Eule
S a a r b r ü c k e r   B i b l i o t h e k

(http://www.jura.uni-sb.de/projekte/Bibliothek)




Jürgen Domes

Politischer Systemwandel und Systemwechsel

Abschieds-Vorlesung Juli 1997


Gliederung

1. Welche Typen von Systemveränderungen können unterschieden werden ?
2. Welche Wirkzusammenhänge sind hinter der weltweiten Welle
    des Systemwandels und Systemwechsels zu erkennen ?
3. Wie stellen sich aus der Sicht des Sommers 1997
    die Zukunftsperspektiven für Systemveränderungen dar ?





Liebe Kolleginnen und Kollegen,
liebe Kommilitoninnen und Kommilitonen,
meine sehr verehrten Damen und Herren,

vor fast 22 Jahren, am 21. Oktober 1975, hielt ich an dieser Universität meine erste Vorlesung. Jetzt ist die Zeit gekommen, mit einer letzten Vorlesung von der Universität des Saarlandes Abschied zu nehmen. Diese Universität hat mir Zeiten der wissenschaftlichen Arbeit und der akademischen Lehre gewährt, die ich zu den erfreulichsten Erfahrungen meines Lebens zähle. Sie hat mir gleichzeitig aber auch in den letzten Jahren meine Arbeit und meinen Einsatz - nicht von seiten meiner Fakultät und meiner Kollegen, wohl aber von seiten der Spitze und Verwaltung der Universität und vor allem von der Regierung dieses Landes - in kaum noch erträglicher Weise erschwert, ja sogar vergällt. Heute jedoch nehme ich Abschied von meinen Studenten und von den Kollegen, die mir immer wieder Freude und Befriedigung vermittelten. Dieser Abschied ist deshalb vor allem ein Dank an Sie alle.

Der Zufall der Semester-Einteilung unserer Hauptvorlesungen hat es gefügt, daß meine letzte Vorlesung in vollem Amt an dieser Universität gerade jene Vorlesung war, die ich am liebsten gehalten habe. Ich bot sie insgesamt achtmal in Deutsch an dieser Universität an, einmal in englischer Sprache an der University of California, Berkeley und einmal in Chinesisch an der Nationalen Taiwan-Universität in Taipei. Sie hat mich selbst immer wieder fasziniert, weil sie ein zentrales Thema unserer Wissenschaft behandelt: die Typologie politischer Systeme.

Heute endet diese Vorlesung mit einer Session, die der Veränderung politischer Systeme gewidmet ist. Sie endet mit diesem Thema seit 1991, als ich, ebenso wie manche, wenn auch keineswegs alle meiner Fachkollegen auf die fundamentalen historischen Veränderungen reagierte, die in den letzten 25 Jahren die Weltpolitik bestimmt haben.

Zum Abschluß meiner Tätigkeit in der akademischen Lehre an dieser Universität wende ich mich nun also einem Thema zu, das uns alle seit Jahren intensiv bewegt. Dabei will ich nicht mehr als tentative und vielfacher kritischer Auseinandersetzung ebenso wie möglichen Korrekturen offene einleitende Beobachtungen vorlegen.

Mit einem Militärputsch, der formell, aber nicht tatsächlich, von General Antonio de Spinola geführt wurde (1910-96), stürzten am 25. April 1974 junge Offiziere der portugiesischen Armee die autoritäre Bewahrungsdik-tatur Marcelo Caetanos, des Nachfolgers von Antonio de Oliveira Salazar, in Portugal. Nach erheblichen Übergangsschwierigkeiten und einer Anzahl schwerer Krisen entwickelte sich in jenem Lande ein parlamentarisches  Repräsentativsystem, das heute in vollem Umfange als stabilisiert erscheint.

Nach einer schweren außenpolitischen Niederlage trat am 23./24. Juli 1974, also noch im selben Jahr, die griechische Militärjunta zurück. Mit der Einladung an den früheren Premierminister Konstantin Karamanlis (1907-), in das Land zurückzukehren und die Leitung der Regierung zu übernehmen, beendete die Junta selbst ihre autoritäre Bewahrungsdiktatur. So wurde der Weg zur Errichtung eines parlamentarischen Repräsentativsystems in Griechenland geebnet, das ebenfalls heute als stabilisiert angesehen werden kann.

Seither, also in den vergangenen 23 Jahren, wurden die autoritären Bewahrungsdiktaturen in insgesamt 18 Staaten in Repräsentativsysteme verwandelt.

