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Staats- und Verwaltungsrecht Repetitorium


Prof. Dr. Roland Rixecker



Fallbesprechung 9: "Ein Fremder liegt in meinem Grab" (115/SS07)
Fallbesprechung 7: "Vertragstreue eines Bauherrn" (061/SS07)
Fallbesprechung 5: "Eine unerwünschte Kontrolle" (114/SS07)


Fallbesprechung 4: "Süßigkeiten"

Verfassungsprozessrecht, Verfassungsrecht, Europarecht (UNI-023/SS06)



Sachverhalt:

In der Diskussion um die hohen Belastungen der deutschen Krankenversicherer spielt die Frage der Vorbeugung durch gesunde Ernährung eine zunehmende Rolle. Rechtsstreitigkeiten übergewichtiger Personen gegen die Hersteller von Schokoladenriegeln zeigen die gesundheitlichen Schäden auf, die durch übermäßigen Konsum von Süßigkeiten entstehen können. MdB A hält es nach eingehendem Studium der einschlägigen Literatur und im Hinblick auf die von Krankenversicherern angebotenen günstigen Tarife für "Ernährungsbewusste" für besonders anstößig, dass die Hersteller von Schokoladenriegeln ihre Produkte durch umfangreiche Werbekampagnen anpreisen und so schon dazu beitragen, dass Jugendliche übergewichtig werden. Er erarbeitet daher einen Entwurf eines Gesetzes zum Verbot der Werbung für Süßigkeiten (SWVG), dass die Anpreisung von Süßigkeiten, vor allem von Schokoladenriegeln, vollständig verbieten soll. Weil er indessen keine fraktionsübergreifende Unterstützung vor sein Vorhaben findet – im "politischen Stress" neigen auch Abgeordnete zum gelegentlich übermäßigen Konsum von Schokoladenriegeln – bringt er die Vorlage zusammen mit nur fünf anderen Abgeordneten alleine in den Bundestag ein, vermag dort jedoch mit Hinweisen auf neue wissenschaftliche Studien und dringende Begehren der Krankenversicherer Eindruck zu erwecken. Angesichts der Klarheit des Gesetzestextes – er   verbietet jegliche Werbung für Süßigkeiten und sanktioniert Verstöße mit Bußgeldern – entschließt sich eine große Mehrheit, das Gesetz ohne weitere Beratung in Ausschüssen sogleich in erster und zweiter Lesung anzunehmen. Der Bundesrat wird ordnungsgemäß beteiligt, das Gesetz ausgefertigt und verkündet.

Die Fraktion F, die 2/5 der Mitglieder des Bundestages stellt, hat unter dem Eindruck der Rede des A dem Gesetz gleichfalls zugestimmt. Später kommen ihr jedoch Bedenken, nachdem vor allem Interessenvertretungen der deutschen Schokoladenhersteller und der deutschen Werbewirtschaft vorbringen, das Gesetz sei ein "Arbeitsplatzvernichtungsprogramm". Auch der belgische Pralinenhersteller B, eine mit Rechtspersönlichkeit ausgestattete Kapitalgesellschaft belgischen Rechts mit Sitz in Brüssel, fürchtet um den Absatz seiner Produkte in Deutschland. Das SWVG betreffe sie in unzumutbarer und diskriminierender Weise, begünstige eingeführte und in Deutschland auch ohne Werbung bekannte Produkte und verschließe es ausländischen Anbietern, mit ihren Waren auf dem deutschen Markt bekannt zu werden. B meint, sie dürfe das SWVG ignorieren, da es auch ihr zustehende Grundrechte des Grundgesetzes und außerdem Grundfreiheiten des EG-Vertrages verletze.

Folgende Rechtsfragen sollen in einem Rechtsgutachten geprüft werden:

1.

Ist das SWVG verfassungsgemäß?

2.

Können die Mitglieder der F-Fraktion eine Klärung dieser Frage durch das Bundesverfassungsgericht herbeiführen?

3.

Kann sich die B gegenüber dem SWVG auf die Grundrechte des Grundgesetzes berufen?

4.

Verstößt das SWVG gegen den EG-Vertrag und, falls das der Fall sein sollte, welche Konsequenzen ergeben sich hieraus für die Anwendbarkeit des SWVG?

(Grundrechte der Werbeagenturen und der durch Werbeeinnahmen finanzierten Medien sind nicht zu prüfen)


Gliederungsskizze und Bearbeitungshinweise (023/SS06), Stand 05/06:

Probleme des Falles:
  • Gesetzgebungsverfahren
  • Art. 5, Art. 12 GG
  • Organstreitverfahren und abstrakte Normenkontrolle
  • Art. 19 Abs. 3 GG
  • Art. 28 EGV

Die Aufgabe, eine geringfügig abgewandelte Klausur aus dem ersten juristischen Staatsexamen, befasst sich mit den immer wieder aktuellen Fragen von Werbeverboten für möglicherweise gesundheitsschädliche Produkte. Dabei spielt die Auseinandersetzung mit Art. 5 und Art. 12 sowie der wahren Verkehrsfreiheit des EG-Vertrages eine bedeutende Rolle. Verf. sollten die Entscheidung ->Lesen: BVerfG NJW 1997, 2871 kennen und können sich über eine entsprechende Lösung unterrichten bei -> Lesen: Huster, JuS 2002, 262. Die europarechtlichen Fragen werden behandelt bei -> EuGH EuZW 2001, 256.

