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Erstveröffentlichung
Forum Strafvollzug

Dieter Bindzus, Harald Martens

Reise in die US-amerikanische Strafvollzugswirklichkeit

Zum ANFANG des Dokuments
Inhaltsübersicht
Ein wenig Grundsätzliches zum US-Amerikanischen Strafvollzug
Blicke hinter die Kulissen des Strafvollzuges der USA
Metropolitan Correction Center (MCC, New York City)
Stabilisation and Reintegration Program (New Lisbon, New Jersey)
East Jersey State Prison, vormals Rahway State Prison (Rahway, New Jersey)
Adult Diagnostic & Treatment Center, Avenel (New Jersey)
State Correctional Institute (SCI), Waymart (Pennsylvania)
US Federal Prison (USP), Canaan (Pennsylvania)
The Glen Mills Schools, Concordeville, (Pennsylvania)
The Eastern State Penitentiary, Philadelphia (Pennsylvania)
Correctional Treatment Facility (CTF/CCA) Washington, DC.
American Correctional Association (ACA) Alexandria (Virginia)
Pre-Release Center, Montgomery County, Rockville (Maryland)
Versuch eines Fazits
Vom 9. bis 18. Juni 2007 besuchte eine Gruppe von Strafvollzugspraktikern aus verschiedenen deutschen Bundesländern Einrichtungen des US-amerikanischen Strafvollzuges (corrections). Organisiert und begleitet wurde die Reise von den amerikanischen Professoren Dr. Harry Dammer (University of Scranton, Pennsylvania), Ralph Rojas (University of Denver, Colorado) und Dr. Dieter Bindzus (Universität des Saarlandes). Besichtigt wurden Einrichtungen in den Bundesstaaten New York, New Jersey, Pennsylvania, Maryland, und Virginia sowie Washington DC.

