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Staats- und Verwaltungsrecht Repetitorium


Prof. Dr. Roland Rixecker



Fallbesprechung 9: "Ein Fremder liegt in meinem Grab" (115/SS07)
Fallbesprechung 7: "Vertragstreue eines Bauherrn" (061/SS07)
Fallbesprechung 5: "Eine unerwünschte Kontrolle" (114/SS07)


Fallbesprechung 1: "Das Kinderland-Programm"

Verwaltungsverfahrensrecht; Subventionsrecht (UNI-064/SS06)



Sachverhalt:

Das Saarland (S) gewährt seit mehreren Jahren im Rahmen eines Programms "Saarland – Kinderland" jährlich gesondert bewilligte Zuschüsse zur Erholung von Kindern aus sozial schwachen Familien. Die finanziellen Mittel sind in den jeweiligen Haushaltsplänen bereitgestellt. Die veröffentlichten "Förderrichtlinien", auf die jeweils in den Zuwendungsbescheiden "Bezug genommen" ist, sehen eine bestimmte Mindestdauer der Unterbringung des Kindes in einer Erholungsstätte und einen bestimmten Tagessatz je Kind (50 €) als Zuschussbetrag an den Träger der Erholungsmaßnahme vor. Voraussetzung der Förderung ist, dass das Einkommen der Sorgeberechtigten des Kindes bestimmte Grenzen nicht übersteigt. Zugleich findet sich in der "Förderrichtlinien" die Regelung, dass die Zuwendung zurückzufordern ist, wenn ihr Zweck nicht erreicht worden ist und nicht mehr erreicht werden kann.

Durch Bescheid vom 2.3.2003 gewährt S dem eingetragenen Verein "Pro X" eine Zuwendung von 60.000 € für ein solches Projekt. "Pro X" wird durch den Bescheid gestattet, die Zuwendung an die jeweiligen Träger der Erholungsmaßnahme (Feriendörfer, Landheime etc.) – unter den Bedingungen des Bescheids –  weiterzugeben. Zu diesen Bedingungen zählt, dass Verwendungsnachweise zu führen, S auf Anforderung vorzulegen und Belege aufzubewahren sind, aus denen die Personen, die Dauer und der Aufwand der Förderung zu erkennen ist. Ferner ist in den Förderrichtlinien geregelt, dass der Zuwendungsbetrag binnen zwei Monaten nach Anforderung zweckentsprechend zu verwenden ist.

Eine Prüfung des Rechnungshofs im März 2004 ergibt, dass "Pro X" 20.000 € an die "Feriendorf Y GmbH" bedingungsgemäß weitergeleitet hat; dort sind indessen keine  Belege mehr vorhanden, die es erlauben würden, die zweckentsprechende Verwendung der Fördermittel festzustellen. Weitere 40.000 € sind erst 4 Monate nach Überweisung an "Pro X" durch S weitergeleitet und für Maßnahmen der Familienförderung verbraucht worden.

Aufgrund dieses ihm im August 2004 bekannt gewordenen und sodann durch die zuständigen Referate des Ministeriums für Justiz, Gesundheit und Sozialordnung mehrere Monate geprüften Berichts hebt das zuständige Ministerium den Bescheid vom 2.3.2003 –  "soweit die Förderung 40 000 € übersteigt" – am 14.9.2005 auf. In diesem Bescheid wird ferner angeordnet, dass "Pro X" Zinsen auf einen Betrag von 40.000 € mit 5 % über dem jeweiligen Basiszinssatz (für die Dauer von 4 Monaten) zu zahlen hat.

Zur Begründung führt das Ministerium aus, der Bescheid sei ohnehin rechtswidrig gewesen. Da die Förderung die Konkurrenz verschiedener "touristischer" Unternehmen beeinflussen könne, sei sie ohne gesetzliche Grundlage nicht zulässig gewesen. Allein schon deshalb und ohne dass es auf weitere Erwägungen ankomme, müsse der Bescheid aufgehoben werden; denn haushaltsrechtlich müsse das Land die Grundsätze der Sparsamkeit und Wirtschaftlichkeit der Haushaltsführung (§ 7 Abs.1 LHO) beachten. In jedem Fall müsse der Betrag von 20 000 € wegen "Zweckverfehlung" erstattet werden. Die Verzinsung ergebe sich aus dem Bescheid selbst.