Im gleichen Zeitraum wandelten sich die politischen Systeme von sieben Staaten von autoritären Entwicklungsdiktaturen zu Repräsentativsystemen. Darüber hinaus befindet sich die autoritäre Entwicklungsdiktatur Mexikos seit mehreren Jahren in einem Vorgang der Veränderung zu einem präsidialen Repräsentativsystem, dessen Abschluß mit den Wahlen vom 6. Juli absehbar geworden ist.

Eine neue Welle der Veränderung politischer Systeme wurde eingeleitet, als vom 25. bis zum 31. Oktober 1983 amerikanische Truppen auf der karibischen Insel Grenada die Unruhen beendeten, die aus Konflikten innerhalb der kommunistischen Herrschaftselite jenes Staates entstanden waren und mit dieser Aktion das kommunistische Einparteisystem Grenadas eliminierten.

Am 4. Juni 1989 siegte die lange Zeit illegale polnische Arbeiterbewegung `Solidarnosc' in der Form einer als `Bürgerkomitee' bezeichneten politischen Gruppe in den ersten nahezu freien Wahlen in Polen seit 1926. `Solidarnosc' errang eine überwiegende Mehrheit im Senat und eine starke Vertretung in dem nur zum Teil neu gewählten Abgeordne-tenhaus, dem `Sejm'. Die kommunistische Partei erhielt nur etwas mehr als acht Prozent der Stimmen.

Seither haben sich die politischen Systeme von fünf bis dahin kommunistisch regierten Staaten in Repräsentativsysteme gewandelt.

Drei früher kommunistisch regierte Staaten verschwanden von der politischen Szene: Die `Deutsche Demokratische Republik' (DDR, also der sowjetisch besetzte östliche Teil Deutschlands), die Sowjetunion und Jugoslawien in seiner von 1918 bis 1941 und von 1945 bis 1991 bestehenden Form. In sechs früher kommunistisch regierten Staaten hat der Vorgang der Veränderung zu einem Repräsentativsystem begonnen, kann aber noch nicht als abgeschlossen gelten, und in Nepal vollzog sich ein Vorgang der Veränderung von einer traditionellen Autokratie zu einem parlamentarischen Repräsentativsystem, das heute nahe der Stabilisierung ist.

Insgesamt wurden in den vergangenen 23 Jahren die politischen Systeme von 32 Staaten von autoritären Diktaturen oder kommunistischen Einparteisystemen in Repräsentativsysteme verwandelt. Diese Repräsentativsysteme erscheinen in 14 Staaten als stabilisiert im Sinne eines konsolidierten Parteiensystems und regelmäßiger, korrekt durchgeführter Wahlen, während sie sich in 18 Staaten noch im Vorgang der Stabilisierung befinden. In elf weiteren Staaten ist die Systemveränderung eingeleitet worden, so daß sich die politischen Systeme von insgesamt 43 Staaten oder 22,63 Prozent aller Staaten der Erde im Laufe von 23 Jahren verändert haben oder in Veränderung befinden. Nur eine politische Einheit, die Fiji-Inseln im Südpazifik, ersetzte ein Repräsentativsystem durch eine autoritäre Bewahrungsdiktatur. Ein weiteres Land, Niger, ist von einem unstabilisierten konstitutionellen Repräsentativsy-stem zu einer autoritären Bewahrungsdiktatur zurückgekehrt.

Diese Welle der Systemveränderung, die sich in nicht ganz einem Vierteljahrhundert in fast einem Viertel aller Staaten der Erde vollzog, fordert die Politikwissenschaft zu umfassenden systematischen Überle-gungen heraus. Solche Überlegungen stelle auch ich heute in ersten Ansätzen hier zur Diskussion. Dabei gilt es, zunächst festzuhalten, daß Vorgänge der Systemveränderung sich nicht nur in verhältnismäßig hoch entwickelten Gesellschaften, sondern auch in Gesellschaften im 

Stadium der frühindustriellen und sogar der agrarischen Gesellschaftsformation vollzogen. Das Phänomen der Systemveränderung hat also - und dies gilt es, sich zu verdeutlichen - weltweite Dimensionen angenommen, die nicht in jedem Fall von klaren sozialen Bezügen bestimmt werden.

Drei Leitfragen sollen meine Bemerkungen in dieser heutigen Session ordnen:

. Welche Typen von Systemveränderungen können unterschieden werden ?

. Welche Wirkzusammenhänge sind hinter der weltweilen Welle des Systemwandels und des Systemwechsels zu erkennen ? und

. Wie stellen sich aus der Sicht des Sommers 1997 die Zukunftsperspektiven für Systemveränderungen dar ?

