Saarbrücker Bibliothek       —       JIPS-Homepage   –   SBB-Katalog  
Vortrag, gehalten Ende Juni 2011 im Rahmen der Keio-Tage an der Universität des Saarlandes

Über den gegenwärtigen Stand

der japanischen Strafrechtsdogmatik

aus methodischer Sicht

v o n

Prof. Dr. Dr.h.c. MAKOTO IDA

Keio University Law School

I n h a l t s ü b e r s i c h t
  I.  
Zur Einleitung
 II.  Entwicklung der Dogmatik in der Nachkriegszeit
        1.  Methodologische Grundlagen
        2.  Wichtige Streite in der Nachkriegszeit
III.  Die japanische Strafrechtsdogmatik nach der Jahrhundertwende
        1.  Zur Aktivierung der früher sehr zurückhaltenden Strafgesetzgebung
        2.  Veränderungen der Strafrechtsdogmatik
        3.  Krise der Strafrechtswissenschaft
 IV.  Abschließende Betrachtung - Was ist Strafrechtsdogmatik?

I. Zur Einleitung

Die japanische Strafrechtsdogmatik befindet sich heute im Umbruch. Ansätze zur tiefgreifenden Änderung ihrer gesellschaftlichen Rahmenbedingungen waren bereits in den 90er Jahren hier und dort bemerkbar. Nach der Jahrtausendwende sind nun neue Tendenzen in der Gesetzgebung und Rechtsprechung so deutlich hervorgetreten, dass man von einem Paradigmenwechsel im Strafrecht sprechen könnte. Dementsprechend ist jetzt auch die japanische Strafrechtsdogmatik in einem starken Umbruch begriffen.

Im Folgenden möchte ich Ihnen im ersten Hauptteil (unten II.) einen Überblick über die Entwicklung der japanischen Strafrechtsdogmatik während der 50 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, also von den 50er bis zu den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts, geben. Im zweiten Hauptteil (unten III.) sollen die Veränderungen in der Dogmatik nach der Jahrtausendwende vorgestellt und einer kritischen Betrachtung unterzogen werden.

II. Entwicklung der Dogmatik in der Nachkriegszeit

1. Methodologische Grundlagen

Die Strafrechtswissenschaftler, die auf die japanische Dogmatik der Nachkriegsphase maßgeblichen Einfluss ausübten, waren u.a. Shigemitsu Dando und Ryuichi Hirano. Sie waren beide Ordinarien der juristischen Fakultät der staatlichen Universität zu Tokyo und prägten sowohl die Strafrechts- als auch die Strafprozeßrechtswissenschaft während der ersten 50 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg ganz entscheidend. Von den 50er bis in die 70er Jahre des 20. Jahrhunderts war die „herrschende“ Auffassung gleichbedeutend mit der Lehre, die Dando in seinem Lehrbuch entwickelte. Seit dem Ende der 60ere Jahre begann die Kritik Hiranos an der herrschenden Lehre und sie entfaltete eine prägende Wirkung insbesondere auf die Wissenschaftler der jüngeren Generation. Ich selbst las als Jura-Student sein Lehrbuch zume AT, ein schmales Büchlein, und wurde mitten in der Lektüre vom Gefühl befallen: „mir sind jetzt die Augen aufgegangen“. Vielen der heute in der vordersten Front tätigen Strafrechtskollegen war es genauso ergangen.

Der Ausgangspunkt der japanischen Strafrechtswissenschaft der Nachkriegsphase war die neue japanische Verfassung vone 1946. Als die obersten Verfassungsprinzipien wurden nunmehr die Volkssouveränität, der Verzicht auf den Krieg und die Garantie der Menschenrechte genannt. Damit war eine Neuorientierung in der Strafrechtsdogmatik unumgänglich geworden. Die subjektive Verbrechenslehre, die einseitig auf den Willen des Täters abstellte und zur Vorverlagerung der Strafbarkeit tendierte, verlor an Bedeutung. Ganz herrschend geworden ist die objektive Verbrechenslehre, die es mit dem Analogieverbot ernstnimmt und bei der strafrechtlichen Beurteilung die objektive Tatseite, insbesondere die verursachten Schäden, in den Vordergrund rückt.