  Ein wenig Grundsätzliches zum US-Amerikanischen Strafvollzug

Für den weniger mit den amerikanischen Strafvollzugsverhältnissen vertrauten Leser vorweg einige wenige einführende Bemerkungen und Informationen.
Jeder einzelne der 50 (Bundes) Staaten der USA (states) besitzt auf dem Gebiet der Strafrechtspflege (criminal justice), soweit nicht die Zuständigkeit des Bundes (Federal Government) gegeben ist, die alleinige umfassende Strafgerichtsbarkeit, die den Strafvollzug einschließt.
Das amerikanische Gerichtswesen ist föderal dual aufgebaut. Alle Staaten verfügen über ein eigenes selbständiges, gegliedertes Gerichtswesen (state courts), das sich hierarchisch aus kommunalen Gerichten (municipal courts), Obergerichten (superior courts oder courts of appeal) und Oberstem Gericht (State Supreme Court) zusammensetzt. Auf nationaler Ebene gibt es parallel zu den State Courts in den Bundesstaaten auch Bundesgerichte (federal courts). Die umfassen 91 Bezirksgerichte (district courts), über denen dann in 12 Bundesgerichtskreisen Berufungsgerichte (court of appeals) als Berufungsinstanzen stehen.
Die Bundesgerichte (federal courts) sind zuständig für Verstöße gegen Bundesgesetze, wozu auf dem Gebiet des Strafrechts Angriffe gegen Bundesbehörden und Bundeseigentum zählen. Straftaten wie Entführung, Menschenhandel, Banknotenfälschung, internationaler Drogenhandel oder Straftaten in oder gegen die amerikanischen Postämter (us-mail) stellen Verstöße gegen Bundesgesetze dar. Straftaten, die in der Bundeshauptstadt Washington D.C. begangen werden, fallen ebenfalls in die Zuständigkeit des Bundes. Alle anderen Straftaten werden vor Gerichten der einzelnen Staaten verhandelt, und wenn es zur Verurteilung zu einer Haftstrafe von mehr als einem Jahr kommt, wird diese in einem Gefängnis des Bundesstaates (state prison), in den übrigen Fällen einschließlich der Untersuchungshaft in Jailes vollstreckt, die von Counties (Kreisen) oder Municipalities (Kommunen) unterhalten werden.
Der Oberste Gerichtshof (Supreme Court of the United States) ist zuständig für die Überprüfung (review) von bestimmten Rechtsfehlern der übrigen Jurisdiktionen (state und federal courts); darüber hinaus kann er sich mit Fällen befassen (hear), die Verfassungsrecht oder Bundesrecht zum Gegenstand haben.
Vollstreckt werden die von State Courts bzw. Federal Courts verhängten Freiheitsstrafen über ein Jahr in den State- bzw. Federal-Prisons. Im Jahre 2002 überschritt die Anzahl der Strafgefangenen inklusive der Inhaftierten in den „local jails“ in den USA mit 2.019.234 erstmals die Zweimillionen-Grenze. Seit 1983 lag der jährliche Anstieg der Anzahl der Strafgefangenen durchschnittlich bei 3,4 %; Ende 2005 betrug die Gefangenenziffer, d.h. Strafgefangene auf je 100.000 Einwohner (incarceration rate) in den USA bei den Männern 497, wobei die entsprechende Zahl bei den Minderheitsgruppen mit 1145 bei den Afro-Amerikanern und 1.244 bei Hispano-Amerikanern mehr als auffällig hoch ist. Neben den 1320 State und 84 Federal Prisons gibt es noch die “local jails” (City and County Jails), die für die Aufnahme von Untersuchungsgefangenen (people awaiting trial) und verurteilten Strafgefangenen mit Freiheitsstrafen von unter einem Jahr bestimmt sind. Mitte des Jahres 2006 befanden sich dort in Untersuchungs- bzw. Strafhaft 766.010 Gefangene, wobei die Gefangenenziffer in den Jahren 1990 bis 2006 von 193 auf 256 je 100.00 Einwohner stieg.
Durchgesetzt hat sich überall in den USA hinsichtlich des Vollzugsziels die Ansicht, dass man Straftäter einem Prozess der Resozialisierung (process of reform and rehabilitation) unterziehen muss. Dabei ist aber kein klares einheitliches Vollzugsziel zu erkennen. Vielmehr werden den Begriffen wie Abschreckung (deterrence), Resozialisierung (rehabilitation), Schutz der Gesellschaft (social protection), gerechte Vergeltung (just deserts, justice, retribution) unterschiedliche Bedeutung und Wert beigemessen. Bestimmt und geprägt wird die Gestaltung des Strafvollzuges einheitlich vom Gedanken der abgestuften Sicherheit, für die die Gefährlichkeit des Straftäters und die Strafdauer die wichtigsten Elemente sind. Dabei wird zwischen maximum or close/high security (19 % der Gefangenen), medium security (27% der Gefangenen), minimum security bzw. nonsecure facilities unterschieden.

Blicke hinter die Kulissen des Strafvollzuges der USA

Metropolitan Correction Center (MCC, New York City)

Dieser in Downtown Manhattan gegenüber dem Foley Square Gerichtsgebäude in New York City gelegenen Untersuchungshaftanstalt des Bundes (federal detention center) galt der erste Besuch. Die Führung durch die Anstalt übernahm der Anstaltsleiter (warden) Mr. James Cross mit seinem Stab.
Das 1976 erbaute 14-geschossige Betongebäude verfügt über 880 Haftplätze. Von diesen waren am Tag des Besuches 760 mit Gefangenen (inmates) belegt, darunter 70 Frauen. Die mit Doppelstockbetten ausgestatteten Hafträume sind fensterlos und haben lediglich eine Fläche von nur ca. 6 m². Viele Diensträume verfügen ebenfalls über keine Fenster. Große Teile der Anstalt sind klimatisiert. Auf dem Dach der 14. Etage befindet sich ein Freistundenhof mit einer ca. 5 m hohen Betonmauer, wodurch den Gefangenen lediglich ein Blick in den Himmel möglich ist.
In der Anstalt sind 260 Mitarbeiter beschäftigt, darunter 4 Psychologen/innen, die u.a. vor allem forensisch für die Gerichte tätig sind (Untersuchungen zur Straftat, Ermittlungsarbeit mit der Polizei usw.). Gezeigt wurden auch Hafträume und Freistundenräume für gefährliche Gefangene, die auch während der Freizeit von den übrigen Gefangenen getrennt in einem separaten Raum untergebracht waren. Arbeitsangebote waren nur wenige zu sehen, hingegen liefen überall die von den Gefangenen eingebrachten Fernseher.