Wir wenden uns jetzt der ersten Leitfrage zu:

1. Welche Typen von Systemveränderungen können unterschieden werden ?

Unsere Untersuchungen müssen mit klaren Definitionen der Begriffe beginnen, die wir hier benutzen. Bisher habe ich sehr allgemein von Systemveränderung gesprochen. Jetzt gilt es, zwei Grundtypen der Systemveränderung zu unterscheiden, nämlich den Systemwandel und den Systemwechsel.

Als Systemwandel bezeichne ich die geplante und schrittweise Veränderung eines politischen Systems durch einen Vorgang, in dem die bisher herrschende Elite oder zumindest Teile der bisher herrschenden Elite eine aktive, wenn nicht gar die initiative Rolle spielen.

Der Begriff Systemwechsel bezeichnet demgegenüber eine Systemveränderung, die sich durch den mehr oder weniger gewaltsamen Zusammenbruch des bisherigen politischen Systems vollzog. Der Grundtyp des Systemwandels ist bisher überwiegend in zwei deutlich unterscheidbaren Untertypen aufgetreten:

* Dem Typ des weitgehend von der bisherigen Herrschaftselite geplanten und kontrollierten Systemwandels; und

* dem Typ des Systemwandels, der zwar ebenfalls von der bisherigen Herrschaftselite oder Teilen von ihr geplant, aber durch Massendemonstrationen und Streiks massiv gefördert, ja, beschleunigt wurde.

Der erste Untertyp des Systemwandels - geplant und von der Herrschaftselite weitgehend kontrolliert - läßt sich durch drei Beispiele von geradezu klassischem Charakter illustrieren:

Erstens: Spanien von 1975 bis 1977.

Nach dem Tode Francos im November 1975 wurde von der Herrschaftselite der bis dahin bestehenden autoritären Bewahrungsdiktatur unter starker Beteiligung des Königs Juan Carlos (1938-) eine neue Verfassung entworfen. Der Vorgang des Wandels zu einem parlamentarischen Repräsentativsystem begann mit dem Tode des Diktators am 20. November 1975 und endete mit der Bildung des ersten parlamentarischen Mehrheitskabinetts am 7. Juli 1977 als Ergebnis der ersten freien Konkurrenzwahlen am 15. Juni jenes Jahres.

Zweitens: Die Republik China auf Taiwan zwischen 1986 und 1992. Auf der Grundlage von detaillierten Konzepten, die in den späten siebziger Jahren entwickelt worden waren, wurde der Wandel von einer autoritären Entwicklungsdiktatur zu einem konstitutionellen Repräsentativsystem von der Herrschaftselite als ein Vorgang der schrittweisen Verstärkung und Erweiterung der politischen Beteiligung vor allem über Wahlen betrieben. Diese Durchsetzung freier Konkurrenzwahlen war mit Bezug auf die zentralen Repräsentativkörperschaften Ende 1992 abgeschlossen. Sie fand ihre endgültige Vollendung mit der Volkswahl des Präsidenten der Republik im Frühjahr 1996.

Drittens: Ungarn zwischen 1988 und 1990.

Hier wurde der Vorgang des Systemwandels aus der Mitte der kommunistischen Herrschaftselite eingeleitet, deren Mehrheit eine Spaltung der Einheitspartei herbeiführte. Dieser Vorgang begann mit dem Sturz des langjährigen Parteiführers Kádár János (1913-89) im Mai 1988. Er endete mit den Konkurrenzwahlen vom 25. März und 8. April 1990, in denen die beiden jetzt konkurrierenden kommunistischen Parteien zusammen nur etwas über 14 Prozent der Stimmen erringen konnten.

Auch der zweite Untertyp des Sytemwandels - von der Herrschaftselite oder Teilen von ihr geplant, aber durch Massendemonstrationen und Streiks gefördert - läßt sich durch drei Beispiele verdeutlichen:

Erstens: Südkorea zwischen 1987 und 1992.

Unter massivem Druck der Bevölkerung leitete die Herrschaftselite hier in der zweiten Hälfte des Jahres 1987 den Wandel von einer autoritären Entwicklungsdiktatur zu einem konstitutionellen Repräsentativsystem ein. Erste freie Konkurrenzwahlen wurden im April 1988 ab-gehalten, und der Wandlungsvorgang schloß mit der Wahl des ersten zivilen Präsidenten seit 1960 im Dezember 1992 ab.

Zweitens: Bulgarien von 1988 bis 1991.

