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Staats- und Verwaltungsrecht Repetitorium


Prof. Dr. Roland Rixecker



Fallbesprechung 9: "Ein Fremder liegt in meinem Grab" (115/SS07)
Fallbesprechung 7: "Vertragstreue eines Bauherrn" (061/SS07)
Fallbesprechung 5: "Eine unerwünschte Kontrolle" (114/SS07)


Fallbesprechung 5: "Eine unerwünschte Kontrolle"

Öffentliches Baurecht; Verfassungsrecht; Verwaltungsprozessrecht (UNI-114/SS07)



Sachverhalt:

A ist Eigentümer des Grundstücks X, das im sogenannten Allmet der saarländischen Stadt S liegt und mit einem als Wochenendhaus baurechtlich genehmigten Gebäude bebaut ist. Für das Allmet, ein großflächiges Gebiet "vor den Toren der Stadt", besteht ein Bebauungsplan, nach dessen Festsetzungen dort nur Wochenendhäuser, aber keine zu Dauerwohnzwecken genutzten Wohngebäude zugelassen sind. Seit Beginn der Bebauung wurden im Allmet indessen immer wieder bauliche Anlagen, teilweise abweichend von den Festsetzungen des Bebauungsplans, verändert, erweitert und umgenutzt. Etliche Anwohner sind dort mit ihrem Hauptwohnsitz angemeldet.

Die Oberbürgermeisterin von S als Untere Bauaufsichtsbehörde (S) ordnet eines Tages an, dass baurechtlichen Verstößen im Gebiet von S konsequent nachzugehen sei. Bei einer Außenbesichtigung verschiedener Anwesen im Allmet wird auch auf dem Grundstück des A – bei einem Blick durch ansonsten dichte Tuja-Hecken hindurch – festgestellt, dass Fenster größer als genehmigt ausgeführt erscheinen, große Lichtschächte vorhanden sind, Rollläden eingerichtet wurden und in dem genehmigten Wintergartenvorbau – an einem Werktag – mehrere Personen offensichtlich beim Mittagessen sitzen.

Daraufhin fordert S den A auf, sein Anwesen durch die Untere Bauaufsichtsbehörde – auch innen – besichtigen zu lassen. Als A sich weigert, ordnet S durch einen mit ordnungsgemäßer Rechtsmittelbelehrung versehenen Bescheid vom 29.9.2006 an, einen Termin für eine Bauzustandsbesichtigung zu benennen und zu diesem Termin das Anwesen sein Anwesen auch innen für Kontrollbeamte zugänglich zu machen. Der am 29.9.2006, einem Freitag, zur Post gegebene Bescheid wird dem A am 30.9.2006 mittels eingeschriebenem Brief zugestellt. Sein am 2.11.2006 eingelegter Widerspruch, mit dem er beanstandet, der Bescheid verletze ihn in Grundrechten, einem solchen Verlangen der Unteren Bauaufsichtsbehörde fehle auch jede Rechtsgrundlage, wird mit einem ihm am 1.12.2006 zugestellten Bescheid vom 30.11.2006 zurückgewiesen. A erhebt in der zweiten Dezemberwoche Klage.

Wie ist die Rechtslage?

Abwandlung:

Die Untere Bauaufsichtsbehörde stellt im Rahmen einer von A gestatteten Bauzustandsbesichtigung fest, dass A sein Anwesen als seine ständige Wohnung benutzt. A begründet das damit, er verfüge über kein weiteres Grundstück in einem Wohngebiet und könne sich auch kein solches leisten. Für eine so kinderreiche Familie wie die seine – A ist verheiratet und hat fünf Kinder – finde sich auch keine angemessen große Mietwohnung in S. Schließlich gebe es im Allmet auch andere Anwesen, die als Dauerwohnung benutzt würden. Es sei daher insgesamt eine unbillige Härte, wenn von ihm die Aufgabe seines ständigen Wohnsitzes verlangt werde. Das beeindruckt die Untere Bauaufsichtsbehörde nicht. Sie verfügt eine dem A zugestellte Untersagung, die ihm verbietet, sein Anwesen als dauernde Wohnung zu benutzen. A hält diese Verfügung für rechtswidrig.

Trifft seine Rechtsauffassung zu?


Gliederungsskizze und Bearbeitungshinweise (114/SS07), Stand 05/07:

Probleme des Falles:
  • Verfristung eines Widerspruchs
  • Zustellungsfiktion
  • Besichtigungsrechte der Bauaufsichtsbehörden
  • Art. 13 Abs. 7 GG
  • Voraussetzungen einer Nutzungsuntersagung
  • § 31 Abs. 2 BauGB

Die Aufgabe ist vor kurzem im mündlichen Teil des 1. juristischen Staatsexamens gestellt worden. Sie beruht im Wesentlichen auf einer Entscheidung des OVG Koblenz vom 15.2.2006 (ASRP-SL 33,111)

A. Aufgabe 1

Gefragt ist nach den Erfolgsaussichten der von A erhobenen Klage gegen den Bescheid vom 29.9.2006, mit dem von A eine Besichtigung seines Anwesens verlangt wurde.

