Rechtsgeschichte, Translationswissenschaft und Missionslinguistik(1)

Thomas Gergen



I n h a l t s ü b e r s i c h t
1. Translation als Forschungsfeld
2. Recht und Sprache als Schnittmenge gemeinsamer Forschung
3. Heutige Begegnungen von Recht und Sprache
4. Prozesse des Transfers von Rechtswissen
5. Missionslinguistik als Beispiel für den Umgang der Kirche mit der Mehrsprachigkeit
    5.1 Die Kirche als sprach- und übersetzungserfahrene "globale Institution"
    5.2 Christliche Missionierung und Sprachkonflikte in Iberoamerika
    5.3 Formen und Techniken der Translation am Beispiel Brasilien
6. Fazit: Großes Potenzial der Missionslinguistik für die Rechtsgeschichte
    Literatur


1. Translation als Forschungsfeld

Nachdem sich das Übersetzen nach dem Zweiten Weltkrieg als Wissenschaft herausgebildet hatte, entwickelte sich die damit verbundene Forschung in den 1980er Jahren zu einer kulturell ausgerichteten Translationswissenschaft und zu einem Teil der Sozial- und Kulturwissenschaften (z. B. jüngst Stockhorst 2010). Diese Entwicklungen hat Alberto Gil wissenschaftlich verfolgt und mit seinen Forschungen zu Translation und Rhetorik unterstützt. Auch die Rechtsgeschichte kann und sollte aus diesen Forschungen neues Potenzial schöpfen. Denn es ist die Sprache, die das Recht in Worte gießt und mit deren Hilfe Rechtswissen, Rechtskultur und Ideen transferiert werden. Dies geschieht innerhalb ein und derselben Sprache, aber vor allem auch interlingual. Viele Geisteswissenschaften haben ihre Aussagen linguistisch überprüft und semantische Konzepte entworfen. Die Juristen mussten ebenfalls lernen, dass Übersetzung viel weiter zu verstehen und mit den vielen Facetten der Translation zu erfassen ist, die nach der griffigen Definition von Erich Prunč (2009: 116 f.) als ein zentraler Ort des interkulturellen Wissenstransfers und des Austausches symbolischer Güter erfasst werden kann.


2. Recht und Sprache als Schnittmenge gemeinsamer Forschung

Zu Recht und Sprache mehren sich die Publikationen. So veröffentlichte 2009 Marcus Galdia ein Buch zu "Legal Linguistics", in dem er den "Linguistic turn in Law" begrüßt, den es in der Philosophie schon im vergangenen Jahrhundert gegeben habe. Entstehung und Anwendung von Gesetzen seien sprachliche Operationen und müssten daher in erster Linie linguistisch betrachtet werden (Galdia 2009, 51 f.; ferner Poulain et al. 2010, Gémar/Kasirer 2010, Vijay et al.  2008, Gémar 2008, Gotti 2008).

Für den Zusammenhang von Recht und Sprache können zahlreiche Arbeitsfelder beackert werden: die Rechtslinguistik sowie die Kommunikation im Rechtsbereich, die die Analyse des vor allem mündlichen forensischen Diskurses, wie etwa Glaubwürdigkeits- und Beweislehre umfasst (Gibbons 2008, Coulthard/Cotterill 2004, Olsson 2004). Weit vorne liegt natürlich das eigentliche juristische "Handwerkszeug", die Subsumtion, die juristische Semantik und Hermeneutik benötigt. Entscheidungsfindung und -begründung, juristische Argumentation, unterstützt von Rhetorik und Topik, sind gleichfalls zu nennen (Albrecht 2009, Sp. 872-873).

Sprachliche Eigenheiten von Rechtstexten (Stichwort: Die Rechtssprache als Fachsprache) gehören genauso zur Schnittmenge des Arbeitsgebietes von Recht und Sprache wie die Verständlichkeitsdiskussion mit all ihren Aspekten der Sprachkritik (Volksnähe, bürgerfreundliche Gesetzessprache usw.). Generelle Bezüge zwischen Rechts- und Sprachtheorie waren überdies Gegenstand der Forschung. Hinzu kommen die rechtlichen Bestimmungen über Sprache und Sprachverwendung sowie schließlich die Forensische Linguistik, womit sprachwissenschaftliche Gutachten für Rechtsprobleme gemeint sind (Nussbaumer 1997). Natürlich hat sich auch die Rechtsgeschichte mit der Sprachgeschichte zu beschäftigen, worauf wir besonderen Wert legen möchten.