Stabilisation and Reintegration Program (New Lisbon, New Jersey)

Bei der Jugendtäteranstalt New Lisbon, einer Anstalt des offenen Vollzug auf dem Lande, etwa zwei Stunden Fahrtzeit von New York entfernt, handelt es sich um ein früheres Boot-Camp, das jetzt inhaltlich von einem Stabilisierungs- und Reintegrationsprogramm (stabilzation & reintegration program) getragen wird.
Die Anstalt besteht aus verstreut liegenden Häusern mit insgesamt 135 Haftplätzen für junge Straftäter im Alter von 18 - 26 Jahren. Davon waren zurzeit des Besuches 117 in einem einzigen großen Saal (dormitory) mit Doppelstockbetten und Spinden untergebracht. Die Aufenthaltsdauer beträgt 9-12 Monate.
Der Besuch begann mit einer Exerziervorführung einer Gruppe junger Gefangener. Diese trugen olivfarbene Kleidung und farblich unterschiedliche Mützen, je nach erreichtem Status im Programm. Ausdrücklich wurde den Gästen erklärt, dass man dies ihnen nur zeige, um die körperliche Fitness der Insassen zu demonstrieren. Ansonsten sei die Zeit der Boot-Camps vorbei. Diese hätten sich als ineffizient heraus gestellt. da kurzer militarischer Drill keine Änderung der persönlichen und sozialen Lage eines Insassen nach der Entlassung bewirke.
Die Gefangenen nehmen während ihres Aufenthaltes, der zwischen 9 - 12 Monaten beträgt, vor allem an schulischen Maßnahmen und handwerklichen Kursen teil. Ein großer Teil der Versorgung der Einrichtung liegt in den Händen der Gefangenen. Die schulische und handwerkliche Ausbildung in der sog. therapeutischen Gemeinschaft erfolgt durch Mitarbeiter einer außervollzuglichen Stiftung (Gateway Foundation).
Der Tagesablauf erstreckt sich vom morgendlichen Wecken um 5.30 Uhr über Sport mit Drill, Schule. Freizeitprogramme, persönliche Gespräche bis abends um 22.00 Uhr. Jeder junge Gefangene führt ständig eine Bewertungskarte bei sich, auf der täglich die von ihm erbrachten Leistungen innerhalb des Programms vermerkt werden. Da die Karten täglich ausgewertet werden, erhält der Gefangene ein regelmäßiges Feedback über seinen persönlichen Leistungsstand. Die Fluchtrate sei - wie man der Gruppe berichtete - sehr gering. Das führte man darauf zurück, dass die Insassen einen großen persönlichen Nutzen von der Teilnahme am Programm hätten und sie im Übrigen bei Entweichung (escape) in einer Strafvollzuganstalt (prison) mit ungleich schlechteren Bedingungen und längerer Haftzeit landen würden.

East Jersey State Prison, vormals Rahway State Prison (Rahway, New Jersey)