In den ersten 15 Jahren nach dem Krieg wirkte die Lehrmeinung Dandos prägend auf die Rechtslehre ein. Er ging von einem grundsätzlich objektiven Standpunkt aus und baute ein Verbrechenssystem, das dem mit dem Gesetzlichkeitsprinzip verbundenen Tatbestandsbegriff dogmatisch die zentrale Stellung zuweist. Sein Hauptanliegen lag darin, mit der dreigliedrigen Straftatsystematik die rechtsstaatlichen Schranken der Strafgewalt aus formaler Sicht zu schaffen, indem sie den Spielraum der Werturteile des Rechtsanwenders wesentlich minimiert. Dando bezweckte, mit Hilfe des Gesetzlichkeitsprinzips und der Systematisierung der Verbrechensmerkmale die formale Einschränkung der Strafgewalt zu verwirklichen. Er verdankte bei seiner Theoriebildung im AT vieles der deutschen Doktrin bis Edmund Mezger und Hans Welzel. Dando hat uns das überzeugende Denkmodell einer liberal-rechtsstaatlichen Strafrechtsdogmatik unter der neuen Verfassung präsentiert.

Der Kritik durch Hirano lag dagegen die Einsicht zugrunde, dass Werturteile ein notwendiger Bestandteil der Strafrechtsfindung und an sich nichts Verwerfliches seien. Es gehe nicht darum, die Werturteile als Störfaktor auszuschließen, sondern sie auf ihren materiellen Inhalt hin zu analysieren. Die Werturteile, die bei der Strafrechtsanwendung zum Zug kommen sollen, dürften nicht von der Art sein wie „Das Handeln ist unmoralisch und nicht zu verzeihen“. Die strafrechtlichen Werturteile beträfen vielmehr die Fragen, ob das Einsetzen der Strafe zum Schutz des betreffenden Rechtsguts erforderlich ist, welche Schäden die Bestrafung der Tat mit sich bringen wird und ob der zu erzielende Nutzen die vorauszusehenden Schäden überwiegt. Die Lehrmeinung Hiranos war methodisch durch den Zeitgeist des Utilitarismus erfasst. Er verwarf den Streit um das richtige System und die richtige Systematisierung der Verbrechenselemente als steril. Bei der strafrechtlichen Beurteilung komme nicht den systematischen Argumenten, die die Problemlösung begrifflich-deduktiv von einem vorher errichteten System ableiten will, sondern den materiellen und kriminalpolitischen Argumenten, die das Abwägen von Nutzen und Schaden der Bestrafung betreffen, das entscheidende Gewicht zu. Hirano berücksichtigte die Strafrechtsdiskussion im anglo-amerikanischen Rechtskreis und drängte die damalige Rechtslehre zur Hinwendung zu einem auf die Problemlösung abstellenden funktionalen Ansatz und damit zu einer „Entdeutschung“. Er war allerdings auch mit der Diskussion in Deutschland gut vertraut und wusste, dass es dort durchaus eine parallele Entwicklung gab.

2. Wichtige Streite in der Nachkriegszeit

Betrachtet man nun die einzelnen Streitfragen, über die in der japanischen Rechtslehre der Nachkriegszeit viel diskutiert wurden, sind für uns die folgenden vier Themen von besonderer Bedeutung: (1)e Der Begriff des Tatbestandes und seine Funktionen, (2) Die Handlungslehre, insbesondere die finale Handlungslehre, (3) Erfolgsunwert und Verhaltensunwert im Unrechtsbegriff und (4) Willensfreiheit und strafrechtliche Schuld.

