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Staats- und Verwaltungsrecht Repetitorium


Prof. Dr. Roland Rixecker



Fallbesprechung 9: "Ein Fremder liegt in meinem Grab" (115/SS07)
Fallbesprechung 7: "Vertragstreue eines Bauherrn" (061/SS07)
Fallbesprechung 5: "Eine unerwünschte Kontrolle" (114/SS07)


Fallbesprechung 1: "Warnungen vor Radarkontrollen"

Verwaltungsprozessrecht; Polizeirecht; Verfassungsrecht (096/SS05)



Sachverhalt:

Der Saarländische Rundfunk, eine rechtsfähige Anstalt des öffentlichen Rechts, verbreitet – wie andere private Rundfunkanstalten auch – seit einiger Zeit im Programm verteilt über den ganzen Tag Meldungen über örtlich genau zuzuordnende Radarkontrollen der saarländischen Polizei auf Bundesautobahnen, Bundesstraßen und Landstraßen. Die Informationen werden dem Saarländischen Rundfunk von Hörern zur Verfügung gestellt, die auf die im Programm verbreitete Mitteilung – "Melden Sie Blitzer kostenlos über 0800 XXX" – anrufen und ihre Beobachtungen berichten.

Nach einigen schweren Unfällen aufgrund von Geschwindigkeitsüberschreitungen und zunehmendem Unmut bei den Beamtinnen und Beamten der Verkehrsüberwachung bittet das Ministerium des Innern den Intendanten des Saarländischen Rundfunks von solchen Meldungen abzusehen. Die Marktforschung hat allerdings ergeben, dass gerade wegen dieser Informationen Autofahrer das Programm des Saarländischen Rundfunks wählen. Der Intendant lehnt deshalb unter Hinweis auf die Rundfunkfreiheit einen Verzicht auf solche "zur Verkehrssicherheit beitragende" Ausstrahlungen ab.

Das Ministerium des Innern ordnet daraufhin in einer dem Saarländischen Rundfunk alsbald zugestellten Verfügung an, "ab sofort" auf die Ausstrahlung von Informationen über zeitlich und örtlich konkretisierte Geschwindigkeitsradarkontrollen zu verzichten. Zugleich wird – unter Verweis auf die Unglücksfälle der letzten Zeit – die sofortige Vollziehung angeordnet.

Nach Erhalt der Verfügung wird das Justitiariat des Saarländischen Rundfunks um eine gutachtliche Stellungnahme über die Erfolgsaussichten eines verwaltungsgerichtlichen Vorgehens gebeten. Dabei soll vor allem gewürdigt werden, dass die Meldungen letztlich zur Herabsetzung der Geschwindigkeit im Sendegebiet führten, der SR nicht verantwortlich sei für das Verkehrsverhalten von Kraftfahrern und dass die Meldungen ohnehin der Rundfunkfreiheit unterfielen.

Wie ist die Rechtslage?


Gliederungsskizze und Bearbeitungshinweise (096/SS05), Stand 04/05:

Probleme des Falles:
  • Voraussetzungen des einstweiligen Rechtsschutzes
  • Voraussetzung einer Gefährdung der öffentlichen Sicherheit
  • Verursachung und Verantwortlichkeit im Polizeirecht
  • Garantie der Rundfunkfreiheit

Die Aufgabe war kürzlich Gegenstand einer mündlichen Prüfung im ersten juristischen Staatsexamten aus gegebenem, in den Medien berichteten Anlass. Sie befasst sich – neben ihren prozessualen Problemen – mit Fragen der Bestimmung des polizeirechtlichen Schutzguts "Öffentliche Sicherheit" und der Reichweite der Garantie der Rundfunkfreiheit. Einschlägige Fallbearbeitungen finden sich nicht. Verf. können lediglich eine Entscheidung des OVG Münster (-> Lesen: OVG Münster NJW 1997, 1596) berücksichtigen.