Durch einen Teil der Anstalt geführt wurde die Gruppe von Captain Shepard (vergleichbar einem Leiter Allgemeiner Vollzugsdienst) und einigen Mitarbeitern. Die HaftanstaIt wurde im Jahre 1901 eröffnet. Es handelt sich um einen in Backsteinbauweise ausgeführten Zentralbau mit vier Flügeln sowie separaten Trakten. Die Anstalt verfügt über 1.500 Plätze, alle belegt, sowie 680 Mitarbeiter. Ca. 300 - 350 Gefangene haben Arbeit (vor allem Reinigungstätigkeit in den Häusern und auf den Höfen). Alle anderen Gefangenen sind während der Freistunde auf den Höfen mit Sportplatz oder befinden sich in ihren Zellen, wo sie sich die Zeit überwiegend mit Fernsehen vertreiben.
Es gibt Zellen mit Doppelbelegung ca. 8 m² oder Einzelzellen mit ca. 3 m². (2 x 1,5 m) Fläche. In diesem mit Schiebegitter versehenen Raum ist eine Pritsche, ca. 75 cm breit, darüber befindet sich auf einer Konsole ein Fernseher (soweit eigenes Geld des Gefangenen für das Gerät und den Empfang vorhanden). Neben der Pritsche ist ein ca. 75 cm breiter schmaler Gang, der an der Edelstahltoilette mit darüber befindlichem Edelstahlwaschbecken an der Stirnwand endet. Dieser Raum ist mit einigen persönlichen Gegenstanden, Fotos etc. ausgestaltet. Die Zelle ist normalerweise einsehbar. Viele Gefangene haben sich jedoch einen kleinen Vorhang innen vor dem Schiebegitter angebracht. Im ältesten Flügel sind Gefangene in ca. 6 m² großen Einzelzellen untergebracht, die z.B. einen Suizidversuch unternommen haben oder schon sehr alt sind.
In der Anstalt gibt es keine Eigenbetriebe, dies wäre in Anbetracht des hohen Gefährdungspotentials der Gefangenen, so äußerte man auf die entsprechende Frage, nicht zu verantworten. Deshalb wird auch die gesamte Versorgung (Essen, Wäsche usw.) von außerhalb der Anstalt angeliefert. Besonders fielen an diesem sehr heißen Tag (ca. + 37° C bei gleichzeitig hoher Luftfeuchtigkeit) der Lärm der überall laufenden Ventilatoren, das Geflimmer der Fernseher und das Geschrei der Insassen auf. Die Gefangenen nehmen ihr von Mitgefangenen ausgegebenes Essen in einem Saal (dining area) ein. Über diesem befindet sich ein stählerner Rundgang für das Aufsichtspersonal. Solche Schutzgänge finden sich auch im Sportsaal unter dem Dach oder auf den Freistundenhöfen. Dort hält sich, falls die Strafgefangenen die Szene beherrschen, auch kein Aufsichtspersonal auf.
Ein großer Teil der Gefangenen besteht aus Langzeitbestraften (35 Jahre bis unbestimmt). Vier solcher Gefangenen - darunter auch ein älterer Weißer - wurden der Gruppe vorgestellt. Sie machten einen mustergültigen Eindruck. Man merkte ihnen an, dass sie es gewohnt sind, vor Publikum über ihr Leben zu berichten. Auffallend war überall in der Anstalt der unproportional hohe Anteil Gefangener schwarzer Hautfarbe. Gefangene, die gegen die Anstaltsordnung erheblich verstoßen (z.B. Mitgefangene oder Personal angreifen), werden entweder in den eigenen Hochsicherheitsbereich der Anstalt selbst oder in die Haftanstalten mit Maximum Security Standard nach Trenton bzw. New Jersey City verlegt. Das sehr offene, aber auch sehr präsente Personal wusste bezüglich gewaltsam begangener Disziplinverstößen anschaulich von diversen Vorkommnissen in der Vergangenheit zu berichten.
Die zum Tode verurteilten (death penalty) Gefangenen sind nicht in Rahway, sondern in Trenton untergebracht. Von den 3350 am 01.01.2007 sich in den USA „on death row“ befindlichen Gefangenen stammen nur elf aus New Jersey. Seit 1963 wurde dort keine Todesstrafe mehr vollstreckt. Es spricht manches dafür, dass diese in New Jersey in näherer Zukunft abgeschafft wird. Dafür hat sich erst Anfang 2007 wieder nachdrücklich eine von der Regierung eingesetzte Kommission ausgesprochen.
In der Anstalt gibt es ein Programm für verhaltensauffällige Jugendliche, die von außen die Anstalt besuchen und in Gesprächen mit Langzeitbestraften dahingehend beeinflusst werden sollen, ihre mögliche kriminelle Karriere gar nicht erst zu beginnen. Dieses Programm des „warnenden Beispiels“ sei - so wurde bedauernd eingeräumt - jedoch weitgehend erfolglos geblieben.

Adult Diagnostic & Treatment Center, Avenel (New Jersey)