(1) Einen Schlüssel zum Verständnis der japanischen Strafrechtsdogmatik stellt der Begriff des Tatbestandes dar. In dem Maße, in dem das Gesetzlichkeitsprinzip in seiner rechtsstaatlichen Funktion wieder Anerkennung fand, wurde ihm eine immer zentralere Stellung in der Verbrechenslehre zugeteilt. Einen großen Einfluss hatte die Tatbestandslehre Dandos. Er fasste den Tatbestand nicht nur als einen Unrechtstypus, sondern zugleich als einen Schuldtypus auf. Vorsatz und Fahrlässigkeit, die in ihren wesentlichen Eigenschaften Schuldmerkmale seien, sollen zum Tatbestand gehören und bereits in der ersten Deliktsstufe - d.h. vor der Prüfung der Rechtfertigungsgründe - geprüft werden. Charakteristisch für die Lehre Dandos war, dass er mit Hilfe vom Tatbestandsbegriff wichtige dogmatische Fragen zu einer konsistenten Lösung zu bringen versuchte, so beispielsweise Kausalität, unechte Unterlassungsdelikte, Beginn des strafbaren Versuchs, untauglicher Versuch, Unterscheidung von Täterschaft und Teilnahme, actio libera in causa, Einheit und Mehrheit des Verbrechens usw.

Das war aber eine Überbewertung der dogmatischen Funktion des Tatbestandes. Denn der formale Gesichtspunkt der Tatbestandsmäßigkeit allein kann schwerlich eine sachgerechte Problemlösung versichern. Man darf allerdings nicht übersehen, dass der formale Gesichtspunkt der Tatbestandsmäßigkeit und damit das Erfordernis der „Ausführungstat“ eine ganz entscheidende strafbegrenzende Funktion entfaltete. In Japan wurde die Lehrmeinung, dass das Täterverhalten der Beschreibung im Tatbestandteil des Strafgesetzes entsprechen und als Ausführungstat eine objektive Gefährlichkeit in Bezug auf die Rechtsgutsverletzung aufweisen muss, um tatbestandsmässig zu sein, bereits ab den 50er Jahren ganz herrschend. Mit dem Erfordernis der Ausführungstat machte sich die herrschende Lehre für das Kausalitätsproblem nicht die Äquivalenz-, sondern die Adäquanztheorie zu Eigen. Zugleich verloren die die objektiven Tateigenschaften ignorierenden Theorien wie die subjektive Versuchslehre und die subjektive Teilnahmelehre frühzeitig ihre Anhänger. Die Tatbestandslehre in Japan räumte die auf den Täterwillen abstellenden subjektiven Lehrmeinungen aus der Strafrechtsdogmatik aus und trägt so zu einer prinzipiellen Objektivierung der Verbrechenslehre ganz wesentlich bei.

(2) Die sog. finale Handlungslehre rief auch in Japan heftige Debatten hervor. Ihr methodisches Anliegen bestand darin, den Blick der Dogmatik auf die Strukturen der Phänomene zu lenken, an die die Rechtsregeln anknüpfen, und auf gegenständliche Unterschiede basierende Theoriebildungen zu fordern. Diese unterschiedlichen Regelungsgegenstände betrafen erstens Handlung und Unterlassung, zweitens vorsätzliches und fahrlässiges Verhalten und drittens Vorsatz und Unrechtsbewusstsein.

Die Diskussion um die finale Handlungslehre wurde in Japan oft auf philosophisch-spekulativer Ebene geführt. Sie hatte teilweise einen sehr pedantischen Charakter und erweckte sogar den Eindruck, dass man sich zuerst mit Nikolai Hartmann befassen müsste, bevor man überhaupt die strafrechtliche Handlungslehre angehen kann; eine Situation, wie Hirano damals so ausdrückte, „Man weiß selber nicht mehr, wozu man denn darüber redet“. Außerdem hatte die hauptsächlich behandelte Frage, unter welchem Oberbegriff alle Formen des strafrechtlich relevanten Geschehens einschließlich der fahrlässigen Handlung und des Unterlassens zusammengefasst werden können, bloß „architektonisch-ästhetischen Wert“ und keinerlei Einfluss auf die inhaltliche Gestaltung der Dogmatik und damit auch auf die Lösung der praktischen Probleme. In der späteren Zeit wurde der ganze Streit um die Handlung im Strafrecht als vergeblich und sinnlos bezeichnet.