3. Heutige Begegnungen von Recht und Sprache

Der heute arbeitende Jurist hat in Europa mit Mehrsprachigkeit in verschiedenen Treffräumen zu tun: auf EU-Ebene sowie in den einzelnen Mitgliedstaaten. Auf EU-Ebene wird Sprachenvielfalt in den Institutionen (Kommission, Parlament, Gerichtshof etc.) gelebt (Groot/Schulze 1999). In einzelnen Bereichen wird angestrebt, nur noch "wichtige" Arbeitssprachen zuzulassen, so z. B.in der jüngeren Diskussion um Patentverletzungsverfahren, in denen lediglich auf Englisch, Französisch oder Deutsch verhandelt werden darf; dies hat zu erheblicher europarechtlicher Kritik geführt. Darüber hinaus müssen die Mitgliedstaaten mit Sprachkonflikten umgehen, wie dies etwa Katalonien (Gergen 2009 und 2000), Baskenland, Galicien (Spanien), Bretagne, Elsass (Frankreich) oder Ungarn und Rumänien kennen. In der Bundesrepublik Deutschland fallen Friesisch und Sorbisch weniger ins Gewicht. Jedoch gab es jüngst Debatten um Deutsch als Wissenschafts- und Gerichtssprache (Ammon 2010). In diesen Bereichen wird die deutsche Sprache zunehmend durch die englische ersetzt, woraus etliche Probleme resultieren: die Einengung der Ausdrucksfreiheit, die am besten in der Muttersprache entwickelt ist, sowie das im Grundgesetz verankerte Demokratieprinzip, das idealiter durch die in § 184 Gerichtsverfassungsgesetz vorgesehene Gerichtssprache Deutsch gewährleistet wird. Der Gebrauch einer Fremdsprache könnte die Gleichheitsbalance der streitenden Parteien stören.

In seinem Beitrag "Rechtskultur als Sprachkultur. Der sprachanalytische Sachverstand im Recht" forderte Günter Grewendorf zu Recht linguistischen Sachverstand bei der Gesetzgebung und Interpretation (Grewendorf 2000: 96-114). Kent Lerch hat in seinen Büchern "Lesarten des Rechts" sowie "Die Sprache des Rechts" Strukturen, Formen und Medien der Kommunikation im Recht untersucht. Es muss gefragt werden, wie Rechtstexte umgewandelt werden in eine verständliche Laiensprache und umgekehrt (Dietrich/Klein 2000, Haß-Zumkehr 2002). Hier ist Übersetzung gleichzeitig Verständnis-Optimierung. Übersetzen ist „Verhandeln“, wie Peter Burke zutreffend formuliert: Translation implies ‚negotiation’ (Burke/Hsia 2007: 7-38).


4. Prozesse des Transfers von Rechtswissen

Bei der linguistischen Betrachtung des Rechts und seiner Geschichte geht es darum, anhand empirischer Studien nach Prozessen des Wissenstransfers zu fragen – und damit nach den Grundlagen der Herausbildung von Rechtskulturen, Rechtsordnungen und Rechtsfamilien. Nur eine stärkere Berücksichtigung der mediengeschichtlichen Grundlagen der Rechtsgeschichte ermöglicht es, die bislang rein theoretisch geführten Debatten um „Rezeption“ und „Transfer“ des Rechts aus ihrer erreichten Blockade zu führen und auf eine ebenso historische wie empirische Grundlage zu stellen. Diese Aspekte sind bislang in der rechtshistorischen Forschung noch nicht mit Ertrag nutzbar gemacht worden. Die Rechtsgeschichte, die selbst als eine Übersetzung von geschichtlichem Normmaterial verstanden werden kann, sollte daher die Erkenntnisse der Translationswissenschaft zu Rate ziehen. Und noch spezieller die Forschungen zur kirchlichen Mission, die belegen, wie eine bereits "globalisierte" Organisation seit der Frühen Neuzeit mit Mehrsprachigkeit und Normenpluralismus umgegangen ist. Mission kann selbst als dauernder Übersetzungsvorgang qualifiziert werden (so zu Recht Dürr 2010), für dessen Zwecke es nötig war, eine ausgewogene Sprachpolitik zu schaffen; all diese Aspekte und Perspektiven können wir hier für die Rechtsgeschichte lediglich andeuten.