Demgegenüber wendet "Pro X" ein, die "Aufhebung" des Bescheids sei verspätet; die Mittelverwendung für bestimmte geförderte Personen sei lediglich nicht mehr nachweisbar, jedoch erfolgt. In jedem Fall hätten die Gelder dem Betrieb des ausschließlich der Kindererholung dienenden Feriendorfs gedient, dies habe S gar nicht in die Überlegungen zur Aufhebung des Bescheids einbezogen.

Aufgrund einer – nicht veröffentlichen –  Änderung der "Förderrichtlinien" durch S soll im übrigen im Hinblick auf die desolate Haushaltslage von S Grundlage der Förderung ab 2006 nur noch ein Tagessatz von 25 € sein, so dass sich für "Pro X" für 2006 nur noch eine Zuwendung von 30 000 € ergibt. "Pro X", der langfristige Verträge mit verschiedenen Trägern von Erholungsmaßnahmen abgeschlossen hat und selbst verschiedene Ferienheime betreibt, sieht sich durch diese "völlig überraschende" Mittelreduzierung vor einem "finanziellen Chaos", das einmal wieder nur die "Schwächsten" treffen werde.

Aufgabe 1:

Wird eine von "Pro X" gegen den Bescheid vom 14.9.2005 erhobene – als zulässig zu unterstellende –  Klage Aussicht auf Erfolg haben?

Aufgaben 2:

Stehen S die verlangten Zinsen zu?

Aufgabe 3:

Kann "Pro X" für 2006 eine Zuwendung nach den bisherigen – vor 2006  geltenden –  Bedingungen in voller Höhe verlangen?


Gliederungsskizze und Bearbeitungshinweise (UNI-064/Stand 04/06):

Probleme des Falles:
  • Gesetzesvorbehalt im Subventionsrecht
  • Rückforderung einer Subvention wegen Zweckverfehlung
  • § 48 Abs. 4 VwVfG
  • Ermessen und Ermessenslenkung
  • Änderung von Verwaltungsvorschriften

Die Aufgabe behandelt zentrale Fragen des Subventionsrechts, der Aufhebung eines Verwaltungsakts, des Ermessens und der Änderung von Verwaltungsvorschriften. Grundlage der Aufgabe sind die Entscheidung des OVG Münster NVwZ 1996, 610 und die Entscheidung des BVerwG, NVwZ 1998, S. 273. Fallbearbeitungen zum Subventionsrecht finden sich (unter anderem) bei -> Lesen: Rozek, JURA 2001, 39 (= NJW 1998, 2233 = JuS 1998, 764) und Suerbaum, Jus 1998, 635).

A. Aufgabe 1

Begründetheit einer Klage gegen den Bescheid vom 14.9.

I. § 48 Abs. 1 VwVfG

Rechtsgrundlage kann § 48 Abs. 1 VwVfG sein.

Das setzt die Rechtswidrigkeit des Zuwendungsbescheids vom 2.3. voraus. Sie wird – nach der Aufgabenstellung – im Fehlen einer gesetzlichen Grundlage für die Subvention gesehen. Nach noch immer überwiegender Meinung genügt aber – jedenfalls in Fällen, in denen eine mittelbare Beeinflussung von Schutzbereichen von Grundrechten (Art. 4, Art. 5 GG) nicht in Betracht kommt – das Haushaltsgesetz als Rechtsgrundlage der Subventionierung. Verf. können sich die Frage stellen, ob nicht wegen der Beeinflussung der beruflichen Chancen anderer Veranstalter doch eine gesetzliche Grundlage erforderlich ist. Dafür muss erkannt werden, dass Art. 12 GG nicht vor Wettbewerb schützt. Einflussnahmen der öffentlichen Hand auf den Wettbewerb berühren nur dann Art. 12 GG, wenn sie einen beruflichen Bereich monopolisieren oder einen Berufstätigen erdrosseln (-> Lesen: Kluth, JURA 2001, 371).