In Bulgarien wurde der Systemwandel von einem kommunistischen Einparteisystem zu einem parlamentarischen Repräsentativsystem seit 1988 durch Teile der bisherigen kommunistischen Herrschaftselite eingeleitet. Massive Demonstrationen der Bevölkerung unterstützten diesen Vorgang, der mit einem ersten Wahlsieg der antikommunistischen Opposition bei den Konkurrenzwahlen zum Parlament im Oktober 1991 als abgeschlossen gelten konnte.

Drittens: Thailand im Jahre 1992.

wurde durch einen Militärputsch erneut eine Bewahrungsdiktatur errichtet, die im März 1992 manipulierte Wahlen abhielt. Gegen die Militärherrschaft demonstrierten im Mai 1992 große Teile der Bangkoker Bevölkerung. Diese Demonstrationen wurden auf Befehl der herrschenden Militärgruppe blutig niedergeschlagen. In der Ablehnung dieser Gewaltmaßnahmen trafen sich der König Phumipol Aduljadetj (1927-), eine starke Minderheit der Militärführung und die weiterhin massiv protestierende Bevölkerung. Diese Koalition erzwang vier Tage nach den blutigen Zusammenstößen in der Hauptstadt den Rücktritt der regierenden Militärgruppe und leitete einen Vorgang des Wandels zu einem parlamentarischen Repräsentativsystem ein, der mit freien Konkurrenzwahlen im September 1992 und der Bildung einer zivilen Regierung seinen Abschluß fand. In den fünf Jahren seither hat sich das parlamentarische Repräsentativsystem offenbar konsolidiert.

Auch für den Grundtyp des Systemwechsels lassen sich deutlich zwei Untertypen erkennen:

* Der Typ des Systemwechsels durch den Zusammenbruch des alten Systems und die gewaltlose Übernahme der Führung durch die Opposition; und

* der Typ des Systemwechsels durch den gewaltsam oder mit Androhung von Gewalt vollzogenen Sturz der bisherigen Herrschaftselite und ihres Systems.

Außer dem Zusammenbruch der autoritären Bewahrungsdiktatur in Griechenland im Juli 1974, den ich bereits erwähnte, können drei Beispiele für den Untertyp des Systemwechsels durch den Zusammenbruch des alten Systems auf unblutige Weise aufgeführt werden:

Erstens: Argentinien, wo die militärische autoritäre Bewahrungsdiktatur zwischen Juli 1982 und November 1983 zusammenbrach und durch ein präsidiales Repräsentativsystem ersetzt wurde.

Zweitens: Die DDR, wo das kommunistische Einparteisystem zwischen September 1989 und dem 18. März 1990 zusammenbrach, als die ersten freien Konkurrenzwahlen zur Volkskammer - die ersten freien Wahlen im Osten Deutschlands seit 57 Jahren - mit einer Niederlage der Kommunisten endeten.

Drittens: Die Tschechoslowakische Sozialistische Republik, wo das kommunistische Einparteisystem zwischen dem Beginn antikommunistischer Massendemonstrationen am 11. November 1989 und der Wahl des Dissidentenführers Vaclav Havel (1936-) zum Präsidenten durch das Parlament am 29. Dezember 1989 zusammenbrach.

Auch für den zweiten Untertyp des Systemwechsels - Sturz der bisherigen Herrschaftselite durch Androhung oder Anwendung von Gewalt - mögen hier drei Beispiele stehen:

Erstens: Die Philippinen, wo das Militär am 24./25. Februar 1986 die autoritäre Bewahrungsdiktatur von Ferdinand Marcos (1917-89) stürzte und damit den Weg für die Wiedereinführung des 1972 von Marcos abgeschafften präsidialen Repräsentativsystems ebnete.

Zweitens: Rumänien, wo ein von Teilen der Armee unterstützter gewaltsamer Volksaufstand vom 16. bis zum 26. Dezember 1989 das kommunistische Einparteisystem stürzte.

Drittens: Mali, wo im März 1991 Massendemonstrationen gegen die damals bestehende militärische autoritäre Bewahrungsdiktatur einen Mi-litärputsch von Gegnern der Diktatur in der Armee bewirkten. Dieser Putsch leitete den Vorgang des Wechsels zu einem konstitutionellen Repräsentativsystem ein, der mit freien Konkurrenzwahlen im März und Mai 1992 seinen vorläufigen Abschluß fand.

