Eule
S a a r b r ü c k e r   B i b l i o t h e k

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Erstveröffentlichung:
Festschrift für ERNST-WALTER HANACK
zum 70. Geburtstag am 30. August 1999
Hrsg.: U. Ebert/C. Roxin, S. 67 - 76
Walter de Gruyter, Berlin, New York


Egon Müller

 

Gedanken zur Vernehmung des Angeklagten in der Hauptverhandlung und zum sog. Opening-Statement des Verteidigers

 


 

 


Zum Abschnitt:  > I <  > II <  > III <  > IV <  > V <  > VI <  > VII <  > VIII <  > IX <


 

 

I.

1899 - vor genau 100 Jahren - hatte der 1. Strafsenat des Reichsgerichts über eine Revision zu entscheiden, in der das Recht des Angeklagten auf Verteidigung zu gewichten war. Im Sitzungsprotokoll der Hauptverhandlung vor dem Landgericht Nürnberg war beurkundet worden:

"Bei der Verhörung des Angeklagten durch den Vorsitzenden mischte sich der Verteidiger ein und wurde diesem vom Vorsitzenden bedeutet, daß nur der Vorsitzende das Verhör zu pflegen habe."

Die Revision beschwerte sich über unzulässige Beschränkung der Verteidigung und führte aus, "es sei ein dem Verteidiger unbedingt zustehendes Recht, den Angeklagten während des Verhöres darauf aufmerksam zu machen, ob er auf die einzelne, gerade an ihn gestellte Frage die Antwort verweigern könne und dürfe oder nicht. Der Angeklagte habe ja deswegen einen Verteidiger genommen, damit ihm dieser während der ganzen Hauptverhandlung, also auch während an ihn die verschiedensten Fragen gestellt werden, beistehe.

Die Revision hatte keinen Erfolg.

"Aus den Gründen:

Die Zurückweisung der Einmischung des Verteidigers in das Verhör des Angeklagten durch den Vorsitzenden war durchaus berechtigt. Dem Vorsitzenden steht gem. § 237 St.P.O., wie die Leitung des Verfahrens im allgemeinen, so insbesondere die Vernehmung des Angeklagten zu; diese Vernehmung hat gem. § 242 nach Maßgabe des § 136 zu geschehen, also mit Ausschluß des Verteidigers. Von einer Einmischung des Verteidigers in diese Thätigkeit des Vorsitzenden weist die Strafprozeßordnung nichts; erst wenn ihm der Vorsitzende das Wort gestattet, ist er überhaupt zu unmittelbarem Verkehr und zwar nur mit Zeugen und Sachverständigen zugelassen ..."[1]

Die Entscheidung mag alt und verfehlt sein, ihr Geist wirkt noch in unsere Zeit hinein.

II.

Zu den großen Themen des Strafverfahrensrechts gehört die Mutation des Beschuldigten zum Prozeßsubjekt - ein Vorgang, der seit langem andauert, von nur zäher Dynamik und noch nicht abgeschlossen ist. Der Inquisitionsprozeß, der den Beschuldigten vorwiegend als Objekt des Verfahrens verstand, wirft lange Schatten nicht nur auf das Ermittlungsverfahren, er verdunkelt auch nach wie vor die Hauptverhandlung, deren Umgestaltung kein Thema der neueren Reformdebatte ist, sondern schon seit mehr als 100 Jahren diskutiert wird. Er steht längst fälligen Reformvorhaben im Wege ebenso wie das ihm verhaftete Verständnis sich noch heute nachteilig auf Theorie und Praxis einzelner Verfahrensabschnitte auswirkt. Zu ihnen zählt die Vernehmung des Angeklagten in der Hauptverhandlung, die nach wie vor legislativ und atmosphärisch dominiert wird von der "obrigkeitlichen Stellung des Vorsitzenden" als einem - prozesshistorisch - Relikt des Inquisitionsprozesses,[2] der das Geständnis überbewertete und das Gericht mit einer gesetzlichen Beweistheorie in Abhängigkeit von der erzwingbaren - wahrheitsgemäßen - Aussage des Beschuldigten hielt. Es kann nicht wundern, daß die Vernehmung hiernach als wichtiges Mittel der Wahrheitserforschung interpretiert wurde.

