Maximilian HERBERGER *

Das juristische Online-Repetitorium
"ejura-Examensexpress"

I n h a l t s ü b e r s i c h t
1   Vorbemerkung
2   Die Praxis der Vorbereitung auf das 1. juristische Staatsexamen
und der ejura-Examensexpress
3   Grundlegende Design-Elemente beim ejura-Examensexpress
3.1   Examens-"Express":
Die etappenweise Reise zum Ziel
3.2   Der "Mikro-Weg":
"Lernpfade" in den Lernstationen
3.3   Das Prinzip der ständigen Selbstvergewisserung über das Gelernte:
Die "persönliche Lernkurve"
4   Flexibilitätsspielräume für das Lernen und Wiederholen
5   Bemerkungen zur Technik von Autorensystem und Lernplattform
5.1   Das Autorensystem
5.2   Vom Autorentext zur Datenbank:
Der Konverter
5.3   Die ejura-Examensexpress-Plattform
6   Die freie Wiki-Community:
Ein wesentliches Element im Examensexpress
7   Conclusio

1   Vorbemerkung

Für denjenigen, der an einem Projekt mitwirkt, verbietet es sich aus naheliegenden Gründen, zu diesem eigenen Projekt bewertend Stellung zu nehmen. Da sich der Verfasser dieser Zeilen in Bezug auf den ejura-Examensexpress in der soeben beschriebenen Lage befindet, beschränken sich die folgenden Bemerkungen auf eine beschreibende Darstellung des Realisierten und der damit verbundenen Erwartungen bzw. Hypothesen. Ziel dieser Beschreibung ist es, in knapper und überschaubarer Form wesentliche Aspekte darzustellen, deren Rekonstruktion aus der Online-Präsenz des Repetitoriums nur sehr viel zeitaufwendiger möglich wäre. Der Beitrag versteht sich also als Vorbereitung für die gezielte Inspektion des Online-Repetitoriums zum Zwecke der Bildung eines eigenen kritischen Urteils.(1)

2   Die Praxis der Vorbereitung auf das 1. juristische Staatsexamen
und der ejura-Examensexpress

Diejenigen, die sich auf das 1. juristische Staatsexamen vorzubereiten haben, besuchen in weit überwiegender Anzahl Veranstaltungen bei Repetitoren. Versuche, an den Universitäten Konkurrenzangebote dazu aufzubauen, sind erfolglos geblieben, was die breite Resonanz angeht. Diese Lage wird oft als eine antagonistische wahrgenommen, in der Repetitorien mit juristischen Fakultäten konkurrieren. Der ejura-Examensexpress versteht sich als Unternehmen außerhalb dieser Frontstellung. An ihm wirken Juristen mit, die sowohl aus beiden Formen der Examensvorbereitung wie auch aus der wissenschaftlichen Arbeit Erfahrungen mitbringen.(2)
Ein weiteres Charakteristikum der juristischen Examensvorbereitung besteht darin, dass sowohl die Repetitorien als auch die universitären Veranstaltungen vergleichbarer Art in Form von Präsenzkursen gehalten werden. Der ejura-Examensexpress ist im Gegensatz dazu als E-Learning-Plattform konzipiert. Dies schließt es allerdings nicht aus, den ejura-Examensexpress mit beliebigen anderen Angeboten in flexibler Form zu kombinieren. Das wird durch die Flexibilität ermöglicht, mit der E-Learning-Angebote wahrgenommen werden können. Es wäre übrigens auch nicht ausgeschlossen, in der Form des "blended learning" gezielt auch universitäre Examensvorbereitungskurse und den ejura-Examensexpress zusammenzubringen.(3)
Charakteristisch für die auf ein Repetitorium bezogene Erwartungshaltung ist es, dass ein Gesamt-Repetitorium erwartet wird, dass also das Programm des Repetitoriums den gesamten examensrelevanten Stoff beinhalten soll. Deshalb ist auch der ejura-Examensexpress so konzipiert. Er bietet allerdings auf Grund der gegebenen E-Learning-Flexibilitäten auch die Möglichkeit, bausteinartig nur den einen oder anderen Teil auszuwählen. Daraus ergibt sich dann auch die eben beschriebene Kombinationsmöglichkeit.