In dieser Anstalt für erwachsene Sexualstraftäter wurde die Gruppe vom Verwaltungsleiter sowie der therapeutischen Leiterin empfangen und durch die Anstalt geführt. Die Anstalt wurde in den 1970er Jahren errichtet, und erinnert mit ihrer Flachbauweise an eine große sozialtherapeutische Einrichtung. Die Anstalt hat 359 Plätze für Sexualstraftäter. Zurzeit befinden sich darunter 16, für die nachträgliche Sicherungsverwahrung angeordnet wurde. Die Gefangenen sind in jeweils einem Schlafsaal (dormitory) mit vier separaten Eckbereichen à 36 Plätzen mit Doppelstockbetten untergebracht. Jede dieser Gruppen verfügt über eigene Verpflegungs-(Küche) und Sanitärbereiche.
In der Anstalt sind 415 Mitarbeiter beschäftigt, die mit den Gefangenen sozialtherapeutische Maßnahmen durchführen. Im Schwerpunkt werden sexualtherapeutische Programme an geboten, daneben aber auch allgemeine Bildungsmaßnahmen und berufliche Kurse. Jeder Gefangene befindet sich in einer therapeutischen Gemeinschaft, in der er seine Fortschritte zweimal wöchentlich thematisieren muss. Die Gefangenen durchlaufen ein vierstufiges Programm, das von Ärzten oder Psychologen geleitet wird. Daneben gibt es auch Programme für Täter mit kurzen Strafen. Nach Auskunft des Personals sind ca. 80 der Täter selbst einmal Opfer von sexuellen Übergriffen in ihrer Kindheit oder Jugend gewesen.

State Correctional Institute (SCI), Waymart (Pennsylvania)

Diese Forensische Psychiatrie im Farview State Hospital in Waymart stammt aus dem Jahre 1911. Sie liegt auf einer bewaldeten Anhöhe und ist in roter New England Backsteinbauweise errichtet. Obwohl sie von Zäunen und Sicherheitsdraht eingefasst ist, erinnert sie rein äußerlich an ein Kloster bzw. Krankenhaus. Die Anstalt beherbergt ca. 1.400 kranke Insassen. Gründe für die Aufnahme können psychische Krankheit, alkohol- und/oder Drogenabhängigkeit, Verstöße gegen die sexuelle Selbstbestimmung sein.
Die Insassen sind in Sälen mit je ca. 36 Betten untergebracht. Auffallend war im Gegensatz zu den vorherigen Haftanstalten der hohe Anteil von Menschen mit weißer Hautfarbe. Man erklärte diesen Umstand, ohne es näher zu belegen, der Gruppe damit, Sexualstraftaten würden proportional weit mehr von Weißen als von Schwarzen begangen. Denkbar ist vielleicht aber auch ein anderer Selektionsmechanismus. Waren doch sehr viel ältere Gefangene/Patienten zu sehen, was auf lange Verweildauer und quasi "Heimat" dieser Anstalt für diese Menschen hinweist. Geboten werden den Insassen vielfältige Angebote an schulischen Kursen. Arbeitstherapien in Produktionsbetrieben und therapeutischen Programmen.

US Federal Prison (USP), Canaan (Pennsylvania)

Diese Anstalt des halboffenen Vollzuges mit geringem Sicherheitsstandard (minimum security) wurde 2005 eröffnet. Sie verfügt über 190 Haftplätze, von denen derzeit lediglich 164 belegt waren. Die Unterbringung erfolgt in einem einzigen Saal (dormitory) mit Doppelstockbetten und Spinden. Die Gefangenen haben entweder Beschäftigung in (z.B. Reinigungsjobs, Küche) oder außerhalb der Anstalt. Auf dem Gelände - was beeindruckend war - ist ein ritueller Indianerplatz angelegt. Dieser ist bei den Gefangenen sehr beliebt, weil nur dort geraucht werden darf.
Von dem in der Nähe gelegenen High Security Federal Prison In Canaan war es nur möglich, einen äußeren Eindruck zu gewinnen. Dort sei - so sagte man wenigstens zu den Gästen - gerade eine Windpockenepidemie ausgebrochen und schließlich wolle man die Gruppe nicht unnötig einer möglichen Ansteckungsgefahr aussetzen. Das Bundesgefängnis stammt ebenfalls aus dem Jahr 2005, hat eine Kapazität von 1.536 Haftplätzen in 12 Abteilungen mit jeweils 128 Haftplätzen, alle in Einzelunterbringung. Die Abteilungen sind sternförmig angeordnet und bestehen aus zwei Geschossen. Auf der mit Mauer und mehreren Innen- und Außenzäunen gesicherten Einrichtung befinden sich zwei hohe Türme, die das gesamte Gelände weit überragen. Weiter wird die Anstalt noch durch regelmäßige Patrouillen von Guards in Pickup-Trucks um das Anstaltsgelände herum abgesichert.