Der tiefgreifende Wandel, der sich seit der Entstehung der StPO eingestellt hat, äußert sich darin, daß heute vorrangiger Zweck der Beschuldigtenvernehmung die Gewährleistung rechtlichen Gehörs und wirksamer Verteidigung ist mit der Folge, daß im Konfliktfalle das Verteidigungsinteresse gegenüber dem Anliegen der Sachverhaltsaufklärung prävalieren muß. Die Vernehmung darf nicht mehr als Kampf zwischen Angeklagtem und Vernehmendem begriffen werden, sondern muß als dialogischer Prozeß verstanden werden, in dem Vergangenes rekonstruiert und Wahrheit geschaffen (und nicht: aufgedeckt) wird. In fairer Weise vollzieht sich das aber nur, wenn dem Angeklagten die Chance gegeben wird, seine Position in das Verfahren einzubringen und er nicht gedrängt wird, fremde Situationsdefinitionen zu übernehmen.[3]

Ein solches Denken ist in der Praxis der Strafverfolgung noch keineswegs Allgemeingut.[4]

 

III.

 

Den nornativen Rahmen steckt § 243 StPO ab, der den regelmäßigen Ablauf der Hauptverhandlung bis zur Beweisaufnahme bestimmt. Er zerlegt die Vernehmung in zwei Abschnitte. Zunächst ist der Angeklagte "über seine persönlichen Verhältnisse" zu vernehmen (§ 243 II 2 StPO). Nach der Verlesung des Anklagesatzes folgen die Belehrung und die Vernehmung "nach Maßgabe des § 136 Abs. 2 zur Sache" (§ 243 IV 2 StPO).

 

Diese Architektur hat - von der Belehrung abgesehen - eine lange Geschichte.

 

IV.

Darf die Vernehmung des Angeklagten zur Person lediglich dem Zweck dienen, die Feststellung seiner Identität zu ermöglichen, ist § 243 II 2 StPO sprachlich zu weit geraten.[5] Es muß auch erstaunen, daß der Begriff "persönliche Verhältnisse" alle Reformen seit 1964 überstanden hat.

Ein Blick in die Geschichte zeigt auf, daß dieser Terminus einen anderen Inhalt hatte.

Er tauchte erstmals auf in der Strafprozeßordnung des Königreiches Württemberg von 1843. Nach deren Art. 77 hat sich die Vernehmung auch auf die "persönlichen Verhältnisse" des Verdächtigen zu erstrecken. Die Ziele, die mit dem Verhör verfolgt wurden, waren neben der Feststellung der Identität vor allem die Ermittlung von Indiztatsachen für die Begehung der Tat und Anhaltspunkten für Anordnung und Maß der Folter.[6]

In der Blütezeit des Inquisitionsprozesses schenkte man der Vernehmung des Angeklagten zur Person große Aufmerksamkeit. Es galt, Anhaltspunkte für die Tatbegehung zu finden, um den Angeklagten zum Geständnis zu bringen und zu überführen.

Es ist daher Kruse[7] zuzustimmen, wenn er mit Blick auf § 243 II 2 StPO anmerkt: "Sinn und Tragweite dieser Vorschrift sind bislang wenig erforscht". Die Kommentierungen verschleiern, welche Schwierigkeiten diese Vorschrift tatsächlich bereitet, wie inkonsequent sie einerseits ausgelegt und andererseits gehandhabt wird. In der Praxis wird vielfach so verfahren, daß in diesem Stadium die gesamten persönlichen Verhältnisse, auch soweit sie nicht für die Identitätsfeststellung von Bedeutung sind, erörtert werden. Berührt werden hiernach Tat-, Schuld- und Strafzumessungsfragen.[8]

Es ist ein Leichtes nachzuweisen, daß dem Begriff der persönlichen Verhältnisse nach dem Strafprozeßänderungsgesetz 1964 eine völlig andere Bedeutung zukommt als der historische Gesetzgeber intendiert hat. Die Belehrungsvorschrift des § 243 IV 1 StPO und die Vorstrafenregelung in § 243 IV 3 StPO verdeutlichen, daß der Gesetzgeber von 1964 die für die Schuld- und Straffrage hinreichend relevanten Tatsachen ausgeklammert und als zur Sache gehörig verstanden wissen will.