3   Grundlegende Design-Elemente beim ejura-Examensexpress

3.1   Examens-"Express":
Die etappenweise Reise zum Ziel

Es erscheint sinnvoll, die Examensvorbereitung in überschaubare Etappen aufzugliedern. Dadurch verliert der zunachst undifferenziert als großer Block wahrgenommene Examensstoff einen Teil seines Schreckens. Das schrittweise Erreichen kleiner Teilziele vermittelt darüber hinaus in zwangloser Form ein Gefühl der ständig wachsenden Sicherheit. Stück für Stück erlebt man so in der gleichmäßigen Annäherung das große Ziel als ein im Prinzip erreichbares, bis schließlich die Wahrnehmung des Angekommenseins mit dem Examenstermin zusammenfällt.
Für die Vermittlung der beschriebenen emotionalen Qualitäten sind sicher verschiedenartige "virtuelle" Metaphern and Erlebniswelten denkbar. Festzuhalten ist aber, dass jede geeignete E-Learning-Plattform den beschriebenen Prozess der Annaherung in irgendeiner Form er"fahr"-bar machen muss. Beim ejura-Examensexpress ist — wie der Name zum Ausdruck bringt — die gewählte Metapher, die dann auch konsequent durchgehalten wird, die des fahrenden Zuges.(4) Übrigens bringt diese Visualisierung noch etwas weiteres sofort zum Ausdruck, nämlich die Möglichkeit des jederzeitigen Zusteigens (oder gar Aufspringens), sollte man der Meinung sein, den einer bestimmten Station vorgelagerten Weg bereits anderweitig absolviert zu haben.
Insgesamt präsentiert sich die "Lernfahrt" für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer im Gesamt-Netzplan wie folgt (vgl. Abb. 1).
Ergänzt wird dieser Gesamt-Netzplan durch Einzel-Netzpläne für das Öffentliche Recht I und II, das Strafrecht, sowie für das Zivilrecht I und II.(5)

Abb. 1:   Der Netzfahrplan

3.2   Der "Mikro-Weg":
"Lernpfade" in den Lernstationen

Der Netzfahrplan zerlegt — auch und gerade in der Wahrnehmung der "Mitreisenden" — den gesamten Lernstoff in bereits kleinere, aber doch noch große "chunks". Deshalb wird im Interesse noch größerer Überschaubarkeit und Kleinschrittigkeit der Prozess der Zerlegung in kleinere, entlang eines Lernpfads angesiedelte Lern- und Arbeits-Einheiten in den einzelnen Lernstationen fortgesetzt. Dabei ist die Logik der Zerlegung nicht nur eine methodische und inhaltliche, sondem auch eine zeitliche. Der Zeitaufwand für jeden der einzelnen Schritte wurde beim Erstellen der Lerneinheiten kalkuliert.(6) Auch dieses Element der bis hin zum einzelnen Lernschritt durchgehaltenen zeitlichen Überschaubarkeit und Gleichmäßigkeit trägt zur notwendigen inneren Ruhe bei der ansonsten als stressbelastet empfundenen Examensvorbereitung bei.
Im Einzelnen sind die Lerneinheiten wie folgt segmentiert:
  • Jede Lerneinheit beginnt, wie es für das (auch wiederholende) juristische Lernen typisch ist, mit der Formulierung eines Problems, oft in Form eines kleinen Falles.