Demgegenüber würde ich meinen, dass die Fragen über die Gegenstände der Regelung durch die Strafrechtsnormen und ihre Beschaffenheit für die Strafrechtswissenschaft nicht belanglos sein können. Darauf werde ich in meiner abschließenden Betrachtung noch zurückkommen.

(3) Die Diskussion über den Unrechtsbegriff, die aus der Debatte um die finale Handlungslehre als ein „Nebenprodukt“ hervorging, hat sich später als der wichtigste Streit der Nachkriegsphase erwiesen, der auch heute noch die japanischen Strafrechtstheoretiker in zwei Lager spaltet. Auf der einen Seite steht die Lehrmeinung, die in Japan missverständlicherweise als „Handlungsunwertlehre“ genannt wird. Danach erschöpft sich das Unrecht nicht in der Rechtsgutsverletzung oder -gefährdung. Sie will beim Unrechtsurteil neben dem Erfolgsunwert auch den Verhaltensunwert, d.h. die Komponente der Verhaltensnormwidrigkeit, berücksichtigen. Auf der anderen Seite vertritt die objektivistische Unrechtslehre, auch „Erfolgsunwertlehre“ genannt, die Position, dass das strafrechtliche Unrecht nur dann zu bejahen sei, wenn ein rechtsgutsverletzender oder wenigstens -gefährdender Sachverhalt tatsächlich eingetreten ist.

Die Lehrmeinung, die die personalen Unrechtselemente wie Vorsatz und Fahrlässigkeit anerkennt, ist bereits in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts vorherrschend geworden. Demgegenüber übte Hirano ab den 60er Jahren die Kritik, die die personale Unrechtslehre langsam in die Defensive drängte und schließlich - jedenfalls heute - eine zahlenmäßige Überlegenheit auf die Seite der Objektivisten brachte. Seine Kritik lässt sich wie folgt zusammenfassen: Die personale Unrechtslehre sei mit der Gefahr der Vermengung von Strafrecht und Moral verbunden und dehne das Strafunrecht in unangemessener Weise aus, indem sie es vom Erfolgssachverhalt abkoppele und die Unrechtsqualität der betreffenden Tat nur aufgrund ihrer sozialethischen Wertwidrigkeit annehme. Außerdem ziehe die personale Unrechtslehre mitunter vage und unbestimmte Kriterien heran und verwische unter stärkerer Berücksichtigung subjektiver Elemente die Unterscheidung von Unrecht und Schuld.

Eine besonders durchschlagende Wirkung entfaltete bei uns die Kritik an der Vermengung von Strafrecht und Moral. Es ist nicht zu leugnen, dass den Vertretern der personalen Unrechtslehre in Japan Argumentationen aus dem Bereich der Sozialethik flüssig von den Lip­pen gingen. Die fehlende Unterscheidung von Recht und Moral ist allerdings keineswegs die notwendige Konsequenz jener Lehrmeinung. Wenn man die ratio legis und den Inhalt der Verhaltensnormen in verfassungsrechtlich fundierten Güterschutzgesichtspunkten sucht und immer rechtsgutsbezogen versteht, statt sich auf die Moral oder Sozialethik zu berufen, dann kann man den Verhaltensunwert der Tat unabhängig von ihren ethisch-moralischen Bewertungen beurteilen.

Was die Frage betrifft, wie man aufgrund der personalen Unrechtslehre zwischen Unrecht und Schuld unterscheidet, herrscht heute in Japan noch Unklarheit. Die Unterscheidung ist m.E. in der Verschiedenheit der Beurteilungsgegenstände zu fundieren: die Rechtswidrigkeit richtet sich an die Verhaltenssteuerung und die Schuldhaftigkeit an die Antriebssteuerung des Täters.