 

Nach diesem Verständnis aber läuft die Vernehmung über die persönlichen Verhältnisse leer.

 

Es kommt hinzu, daß das Verhältnis zu § 243 1 2 StPO ungeklärt ist. Nach dieser Norm stellt der vorsitzende fest, ob der Angeklagte anwesend ist. Um diese Feststellung treffen zu können, muß der Vorsitzende sich schon vorher von der Identität des Erschienenen überzeugt haben.

Weil die Feststellung der Identität des Angeklagten daher schon im Rahmen des § 243 1 2 StPO erfolgen kann, sollte die Vorschrift des § 243 II 2 StPO ersatzlos gestrichen werden.[9] Allenfalls könnte erwogen werden, dem Vorschlag von Helmer zu folgen und in § 243 Abs. 2 StPO hinter dem Satz "Die Zeugen verlassen den Sitzungssaal" anzufügen:

"Der Vorsitzende fragt den Angeklagten nach Namen, Geburtstag, Geburtsort, Stand, Beruf, Sstaatsangehörigkeit, Wohnort und Wohnung"[10]

 

Der Gesetzgeber sollte bald ein Zeichen setzen, um - endlich! - klarzustellen, daß das Schweigerecht auch die persönlichen Verhältnisse umschließt.

 

V.

Der Angeklagte hat in der Hauptverhandlung nach § 258 III StPO nicht nur das "letzte Wort", sondern auch das "erste Wort".[11]

"Das so wichtige Recht",[12] im Zusammenhang zu dem Schuldvorwurf Stellung zu nehmen[13] darf in keiner Weise beschnitten werden. Ernst-Walter Hanack sieht in der Pflicht, die Verhandlung auf der Sachverhaltsschilderung des Angeklagten aufzubauen, eine Kernmaxime der Hauptverhandlung - zu Recht -.[14]

Mit der Einlassung des Angeklagten - seinem ersten Wort sozusagen -wird die wohl verfahrensrechtlich und verfahrenstaktisch wichtigste Phase - vor dem Urteil - umschrieben. Ihre Bedeutung kontrastiert allerdings mit dem Ausmaß der Bemühungen, sie inhaltlich - rechtlich - aufzuhellen.[15] Es fällt auf, daß dieser Begriff in den Sachverzeichnissen ganz selten erwähnt wird. Im übrigen ist fast alles umstritten, z. B. ob und wenn ja inwieweit der Angeklagte vom Verteidiger vertreten werden kann. Nicht geklärt ist, unter welchen Umständen Äußerungen des Verteidigers dem Angeklagten als Einlassung zugerechnet werden können. Unterschiedliche Antworten werden auf die Frage angeboten, in welchem Umfang der Angeklagte aus vorbereiteten Papieren ablesen darf.

 

Die Einlassung ist die - erste - Antwort des Angeklagten auf den Anklagesatz. In ihr und mit ihr stellt er sich vor, in ihr und mit ihr bringt er sich in die Hauptverhandlung ein, in ihr und mit ihr vermittelt er, ob er sich redend oder schweigend verteidigen will.

 

Wahrnehmungs und kommunikationspsychologisch kann dieses Stadium nicht überschätzt werden.

 

Jede Prozeßordnung, die vom Anspruch auf rechtliches Gehör beherrscht wird und sich von dem Prinzip des fairen Verfahrens leiten läßt, muß dieses Faktum in seine Regelungen einbeziehen.

 

Es stellt sich daher auch die Frage, welche Rolle dem Verteidiger in dieser Phase der Hauptverhandlung zukommt. In diesem Kontext fällt in neuerer Zeit oft der Begriff des Opening-Statements. Ihm sollen die restlichen Ausführungen gelten.