    Dazu ein Beispiel aus einer zivilrechtlichen Lektion:

    Abb. 2: Beispiel für ein Ausgangsproblem
  • Im Anschluss an den Ausgangsfall/das Ausgangsproblem werden die Texte (Gesetze, Urteile, Literatur) benannt, die man kennen muss, will man kompetent in der Lage sein, den Ausgangsfall/das Ausgangsproblem zu lösen. Dabei werden selbstverständlich die immer zahlreicher zur Verfügung stehenden juristischen Online-Quellen direkt per Link angebunden.(7) Für das Studium der angegebenen Print-Quellen ist Bibliotheksarbeit notwendig, was ausdrücklich zum Konzept des Online-Kurses gehört, bleibt doch die Bibliothek ein Lernort, der auch im elektronischen Zeitalter aus vielerlei Gründen seine Bedeutung zwar verändern wird, aber nicht verlieren darf. Wichtig ist, dass die erforderliche Lektürezeit als Teil des veranschlagten zeitlichen Gesamtbudgets angesehen wird und von den Autorinnen und Autoren entsprechend mit kalkuliert wurde.

    Abb. 3:   Beispiel für Struktur einer Lerneinheit
  • Bei der Lektüre erliegt man oft der gefährlichen Selbstsuggestion des "Gelesen gleich Verstanden", da Texte sich nicht gegen das Missverstandenwerden zu wehren pflegen. Um dieser Form der Selbsttäuschung entgegenzuwirken, schließen sich an die Pflichtlektüre Aufgaben an, deren einziger Zweck darin besteht, den Lernern die Selbstkontrolle darüber zu ermöglichen, ob sie die problemrelevanten Teile der studierten Texte verstanden haben.
  • Nachdem die Wissensgrundlagen durch Lektüre und Aufgabenkontrolle gesichert sind, entwickelt die Lektion die Fall- bzw. Problemlösung, wobei wiederum eingebaute Aufgaben gewährleisten sollen, dass eine Selbstvergewisserung über den Grad des erreichten Verständnisses möglich ist.
  • Das Wesentliche der einzelnen Lektion wird am Ende in Form einer "Quintessenz" zusammengefasst.
  • Hinzu kommen können noch (moderat dosierte) Vertiefungshinweise. Es handelt sich insoweit um eine optionale Eigenschaft der Lerneinheiten.
Die Beachtung dieser Abfolge-Struktur wird durch das Autorenwerkzeug sichergestellt, mit dem gearbeitet wird.(8) Optisch präsentiert sich die durch die beschriebene Struktur geprägte Navigationsleiste in einem konkreten Beispiel aus dem öffentlichen Recht wie in Abbildung 3 dargestellt. Hinzugefügt sei, dass die verwendeten Symbole eine durchgehend einheitlich festgelegte Semantik haben, die hier aus Platzgründen nicht im Detail erläutert werden kann.(9)

3.3   Das Prinzip der ständigen Selbstvergewisserung über das Gelernte:
Die "persönliche Lernkurve"

Es war bereits von den in großer Zahl eingestreuten Aufgaben die Rede. Diese haben den Zweck, in relativ dichter Folge den Lernern die Möglichkeit der Selbsteinschätzung zu geben.(10) Kumulieren sich hier kleine positive Selbsterfahrungen, so ist zu erwarten, dass sich daraus ein ständig fester werdendes, realitätsnahes Sicherheitsgefühl aufbaut. In diesem Zusammenhang ist darauf hinzuweisen, dass Präsenzveranstaltungen in aller Regel eine solche Fülle gezielter Rückmeldungen im "Micro-Teaching" aus organisatorischen Gründen nicht zulassen. Hier liegt ein großer Vorteil der E-Learning-Plattformen.
Über die durch die einzelne Aufgabenlösung gewonnene punktuelle Selbstgewissheit hinaus bedarf es aber auch noch eines Instruments, um die erzielten Einzelergebnisse verlässlich aufzusummieren. Denn mit der präzisen Aufsummierung vieler einzelner "Lernpunkte" sind wir erfahrungsgemäß überfordert. Deswegen gibt es im ejura-Examensexpress die "persönliche Lernkurve", die — getrennt für die einzelnen "Linienpläne" (= Rechtsgebiete) — den durch die Aufgabenlösung erreichten Lernerfolg zusammenfassend veranschaulicht. Man kann hier über den allgemeinen Trend hinaus auch erkennen, ob sich der Lerntrend in den einzelnen Fächern unterschiedlich entwickelt, was es erlaubt, gezielt "gegenzusteuern".
Eine derartige "persönliche Lernkurve" sieht wie folgt aus:

Abb. 4:   Beispiel für eine persönliche Lernkurve
Die Tatsache, dass hier für die einzelnen Aufgaben nicht viele Eintragungen enthalten sind, erklärt sich zwanglos aus der Tatsache, dass der Verfasser dieser Zeilen sich im System nicht intensiv genug auf das Examen vorbereitet hat.(11)
Es geht bei dem eben vorgestellten Instrumentarium um gezielte und präzise Lerntransparenz als eine wesentliche Qualität ziel- und erfolgsorientierten Lernens. Lernumgebungen, die diese Eigenschaft approximieren, setzen sich auch in der Erfahrung der Beteiligten von denjenigen Lernangeboten ab, bei denen insgesamt das diffuse Gefühl eines "Blindflugs" zurückbleibt. Zu ermitteln, ob es in den einzelnen Angeboten gelungen ist, das Gefühl eines "Flugs auf Sicht" zu vermitteln, ist eine Daueraufgabe für begleitende Evaluationen. Das ändert aber nichts daran, dass Lerntransparenz als normatives Ziel unumstritten sein dürfte.

4   Flexibilitätsspielräume für das Lernen und Wiederholen

Dass E-Learning im Vergleich zum traditionellen Lernen weitergehende Flexibilitätsspielraume hinsichtlich von Ort und Zeit ermöglicht, ist eine anerkannte Tatsache. Diesen Vorteil bringt das Medium gewissermaßen "als solches" mit sich.(12)
Man kann die Flexibilitätsspielräume aber noch steigern, wenn man bei der Segmentierung des Materials auf mögliche Lern-Flexibilitäten gezielt Rücksicht nimmt. Dies ist beim ejura-Examensexpress dadurch geschehen, dass über die gewählte Architektur mehrere Formen des Durchgangs durch das Lernmaterial ermöglicht werden.
  • Es gibt zum einen den "Volldurchgang". Dabei benutzt man den Examensexpress als einziges Instrument zur Examensvorbereitung. Natürlich bleibt auch diese Nutzungsform noch kombinierbar mit anderen Lernwegen. Angesichts des Zeitaufwandes für die komplette Nutzung des Examensexpresses(13) dürfte aber bei realistischer Betrachtung wenig Raum für Weiteres bleiben.
  • Man kann die Durcharbeitung zum anderen beschränken auf das Lösen der in die Lektionen eingebetteten Aufgaben. Diese Arbeitsweise ist kombinierbar mit beliebigen anderen Formen der Examensvorbereitung und vermittelt bezogen auf den Gesamtprozess der Examensvorbereitung die oben beschriebenen(14) Selbsteinschätzungseffekte. Im Examensexpress selbst wird der auf das Durcharbeiten der Aufgaben beschränkte kompakte Durchgang durch das Material als besonders intensive Form des Wiederholens in Examensnähe für die drei letzten Monate vor dem Examen empfohlen (sog. "Last-Minute-Check").
  • Schließlich bleibt als ultra-kompakte Form der Durcharbeitung noch das Studieren und Repetieren der "Quintessenzen".
Über diese drei Grundmodelle hinaus sind weitere intelligente Kombinationen denkbar, die der individuellen Situation bei der Examensvorbereitung angepasst sind. Gerade sog. "Power Learner" werden von dieser Möglichkeit Gebrauch machen.
Damit zeigt sich, dass die gewählte Architektur geeignet ist, ein breites Spektrum von Lernerwartungen abzudecken. Dieses Spektrum reicht von der Erwartung, durch ein Komplettangebot von der individuellen Auswahlverantwortung bei der Examensvorbereitung befreit zu sein, bis hin zu der Erwartung, gewissermaßen über einen Baukasten zu verfügen, aus dem man je nach Lage und Lernziel intelligent Werkzeuge auswählen kann. Natürlich wäre es pädagogisch ideal, wenn es gelingen könnte, die Erwartung der "Rundumbetreuung" so zu transformieren, dass Schritt für Schritt ein intelligenteres Lernverhalten entsteht. Online-Lernumgebungen bieten auch diese Chance, weil man gewissermaßen experimentell solche zunächst ungewohnten Lernformen in der sicheren Gewissheit erproben kann, dass es jederzeit möglich ist, sich in das "Sicherheitsnetz" der vollständigen Anleitung zurückfallen zu lassen. Ein derartiges Neugierverhalten dürfte in traditionellen Lernumgebungen kaum zu realisieren sein.