II. § 49 Abs 3 Nr. 1 VwVfG

Rechtsgrundlage kann aber § 49 Abs. 3 Nr. 1 VwVfG sein.

1. Frist

Dabei müssen sich Verf. zunächst mit der Frage befassen, ob überhaupt ein fristgerechter Widerruf (§ 49 Abs. 3 Satz 2 VwVfG i.V.m. § 48 Abs. 4 VwVfG) vorliegt. Die Verwaltungsbehörde kannte die Tatsachen und die rechtliche Beurteilung durch den Rechnungshof, hatte aber weitere Prüfungen für erforderlich gehalten. Verf. müssen sich demnach mit dem Sinn der Jahresfrist auseinandersetzen (-> Lesen: BVerwGE 70, 356) und sich i.W. zwischen der Annahme einer "Bearbeitungsfrist" (sie wäre im August 2005 abgelaufen) und einer "Entscheidungsfrist" (sie setzt voraus, dass die Verwaltungsbehörde nicht nur die für die Aufhebungsentscheidung maßgeblichen Tatsachen sondern auch die für die Gewährung von Vertrauensschutz und die Ausübung des Ermessens erheblichen Umstände kennt, was offenbar erst nach der behördeninternen Prüfung der Fall war) entscheiden (zur Frist vgl. auch BVerwGE 112, 360 = JuS 2001, 825).

2. Zweckverfehlung

Sodann müssen sie fragen, ob eine Zweckverfehlung eingetreten ist.

Dabei ist in erster Linie zu fragen, ob eine Zweckvereinbarung – sie ergibt sich erst aus den Förderrichtlinien – überhaupt Gegenstand des Zuwendungsbescheids geworden ist. Verf. müssen erkennen, dass es nach der Rechtsprechung des BVerwG (-> Lesen: BVerwG NVwZ-RR 1997, 278) nicht darauf ankommt, ob "Nebenbestimmungen" in einen Zuwendungsbescheid aufgenommen worden sind oder ob sie sich aus einer dem Adressaten bekannt gegebenen oder zugänglichen Verwaltungsvorschrift ergeben.

In zweiter Linie kommt es auf die Frage der Feststellungslast an (-> Lesen: OVG Münster a.a.O.).

3. Ermessen

Schließlich müssen sich Verf. mit der Frage der rechtmäßigen Ausübung des Ermessens – hier mit Problem des (durch die LHO) gelenkten Ermessens – befassen.

B. Aufgabe 2

Der Zinsanspruch kann sich nur aus § 49a Abs. 4 VwVfG ergeben. Das setzt voraus, dass "Pro X" den Zuwendungsbetrag nicht "alsbald" nach der Überweisung zweckentsprechend verwendet hat.

Aus den Förderrichtlinien ergibt sich, dass der Zuwendungsbetrag binnen 2 Monaten zweckentsprechend zu verwenden ist. Da die Förderrichtlinien Teil des bestandskräftigen Zuwendungsbescheids geworden sind, ist der Begriff "alsbald" mit "binnen 2 Monaten" zu interpretieren. Verf. müssen sich insoweit aber mit der Frage befassen, ob Verwaltungsvorschriften einen unbestimmten Rechtsbegriff – bindend für das Gericht – konkretisieren können. Das ist grundsätzlich nicht der Fall. Jedoch sind die Förderrichtlinien bestandskräftiger Teil des VA geworden, also gilt für "Pro X" die so bestimmte Frist.

C. Aufgabe 3:

Hat Pro X einen Anspruch auf Fortsetzung der Förderung?

I. Unwirksamkeit der Änderung

Der Anspruch kann sich aus einer Fortgeltung der Förderrichtlinien ergeben. Das ist allerdings nur der Fall, wenn die Änderung unwirksam ist (-> Lesen: BVerwG NVwZ 1998, 273).

II. Gleichheitssatz/Vertrauensschutz

Davon abgesehen kann sich ein Anspruch auf Subventionierung allenfalls einmal aus einem Gleichheitssatz oder dem Vertrauensschutzprinzip ergeben. Die Voraussetzungen dafür liegen nicht vor.