 

VI.

 

Ende 1997 legten Deutscher Richterbund und Deutscher Anwaltverein ein gemeinsames Papier vor, in dem "Für Streitkultur im Strafverfahren" geworben wurde.

In ihm heißt es:

 

"Zur Offenheit gehört, daß der Verteidiger seine Ziele darlegen kann und von dieser Möglichkeit Gebrauch macht. Je früher dies geschieht, desto wirksamer wird er zur Konzentration und Beschleunigung beitragen. Nach Verlesung der Anklageschrift und nach Belehrung des Angeklagten sollte dem Verteidiger die Gelegenheit gegeben werden, durch Darlegung seiner Zielvorstellungen eine Konzentration des Verfahrensstoffes auf das Wesentliche zu ermöglichen (‘, Verteidigungssatz versus Anklagesatz" oder Opening-statement)"[16]


Rudolf Wassermann kommentierte diese verbandspolitischen Bemühungen:

"Das Schlüsselwort ist Offenheit ... Das Opening-Statement des US-Strafprozesses steht hier ersichtlich Pate. Zugleich wird ein Schritt zur Herstellung von Waffengleichheit von Staatsanwalt und Verteidiger getan.[17]

Im Zusammenhang mit der Transparenz in der Hauptverhandlung taucht das Opening-Statement neuerdings auch in der Literatur häufig auf.

Stefan König sprach sich dafür aus, dem Verteidiger Gelegenheit zu geben, anstelle, vor oder nach der Einlassung des Angeklagten zur Sache in einer Gegenrede - Opening-Statement - auf die Anklage zusammenhängend aus der Sicht der Verteidigung zu erwidern.[18]


Malek formulierte:

"Eine Erklärung des Verteidigers über den Verteidigungsplan zu Beginn der Hauptverhandlung entsprechend dem "Opening-Statement« des anglo-amerikanischen Strafverfahrens ist in der deutschen Strafprozeßordnung nicht vorgesehen. Der Verteidiger sollte sich dadurch von einer solchen Stellungnahme aber nicht abhalten lassen, wenn er diese nach Abwägung aller Vor- und Nachteile für angebracht hält. Ihre Zulässigkeit dürfte sich aus dem Anspruch des Angeklagten auf rechtliches Gehör ergeben, zu dessen Wahrnehmung er sich seines Verteidigers bedienen darf."[19]

Gatzweiler/Mehle wiesen darauf hin, daß eine solche "Eingangserklärung" im Alltag der Verteidigung eher die Ausnahme sei und formulieren weiter:

"Sie ist allemal zulässig. Ob ein Rechtsanspruch auf Abgabe einer solchen Erklärung besteht, mag immerhin zweifelhaft sein. Gerichtliche Entscheidungen hierzu sind nicht bekannt."[20]


In der 6. Auflage von Gerhard Schäfer "Die Praxis des Strafverfahrens" ist zu lesen:

"An dieser veifahrensrechtlich und veifahrenstaktisch sensiblen Stelle der Hauptverhandlung, an der der Angeklagte zum ersten Mal zur Sache Stellung nehmen kann, muß der Verteidigung die Möglichkeit zu einer Erklärung gegeben werden, die sich auf diese Einlassung des Angeklagten bezieht. Hier ist der Ort, da der Verteidiger mit oder ohne Begründung erklärt, daß der Angeklagte von seinem Recht zu schweigen ganz oder teilweise Gebrauch machen wird, daß dies auf Anraten der Verteidigung geschehe oder daß der Angeklagte erst zu einem späteren Zeitpunkt sich zur Sache einlassen wolle".[21]

Franz Salditt forderte als Bedingung für die Kommunikation in der Hauptverhandlung:

"Dem Verteidiger muß schon nach Verlesung des Anklagesatzes Gelegenheit gegeben werden, das Ziel der Verteidigung zusammenfassend zu erläutern"[22]

Gerhard Hammerstein setzte sich in der Festschrift für Hannskarl Salger für ein spezielles Erklärungsrecht des Verteidigers zur Anklage ein und schlug vor, in den § 243 III StPO den Satz einzufügen:

"Auf Verlangen ist dem Verteidiger nach Verlesung des Anklagesatzes Gelegenheit zu geben, sich unmittelbar hierzu zu äußern, rechtliche Bedenken vorzubringen und das Ziel der Verteidigung zu erläutern.[23]

VII.