Verf. müssen zunächst erkennen, dass die Aufgabe eine Befassung mit dem einstweiligen Rechtsschutz verlangt. Denn das Ministerium des Innern hat seine Verfügung für sofort vollziehbar erklärt und der Intendant des Saarländischen Rundfunks hat sein Justitiariat gebeten, die Erfolgsaussichten verwaltungsgerichtlichen Rechtsschutzes zu prüfen.

A. Zulässigkeit eines Antrags auf einstweiligen Rechtsschutz

I. Eröffnung des Verwaltungsrechtsweges

Verf. sollten schlicht feststellen, dass im Hinblick auf den hoheitlichen Charakter der Untersagung der Ausstrahlung von Informationen über Radarkontrollen von einer öffentlich-rechtlichen Streitigkeit und damit von der Eröffnung des Verwaltungsrechtsweges auszugehen ist.

II. Statthaftigkeit des Antrags

Da die "Verfügung" des Ministeriums des Innern das Verbot der Ausstrahlung einer Sendung enthält, geht es um einstweiligen Rechtsschutz gegen einen für sofort vollziehbar erklärten Verwaltungsakt. Die Statthaftigkeit des Antrags ergibt sich folglich aus § 80 Abs. 5 VwGO (Wiederherstellung der aufschiebenden Wirkung des Widerspruchs gegen eine Polizeiverfügung).

III. Antragsbefugnis

Da der Saarländische Rundfunk Adressat des Verbots ist und damit in seiner Rundfunkfreiheit betroffen wird, ist nicht auszuschließen, dass die "Verfügung" des Ministeriums des Innern ihn in seinen Rechten verletzt.

IV. Beteiligtenfähigkeit

Der Intendant des Saarländischen Rundfunks und das Ministerium des Innern sind als Behörden gemäß § 61 Nr. 3 VwGO i.V.m. § 19 AGVwGO beteiligtenfähig.

V. Rechtsschutzbedürfnis

Wie sich aus dem Wortlaut des § 80 Abs. 5 VwGO ergibt ist es nicht erforderlich, dass der Saarländische Rundfunk zuvor Widerspruch erhebt oder ein Abhilfeverfahren einleitet.

B. Begründetheit des Antrags auf einstweiligen Rechtsschutz

I. Formelle Rechtmäßigkeit der Anordnung

Der Antrag auf Wiederherstellung der aufschiebenden Wirkung eines Widerspruchs gegen die Verfügung des Ministeriums des Innern ist begründet, wenn die Anordnung ihrer sofortigen Vollziehung rechtswidrig ist und das Aussetzungsinteresse des Saarländischen Rundfunk das Vollziehungsinteresse des Ministeriums des Innern überwiegt.

1. Begründung

Verf. müssen sich – kurz – mit der Frage der Begründung der Anordnung der sofortigen Vollziehung nach § 80 Abs. 3 VwGO befassen. Dabei sollte erwähnt werden, dass die Begründung der Anordnung der sofortigen Vollziehung und die Begründung der Verfügung selbst nicht deckungsgleich sein dürfen sondern, um die Rechtmäßigkeit der Anordnung der sofortigen Vollziehung zu stützen, besondere Gründe für die Eilbedürftigkeit angeführt werden müssen.

2. Anhörung

Sodann stellt sich das bekannte Problem, ob es einer besonderen Anhörung für die Anordnung der sofortigen Vollziehung bedarf. Verf. können darauf mit unterschiedlichen Argumenten reagieren: Zum einen kann der eigenständige Regelungscharakter der Anordnung der sofortigen Vollziehung in Frage gestellt werden, weil es gegen sie keinen gesonderten Widerspruch gibt. Zum anderen kann mit den Ausnahmen von der Anhörungspflicht argumentiert werden.

II. Materielle Rechtmäßigkeit der Anordnung

Das Aussetzungsinteresse des Saarländischen Rundfunks überwiegt das Vollziehungsinteresse des Ministeriums des Innern, wenn die Verfügung, mit der die Ausstrahlung von Informationen über Radarkontrollen untersagt wird, offensichtlich rechtswidrig ist.

1. Rechtsgrundlage

Rechtsgrundlage des Verbots kann nur § 8 SPolG sein.

2. Voraussetzungen

Als verletztes polizeiliches Schutzgut kommt die "öffentliche Sicherheit" in Betracht.