5   Bemerkungen zur Technik von Autorensystem und Lernplattform

Dass die Technik "nur" dienende Funktion hat, ist sicher wahr. Trotzdem bleibt es auch zutreffend, dass ohne geeignete Technik bestimmte anspruchsvolle didaktische Ideen nicht (oder nur unzureichend) zu verwirklichen sind. Deswegen sind im Sinne einer Gesamtbetrachtung einige knappe orientierende Bemerkungen zu der beim Examensexpress gewählten informatik-technischen Lösung angezeigt.

5.1   Das Autorensystem

In Projekten mit einer Vielzahl von Autorinnen und Autoren führt unter gegenwärtigen Akzeptanz-Bedingungen kein Weg an "Word" als Programm für die Texterstellung vorbei. Insofern wurde auch hier "Word" gewählt. Zu Grunde liegt eine Formatvorlage, die sicherstellt, dass alle Lerneinheiten in Übereinstimmung mit den oben erläuterten Vorgaben(15) strukturell einheitlich geschrieben werden. Es erfasst dies z.B. auch den Aspekt des zeitlichen Kalküls. Makros sorgen dafür, dass das Einfügen der verschiedenen Quellenarten und Verlinkungen nach einem einheitlichen Schema erfolgen. Auch die Aufgabenerstellung wird in Word durch Makros gesteuert. Das Ergebnis dieser Arbeitsweise sind homogen strukturierte Word-Dokumente.

5.2   Vom Autorentext zur Datenbank:
Der Konverter

Da das Wirksystem mit der Datenbank MySQL und PHP-Modulen arbeitet, wurde ein Konverter geschrieben, der die strukturierten Word-Dokumente in diese Umgebung überführt.