A. Verfassungsmäßigkeit des SWVG

I. Formelle Verfassungsmäßigkeit

1. Zuständigkeit/Kompetenz

Die Kompetenz des Bundes folgt aus Art. 74 Abs. 1 Nr. 11 GG; die Erfordernisse des Art. 72 Abs. 2 GG sind gewahrt (Verf. sollten kurz die Justitiabilität der Erforderlichkeit darstellen und auf die Notwendigkeiten der Sicherung einheitlicher Marktzutrittsbedingungen in den Bundesländern eingehen.)

2. Verfahren

Fraglich ist im Übrigen allein, ob das Gesetzgebungsverfahren ordnungsgemäß durchgeführt worden ist.

a) Verletzung der Geschäftsordnung

Dabei sollten Verf. zunächst erkennen, dass § 76 GOBT verletzt ist, nicht aber Art. 76 Abs. 1 GG, also kein Verstoß gegen Verfassungsrecht vorliegt. Im Übrigen sind auch § 78 Abs. 1, § 80 Abs. 1, 2 GOBT nicht beachtet. Verf. sollten allerdings wiederum erkennen, dass es sich dabei lediglich um Regelungen des Geschäftsordnungsrechts handelt.

b) Verletzung von Verfassungsrecht

Sie müssen sich die Frage stellen, ob gleichzeitig eine Verletzung von Verfassungsrecht anzunehmen ist. Dabei sollten sie sehen, dass das GG keine Vorschrift über die Zahl der erforderlichen Beratungen einer Gesetzesvorlage enthält sondern lediglich in Art. 77 Abs. 1 S. 1 GG einen Beschluss des Bundestages vorsieht; auch Art. 42 Abs. 2 enthält keine weitergehenden Anforderungen. Solche können sich also lediglich aus dem Prinzip der repräsentativen Demokratie ergeben. Dem wird aber genügt, wenn eine Gesetzesvorlage vom Parlament als solchem beraten und beschlossen wird. Verf. können sich insgesamt zu den examensrelevanten Fragen zum Gesetzgebungsverfahren unterrichten bei -> Lesen: Nolte/Tams, JURA 2000, 158.

II. Materielle Verfassungsmäßigkeit

1. Verletzung des Art. 5 Abs. 1 S. 2 GG (Meinungsfreiheit)

a) Schutzbereich

Insoweit müssen sich Verf. der Frage widmen, ob auch die kommerzielle Werbung als Meinungsäußerung geschützt ist. Dabei sollte der Schutzbereich der Meinungsfreiheit deutlich herausgearbeitet werden. Es muss um Äußerungen gehen, die einen "wertenden, Stellung nehmenden, der Meinungsbildung dienenden" Inhalt haben. Das kann je nach der Art der Werbung durchaus einmal der Fall sein (BVerfGE 71, 162, 175; 95, 173, 182). Verf. können sich mit guten Gründen darauf berufen, dass die Meinungsfreiheit einen Bezug zur Sicherung der Bedingungen einer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft hat und daher nur unter besonderen Umständen Wirtschaftswerbung vom Schutzbereich erfasst wird.

b) ggfs. Eingriff/Rechtfertigung

Allerdings lässt sich Gegenteiliges auch vertreten. Dann liegt durch das SWVG ein Eingriff vor, der der Rechtfertigung bedarf. Verf. können leicht erkennen, dass die Schranke des Jugendschutzes mittelbar zu einer Gesundheitsgefahr von Jugendlichen führende "Äußerungen" nicht erfasst. Also müssen die Arbeiten eingehen auf das Problem, ob es sich bei dem SWVG um ein allgemeines Gesetz handelt. Verf. sollten darlegen, was darunter zu verstehen ist (keine Richtung gegen die Äußerung einer Meinung, Zweck: Schutz eines schlechthin und ohne Rücksicht auf eine bestimmte Meinung zu schützenden Rechtsguts). Sie werden das gut vertretbar mit Blick auf den Schutz der Gesundheit annehmen können und auf Schranken einzugehen haben. Dabei sollte die Verhältnismäßigkeit im Mittelpunkt der Erörterung stehen. Insoweit dürfte entscheidend sein, dass das Werbeverbot zwar nicht auf Meinungsäußerungen zugreift, deren Schutz für die demokratische Ordnung konstitutiv ist, andererseits aber umfassend ist und den Konsumenten gewissermaßen unter Betreuung stellt. Meinungsäußerungen mit "schädlichen Folgen" können im Hinblick darauf nicht schlicht verboten werden.