Diese Äußerungen enthalten ganz unterschiedliche Aussagen, mal sind sie verbandspolitischer Natur, mal rechtspolitisch orientiert und auch mal de lege lata gemeint.

Auf der Suche nach dem geltenden Recht fördert auch ein Blick in die gängigen Kommentare nur wenige, aber höchst unterschiedliche Aussagen zu Tage.

Eine Gegenüberstellung der Zitate mag dies anschaulich hervorheben. Im Systematischen Kommentar heißt es:

"Verboten ist eine Erklärung des Verteidigers im Anschluß an die Verlesung des Anklagesatzes nicht, mag auch der frühere § 257 a gestrichen worden sein. Immerhin läßt sich hieraus aber der Wille des Gesetzes entnehmen, dem Verteidiger kein Erklärungsrecht einzuräumen. Vielmehr ist es Sache des Vorsitzenden, ob er dem Verteidiger das Wort erteilen will. Meist wird sich dies nicht empfehlen, zumal die Ausführungen nicht selten plädoyerartigen Charakter annehmen."[24]

Im Heidelberger Kommentar ist zu lesen:

"Erklärungen der Verteidigung zu Sach- und Verfahrensfragen sind jederzeit möglich ... Die h M, die bislang einen Anspruch auf Abgabe von Erklärungen verneint ...‚ muß überdacht werden, weil der Verteidiger nach neuerem Rollenverständnis "mit dafür Sorge zu tragen hat, daß das Verfahren sachdienlich und in prozessual geordneten Bahnen durchgeführt wird" ... Denn ein solches "Mitwirkungsgebot" wird sich kaum begründen lassen, ohne den Verteidiger in gleichem Maße wie StA und Gericht jederzeitige Möglichkeit einzuräumen, eine Stellungnahme zur Sache und zum Verfahrensgang abzugeben, ..."[25]

Gollwitzer nimmt wie folgt Stellung:

"Nach der Verlesung des Anklagesatzes kann das Gericht dem Verteidiger trotz Wegfall des § 257 a in geeigneten Fällen Gelegenheit geben, sich seinerseits zur Anklage zu äußern, um die Verteidigungsstrategie aufzuzeigen, was inbesondere bei Aufteilung einer größeren Hauptverhandlung in mehrere Abschnitte ... angebracht sein kann. Ein Plädoyer darf er dabei allerdings nicht halten ... "[26]

VIII.

Auch wenn die Rechtvergleichung seit langem als taugliches Mittel gilt, von anderen Kulturen zu lernen und das eigene Recht zu verbessern, auch wenn gerade im Strafprozeßrecht das anglo-amerikanische Verfahren eine Faszination ausübt,[27] die sich jedenfalls sprachlich häufig durchsetzt, bleiben rechtsvergleichend die verfahrenstrukturellen Unterschiede entscheidend. Sie dürfen auf keinen Fall verdrängt und hintangesetzt werden. Es gilt als Binsenweisheit, daß wir die ausländischen Regelungen nur im Gesamt-zusammenhang mit der jeweiligen Verfahrensstruktur sehen müssen und daher in die Irre geführt werden, wenn einzelne Institute isoliert betrachtet und verglichen werden.[28]

Nach wie vor bestehen erhebliche Spannungen zwischen dem kontinentaleuropäischen Instruktionsverfahren und dem angelsächsischen adversatorischen Prozeß. Die Gegensätze - amtliche Sachverhaltsaufklärung durch den erkennenden Richter hier und kontradiktorische Beweisführung durch einen öffentlichen Ankläger und die Verteidigung dort - sind trotz aller relativierenden Bemühungen nicht aufgehoben. Dies zeigte insbesondere die Diskussion um den Vorschlag des AE-StPO-HV 1985[29] zur Einführung des Wechselverhörs.