5.3   Die ejura-Examensexpress-Plattform

Die ejura-Examensexpress-Plattform ist eine Eigenentwicklung. Die anderen evaluierten Plattformen genügten nicht den mit Blick auf das juristische Material, die avisierten Lernmethoden und die Autorensituation als notwendig erachteten Bedingungen.
Die Plattform basiert auf der Annahme, dass unter gegenwärtigen Bedingungen "freie" Software-Instrumente für den Fall einer Eigenentwicklung das Optimum darstellen, dies auch mit Blick auf die nötige Nachhaltigkeit. Demgemäß wurde das System mit Hilfe von PHP-Modulen rund um die Datenbank MySQL konstruiert.
Es bedarf noch einiger knapper Hinweise, um deutlich zu machen, welche Annahmen bezüglich der genannten Orientierungsgesichtspunkte letzten Endes die Weichen in Richtung "Eigenentwicklung" stellten.
  • Das juristische Material ist wegen einer hohen, wahrscheinlich sogar ständig zunehmenden Änderungsfrequenz in Gesetzgebung, Rechtsprechung und Literatur zunehmend ein "moving target". Dem haben Lernplattformen Rechnung zu tragen. Es muss beispielsweise bei jeder relevanten Änderung in den genannten Bezugsparametern möglich sein, alle Stellen in den Lerntexten zu identifizieren, die von solchen Änderungen betroffen und möglicherweise änderungsbedürftig sind. Diesem Erfordernis trägt die für den Examensexpress entwickelte Plattform (inklusive der punktgenauen Benachrichtigung der Autorinnen und Autoren über einschlägige Änderungen) Rechnung. Andere evaluierte Plattformen waren, was diesen Benachrichtigungs- und Änderungskomfort angeht, nicht auf eine Situation des permanenten, sich akzelerierenden Wandels zugeschnitten.(16)
  • Wo immer ein Autorenteam am Werk ist, gibt es trotz der Vorstrukturierungen durch die Word-Formatvorlagen (samt zusätzlicher Makros) immer noch nachgehenden Vereinheitlichungsbedarf. Das ist der Preis, den man dafür zu zahlen hat, dass man das Autorenteam nicht auf noch rigidere Arbeitsprozeduren verpflichtet (was de facto unmöglich ist). Die Examensexpress-Plattform sieht deswegen für alle Zitierungen die Möglichkeit zentraler Vereinheitlichungen(17) vor. Diese Modifizierungen werden in die Ausgangsdokumente zurückgeschrieben, sodass die Autorinnen und Autoren bei weiteren Bearbeitungsschritten von dieser Vereinheitlichung profitieren. Auf diese Weise kann man in der Kombination von dezentraler Arbeitsweise mit zentraler formaler Vereinheitlichung einen Prozess in Gang setzen, der zu einem immer höheren Grad von Homogenität in formaler Hinsicht fährt. Es scheint dies übrigens die einzige realistische Kombinationsstrategie zu sein, die eine derartige Dynamik freisetzt. Andere Szenarien wie etwa die von umfangreichen an die Autoren adressierten Regelwerken sind regelmäßig zum Scheitern verurteilt. Beim ejura-Examensexpress wurde deshalb ein pragmatischer Kompromiss gewählt, der auf Folgendes hinausläuft: So viel Vorstrukturierung, wie auf Autorenseite akzeptabel, und so viel vereinheitlichende Nacharbeit, wie vom Projektvolumen her darstellbar.
  • Die Gesamtheit der Zitierungen ist in einem großen Wissenssystem eine wichtige Orientierungs- und Rückkopplungsgröße. Die Summe dieser Zitierungen ist nämlich ein Indiz dafür, wann eine Überforderung erreicht ist, würde man das Konsultieren aller Referenzquellen zur Pflicht machen. Gerade bei Systemen mit Autorenteams und mangelnder Sichtbarkeit der Gesamt-Referenzmenge wird ein solcher pathologischer Zustand leicht erreicht. Die Examensexpress-Plattform sichert im Gegensatz dazu die Übersicht und erlaubt insofern eine positive Rück-Kopplung. Dies wird auch dadurch unterstützt, dass den Autorinnen und Autoren wie auch der Administration gezielte Recherchen über das Gesamtkorpus der Zitierungen ermöglicht werden. Dies erlaubt im Übrigen zusätzlich die Nachjustierung von Ungleichgewichten, die der individuellen intuitiven Beurteilung entgangen sind.
  • Erstaunlicherweise verflügen zahlreiche Lernsysteme (übrigens auch nicht wenige E-Mail-Systeme) nicht über eine Wiedervorlage-Funktion. Die Examensexpress-Plattform erlaubt es, mit durch die formalen Struktur-Kriterien gesteuerter feiner Granularität ein persönliches Wiederholungssystem zu etablieren, das dem eigenen Lernfortschritt entspricht. Beispielsweise ist es auch möglich, gezielt die Aufgaben zur Wiedervorlage vorzumerken, bei deren Bearbeitung im ersten Anlauf nicht die optimalen Ergebnisse erzielt wurden.
Das "Cockpit" für diese Wiedervorlage-Funktion sieht wie folgt aus:

Abb. 5:   Das "Cockpit" für die Wiedervorlage-Funktion

6   Die freie Wiki-Community:
Ein wesentliches Element im Examensexpress

Strukturierte E-Learning-Umgebungen können trotz aller gegebenen Flexibilitätsgrade(18) nicht jenes Maß an Individualität bieten, das von der (unerschöpflichen) persönlichen Phantasie abhängt. Zugleich sind sie — per definitionem — nicht in der Lage, die Freiheit individuell konzertierter Interaktion als Erlebnisraum zu realisieren. Weil all dies im Examensexpress als notwendige zusätzliche Erlebnis- und Kooperationswelt für nötig erachtet wird, ist die integrierte Wiki-Community ein wesentliches Element. Diese Community steht nicht nur den Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Examensexpresses zur Verfügung. Sie ist darüber hinaus nach Registrierung kostenfrei für alle verfügbar.(19)
In technischer Hinsicht ist die Community (samt allen gängigen und vertrauten Community-Elementen) mit der Wiki-Distribution(20) realisiert, die auch vom JuraWiki(21) genutzt wird. Eine Besonderheit der Implementation besteht darin, dass zur Bildung von Arbeitsgruppen mit dem Ziel der Examensvorbereitung angeregt werden soll. Diese Arbeitsgruppen können sich zum einen in der "realen" Welt konstituieren, die Community dient in dieser Variante als "bloße" Organisationshilfe. Zum anderen können sich die Arbeitsgruppen als Teams in der "virtuellen"(22) Welt zusammenfinden. In diesem Falle wird für sie ein eigenes, arbeitsgruppeninternes Bild eingerichtet, das ihnen exklusiv zur Verfügung steht. Wichtig aber ist, dass beide Formen von Arbeitsgruppen die Möglichkeit haben, ihr Wiki als gemeinsam zu gestaltendes Informationssystem zu begreifen. Darin liegt die Chance, das für die Examensvorbereitung erarbeitete Wissen als Baustein eines Informationssystems zu begreifen, das über diese Lebenssituation hinweg seine Bedeutung als Teil einer im Studium begonnenen und bis in den Beruf hineinreichenden Informationsverarbeitung entfaltet.

7   Conclusio

In moderater Überschreitung des eingangs genannten "Selbstbewertungsverbots" ist abschließend und zusammenfassend vielleicht folgende Bemerkung gestattet: Die Konstrukteure des Examensexpresses meinen, dass der vorgelegte Entwurf als ernsthafter Prüf- und Diskussionsgegenstand für die kritische Phase der Examensvorbereitung taugt. Was sich aus dieser Prüfung und Diskussion ergeben kann, muss der kritische Diskurs erweisen.
Und dann gibt es, aus den Diskussionen im Examensexpress-Team entstanden, eine (einstweilen noch individuelle) weitere Denkperspektive: Es könnte sein, dass das bisherige juristische "Repetitionsmodell" der Überholung bedarf. Möglicherweise wäre es sachdienlicher, auch mit Bezug auf die Examensvorbereitung über ein Lernmodell nachzudenken, das die bisherige, als obligatorisch empfundene vor-examensmäßige separate und spezielle Repetitionsphase als überflüssig erweist, weil es eine Alternative gibt: Die Alternative nämlich, dass das universitäre Rechtslernen in zwangloser Form so ins Examen übergeht, dass es einer distinkt-besonderen Vorbereitungsphase nicht mehr bedarf. Partielle Abschichtungsmodelle deuten den Weg in diese Richtung an. Sollte ein solches Lern- und Prüfungsmodell Erfolg haben, könnte der "Examensexpress" zu etwas mutieren, das man "Lernexpress" nennen könnte — und vielleicht sollte.
 

  F u ß n o t e n
 
(*) Prof. Dr. Maximilian Herberger ist geschäftsführender Direktor des Instituts für Rechtsinformatik an der Universität des Saarlandes (http://rechtsinformatik.jura.uni-sb.de) und Herausgeber der freien Internet-Rechtsinformatik-Zeitschrift JurPC (http://www.jurpc.de/). Er wirkt außerdem beim Juristischen Internet-Projekt Saarbrücken mit (http://www.jura.uni-sb.de). Die Saarbrücker E-Learning-Erfahrungen beruhen sehr wesentlich auf den Arbeitsergebnissen des bereits mehrfach durchgeführten Online-Seminars (http://seminar.jura.uni-sb.de/seminar2004/index.shtml).
 
(1)  Die URL lautet: http://www.ejura-examensexpress.de. Vier Lektionen sind direkt freigeschaltet. Für wissenschaftliche Evaluationen können Vereinbarungen getroffen werden, die eine genauere Betrachtung ermöglichen. Für eine erste Einordnung des Projekts in den Zusammenhang juristischer E-Learning-Angebote vgl. Eric Hilgendorf, Juristenausbildung und neue Medien, JZ 2005, Bd. 60, Heft 8, S. 365-372.
 