Andererseits ist der objektivistischen Unrechtslehre, die heute mehrheitlich vertreten wird, nicht zu folgen. Sie schließt die Überlegung der Verhaltensnormwidrigkeit aus dem Unrechtsbegriff aus und beraubt ihn einer das Verhalten des Normadressaten steuernden Funktion und damit der „gestaltenden Kraft des Soziallebens“. Sie will das strafrechtliche Unrecht, das die staatliche Strafe überhaupt begründen soll, schon mit der bloßen Herbeiführung der Rechtsgutsverletzung oder -gefährdung annehmen und erweitert es über das erforderliche Maß hinaus. Straftheoretisch gesehen entspräche diese Lehrmeinung der reinen Vergeltungstheorie der Strafe.

(4) Der vierte wichtige Streit betraf Probleme der Willensfreiheit und des materiellen Schuldbegriffs. Nach dem üblichen Verständnis ist mit der Anerkennung des Schuldprinzips zugleich ein indeterministischer Standpunkt eingenommen. Die bisher herrschende Schuldlehre berief sich als theoretische Basis auf den sog. „relativen Indeterminismus“. Er besagt, dass das menschliche Verhalten von Anlage und Umwelt stark beeinflusst, aber nicht vollständig determiniert werde und es dem Menschen möglich sei, innerhalb eines gewissen Handlungsspielraums aus freiem Willensentschluss „selbstbestimmend“ eine mögliche Handlung auszuwählen, es sei denn, dass er geisteskrank ist oder sich in einer außergewöhnlichen psychischen Zwangslage befindet. Dieses frei gewählte Verhalten begründe einen moralischen Vorwurf, der vom sozialethischen Standpunkt aus gegen den Täter erhoben werde. Diese Lehrmeinung fand den einflussreichsten Vertreter - wiederum auch hier - in Dando.

Diese Position wurde seit den 60er Jahren zum Gegenstand lebhafter Diskussion. Insbeson­dere - wiederum auch hier - Hirano kritisierte sie und versuchte, aufgrund des in der an­gelsächsischen Philosophie verbreiteten „weichen Determinismus“ einen neuen Schuldbegriff aus utilitaristischer Sicht zu entwickeln. Seine Kritik an der herrschenden Schuldlehre richtete sich vor allem darauf, dass danach die Kausalgesetzlichkeit und damit die Vorhersehbarkeit des Handelns die Freiheit und die Schuld ausschließen müssten. Nach dem Modell des individuellen Anders-handeln-Könnens besitzt beispielsweise der rückfällige Dieb, der schon mehrmals wegen Diebstahls verurteilt wurde und bei dem sich die Fähigkeit, der Versuchung zur Begehung weiterer Straftaten zu widerstehen, weitgehend abgebaut hat, einen en­geren Handlungsspielraum und trägt deshalb eine geringere Schuld als derjenige, der zum ersten Mal und nur ausnahmsweise straffällig geworden ist. Je mehr die Tat von der kriminellen Einstellung des Täters herrührt, desto geringer müsste demnach die Schuld sein. Hirano meinte, dass die Kausalgesetzlichkeit des Handelns nicht gleich seine Unfreiheit bedeute. Das menschliche Handeln sei dann frei, wenn seine Ursachen nicht auf von außen determinierende Faktoren und auch nicht auf die innerliche physiologische oder biologische Schicht, sondern auf die „durch den Schuldvorwurf beeinflussbare Persönlichkeitsschicht“ zurückzuführen sind. Kurz: der Mensch sei dann frei und verantwortlich, wenn er seinem Charakter gemäß, d.h. durch seinen Charakter determiniert, gehandelt hat.

Die lebhafte Diskussion, die Hirano seit dem Anfang der 60er Jahre mit seinem utilitaristischen Schuldverständnis entfachte und bis heute keine befriedigende Lösung fand, kreiste um die Frage, ob die charakterologische Gesetzmäßigkeit der Willensentscheidung, d.h. ihre Erklärbarkeit durch den Charakter des Täters, in einer die Freiheit des Menschen einschränkenden Richtung wirkt. Dando bejahte und Hirano verneinte die Frage. Wenn z.B. ein junger Diebstahlstäter - nicht selbstverschuldet - in einem außerordentlich nachteiligen Milieu aufgewachsen ist und dadurch einen stark kriminellen Charakter erworben hat, wird dieser Umstand seine Schuld erhöhen oder mindern? Hier scheiden sich die Wege.