Vor dem Hintergrund dieser Unterscheidung von Typen der Systemveränderung stellt sich die zweite Leitfrage zu unserem Thema:

2. Welche Wirkzusammenhänge sind hinter der weltweiten Welle des Systemwandels und Systemwechsels zu erkennen ?

Wenn wir jeden einzelnen Fall der Systemveränderung seit der Mitte der siebziger Jahre genauer untersuchen würden, stellten wir fest, daß jeder 

Fall seine sehr spezifische Geschichte hat. Trotz aller Besonderheiten lassen sich jedoch allgemeine Beobachtungen festhalten. Zunächst sind aber zwei grundlegende Feststellungen zu treffen:

Erstens: Die bedeutsamste Voraussetzung für einen Systemwandel von jedem Typ monokratischer Herrschaft zu jedem Typ eines Repräsen-tativsystems ist die Bereitschaft der jeweiligen Herrschaftselite, ihr Machtmonopol aufzugeben und so den Verlust der Macht zu riskieren.

Zweitens: Systemwechsel kommt offenkundig dann zustande, wenn die Herrschaftselite eben diese Bereitschaft zum Verzicht auf ihr Machtmonopol nicht aufbringt.

Um die Korrektheit dieser beiden grundlegenden Feststellungen zu belegen, gibt es kaum bessere Beispiele als diejenigen der Volksrepublik China und der Republik China auf Taiwan. Während die Herrschaftselite der Kuomintang auf Taiwan im Jahre 1989 freie Konkurrenzwahlen zur Ergänzung des zentalen Parlaments sowie Wahlen zu den regionalen Vertretungskörperschaften und den Positionen der Oberbürgermeister und Landräte vorbereitete, wurde die kommunistische Herrschaftselite in der Volksrepublik China durch eine umfassende städtische Demokratiebewegung herausgefordert. Diese Bewegung schlug sie im Juni jenes Jahres blutig nieder, da sie nicht bereit war, ihre Macht zu teilen. In der Volksrepublik China kam damals keine Systemveränderung zustande, da einerseits die Demokratiebewegung sich zu einem gewaltlosen Vorgehen verpflichtet fühlte und andererseits die Herrschenden brutale militärische Gewalt anwandten. Aber die Erhebung der chinesischen Demokratiebewegung in den fünfzig Tagen seit der ersten Massendemonstration in Peking am 17. April 1989 ebenso wie das blutige Ende dieser Bewegung in dem Massaker vom 4. Juni bewirkten außerhalb Chinas einen politischen Erdrutsch, der im Laufe der folgenden acht bis zehn Monate die kommunistischen Einparteisysteme in Mittel- und Osteuropa unter sich begrub.

Mit dieser Beobachtung haben wir einen der Wirkzusammenhänge, auf welche die Systemveränderungen in den vergangenen mehr als zwei Jahrzehnten meiner Auffassung nach zurückzuführen sind, erkannt. Unbeschadet aller Besonderheiten der einzelnen Fälle lassen sich offenbar fünf solcher Wirkzusammenhänge feststellen:

Erstens: Beide Typen der Systemveränderung - Systemwandel und Systemwechsel -, und zwar nicht nur - wenn auch vorwiegend - von Monokratien zu Repräsentativsystemen, sondern auch von Repräsentativsystemen zu Monokratien können bewirkt werden und wurden tatsächlich bewirkt durch auswärtige Einflüsse und auch auswärtigen Druck. Dazu gehören

* diplomatische Isolierung, Wirtschaftsboykott und der Ausschluß aus internationalen Organisationen;

* die Zusage wirtschaftlicher und militärischer Unterstützung:

* Indoktrinierung, Infiltration und Subversion; oder/auch

* Systemveränderungen in geographischer Nähe.

Zweitens: Systemveränderungen erscheinen in vielen Fällen als die Konsequenz aus der Entstehung der Gesellschaftsformationen einer entwickelten industriellen Massengesellschaft und mehr noch einer nachindustriellen Dienstleistungs- und Kommunikatinsgesellschaft. Im Vorgang der Entwicklung dieser Gesellschaftsformationen beobachten wir

* eine schnelle Verbesserung des allgemeinen Erziehungsstandards, in deren Verlauf in zunehmendem Maße intellektuelle Kriterien an Bedeutung gewinnen, die nicht mehr an den einzelnen Nationalstaat gebunden sind;

* die Herausbildung einer starken Mittelschicht, und zwar ebenso in der Selbsteinschätzung von Menschen, also nach subjektiven, wie auch nach dem Einkommensstand, also nach objektiven Kriterien; und

* das massive Anwachsen unkontrollierbarer Informationsmöglichkeiten, wie zum Beispiel Satellitenfernsehen, Telefax und Internet-Kommunikation.