5. Missionslinguistik als Beispiel für den Umgang der Kirche mit der Mehrsprachigkeit


5.1 Die Kirche als sprach- und übersetzungserfahrene "globale Institution"

Die römisch-katholische Kirche war und ist eine international arbeitende Organisation, die Latein als bevorzugte Sprache stets zu pflegen wusste und mit Mehrsprachigkeit reichlich Erfahrung hat. Latein war und ist Sakral- und Liturgiesprache, wofür drei Hauptgründe sprechen: zum einen ein gewisser Konservatismus, d. h. der Versuch, linguistische Modernismen zu vermeiden, ferner die Tendenz, Fremd- und Lehnwörter aus Texten zu übernehmen, die eine besondere Nähe zur Gottheit aufweisen, sowie eine Vorliebe für syntaktische und lautliche Stilisierung, um den Gegensatz zwischen der Welt des Alltags und der Welt des Göttlichen auszudrücken.

Im Mittelalter erfolgten Einschreitungen gegen Bibellesungen in der Landessprache zur Wahrung der kirchlichen Deutungshoheit. Wenn bewusst Volksnähe erreicht werden sollte, geschah dies vorsichtig durch die jeweilige Volkssprache, in der etwa für Missionen und Christianisierungen gepredigt wurde. Sprache der Liturgie blieb das Lateinische, das den katholischen, also weltumspannenden Charakter von Institution und Botschaft darstellen und die Einheit der Kirche wahren sollte. Diesen Anspruch untermauerte die kirchliche Autorität mit zwei großen Ereignissen: dem Konzil von Trient (1545-63) und der In-Kraft-Setzung des Codex Iuris Canonici (CIC) im Jahre 1917. Die Redaktionsgeschichte des CIC von 1917 ist ein Lehrstück zum Thema des Übersetzens eines Gesetzbuches, das weltweite Geltung hatte und grundsätzlich nicht übersetzt werden durfte (Jone 1950-53). Der CIC von 1983 erfreute sich indes der Beliebtheit bei den Übersetzern und ist ein prominentes Beispiel einer viel übersetzten Kodifikation. Wie die Kirche mit Mehrsprachigkeit umging, zeigt insbesondere die relativ gut erforschte Missionslinguistik.


5.2 Christliche Missionierung und Sprachkonflikte in Iberoamerika

In der spanischen Conquista Amerikas des 16. Jh. können zentrale Problemfelder der europäischen Rechtsgeschichte untersucht werden. Wurde durch Translation eine bereits vorhandene Kultur letztlich ausgerottet, bereichert oder zum Teil ersetzt? Die Wahrheit liegt nicht im vollumfänglichen Ja oder Nein, sondern ist abhängig von Lebensbereichen, in die die neue Kultur bald stärker, bald schwächer eindrang und die alte überlagerte. Diese kulturelle Überlagerung spiegelt sich im Sprachgebrauch wider.

Christliche Missionierung wird gesehen als Übersetzung des Evangeliums in verschiedene kulturelle Muster mit allen sprachlichen, bildlichen, künstlerischen und sonstigen Ausdrucksformen. Alle Übersetzungsbemühungen mussten die schriftliche Ur-Kunde des Christentums übertragen, die in den Büchern der ursprünglich hebräisch und griechisch verfassten Bibel ihren textlichen Niederschlag gefunden hatte. "Übersetzung" bezieht sich auf Texte verschiedener literarischer Gattungen, aber auch auf ihre Auslegung in unterschiedliche Kontexte hinein, wobei zu beachten ist, dass die christliche Botschaft immer schon ein Amalgam mit bestimmten kulturellen Ausdrucksformen bildete, so dass jede interreligiöse Begegnung stets auch interkulturellen Charakter aufweist. Die Übersetzung der Bibel oder einzelner biblischer Texte gehört dabei zum Kerngeschehen, das bereits lange vor Christus bei der griechischen Übersetzung der hebräischen Bibel (Septuaginta) begann, sich in der Übersetzung der gesamten Bibel ins Lateinische (Vulgata) fortsetzte und bis hin zu den zahlenmäßig kaum noch überschaubaren Übersetzungen in die Volkssprachen geht (Sievernich 2009: 189-190).