III. Die japanische Strafrechtsdogmatik nach der Jahrhundertwende

1. Zur Aktivierung der früher sehr zurückhaltenden Strafgesetzgebung

Wie bereits anfangs angedeutet, ist nach der Jahrtausendwende in der japanischen Gesetzge­bung und Ge­richtspraxis eine neue Tendenz deutlich hervorgetreten, deren Hintergründe in einer veränderten Gesellschaftsstruktur und einem veränderten Bürgerbewusstsein zu suchen sind. Der Trend zur Ausweitung und Verschärfung kennzeichnet das heutige japanische Strafrecht. Die Strafrechtswissenschaft der Nachkriegsphase war - sowohl bei Dando als auch bei Hirano - durch eine dem staatlichen Strafen gegenüber zurückhaltende Grundeinstellung gekennzeichnet, die den Anwendungsbereich der Strafe so klein wie möglich halten wollte. Demgegenüber neigt man heute dazu, die staatliche Einmischung mittels des Strafrechts in einem immer früheren Stadium zuzulassen und damit den Strafbarkeitsbereich nach vorne auszudehnen. Es wird zudem auf die Täter, die schwerwiegende Schäden in Bezug auf die Rechtsgüter wie insbesondere Leben, Gesundheit oder Freiheit herbeigeführt haben, mit immer härteren Strafen reagiert. Das japanische StGB wurde in den letzten 10 Jahren fast jedes Jahr in dieser punitiven Richtung hin reformiert. Die Paradigmen der japanischen Strafrechtswissenschaft der Nachkriegszeit drohen dadurch zu Fall zu kommen.

Besonders problematisch an dieser Entwicklung ist, dass damit stark emotionale und irrationale Züge verbunden sind: man interessiert sich für die empirischen Beweise über die Strafwirkung und die Abwägung von Nutzen und Schaden überhaupt nicht.

In der Zeit, in der zwischen dem Bürgerbewusstsein und der Strafrechtswissenschaft eine große Diskrepanz besteht, kommt der Aufgabe der Strafrechtswissenschaftler große Bedeutung zu, mit ihrem Fachwissen auf die Bürger einzuwirken und sie über den wissenschaftlichen Befund aufzuklären. Bei dieser Aufklärung der Bürger stoßen aber die heutigen Strafrechtswissenschaftler auf vielfache Dilemmas, die ich hier nur stichwortartig formulieren kann. Erstens fragt es sich, ob nicht die objektivistischen und erfolgsorientierten Tendenzen der japanischen Strafrechtsdogmatik die heutigen Strafverschärfungstendenzen förderten. Insbesondere ist die mehrheitlich vertretene, sich allein am Erfolgsunwert orientierende Unrechtskonzeption eigentlich nur verträglich mit der zweckfreien Vergeltungstheorie. Sie ist dafür denkbar ungeeignet, klarzustellen, dass die Strafe als ein öffentlichrechtliches Institut mit dem Rachebedürfnis der Opfer, als einem privaten Interesse, nichts zu tun hat. Zweitens mag hier auch das Phänomen der „Individualisierung“ im Sinne der neueren soziologischen Debatte (Ulrich Beck u.a.) eine Rolle spielen: Im heutigen Sozialleben wird in verschiedensten Zusammenhängen der Kompetenz des Individuums ein höherer Stellenwert beigemessen. Das Wort „Selbstbestimmung“ ist heute eine Zauberformel geworden, an die man sich immer und überall beruft. Das gilt auch für das abweichende Verhalten des Menschen. Je mehr die Kompetenz des Individuums für die Straftat betont wird und die sozialen Faktoren, die sein Entstehen begünstigen, in den Hintergrund treten, desto schwerere Schuld wird dem Individuum beigemessen. Es ist nicht auszuschließen, dass sich diese Individualisierungstendenz hinter der jetzigen Verschärfung der Strafsanktionen verbirgt. Es stellt sich drittens die Frage, ob die Strafrechtswissenschaft der Nachkriegsrära selbst die heutige Tendenz des verstärkten Gebrauchs der Strafe aus utilitaristischer Sicht, insbesondere die Vorverlegungs- und Expansionstendenz, begünstigt oder gar verursacht hat. Denn sie befolgte unter dem Opinionleader Hirano die utilitaristische bzw. zweckrationalistische Linie und bildete und pflegte - unwillentlich - das Image der Strafe als eines kostengünstigen Instruments, das man zum sozialen Güterschutzzweck immer mobilisieren kann.