The Glen Mills Schools, Concordeville, (Pennsylvania)

Hier handelt es sich um eine Einrichtung für straffällige Jugendliche im Alter von 15 - 18 Jahren. Die ehemalige Besserungsanstalt wurde bereits 1826 von Bürgern gegründet, die sich vor allem mit der Frage beschäftigten, wie man pädagogisch auf schwer erziehbare Kinder und Jugendliche einwirken kann. Die Einrichtung - der Begriff „Anstalt“ verbietet sich - wirkt wie ein großes Internat oder der Campus einer Universität. Baulich gruppieren sich dabei ältere Sandsteingebäude im New England Stil um einen großen Rasenplatz.
Die Glen Mills Schools haben für die genannte Zielgruppe eine Aufnahmekapazität von 900 Plätzen. Die Jugendlichen in der Einrichtung stammen aus den ganzen USA, aber zahlreich sind auch ausländische Jugendliche vertreten. Während des Besuchs der Gruppe befanden sich dort auch drei deutsche Jugendliche aus dem Jugendamtsbereich Oldenburg (Oldenburg). Die Jugendlichen selbst leben in Gruppen in einzelnen Häusern und achten selbst auf die Einhaltung der Gruppenregeln. Sie gehen entweder täglich zur Schule, um einen High School Abschluss zu machen oder erlernen unter Anleitung erfahrener Ausbilder praktische Berufe, wie u.a. z.B. Optiker oder Drucker. Empfohlen und vorgeschlagen für die Aufnahme werden die Jugendlichen von Richtern, Jugendämtern, Anwälten oder auch Eltern über regionale Beauftragte, die die Glen Mills Schools flächendeckend in den USA haben. Mitarbeiter der Einrichtung reisen dann vor Ort und führen Auswahlgespräche mit den in Betracht kommenden Jugendlichen. Nicht aufgenommen werden Suizidgefährdete, Brandstifter, Sexualstraftäter und auch nur bedingt Drogenabhängige. Die Erfolgsquote liegt nach Auskunft der Einrichtung bei 70 %. Dabei ist von einem Erfolg auszugehen, wenn der Jugendliche nach seiner Entlassung keine Straftaten bzw. keine neuen Straftaten mehr begeht.
Jugendliche, einer davon Deutscher, führten die Gruppe durch die Einrichtung. Dabei war es für die Gäste aus Deutschland sicherlich ein bleibendes Erlebnis, in entspannter Atmosphäre zusammen mit den Jugendlichen das Mittagessen in der Gemeinschaftskantine einzunehmen.

The Eastern State Penitentiary, Philadelphia (Pennsylvania)

Das 1829 eröffnete Eastern State Penitentiary in Philadelphia war der Prototyp für viele spätere Zuchthäuser weltweit. 1970 wurde diese Vollzugseinrichtung endgültig geschlossen: seit 1994 kann der teilweise in sehr marodem, teilweise gar baufälligem Zustand befindliche Komplex als Museum besichtigt werden.
Die Anstalt wurde vor dem Hintergrund der Ideologie der Quäker im Stile einer neogotischen Trutzburg festungsähnlich gebaut. Sie verfügte zunächst über 900 Einzelhaftplatze, je ca. 12 m² groß mit anschließenden eigenen isoliertem Freistundenkleinsthof (ca. 10 m²). Es gab keinerlei Kontakt zu anderen Gefangenen, völlige Einsamkeit, lediglich die Bibel als Lesestoff. Auch das Personal war durch Gesichtskapuze nicht erkennbar. Die Überzeugung der religösen Gründungsväter, dass Zwangsbuße bei völliger Isolation zur inneren Umkehr und Besserung der Gefangenen führen würde, hat sich aber später als einer der fatalsten Irrtümer in der Geschichte des Strafvollzuges herausgestellt.
Die Hafträume verfügten bereits zu recht früher Zeit über Toilette und Zentralheizung. Von einer Zentrale konnten alle sieben Flügel (später kamen weitere hinzu) überwacht werden. Spätere Flügel wurden zweigeschossig ausgeführt, um die wachsende Zahl der Gefangenen unterbringen zu können. Die Außenmauer hat innen eine Höhe von ca. 8 m. Im 20. Jahrhundert wurden auch Arbeitshauser errichtet, um den Gefangenen eine sinnvolle Beschäftigung zu ermöglichen und die Anstaltskosten zu senken.
Im 20. Jahrhunden war die Anstalt mit 1.900 Gefangenen belegt. Immer wieder gab es neben der Kritik an den Zuständen (Übergriffe des Personals, Korruption u.a.) auch erhebliche Reformbemühungen. Zwei Besonderheiten mögen hervorgehoben werden: 1929 verbüßte AI Capone acht Monate in der Anstalt wegen unerlaubtem Waffenbesitz. Erwähnenswert ist seine mit Wohnzimmermobiliar von außerhalb der Anstalt eingerichtete Zelle. Er besaß ein Radio und konnte mittels Plattenspieler seinem Hobby nachgehen, Operarien zu hören. 1945 gelang zwölf Gefangenen - wenn teilweise auch nur kurzfristig - durch einen Tunnel die Flucht aus der Anstalt. Diesen Tunnel hatte ein Gefangener in über zweijähriger Arbeit gegraben. Eine technische Meisterleistung: Der Tunnel besaß Abstiegs- und Aufstiegsleitern und verfügte sogar über elektrisches Licht.