Drittens: Vor allem bei doktringebundenen, totalistischen Einparteisystemen, aber auch bei manchen autoritären Entwicklungsdiktaturen werden Systemwandel und Systemwechsel durch die Erosion der Staatsdoktrin gefördert - ja, oft herbeigeführt. In dem Maße, in dem die Glaubwürdigkeit einer Doktrin entweder aufgrund erkennbar geringer Leistungsfähigkeit verlorengeht oder auch weil ihre Inhalte dem Stand der wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklung nicht mehr entsprechen, werden die Forderungen nach Systemveränderung lauter.

Viertens: Systemveränderungen können durch Wirtschaftskrisen gefördert und vor allem beschleunigt werden, wie es nicht nur in allen kommunistisch regierten Ländern, sondern auch in einer Anzahl von lateinamerikanischen Staaten beobachtet werden konnte.

Fünftens: Systemveränderungen wurden schließlich durch schwere außenpolitische und militärische Niederlagen der Herrschaftselite bewirkt. Eben dies konnten wir, um Beispiele zu nennen, in dem Fall der griechischen Militärjunta, die nach dem gescheiterten Versuch, den türkischen Teil Zyperns zu erobern, zurücktrat, ebenso beobachten wie bei der argentinischen Militärjunta, die nach der Niederlage im Falkland-Krieg von 1982 ihre Macht verlor.

In der Regel bewirkt eine Kombination von zwei, drei oder gar vier dieser Gründe Systemwandel oder Systemwechsel. So verband sich in Argentinien die militärische Niederlage mit einer schwerwiegenden Wirtschafts-krise, um den Sturz der militärischen autoritären Bewahrungsdiktatur herbeizuführen. In der Tschechoslowakei, der DDR, Polen und Ungarn hatte sich mit einer deutlichen Wirtschaftskrise die Erosion der Doktrin verbunden. Diese Erosion wurde dadurch beschleunigt und verschärft, daß die ständig wachsende Attraktivität des westeuropäischen Lebens durh das Fernsehen in die Wohnzimmer der Menschen transportiert oder auch umittelbar durch Besuche von Verwandten und Freunden vermittelt wurde.

An diesem Punkt stellt sich die Frage, ob es ein allgemeines Konzept gibt, mit dem die Stabilität, die Unstabilität und auch die Funktionalität politischer Systeme dargestellt werden könnten.

In seinem 1951 erschienenen Buch `The Social System' hat der amerikanische Soziologe Talcott Parsons (1902-1979) die zuerst im Bereich der Naturwissenschaften entwickelte und dort mit überzeugenden Ergebnissen angewandte Systemtheorie als systematisches Erklärungskonzept auf die Gesellschaft übertragen. Parsons formulierte eine struktural-funktionalistische Variante der Systemtheorie, die uns in der Tat weiterhelfen kann. In diesem Konzept wird die Gesellschaft als ein umfassendes System verstanden, das, um im Gleichgewicht und damit erhalten zu bleiben, vier Aufgaben zu lösen hat:

. Die Anpassung an seine Umwelt (Adaptation);

. die Verwirklichung der Ziele, die sich das System setzt (Goal attainment);

. die Lösung innerer Spannungen durch Integration (Integration); sowie

. die Erhaltung der Substanz seiner Grundstrukturen (Latent pattern maintenance).

Diese Aufgaben sind - nach den Anfangsbuchstaben ihrer englischen Zentralbegriffe als `AGIL-Schema' bezeichnet - die Funktionen des Systems. Strukturen, also Systemteile und die Muster der Wechselwirkungen zwischen diesen Systemteilen, welche zur Lösung der eben genannten vier Aufgaben beitragen, gelten als `funktional'. Erfüllen die Strukturen diesen Auftrag nicht mehr, dann sind sie `dysfunktional' geworden.

Kritiker haben Parsons vorgeworfen, sein Konzept enthalte eine grundsätzlich `konservative' Voreingenommenheit (conservative bias): Es sei ausschließlich auf Systemerhaltung und Systemstabilisierung angelegt und deshalb nicht geeignet, gesellschaftliche und politische Veränderungsvorgänge zu erfassen.

Dieser Vorwurf erscheint mir in bezug auf das ursprüngliche Konzept von Parsons als zumindest teilweise berechtigt. Indem wir die struktural-funktionalistische Variante der Systemtheorie jedoch vom gesamtgesellschaftlichen auf das politische System übertragen, wie ich es vorschlage, werden die analytischen Stärken dieser Vorgehensweise verdeutlicht, und zugleich wird ihre Schwäche - die `konservative' Voreingenommenheit - überwunden.

In Anlehnung an Parsons verstehen wir das politische System eines Landes in seinen inneren Strukturen als ein Gefüge von `Akteuren', also von Faktoren, die in Wechselbeziehungen stehen und miteinander ebenso wie gegeneinander handeln. Dabei gibt es institutionelle und funktionelle Akteure, die auch als Organe des institutionellen Entscheidungsrahmens beziehungsweise als politische Kräfte oder Instrumente der politischen Interessenartikulierung bezeichnet werden können.