Zur Erfüllung der Missionsaufgaben waren passend ausgefertigte Werke vonnöten: Sprachlehrmaterial sowie Literatur für die Verkündigung und die Pastoral. Die Sprachkenner schufen für den Dienst der Verkündigung und der Seelsorge sermones (Predigtsammlungen): Die Vorlagen gelangten in handschriftlicher Fassung von Kloster zu Kloster. Dazu kamen doctrinas (Katechismen) in einheimischer Sprache (Nebel 1992: 242-270). Da dort die verschiedenen Aspekte der Glaubens- und Sittenlehre (Credo, Hauptgebete, Gebote Gottes und der Kirche, die Sünden und Tugenden, Werke der Barmherzigkeit, die Seligpreisungen, die Sakramente) in die Zielsprache zu übersetzen waren, musste dies sehr sorgfältig geschehen. Jedes Missverständnis, jede Missdeutung oder Fehlerhaftigkeit waren zu vermeiden, um keine Irrlehren zu verbreiten (Sievernich 2009: 80). Ganze Konzepte wie die Zehn Gebote wurden in Piktogrammen übersetzt, aber auch von den europäischen Sprachen wie Spanisch und Portugiesisch in die Sprachen der Neuen Welt. Bei ausgemalten Katechismen treffen wir Bild- wie Textform an (Schmidt-Riese 2010: 73-96). Die Verbildlichung eines ganzen Konzeptes, wie etwa der mittelalterlichen Friedensidee, gab es auch schon in der romanischen Kunst, so mit dem Psalm von Frieden und Gerechtigkeit, die sich umarmen (Gergen 2003: 14, 98-102).

Nahuahtl, von ca. 20 Millionen Einwohnern verstanden, hatte äußerst reiches Vokabular, eignete sich für neue Wortbildungen in konkreter wie abstrakter Hinsicht und hatte sogar poetische Qualitäten. Genuin christliches Vokabular wie Dreifaltigkeit, Heiliger Geist oder Erlösung stellte zwar ein terminologisches Problem dar, konnte aber häufig durch Paraphrasen gelöst werden. Zu beobachten ist, dass gleichwohl viele spanische Begriffe für Fachbegriffe (cardinales, emperador, sancto padre, sancta iglesia católica, patriarchas, prophetas, Dios, diablo) und spezifisch christliche Begriffe (espiritus für Geist, cruz für das Kreuz Jesu Christi, parayso terrenal für das irdische Paradies, juicio final für das Jüngste Gericht) gebraucht wurden (Roca 1992, Reinhard 1987, Noss 2007).

Die Untersuchung des Umfeldes des wichtigen Dritten Limenser Konzils von 1582/83, das als das amerikanische Tridentinum gilt (Lisi 1990: 53), hat gezeigt, dass die Sprachmittlung eine große Rolle spielte. Drei Geistliche mestizischer Abstammung bildeten ein Übersetzerlaboratorium, um Katechismen in die Indianersprachen Aymara und Quechua zu übertragen. Für die Mission war Mehrsprachigkeit unerlässlich, was die "doctrina de indios" unterstreicht, nach der Priester binnen eines Jahres an der Universität San Marcos in Lima Sprachprüfungen abzulegen hatten (Duve 2010: 135/6, 139, 141-143). An entscheidender Passage dieses Konzils von Lima (Actio II, Kap. 16) wird das Verständnis des Geistlichen hervorgehoben, das er zur Abnahme der Beichte brauchte. Denn nur derjenige Geistliche kann als Stellvertreter Gottes die Sünden vergeben, der den genauen Wortlaut und die Nuancen des Vortrags des Sündenbekenntnisses versteht: "pues no puede ser buen juez él que da sentencia en lo que no entiende."(2) Das Konzil sah je nach Lebenssachverhalt ein genaues Regelwerk des Sprachgebrauchs vor und ist damit auch für die Rechtsgeschichte ein unerlässliches Werk der Sprachengesetzgebung.