Correctional Treatment Facility (CTF/CCA) Washington, DC.

In Washington DC betreibt die Corrections Corporation of America (CCA), eine börsenotierten Aktiengesellschaft, eine privat geführte Haftanstalt. Neben dieser Vollzugseinrichtung betreibt die Gesellschaft derzeit noch 65 weitere Haftanstalten in den USA. Den Schwerpunkt bilden dabei die Südstaaten, weil dort die Vollzugsbeamten angeblich schwächer in Gewerkschaften organisiert seien. Insgesamt versorgt diese Gesellschaft 70.000 Gefangene mit 70.000 Bediensteten. Betrieben werden nur Minimum bzw. MediumSecurityPrisons. Zusammen mit weiteren Mitbewerbern auf diesem Markt sind zurzeit etwa 8% aller Gefangenen in den USA in privaten Haftanstalten untergebracht. Der Vorteil dieses Systems sind kurze Bauzeiten, keine Verzögerungen durch langwierige Ausschreibungsverfahren, Standardisierungen und als Großkunde erhebliche Rabatte bei Auftragsvergaben. Auch in der amerikanischen Gesellschaft werden die Errichtung und die Unterhaltung privater Strafanstalten wie in Deutschland äußerst konträr diskutiert. Dabei gewinnen die Befürchtungen stark an Boden, dass sich das Profitmotiv der Gesellschaften schleichend zuungunsten der Qualität des Vollzuges verschiebt.
Die Anstalt liegt direkt neben einem Bundesgefängnis (federal prison). 1997 wurde sie in Washington D.C. gebaut und später von der CCA übernommen. Die Gesellschaft erhält pro Gefangenen pro Tag vom Staat 67 Dollar. Plus zur Verfügung gestellter Mittel für Verpflegung, medizinische Versorgung und Beschäftigung liegt die Gesamtsumme bei 187 Dollar pro Tag. Die garantierte Mindestbelegung liegt bei etwa 2/3 der Haftplatzkapazität. Die Anstalt beschäftigt 354 Mitarbeiter, wobei deren Einkommen niedriger als in entsprechenden Stellungen der staatlichen Einrichtungen ist Die Ausbildung erfolgt in einem sechswöchigen Kurs, teils “on the job“.
Die Anstalt verfügt über 1.496 Haftplätze, die auf mehrere Gebäudetrakte verteilt sind. Die Gefangenen sind überwiegend in Wohngruppen untergebracht. Eine Wohngruppe besteht aus 32 Einzelhaftplätzen mit ca. 8 m² Grundfläche. Duschen und Toiletten befinden sind außerhalb der Hafträume und sind jederzeit für die Gefangenen zugänglich. Angeboten werden den Gefangenen vor allem schulische und arbeitstherapeutische Maßnahmen.