Solange nun die Akteure in einem gegebenen politischen System die vier Aufgaben des Parsons'schen `AGIL-Schemas' zumindest weitgehend erfüllen, kann dieses System als funktional angesehen werden. Ist das System hingegen dysfunktional geworden - und eben dies erscheint mir als 

die Kernursache von Systemkrisen und Systemveränderungen -, dann bietet sich der Herrschaftselite eine Option:

Sie kann entweder den Vorgang einer Funktionalisierung des Systems durch grundlegende Strukturveränderungen einleiten oder sie kann zu ständig steigenden Kosten den Versuch unternehmen, die bisherigen Strukturen zu erhalten. Der erstgenannte Weg führt offenbar zu einem evolutionären Systemwandel, der zweite früher oder später zum Zusammenbruch des dysfunktional gebliebenen und deshalb zerfallenden Systems, also zum revolutionären Systemwechsel.

Parsons' struktural-funktionalistische Variante der Systemtheorie in dieser von mir vorgeschlagenen Version bedarf als ein denkbares Konzept der Interpretation von Stabilität, Funktionalität und Re-Funktionalisierung politischer Systeme ohne Zweifel der Verifizierung, Falsifizierung oder Modifizierung durch eine Fülle empirischer Fallstudien. Solche Fallstudien werden in der Politikwissenschaft seit nicht ganz einem Jahrzehnt in großer Zahl durchgeführt. Wenn und soweit ihre Ergebnisse vorliegen, wird es nötig sein, das hier vorgetragene Konzept zu überprüfen.

Wir aber wenden uns jetzt abschließend unserer dritten Leitfrage zu:

3. Wie stellen sich aus der Sicht des Sommers 1997 die Zukunftsperspektiven für Systemveränderungen dar ?

In einer Reaktion auf die Welle des Systemwandels und Systemwechsels von kommunistischen Einparteisystemen zu Repräsentativsystemen in 

den Jahren von 1989 bis 1991 zeichnete sich in ehemals kommunistisch regierten Ländern zunächst zwischen 1992 und 1994 die Tendenz ab, daß die reorganisierten und zum Teil mit revidierter Doktrin operierenden ehemaligen kommunistischen Parteien Wahlerfolge erzielten, die von den meisten Beobachtern zuvor nicht erwartet worden waren.

Dies gilt für den Sieg der kommunistischen `Revolutionären Volkspartei' in den ersten freien Konkurrenzwahlen in der Mongolei im Juni 1992 ebenso wie für die Siege der zum Teil reformierten, zum Teil weiterhin einen orthodoxen Kurs verfolgenden ehemaligen kommunistischen Parteien bei den Wahlen in Litauen im Oktober/November 1992, in Polen im September 1993, in Ungarn im Mai 1994 und in Bulgarien im Dezember 1994. Weitverbreitete Enttäuschung über die zunächst sozial negativen Wirkungen der Wirtschaftsreformen förderte in diesen Ländern die zum Teil in der Erinnerung verklärte Sehnsucht nach einer Rückkehr zu den auf sehr niedrigem Niveau relativ gesicherten Lebensumständen in der Ära der kommunistischen Einparteisysteme.

Seit einem Jahr vollzieht sich jedoch in einer Anzahl ehemals kommunistisch regierter Staaten ein erneuter Wandel zu stärkerer Unterstützung der politischen Kräfte, welche 1989 bis 1991 zum Zusammenbruch der kommunistischen Herrschaftssysteme beigetragen hatten. So siegten antikommunistische Parteien und Wahlbündnisse bei den Parlamentswahlen in der Mongolei im Juni 1996, bei den Parlamentswahlen in Litauen, den Präsidentschfts- und Parlamentswahlen in Rumänien sowie den Präsidentschaftswahlen in Bulgarien im Oktober und November 1996 und schließlich auch bei den bulgarischen Parlamentswahlen im April dieses Jahres.

Die neue Welle der Entkommunisierung in diesen Wahlen könnte bewirken, daß wir beginnen, mit einer ungehinderten, dauernden Ausbreitung der Repräsentativsysteme zu rechnen. Vor einer solchen, unilinearen Projektion muß jedoch gewarnt werden. Es gilt vielmehr, mit der Entwicklung alternativer Projektionen zu operieren, wie dies den Sozialwissenschaften ansteht. 