I. Zulässigkeit

Verf. sollten die Voraussetzungen der Zulässigkeit einer verwaltungsgerichtlichen Klage – Eröffnung des Verwaltungsrechtsweges, statthafte Klageart, Klagebefugnis, Beteiligtenfähigkeit, passive Prozessführungsbefugnis, Rechtsschutzbedürfnis – mit nicht mehr als jeweils einem Satz feststellen. Das Problem ist allein die Zulässigkeitsvoraussetzung der ordnungsgemäßen Durchführung eines Widerspruchsverfahrens. Der Widerspruch könnte nämlich verfristet gewesen sein.

Verf., die schlicht auf die Bescheidung des Widerspruchs hinweisen – durch Widerspruchsbescheid vom 30.11.2006 – und dabei das Argument "Widerspruchsbehörde als Herren des Widerspruchsverfahrens" verwenden, übersehen, dass die Aufgabe nichts dazu ausführt, aus welchen Gründen der – möglicherweise verfristete – Widerspruch des A zurückgewiesen worden ist. Ist er nämlich aus formellen Gründen zurückgewiesen worden (wegen Verspätung) würde der Bescheid den Verwaltungsrechtsweg selbstverständlich nicht wiedereröffnen. Also stellt sich die Frage, ob der Widerspruch tatsächlich verfristet erhoben worden ist.

Die Frist zur Erhebung eines Widerspruchs beträgt nach § 70 Abs. 1 VwGO einen Monat nach Bekanntgabe. Nach § 41 Abs. 2 SVwVfG gilt ein schriftlicher VA bei Übermittlung durch die Post im Inland am dritten Tag nach der Aufgabe zur Post als bekannt gegeben. Allerdings bleiben nach § 41 Abs. 5 SVwVfG die Vorschriften über die Bekanntgabe durch Zustellung unberührt. Nach § 2 des SVwZG wird zugestellt, soweit dies  u.a. durch behördliche Anordnung bestimmt ist. Das ist hier der Fall, weil die Verwaltungsbehörde die Zustellung mittels eingeschriebenem Brief verfügt hat. Folglich gilt nach § 1 SVwZG das VwZG des Bundes. Nach dessen § 4 Abs. 1 gilt bei der Zustellung durch die Post mittels eingeschriebenen Briefes dieser mit dem dritten Tag nach der Aufgabe zur Post als zugestellt, es sei denn, dass das zuzustellende Schriftstück nicht oder zu einem späteren Zeitpunkt zugegangen ist. Das bedeutet, dass eine frühere Zustellung unerheblich ist und keine Frist auslöst.

Der Bescheid vom 29.9.2006 ist an diesem Tag bei der Post aufgegeben worden. Das bedeutet, dass die Bekanntgabefiktion frühestens am 2.10. eintritt und damit die Einlegung des Widerspruchs am 2.11. rechtzeitig gewesen ist.

Verf. müssen sich in diesem Zusammenhang daher nicht fragen, ob die 3-Tagefrist nur Werktage oder auch Sonn- und Feiertage betrifft. Entscheidend für Ersteres spricht, dass Zustellungen an Sonn- und Feiertagen typischerweise nicht erfolgen, so dass der Fiktion die tatsächliche Grundlage entzogen wäre. Darauf kommt es allerdings bei den genannten Daten nicht an. Verf. müssen allerdings erkennen, dass die tatsächliche Zustellung am 30.9., die ein Fristende am Montag, dem 30.10. bedeuten könnte, nach § 4 VwZG nicht erheblich ist.

II. Begründetheit der Klage

Die Anfechtungsklage des A ist begründet, wenn der Unteren Bauaufsichtsbehörde (S) kein Recht zur Besichtigung und entsprechenden Bereitstellung des Anwesens des A zusteht. Rechtsgrundlage kann allerdings § 57 Abs. 6 S. 1 SLBO sein.