2. Art. 12 GG (Berufsfreiheit)

a) Konkurrenz zu Art. 5 GG

Verf. können sich fragen, in welchem Verhältnis Art. 5 Abs. 1 S. 2 GG (bei Annahme der Berührung des Schutzbereichs) und Art. 12 im Hinblick auf Wirtschaftswerbung stehen ("Idealkonkurrenz").

b) Schutzbereich/Eingriff

Sie sollten erkennen, dass der Schutzbereich des Art. 12 Abs. 1 GG berührt ist: Werbung als berufliche Außendarstellung ist eine berufsbezogene Tätigkeit. In den Schutzbereich wird eingegriffen.

c) Rechtfertigung

Das findet seine Rechtfertigung nur dann, wenn der Eingriff verhältnismäßig ist. Dabei – also i.R. der Verhältnismäßigkeitsprüfung – sollten sich Verf. mit den Anforderungen der "Stufenlehre" auseinander zu setzen verstehen, sehen, dass das Werbeverbot geeignet ist zum Schutz der Gesundheit, jedoch schon fraglich ist, ob nicht ein milderes Mittel – Warnhinweise – genügt. Im Übrigen dürfte für die Abwägung hier nichts anderes gelten als für die Abwägung im Rahmen der Rechtfertigung des Eingriffs in Art. 5.

3. Art. 14 GG (Eigentumsfreiheit)

Verf. sollten erkennen, dass Erwerbschancen durch Art. 14 GG grundsätzlich nicht geschützt werden.

B. Verfassungsprozessuale Möglichkeiten der F-Fraktion

I. Organstreit

Die Statthaftigkeit eines Organstreits sollte mit einem Satz verneint werden: Es geht nicht um die Geltendmachung von Rechten der Fraktion.

II. Abstrakte Normenkontrolle

Die Statthaftigkeit eines Antrags im Verfahren der abstrakten Normenkontrolle ist allerdings denkbar, wenn Verf. erkennen, dass nicht die Fraktion als solche sondern ihre Mitglieder den Antrag stellen können.

Das SWVG ist ein zulässiger Gegenstand der abstrakten Normenkontrolle.

Es bestehen Zweifel, der Verfassungsmäßigkeit des SWVG (Art. 93 Abs. 1 Nr. 2 GG geht der strengeren Formulierung des § 76 Nr. 1 BVerfGG vor).

Es sollte erwähnt werden, dass es auf ein Rechtsschutzinteresse der Antragsteller nicht ankommt.

C. B als Träger von Grundrechten

Verf. müssen hier erwähnen, dass Art. 19 Abs. 3 GG nur für inländische juristische Personen gilt. Sie können allerdings erörtern, ob im Bereich des Art. 12 GG aufgrund der europarechtlichen Diskriminierungsverbote eine Gleichstellung der Unionsbürger erfolgen muss. Dazu werden unterschiedliche Lösungen vertreten (Erstreckung des Schutzes des Art. 12 GG auf ausländische juristische Personen im Anwendungsbereich des EG-Vertrages, differenzierende Gleichstellung im Rahmen der Anwendung des Art. 2 Abs. 1 GG -> Lesen: Bauer/Karl, JZ 1995, 1077).

D. Gemeinschaftsrechtliche Bedenken gegen das Werbeverbot

In Betracht kommt ein Verstoß gegen Art. 28 EGV.

I. Mengenmäßige Beschränkung

1. Dassonville-Formel

Dann müsste es sich um eine mengenmäßige Beschränkung oder eine Maßnahme gleicher Wirkung handeln. Verf. sollten die "Dassonville"-Formel kennen ("jede Handelsregelung, die geeignet ist, den ihm am gemeinschaftlichen Handeln mittelbar oder unmittelbar, tatsächlich oder potentiell zu behindern" – EuGH, Slg 1974, 837, 853). Dazu gehören Werbeverbote, weil sie von den Herstellern die Entwicklung landesspezifischer Werbeaktivitäten verlangen.

2. Ausnahmen

Ausgenommen von Art. 28 EGV sind Beschränkungen reiner "Verkaufsmodalitäten", die nicht produktbezogen sind, sondern für inländische und eingeführte Waren gelten und die auch deren Absatz rechtlich wie tatsächlich in gleicher Weise berühren. Dazu können Werbeverbote zählen.

II. Rechtfertigung – Cassis-Formel

Sieht man sie nicht als Verkaufsmodalitäten an, so ist zu fragen, ob die Behinderung des Handels gerechtfertigt ist. Das beurteilt sich nach Art. 30 EGV bzw. der "Cassis-Formel" danach, ob ein zwingendes Erfordernis besteht und die Maßnahme verhältnismäßig ist. Dazu kann der Schutz der öffentlichen Gesundheit gehören. Der Gesundheitsschutz als rechtfertigender Aspekt wird vom EuGH grundsätzlich anerkannt. Allerdings muss auch insoweit verlangt werden, dass der "verständige Verbraucher" nicht mit milderen Mitteln erreicht werden kann. Dabei sollten Verf. sehen, dass anders als bei gewissermaßen "primär" gesundheitsbedrohlichen Produkten – Tabak und Alkohol – im Bereich von Süßigkeiten möglicherweise geringere Schutzbedürfnisse bestehen.