5.3 Formen und Techniken der Translation am Beispiel Brasilien

   a)  Wenn keiner die Sprache des anderen spricht, wird zunächst Körpersprache angewandt. Das Beispiel der Missionierung Brasiliens, als die Portugiesen die Tupi bekehren wollten, zeigt dies. Zunächst wird berichtet, dass die Portugiesen die Körpersprache gebrauchten, um Informationen über Goldvorkommen in Brasilien zu erhalten (Pinheiro 2010: 163-170). Für die Missionierung ist die non-verbale Translation aber unbrauchbar, weil hierdurch kaum Glaubensinhalte vermittelt werden können. Übersetzt wurde daher auch durch Piktogramme (Schmidt-Riese 2010: 73-98).

   b)  Die wohl wichtigste Form war gewiss die verbale Form der Translation: Seit den 1560er Jahren verbreitete der Jesuit José de Anchieta (aus Teneriffa) seine Grammatik des Tupi, die erst 1595 gedruckt wurde. Anchieta beobachtete auch die "Zivilstandsformen" der Tupi. Deren Polygamie, aber auch der Kannibalismus waren Haupthindernisse der Zugehörigkeit zum Christentum. Um missionarisch ansetzen zu können, schrieb Anchieta eine Abhandlung über die Ehen der Indianer Brasiliens („Informação dos casamentos dos Indios do Brasil“, in: Cousas do Brasil, 1584); dies war nicht verwunderlich, waren doch hier die Auswirkungen der Ehelehre des Tridentinischen Konzils spürbar.

Bei Anchieta finden sich keine "Alteritätskonstruktionen", sondern er beschreibt die sozialen Beziehungen im Tupi-Konzept. Dabei unterlässt er Vergleiche zum Christentum, was eine Simplifizierung und Bedeutungsverkürzung bedeutet hätte. Vielmehr hebt er ab auf die metasprachliche Ebene des Lateinischen. Beispiele: Für Tupi "temirecô" setzt er nicht portugiesisch „mulher“, sondern lateinisch uxor. Durch die semantische Beschreibung der Begriffe werden die Verwandtschaftsbeziehungen unter den Tupi-Indianern als ein eigenständiges System dargestellt, das keinerlei Entsprechung im Portugiesischen oder in christlichen Konzepten verlangt (Pinheiro 2010: 167-168). Diese Sicht ist m. E. aber zu kurz geraten, weil auch das Lateinische als Metasprache lediglich bedingt gebrauchsfähig war. Denn im Lateinischen schwang ebenso wie im Portugiesischen europäisches Denken mit, das sogar von allen Vernakulärsprachen rezipiert wurde.

Am Beispiel Brasiliens werden überdies zwei Hauptformen der Übersetzungstechniken deutlich, die wir im Folgenden kurz besprechen möchten. Man kann zwei Techniken unterscheiden: die des "kleinsten gemeinsamen Nenners" sowie die der phonetischen Kunstgriffe.

   a)  So wird aus dem in Tupi nichtbesetzten Terminus "Gott" ein personifizierter "Vater Tupana" bzw. "Vater Donner" (padre trueno). Denn Donner existiert in Tupi und bedeutet heilige Sache. Dann wird die Inspirationsquelle geprüft: Die Gleichsetzung des christlichen Gottes mit dem Donner ist gerechtfertigt, da es im "Jupiter Tonans" einen donnernden, grollenden Gott gibt. Auch der christliche Gott trägt Attribute wie "Macht, Himmel, Bedrohung". Daher ist die Inspirationsquelle vertretbar. Entscheidend ist, dass mit "Pendelblick" übersetzt wird. Es muss also ein "kleinster gemeinsamer Nenner" in beiden Sprachen gefunden werden.

   b)  Bei der phonetischen Technik geht der Übersetzer folgendermaßen vor: Bereits in der Tupi-Mythologie existente Termini werden umgedeutet in christliche. Beispiel ist etwa Tupi "sumé" in "Tomé", also die portugiesische Form von Thomas dem Apostel, der ja wegen seiner Nähe zu Jesus als „Zwilling“ bezeichnet wurde und ein sehr glaubenskritischer Jünger war (Kontrolle der Wundmale Jesu). Um den vielgereisten Apostel Thomas, der in Indien zum Glaubensmärtyrer wurde, rankt sich dann sogar eine spezifisch auf Brasilien ausgerichtete Bedeutung, denn Thomas hatte sich auf dem amerikanischen Kontinent aufgehalten, floh vor den Indianern und ging dann nach Indien, wo er zum Blutzeugen Christi wurde. Mit diesem Kunstgriff erreichte der Gründer der brasilianischen Mission, Manuel da Nóbrega, dass Brasilien von einem Apostel bereist worden war.