1. Verfassungsmäßigkeit der Vorschrift

Die Vorschrift müsste allerdings verfassungsgemäß sein. Verf. müssen sie zunächst an Art. 13 Abs. 2 GG messen und rasch erkennen, dass es nicht um eine "Durchsuchung" zu Zwecken des Aufspürens verborgener Umstände oder Personen geht. Sie sollten sich sodann mit Art. 13 Abs. 7 GG befassen. Dabei ist die Frage aufzuwerfen, ob § 57 Abs. 6 SLBO den hohen Rechtfertigungsschranken von Art. 13 Abs. 7 GG ("zur Verhütung dringender Gefahren für die öffentliche Sicherheit und Ordnung") gerecht wird. Verf. müssen erkennen, dass das Besichtigungsrecht des § 57 Abs. 6 LBO den Bauaufsichtsbehörden nur gewährt ist "in Ausübung ihres Amtes". In Ausübung ihres Amtes handeln sie, wenn sie – bei Nutzungsänderungen – prüfen, ob die öffentlich-rechtlichen Vorschriften und die aufgrund dieser Vorschriften erlassenen Anordnungen eingehalten werden. Daraus lässt sich entnehmen (jedenfalls bei verfassungskonformer Interpretation), dass sie nur bei dringenden Gefahren für die öffentliche Sicherheit und Ordnung einschreiten dürfen.

2. Vorliegen der Voraussetzungen der Vorschrift

Fraglich ist folglich, ob eine solche Sachlage vorliegt, ob also bei ungehindertem Ablauf des objektiven Geschehens mit hinreichender Wahrscheinlichkeit alsbald ein Schaden für ein geschütztes Rechtsgut eintreten kann. Das macht es erforderlich, die von S angenommene Verletzung des öffentlichen Baurechts näher zu prüfen. Zur öffentlichen Sicherheit im Sinne des § 57 Abs. 2 SLBO zählt die Beachtung der bauplanungs- und bauordnungsrechtlichen Vorschriften. Da nach den bisherigen Feststellungen davon auszugehen ist, dass A sein Anwesen entgegen der ihm erteilten Baugenehmigung als Dauerwohnung nutzt und entsprechende Veränderungen der genehmigten Bauweise ausgeführt hat, Nutzungsänderungen aber ungeachtet der §§ 61, 63 SLBO genehmigungspflichtig sind, spricht alles dafür, dass eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit nicht nur dringend sondern sich bereits verwirklicht hat â Lesen: OVG Koblenz ASRP-SL 33, 111 ff.).

3. Verhältnismäßigkeit, Ermessen

Verf. müssen sich sodann die Frage der Verhältnismäßigkeit und der Ermessensfehlerfreiheit stellen. Im Hinblick darauf, dass es dem A angeboten hat, einen Termin selbst zu benennen, ist eine geeignete, erforderliche und nicht unzumutbare Maßnahme anzunehmen.

B. Aufgabe 2

(Die Aufgabe verlangt kein Eingehen auf die Zulässigkeit eines gerichtlichen Einschreitens. Es ist allein gefragt, ob die Nutzungsuntersagung durch S rechtmäßig ist.) Rechtsgrundlage der Nutzungsuntersagung kann nur § 82 Abs. 2 SLBO sein.

Verf. müssen sich daher zunächst fragen, ob die – feststehende – formelle Rechtswidrigkeit der Nutzungsänderung genügt. Dafür könnte zwar der Wortlaut der SLBO sprechen, die in § 82 Abs. 2 SLBO für die Nutzungsuntersagung den Widerspruch zur öffentlich-rechtlichen Vorschriften genügen lässt, in § 82 Abs. 1 SLBO aber auch die materielle Illegalität verlangt.

Mit diesem Aufzeigen von terminologischen Unterschieden dürfen sich Verf. aber nicht begnügen. Sie sollten wenigstens Art. 14 Abs. 1 GG ansprechen und fragen, ob nicht aus dem Grundrecht auf Schutz des Eigentums folgt, dass materiell legale und lediglich formell illegale Anlagen einer Nutzungsuntersagung nicht unterliegen. Die Rechtsprechung des OVG Saarlouis geht im Übrigen davon aus, dass dort, wo bauaufsichtsbehördliche Bescheide sich mit der materiellen Illegalität befassen, die verwaltungsgerichtliche Kontrolle sich auch auf sie erstreckt.

Wenn Verf. mit wohl überlegten Gründen fragen, ob die Nutzung des Anwesens des A als Dauerwohnung auch materiell baurechtswidrig ist, werden sie rasch feststellen, dass sie jedenfalls dem geltenden Bebauungsplan widerspricht, also mit § 30 BauGB nicht zu vereinbaren ist. Verf. müssen sodann die Frage stellen, ob ein Dispens nach § 31 Abs. 2 Nr. 3 BauGB geboten ist. Insoweit können Sie ohne dies besonders vertiefen zu müssen darauf hinweisen, dass eine Nutzung als Dauerwohnung die Grundzüge der Planung sehr wohl berührt und im Übrigen die Atypik, die ein Dispens voraussetzt, grundstücks- und nicht, wie hier, personenbezogen ist.