 

Vor diesem Hintergrund - ohne daß er hier im Detail entfaltet werden kann - muß klar herausgestellt werden, daß das Opening-Statement in das deutsche Verfahrensrecht nicht zu transportieren ist. Es ist daher auch dringend zu empfehlen, schon auf den Begriff zu verzichten, weil er nur Verwirrung stiftet und daher dem berechtigten Anliegen, das in ihm zum Ausdruck kommt, schadet.

IX.

Das Opening-Statement in seiner Ausprägung im anglo-amerikanischen Rechtskreis hat daher in unserer StPO keinen Platz.[30] Diese Aussage bedeutet aber nicht, daß der Verteidiger unter Geltung der StPO in der Phase der Einlassung den Mund halten müsse oder nicht zu Wort kommen könne. Der Verteidiger muß während der Hauptverhandlung nicht nur tatkräftig -situativ - sein Erklärungsrecht gem. § 257 Abs. 2 StPO ausüben, er braucht sich nicht darauf zu beschränken, Anträge zu stellen oder sich zu solchen des Staatsanwaltes zu äußern, sein Fragerecht auszuüben oder Beanstandungen vorzubringen. Aus seiner Beistandsfunktion - und dem Grundsatz des fairen Verfahrens - ist de lege lata das Recht abzuleiten, ohne Bindung an bestimmte Verfahrenssituationen jederzeit mit Zustimmung des Vorsitzenden das Wort zu ergreifen - auch und gerade im Zusammenhang mit der Einlassung des Mandanten -.

 

Es macht die Subjektqualität des Angeklagten aus, sich für eine Verteidigungslinie - grob: Schweigen, Bestreiten, Gestehen - zu entscheiden und sie selbstbestimmt zu markieren. Um dieses Recht ausüben zu können, muß er vom Verteidiger umfassend aufgeklärt werden. Zur Aufklärung des Verteidigers gehört sicherlich, daß er die Interessenlage subtil herausarbeitet und vorstellt. Sie schließt auch ein die Einschätzung der Verdachtslage und die prognostische Sicht auf die jeweilige Entscheidung hin z.B. das Urteil.

 

Auf der Suche nach dem zu wählenden Einlassungsverhalten kommt daher dem Verteidiger eine einzigartige Aufgabe zu.[31] Im Idealfall wird in dualer Auseinandersetzung eine Stellungnahme erarbeitet, die als - erste -Antwort auf den Anklagesatz vom Mandanten im Zusammenhang vorgetragen wird. Auch wenn diese Einlassung die ureigene Sache des Angeklagten und von ihm zu verantworten ist, der Verteidiger ist an ihr im Rahmen seiner Beratungsaufgabe beteiligt.

 

Ich hebe hervor:

Das Außerungsrecht des Verteidigers in diesem Stadium der Hauptverhandlung existiert nur im Rahmen der Einlassung im Sinne der Positionierung zum Anklagesatz. Die Worte des Verteidigers müssen einen Bezug zur Einlassung haben. Ihnen kommt nur eine der Einlassung dienende Funktion zu. Sie können z.B. erklären, erläutern, verdeutlichen, das Verständnis erleichtern, Mißverständnisse ausräumen und Mißverständliches klarstellen. So kann die so wichtige Entscheidung - Reden oder Schweigen - erklärt werden, z. B. auch als anwaltliche Empfehlung unter Darlegung der Gründe.

 

Der Vorsitzende muß nach Verlesung des Anklagesatzes dem Verteidiger - auf Antrag - das Wort erteilen, wenn es darum geht, Informationen zur Einlassung des Mandanten bekannt zu geben. Solange dieser Bezug eingehalten wird, verhält sich der Verteidiger rollen- und verfahrenskonform.

 

Der Sache nach ist dies schon in den Materialien zur Strafprozeßordnung zu lesen:

"Die ... Vernehmung des Angeklagten über den Inhalt der Anklage hat den ... Zweck: Sie soll ihm Gelegenheit zur Rechtfertigung und Beseitigung der gegen ihn vorliegenden Verdachtsgründe gewähren.