Verf. sollten zunächst definieren, welche Schutzbereiche die "öffentliche Sicherheit" erfasst. Sie müssen sodann erwähnen, dass es nicht um die Bekämpfung von Geschwindigkeitsüberschreitungen – also den Gesichtspunkt des Schutzes der objektiven Rechtsordnung – geht, weil die Ausstrahlung entsprechender Sendungen Geschwindigkeitsüberschreitungen gerade verhindern will. Die Verkehrssicherheit wird im Übrigen allenfalls durch die Verkehrsteilnehmer, nicht aber durch den Saarländischen Rundfunk beeinträchtigt.

Vorschriften der objektiven Rechtsordnung, die solche Sendungen verböten, sind nicht erkennbar.

Schutzgut der öffentlichen Sicherheit ist aber auch die Funktionsfähigkeit der staatlichen Einrichtungen, die vor Störungen von außen zu bewahren sind. Nicht angekündigte, verdeckt durchgeführte Geschwindigkeitskontrollen sind aber nicht dazu bestimmt, die Einhaltung der Verkehrsvorschriften während der Dauer der Messungen auf der Überwachungsstrecke sicherzustellen. Sie sollen der Feststellung und künftigen Abschreckung derjenigen Kraftfahrer dienen, die Geschwindigkeitsüberschreitungen nicht hinreichend beachten, wenn sie sich unkontrolliert glauben.

Vor diesem Hintergrund ist Störer auch der Saarländische Rundfunk.

3. Verfassungsmäßigkeit

(Vorzuziehen sein dürfte es, die Grundrechtsprüfung separat – und nicht in dem Zusammenhang des Ermessens oder der Verhältnismäßigkeit – zu erörtern: Wenn Art. 5 Abs.1 GG die Ausstrahlung erlaubt, dann ist die Anordnung nicht unverhältnismäßig oder ermessensfehlerhaft sondern verfassungswidrig).

Allerdings könnte sich die Zulässigkeit aus Art. 5 Abs. 1 GG ergeben.

Verf. müssen sich mit der Abgrenzung der Meinungsfreiheit zur Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk befassen. Zwar handelt es sich um eine Tatsachenbehauptung, die grundsätzlich in den Schutz der Meinungsäußerungsfreiheit fällt, jedenfalls, wenn sie Voraussetzung für die Bildung von Meinungen ist. Von dem Schutzbereich der Meinungsfreiheit ist jedoch jener der Rundfunkfreiheit abzugrenzen. Zwar ist das Grundrecht der Meinungsfreiheit einschlägig, wenn es um die Zulässigkeit einer bestimmten Äußerung geht. Wenn es aber um die massenkommunikative Vermittlungsleistung geht, also um die einzelne Meinungsäußerung übersteigende Bedeutung des Rundfunks und die institutionell-organisatorischen Voraussetzungen und Rahmenbedingungen ist die Rundfunkfreiheit einschlägig.

Verf. müssen sich aber sodann mit Art. 5 Abs. 2 auseinandersetzen. Dabei geht es allein darum, ob das konkrete Verbot im Lichte des Artikels 5 Abs. 1 Satz 2 zu rechtfertigen ist. Es bedarf also der Abwägung zwischen der Gewährleistung der Verkehrssicherheit und der nur am Rande betroffenen Rundfunkfreiheit.

Im Ergebnis dürfte sich die Verfügung als verfassungsgemäß erweisen.

4. Verhältnismäßigkeit

Die Verhältnismäßigkeitsprüfung wird darauf eingehen, dass nur ganz konkretisierte Meldungen untersagt wurden: Die Untersagung ist als solche geeignet zur Erreichung des angestrebten Zwecks, das mildere gleich wirksame Mittel ist ergriffen worden und eine unangemessene Belastung des SR ist nicht erkennbar.

5. Ermessen

Ermessensfehler sind nicht ersichtlich.

Ergebnis: Das Vollziehungsinteresse überwiegt angesichts der offensichtlichen Rechtmäßigkeit der Anordnung das Aussetzungsinteresse.