2. Veränderungen der Strafrechtsdogmatik

Die japanische Strafrechtswissenschaft ist in den 90er Jahren aus einem ganz anderen Grund zur Reflexion über ihr Selbstverständnis veranlasst worden. Wir sahen uns damals genötigt, das System der Juristenausbildung gründlich zu reformieren. In der Reformdiskussion wurde eindringlich auf die Praxisferne der universitären Rechtswissenschaft hingewiesen. Ein krasses Missverhältnis bestehe zwischen der Produktion durch die Wissenschaft und der Konsumtion in der Praxis. Dies entspreche der praxisfremden Ausbildung an den juristischen Fakultäten. Die gründliche Reform, die im Jahre 2004 realisiert wurde, bestand darin, dass wir die alten juristischen Fakultäten deutscher Art beibehalten und zusätzlich die Law Schools als graduate schools US-amerikanischer Art eingeführt haben, in denen man intensiv die praxisbezogene Rechtswissenschaft erwerben soll. Da die meisten Kollegen, die heute Forschung und Ausbildung tragen, von der juristischen Fakultät zur Law School gewechselt haben und nunmehr auch unter Zusammenarbeit mit Praktikern die praxisorientierten Lehrveranstaltungen übernehmen, hat diese Reform in der Tat die erwartete Wirkung - in durchschlagender Weise - entfaltet. Das Verhältnis zwischen Lehre und Praxis hat sich in den letzten Jahren ganz wesentlich gebessert.

Auf der anderen Seite hat die Einführung des Law-School-Systems eindeutig negative Folgen für die Rechtswissenschaft mit sich gebracht. Die Erfolgsquote der ersten Staatsprüfung beträgt jetzt um die 25 %, so dass sich die Studenten der Law School bei ihrem Studium und auch die dortigen Lehrkräfte in ihren Lehrveranstaltungen stark an der Examensrelevanz orientieren müssen. Dadurch sind inzwischen Grundlagenfächer wie die Kriminologie und die Rechtsvergleichung sowie die Grundlagenprobleme der Strafrechtswissenschaft ganz in den Hintergrund gedrängt worden. Außerdem sind die Professoren der Law School durch die Lehrtätigkeiten so sehr beansprucht, dass sie wohl Urteilsbesprechungen schreiben können, aber keine Zeit und Ruhe mehr finden, sich mit den grundlegenden Untersuchungen unter Berücksichtigung der rechtsvergleichenden Erkenntnisse zu befassen. Die Rechtsvergleichung, die in Japan traditionell von eminenter wissenschaftlicher Bedeutung war, hat inzwischen an Gewicht eingebüßt. Was die heutigen juristischen Fakultäten anbelangt, überlassen sie die Vorlesungen im Strafrecht - mit wesentlich verdünntem Inhalt - jüngeren Kollegen und manche Universitäten sind aus finanziellen Gründen nicht mehr in der Lage, einen rein kriminologischen Lehrstuhl zu besetzen.

3. Krise der Strafrechtswissenschaft

Alles in allem hat die japanische Strafrechtswissenschaft in den letzten Jahren ihre Kritikfähigkeit gegenüber der Praxis eingebüßt und die Diskussionsbereitschaft für die strafrechtlich fundamentalen Probleme und Groß-Theorien, die mit praktischen Alltagsfragen wenig zu tun haben, verringert. In der neuen Epoche, in der die öffentliche Stellungnahme der Experten zu strafrechtlichen Grundfragen und die entsprechende Aufklärung der Gesellschaft bitter nötig sind, stehen wir gewissermaßen mit leeren Händen da. Die japanische Strafrechtswissenschaft droht zu verlieren: Identität als die Wissenschaft, produktive Kooperation mit ausländischen Wissenschaftlern und Einfluss auf die Gesetzgebung. Und es ist in dieser Lage fraglich, ob und wie lange sie den Respekt und das Vertrauen der Praktiker noch beibehalten kann.

