrig hat.

 

X. Der Gipfel

Es muß eingeräumt werden, daß wir unserem ,,beispielhaften" Professor P vielleicht manchmal allzu kleinlich seine maßlosen Übertreibungen entgegengehalten und ihn hier oder dort womöglich in allzu enge zeitliche Schranken für seine Amtspflichten verwiesen haben. Immer haben wir ab-, nie aufgerundet; für jeden Teilbereich haben wir die kürzest mögliche Zeiteinheit kalkuliert, die noch vertretbar ist. Aber selbst wenn man weniger restriktiv verfährt, weniger penibel nachrechnet und ihm noch eine ,,Pauschale" für sonstige Zeitopfer zugutehält, arbeitet er im Jahresdurchschnitt nicht mehr als allerhöchstens 25 Stunden täglich - reine Arbeitszeit. Man bedenke, daß noch im vorigen Jahrhundert in englischen Bergwerken sogar Kinder bis zu 16 Stunden arbeiteten. Ich frage: Ist die Universität ein Bergwerk? Und ist Professor P etwa ein Kind? Unlängst sah ich den Nichtstuer übrigens mit friedlich-verklärtem Gesichtsausdruck auf dem Campus in der Sonne auf einer Bank sitzen. Ich dachte gleich: der sonnt sich in seiner Faulheit. Er selbst meinte, daß er auf dem Rückweg von der Mensa einen kleinen Stich im Herzen gespürt habe und sich ausruhen müsse. Das ist doch wohl der Gipfel!

 


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