(2)  Das Team stellt sich unter http://www.ejura-examensexpress.de/team/ vor. Zu den Rahmenbedingungen sei folgendes angemerkt: Es handelt sich insgesamt um ein Angebot, das — mit Ausnahme der "community" — außerhalb von Saarbrücken kostenpflichtig ist. Für Saarbrücker Studierende ist die Teilnahme kostenlos.
 
(3)  Zu weiteren Hinweisen in Sachen "Flexibilität" vgl. Kapitel 4: Flexibilitätsspielraume für das Lernen und Wiederholen.
 
(4)  Vgl. "Der Netzplan und die 5 Linienpline" (http://www.ejura-examensexpress.de/online-kurs/ej_plaene.php).
 
(5)  Wegen der bundesweit großen Divergenz im Bereich der Wahlfachgruppen gibt es noch keine Module für die Wahlfachgruppen.
 
(6)  Der kalkulierte wöchentliche Zeitaufwand betragt 5 Stunden pro Station (also insgesamt 20 Stunden).
 
(7)  Integriert ist eine Urteilsdatenbank mit z.Zt. 6.307 Entscheidungen. Für die zahlreichen weiteren juristischen Quellen im Netz sei verwiesen auf die Erschließung durch das Juristische Internet-Projekt Saarbrücken (http://www.jura.uni-sb.de).
 
(8)  Vgl. dazu Kapitel 5.1.
 
(9)  Vgl. dazu im Detail http://www.ejura-examensexpress.de/hilfe/reiseplan.shtml.
 
(10)  Gegenwärtig handelt es sich um 2.700 Prüfungsaufgaben.
 
(11)  ;-)))
 
(12)  Eine interessante Erfahrung beim ejura-Examensexpress war insoweit die, dass es Kunden im Ausland gibt, die sich von dort aus auf das 1. juristische Staatsexamen vorbereiten. Für diese Situation ist ein E-Learning-Angebot die einzige Möglichkeit. Auf ein E-Learning-Angebot ist man vielfach auch angewiesen, wenn man sich aus einer Familienpause heraus auf das 1. juristische Staatsexamen vorbereiten will. Auch das ist beim ejura-Examensexpress zu beobachten.
 
(13)  Vgl. dazu oben Fußnote 6.
 
(14)  Vgl. dazu Kapitel 3.3.
 
(15)  Vgl. dazu Kapitel 3.
 
(16)  Zum Thema "Änderungsbedarf gehört im Examensexpress noch ein weiterer Aspekt: Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer können zu jedem Lernelement punktgenau Änderungen vorschlagen, die dann kontextspezifisch den jeweiligen Autorinnen und Autoren übermittelt werden. Darauf bezogen muss die Architektur die Möglichkeit eines permanenten und kontrollierten "re-writing" ermöglichen.
 
(17)  Es gibt übrigens auch noch das Phänomen, dass Autorinnen und Autoren über die Zeit mit sich selbst inkonsistent sind, was Strukturierungen angeht. Die beschriebenen Instrumente, die selbstverständlich auch den Autorinnen und Autoren und nicht nur einer zentralen Instanz zur Verfügung stehen, bieten demgemäß die Möglichkeit, die Konsistenz des eigenen Materials sicherzustellen.
 
(18)  Vgl. dazu Kapitel 4.
 
(19)  Obwohl es keine formale Prüfung gibt, ist eine Teilnahme natürlich nur sinnvoll, wenn man sich in der Situation "Examensvorbereitung" befindet.
 
(20)  http://moinmoin.wikiwikiweb.de.
 
(21)  http://www.jurawiki.de.
 
(22)  Entgegen mancher Gepflogenheiten sei daran erinnert, dass auch die "Virtualität" eine Form der "Realität" ist. Der Gegensatz hat also eher damit zu tun, ob man sich in Formen der direkten sinnlichen Wahrnehmung, gewissermaßen "face to face" begegnet oder nicht.