American Correctional Association (ACA) Alexandria (Virginia)

Die Gesellschaft, die bereits im Jahre 1870 unter dem Namen „National Prison Assocation“ gegründet wurde, ist die älteste und größte internationale Gefängnisgesellschaft der Welt. Die bei ihrer Gründung beschlossene „Declaration of Principles“ - letztmalig 1970 beim hundertjährigen Bestehen der Gesellschaft revidiert - bekam bald den Charakter von Leitlinien (guidelines für den Strafvollzug in den USA und Europa.
Noch immer übt diese Organisation einen ungebrochenen entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung des Strafvollzuges der USA aus. Die Einhaltung von Mindeststandards bei Unterbringung, Beschäftigung und vollzuglicher Philosophie gilt als Qualitätssiegel. Dabei konzentrieren sich die Aktivitäten der ACA mit ihren über 20.000 aktiven Mitgliedern heute insbesondere auf die Erarbeitung und Oberprüfung von Standards für den Strafvollzug in und für die Praxis. Etwa ein Viertel aller Strafvollzugsanstalten der USA lassen sich von dieser Gesellschaft zertifizieren.

Pre-Release Center, Montgomery County, Rockville (Maryland)

Das Pre-Release Center in Rockville (Maryland) ist eine Einrichtung zur Vorbereitung der Haftentlassung und zugleich eine Freigängeranstalt im Montgomery County. Die Einrichtung, die beim ACA zertifiziert ist, verfügt über 155 Einzelhaftplätze. Die Insassen, darunter 20 Frauen, werden von 64 Mitarbeiterinnen auf die Haftentlassung vorbereitet. Man ermöglicht ihnen u.a. an Kursen teilzunehmen oder Beschäftigungen bzw. Ausbildungsverhältnissen außerhalb der Einrichtung nachzugehen. Hinzu kommen max. 45 Personen, die zu Hause mit elektronischer Fußfessel zu überwachen sind (electronic monitoring) Dreimal täglich wird ein Alkoholtest vorgenommen, Drogentests erfolgen dreimal wöchentlich Auch erneut straffällig Gewordene werden wieder aufgenommen, sofern die Straftaten nicht zu erheblich sind. Begründet wird dieses damit, dass es in gewisser Weise normal sei, dass Menschen mit einem sozialen Hintergrund wie das in Betracht kommende Klientel dieser Anstatt auch erneut Straftaten begehen würden.
Die Einrichtung arbeitet erfolgreich seit 1978. Sie wurde seitdem um drei Bereiche erweitert. Rein äußerlich ist sie nicht als Haftanstalt erkennbar und wird in der Gemeinde ohne größere Probleme akzeptiert. Dazu trägt nach Meinung der Leiterin der Einrichtung bei, dass der Kreis (County) Montgornery in Maryland traditionell als liberal gelte und wohlhabend sei.

  Versuch eines Fazits

„Einmal sehen, ist mehr, als tausendmal hören“ (Chinesische Weisheit). Die Reise war, wie die vorangehenden Schilderungen sicherlich erkennen lassen, voller Eindrücke. Es gibt ihn nicht, den amerikanischen Strafvollzug. Er ist eine bunte Landschaft. Die Philosophien darüber, wie man mit abweichenden kriminellen Verhalten in der Gesellschaft umgehen sollte, reichen von alttestamentarischen harten Vorstellungen bis hin zu sehr sozialen und liberalen Ansichten und Konzepten. Dabei gibt es, was sicher keine neue Erkenntnis ist, deutliche Unterschiede zwischen den Nord- und Südstaaten. Die Teilnehmer hatten einen sehr regen Gedankenaustausch mit den amerikanischen Gastgebern. Dabei fand sich bei diesen durchaus auch immer eine gewisse Selbstkritik an manchen Erscheinungen des amerikanischen Strafvollzugs. Gleichzeitig sind aber immer wieder die Offenheit und das Selbstverständnis in der Präsentation der eigenen Einrichtungen bemerkenswert gewesen. Man habe nichts zu verbergen, scheint offenbar die selbstbewusste Grundhaltung zu sein.
Der amerikanische Pragmatismus ist bei den vollzuglichen Konzepten gerade in Einzelheiten immer wieder spürbar. Ein Aspekt, der besonders nachdenklich stimmt, ist die Ausbildung des Aufsichtspersonals. Nach Befragung variiert die Dauer derselben zwischen drei und sechzehn Wochen, im wesentlichen „on the job“ durchgeführt. Man fragt sich als europäischer Beobachter, wo bleibt da noch Zeit - und sei es auch nur in Ansätzen - für die Vermittlung von Behandlungskonzepten?