Dem Vertheidiger ist es gestattet, hiernächst die tathsächlichen Angaben des Angeklagten zu vervollständigen; er wird dieselben nicht ändern, sondern nur erläutern dürfen, da die eigenen Angaben des Angeklagten entscheiden."[32]

 

 

 


  F u ß n o t e n  


 

 

[1] RGSt 32, 276, 277; vgl. auch Löwe, Die StPO für das Deutsche Reich, 13. Aufl. 1913, § 242 Anm. 7: "In einzelnen der früheren Landesgesetze war es dem Angeklagten untersagt, sieh vor Beantwortung einer an ihn gerichteten Frage mit dem Verteidiger zu besprechen".

[2] Hans Dahs, Aktuelle Rechtsprobleme, Hubert Schorn zum 75. Geburtstag, 1966, S. 14, 16.

[3] Vgl. Andreas Ransiek, Die Rechte des Beschuldigten in der Polizeivernehmung, 1990, 94.

[4] Vgl. hierzu zur polizeilichen Beschuldigtenvernehmung, Egon Müller StV 1996, 358.

[5] Ranft, Strafprozeßrecht, 1991, 344.

[6] Vgl. Jürgen Helmer, Die Vernehmung des Angeklagten über seine persönlichen Verhältnisse (§ 243 Abs. 2 StPO) Diss. Kiel, 1968, insbesondere 52, 53ff.

[7] Kruse, Recht und Politik 1998, 162ff.

[8] Ranft, aaO, S. 345.

[9] Kruse, aaO, S. 166.

[10] Helmer aaO, S. 154.

[11] Rieß, JA 1980, 293, 299.

[12] BGHSt 13, 358, 361.

[13] BGHSt 13, 358, 362.

[14] JZ 1972, 81, 82.

[15] Vgl. auch Martin Amelung, Festgabe für Ludwig Koch, 1989, 145ff.

[16] DRiZ 1997, 491, 492.

[17] Die Welt vom 3. 11. 1997

[18] AnwBl. 1997, 541, 542, 544.

[19] Klaus Malek, Verteidigung in der Hauptverhandlung, 1997, Rdn. 166.

[20] In: Strafverteidigung in der Praxis, Hrsg. Brüssow/Krekeler/Mehle 1998, Rdn. 146.

[21] Gerhard Schäfer, Die Praxis des Strafverfahrens, 6. Aufl., 1999, Rdn 628.

[22] In: Festschrift für Günter Bemmann (1997) 614, 619.

[23] Straf- und Strafverfahrensrecht, Recht und Verkehr, Recht und Medizin, Festschrift für Hannskarl Salger (1995) 293, 299.

[24] Schlüchter SK StPO, § 243 Rdn. 34.

[25] Julias in Heidelberger Kommentar zur StPO, 1997, § 243 Rdn. 5.

[26] LR-Gollwitzer StPO, 25. Aufl. 1999, § 243 Rdn. 64.

[27] Vgl. nur Joachim Herrmann, Die Reform der deutschen Hauptverhandlung nach dem Vorbild des anglo-amerikanischen Strafverfahrens, Bonn 1971 und ZStW 100 (1988), 41 bis 80.

[28] Bernhard Großfeld, Kernfragen der Rechtsvergleichung, 1996, 1, 3, 6, 7, 11, 12.

[29] Arbeitskreis Akteneinsicht (Hrsg.), Alternativ-Entwurf, Novelle zur Strafprozeßordnung, Reform der Hauptverhandlung (1985).

[30] So schon Hans Dahs, Handbuch des Strafverteidigers, 5. Aufl., 1983, Rdn. 425.

[31] Näher Egon Müller, Festgabe für Friebertshäuser (1997) 47ff.

[32] Carl Hahn, Die gesamten Materialien zu den Reichs-Justizgesetzen, Bd. 3, Materialien zur Strafprozeßordnung Abt. 1, 2. Aufl., Hrsg. Eduard Stegemann, Neudruck der Ausgabe Berlin 1885, 1983, S. 191.


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