Für den Gedanken der Translation wichtig ist, dass eine ganze Heiligenvita des urchristlichen Missionsgebietes in das neue, zu missionierende und vom Apostel ausgewählte Gebiet verlagert wurde. Insoweit schafft diese Translation eine Bedeutungserweiterung der Vita des Apostels, ja sogar eine lokale Eigendynamik, die andernorts kaum zu vermitteln war.


6. Fazit: Großes Potenzial der Missionslinguistik für die Rechtsgeschichte

Kastilisch – aber auch Portugiesisch – wurden mehr und mehr Sprachen der Integration und europäischen Universalkultur, ja zu einem "Neuen Latein" der Neuen Welt. Mit der "Real Cédula" kam es 1634 zur endgültigen Durchsetzung des Kastilischen.

Genauso wie das Römische Imperium als lingua franca das Lateinische eingeführt hatte, sollte das Kastilische für die Evangelisierung eine Integrationsrolle übernehmen, welche es bereits im Mutterland gehabt hatte. Wie auf der Iberia sollte das Kastilische fortan die Sprache von Christianisierung und Imperium und ein Mittel zur politischen Einheit darstellen (Bono López 1997: 17). Kastilisch sollte auch helfen, die lexikalische Armut der Eingeborenensprachen zu überwinden, die Definitionshoheit sichern, die bei diversen Sprachen gefährdet zu sein schien, sowie die Teilnahme der Indios an einer hispanophonen durch Europa geprägten Universalkultur ermöglichen. Die genaue Beleuchtung der Sprachpolitik bis weit ins 18. Jh. hinein kann die Voraussetzungen aufzeigen, zu welchen Zeiten und in welchen politischen Situationen welche Übersetzung und damit welcher Transfer von Normen aus Europa in der Neuen Welt möglich war.

Die Missionslinguistik birgt wichtiges Potenzial für die Rechtsgeschichte. Denn es zeigt sich, dass die Sprachenregelungen in den einzelnen Konzilstexten mit Gewinn auch auf die globalisierte Rechtswelt übertragen werden können. Wenn zu ermitteln ist, wie Juristen im Lauf der Geschichte mit Mehrsprachigkeit umgegangen sind, dann muss den Wissensaustauschprozessen nachgespürt werden.




L i t e r a t u r

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F u ß n o t e n

(1)  Der Beitrag entstand im Rahmen des Projekts "Translation und Recht" am Max-Planck-Institut für Europäische Rechtsgeschichte in Frankfurt/Main. Für wertvolle Hinweise dankt der Verfasser Thomas Duve, Benedetta Albani, Gerd Bender, Otto Danwerth, Christoph Meyer und Heinz Mohnhaupt.

(2)  Der Wortlaut des einschlägigen Kapitels hierzu lautet:
"Que se entienda enteramente la confesión de los indios.
Suelen no pocos sacerdotes, por falta de no entender la lengua y a veces también por la pesadumbre que sienten en oir las confesiones de los indios, dejarse por entender muchos de los pecados que tienen, y así, a sobrepeine, contentándose con percibir qual o qual pecado del indio que se confiesa, le absuelven. Siendo, pues, de necesidad la entera confesión de todos los pecados mortales, de modo que en ninguna manera puede la tal absolución ser legítima, si no es en caso de necesidad urgente, conviene en todas maneras que los confesores estén muy advertidos y recatados para que no comentan semejante sacrilegio destroncando las confesiones. Por tanto, si no entienden bastantemente al que se confiesa, remítanle a otros que saben más, o aprendan ellos lo que no saben, pues no puede ser buen juez él que da sentencia en lo que no entiende".
In: III Concilio Limense (1582 – 1583). Versión castellana original de los Decretos con el sumario del Segundo Concilio Limense. Edición conmemorativa del IV Centenario de su celebración, con una introducción por el P. Enrique T. Bartra, SJ, Lima 1982, Actio II, Capítulo 16.