Drei solcher alternativer Projektionen können entwickelt werden:

Die Projektion einer kontinuierlichen Fortsetzung des Wandels von unterschiedlichen Typen der Monokratie zu Repräsentativsystemen in der ganzen Welt. Diese Projektionen bestimmte vor allem die Hypothesen von Francis Fukuyama über das, was er das `Ende der Geschichte' nennt. Er argumentiert:

"War wir heute erleben, ist vielleicht das Ende der Geschichte als solcher, das heißt der Endpunkt der ideologischen Evolution der Menschheit und die Universalisierung der westlich-liberalen Demokratie als definitiver Regierungsform des Menschen".

Eine ähnliche Position vertritt auch der Kölner Staatsrechtslehrer Martin Kriele mit seiner Hypothese von der `demokratischen Weltrevolution', die kontinuierlich weitergehen werde, bis nach nicht allzu langer Zeit die meisten Staaten der Erde nach den Grundsätzen der Demokratie, also in den Strukturen von Repräsentativsystemen, regiert werden würden.

2. Die Projektion einer Wendung der weltweiten Tendenz, also eines erneuten Rückganges der Zahl der Staaten mit Repräsentativsystemen - wie schon einmal zwischen 1960 und der Mitte der siebziger Jahre - und einer erneuten Ausbreitung sowohl von doktringebundenen Einparteisystemen als auch von autoritären Diktaturen.

3. Die Projektion eines wechselnden Verlaufs der Entwicklung von Systemtypen, bei denen einer Welle der Ausbreitung von Repräsentativsystemen eine Welle der Zunahme von Monokratien und dieser wiederum eine neue Welle der Ausbreitung von Repräsentativsystemen folgen. Eine solche Entwicklung prognostizierte Samuel P. Huntington in seinem 1991 erschienenen Buch `The Third Wave', in dem er aus früheren Tendenzwechseln schloß, daß sich auch in Zukunft ein Aufeinanderfolgen unterschiedlicher weltweiter politischer Trends abzeichnen werde. Dabei werde allerdings, so Huntington weiter, in langfristiger Perspektive die Ausbreitung von Demokratien oder Repräsentativsystemen fortgesetzt werden.

Für die von ihm seit dem Ersten Weltkrieg festgehaltenen drei Wellen der Ausbreitung von Demokratien - in den frühen zwanziger Jahren, nach dem Zweiten Weltkrieg sowie von 1974 bis 1991 - konstatiert 

Huntington, daß die Zahl der Repräsentativsysteme trotz der nach diesen Wellen jeweils entstandenen Reduzierung dieser Zahl in jedem Fall größer war als nach der vorangegangenen Welle, und er prognostiziert, daß diese Entwicklung sich auch in Zukunft fortsetzen werde.

Ich vertrete die Auffassung, daß jede dieser drei alternativen Projektionen Wirklichkeit werden könnte, daß aber die dritte, also diejenige eines wechselnden Verlaufs der Entwicklung von Systemtypen, mit einem insgesamt langsamen, aber doch deutlichen Ansteigen der Zahl der Repräsentativsysteme am ehesten wahrscheinlich ist.

Dies bedeutet, daß wir auch weiterhin, wenn auch gewiß mit zeitweilig gegenläufigen Tendenzen, eine Ausweitung der Repräsentativsysteme erwarten können.

Repräsentativsysteme oder Demokratien werden also wohl doch, wenn auch in einem langwierigen, oft schmerzhaften Vorgang mit vielen Rück-schlägen, in der Zukunft der weltweit dominierende Typ politischer Systeme werden.

Diese Tendenz zu einer langsamen Demokratisierung der Welt - nicht zu einer schnellen `demokratischen Weltrevolution' - ist meiner Auffassung nach darauf zurückzuführen, daß Demokratien die flexibelsten, an Veränderungen wirtschaftlicher, gesellschaftlicher und technischer Natur anpassungsfähigsten Typen politischer Systeme darstellen. Sie geben dem 

einzelnen zwar nicht alle Fähigkeit, seine Vorstellungen durchzusetzen, aber doch unter allen Typen politischer Systeme das relativ höchste Maß der Fähigkeit zur Beeinflussung von Politik. Durch das Instrument der Konkurrenzwahlen sichern sie, daß die Bäume der Machthaber nicht in den Himmel wachsen.

Aus diesem Grunde lohnt sich der persönliche Einsatz für das Bestehen und die Erweiterung demokratischer Repräsentativsysteme. Aus diesem Grunde war es auch für mich Freude und Genugtuung, drei Jahrzehnte lang innerhalb einer Demokratie Politik analysieren und Politikwissenschaft lehren zu können.


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