IV. Abschließende Betrachtung - Was ist Strafrechtsdogmatik?

Wo liegt denn für die Strafrechtsdogmatik die Identität als eine Wissenschaft? Sie ist keine Gesetzeskunde, sondern eine interdisziplinäre Wissenschaft über den „Menschen“ und die „Gesellschaft“. Wenn man in irgendein dogmatisches Problem nur ein wenig tiefer eindringen will, dann überschreitet man sofort die Grenzen der bloßen Juristerei: Will man z. B. von der Sozialschädlichkeit einer Straftat eine mehr oder weniger genaue Kenntnis haben, muss man sich mit Soziologie, Gesellschaftstheorie oder Wirtschaftswissenschaft befassen. Macht man sich über die Schuld des Straftäters Gedanken, dann muss man die Diskussion über die Willensfreiheit auf dem Gebiet der Philosophie oder der naturwissenschaftlichen Forschungen berücksichtigen. Würde man diese Fragen aufgrund des angeblichen Mangels an der Ertragsfähigkeit für die Praxis aus dem universitären Lehrbetrieb oder sogar aus dem Forschungsgegenstand verdrängen wollen, dann würde die Strafrechtsdogmatik den Namen der Wissenschaft nicht mehr verdienen.

Das Gleiche gilt auch für den - im Allgemeinen als vergeblich bezeichneten - Streit um die finale Handlungslehre. Diese Lehrmeinung hat eindringlich auf die Verschiedenheit der Regelungsgegenstände beim vorsätzlichen und beim fahrlässigen Unrecht hingewiesen. Der eingetretene Erfolg beim fahrlässigen Delikt ist danach nicht durch den Handlungswillen gedeckt und gehört aus diesem Grund nicht zur Handlung, damit nicht zum Gegenstand des Rechtswidrigkeitsurteils. Die finale Handlungslehre hat deshalb den Standardeinwand hervorgerufen, dass sie außerstande sei, fahrlässige Handlungen als Handlungen zu erfassen.

Der bleibende wissenschaftliche Verdienst der sog. finalen Handlungslehre liegt darin, dass sie uns die Verschiedenheit der Wirkungsweise von Verhaltensnormen gelehrt hat, je nachdem, ob es sich um eine Vorsatz- oder eine Fahrlässigkeitstat handelt. Die konkretere Fahrlässigkeitsnorm kann nur unter Heranziehung des jeweiligen Verhaltenskontexts formuliert werden. Darin besteht ein wesentlicher Unterschied zwischen Vorsatz- und Fahrlässigkeitsnormen. Das Schießen mit einem geladenen Gewehr ist normwidrig, wenn es in der Absicht, eine Person A zu verletzen, erfolgt. Ob das Spielen mit einem Gewehr in der irrigen Annahme, es sei nicht geladen, wobei durch den ausgelösten Schuss der anwesende A verletzt wird, normwidrig ist, hängt von den näheren Umständen der betreffenden Tatsituation ab. Die Fahrlässigkeitsnormen sind, im Gegensatz zu Vorsatznormen, kontext- bzw. situationsabhängig. Die dogmatischen Theoriebildungen sind auf diesen Strukturunterschied der Phänomene zu gründen.

Ob diese Einsicht zutrifft oder nicht, ist eine zweitrangige Frage. Wichtig ist hier, dass die Probleme wie die der Handlungslehre oder der Willensfreiheit zum wesentlichen Bestandteil der Strafrechtswissenschaft gehört. Die Heranziehung der human-, sozial- und naturwissenschaftlichen Kenntnisse ist ebenso wenig verzichtbar wie die rechtsvergleichende Betrachtung, die uns lehrt, dass in unserem Recht universale und eigenständige Elemente untrennbar zusammen bestehen.