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Staats- und Verwaltungsrecht Repetitorium


Prof. Dr. Roland Rixecker



Fallbesprechung 9: "Ein Fremder liegt in meinem Grab" (115/SS07)
Fallbesprechung 7: "Vertragstreue eines Bauherrn" (061/SS07)
Fallbesprechung 5: "Eine unerwünschte Kontrolle" (114/SS07)


Fallbesprechung 3: "Einmischung in diesseitige Angelegenheiten"

Verfassungsrecht und Verfassungsprozessrecht (011/WS04)



Sachverhalt:

Nach Berichten in Presse und Rundfunk und nach Erkenntnissen der Jugend- und Sicherheitsbehörden des Bundes und der Länder breitet sich eine - sich "Vereinigung der Verklärung" (V) nennende – Organisation in Deutschland aus. Sie versteht sich selbst als religiöse "Schwestern- und Bruderschaft", erkennt zwar keinen Gott an, befasst sich nach ihren Schriften aber mit Ursprung und Ende des geistigen Wesens, die sie irgendwo jenseits von Zeit und Raum annimmt. Dem einzelnen Menschen bietet sie einen "Weg zur Erkenntnis höherer Ebenen geistiger Freiheit" an. "Schwestern" und "Brüder" werden durch besondere Zeremonien wie Taufe (Verklärung I), Trauung (Verklärung II) und Bestattung (Verklärung III) durch das Leben begleitet. Allerdings haben die nachrichtendienstlichen Ermittlungen ergeben, dass V auch in erheblichem Maße erwerbswirtschaftlich tätig wird, durch die umfassende Beeinflussung ihrer Anhänger große Güter erworben hat, an der Börse spekuliert, Menschen über eine Art Gehirnwäsche beeinflusst und Kritiker gnadenlos verfolgt.

Die Bundesregierung beabsichtigt daher eine Aufklärungskampagne zu starten, in deren Verlauf Flugblätter an alle bundesdeutschen Haushalte verteilt werden sollen. Darin soll vor der Werbung der V um Mitglieder gewarnt werden. V soll als "pseudoreligiöse" Sekte ("Jugendsekte", "Psychosekte") dargestellt werden, die verfassungsfeindliche Ziele verfolge. Gleichzeitig will die Bundesregierung den bundesweit tätigen "Verein zur Bekämpfung des Sektenwesens" mit zusätzlichen, im Bundeshaushalt ausgewiesenen Geldern fördern, damit er Informationsschriften über V herausgeben kann. Nachdem das Bundesministerium für Familie als intern zuständiges Ressort diese Absicht auf einer Bundespressekonferenz erläutert hat und nachdem ein erstes Flugblatt über die Sekte V an Journalisten verteilt worden  ist, will V die Bundesregierung an jedweden weiteren Schritten hindern und sie zur Rücknahme der "Verleumdung" von V als "pseudoreligiöse Sekte", die im Wege der Gehirnwäsche Anhänger rekrutiere, zwingen.

V meint, die Bundesregierung sei schon gar nicht zuständig für ihr Vorgehen. Vor allem dürfe sie aber, wenn sie denn als Organ des Bundes kompetent sei, ohne eine Beteiligung des Parlaments nicht handeln.

Schließlich dürfe sie aber schon deshalb nicht einschreiten, weil V eine religiöse Gemeinschaft sei, die unter einem vorbehaltlosen Grundrechtsschutz stehe.

V möchte unverzüglich gerichtlichen Schutz erlangen, da sie ein weiteres unmittelbar bevorstehendes Vorgehen der Bundesregierung für wahrscheinlich hält.

Wie ist die Rechtslage?



Gliederungsskizze und Bearbeitungshinweise (011/ Stand 10/04)

Probleme des Falles:
  • Warnungen durch Hoheitsträger
  • Rechtsgrundlagen für Unterlassungs- und Widerrufsansprüche wegen hoheitlicher Äusserungen
  • Verwaltungskompetenzen
  • Parlamentsvorbehalt
  • Art. 4 Abs. 1, 2 GG

Die Aufgaben greift ein in anderen Konstellationen immer wieder auftretendes Problem - Warnungen durch Hoheitsträger - auf. Verf. müssen erkennen, dass V - so rasch wie möglich - gegen (1) die weitere Verbreitung der Informationen der Bundesregierung durch Flugblätter (2), die Finanzierung des S und (3) den Widerruf der Bezeichnung der V als Sekte erreichen will.

Verf. sollten -> Lesen: BVerfG NJW 2002, 2626; BVerwG NJW 1989, 2272; DVBl. 1992, 1093; Di Fabio JuS 1997, 1 f; Hösch JA 1997, 564.

Verf. sollten erkennen, dass V nur dann geholfen werden kann, wenn sie im Verfahren des einstweiligen Rechtsschutzes zu obsiegen vermag.

A. Zulässigkeit einstweiligen Rechtsschutzes

I. Statthaftigkeit

Statthaftigkeit nach § 123 VwGO

II. Eröffnung des Verwaltungsrechtsweges

Verf. können insoweit problematisieren, ob der Streit zwischen V und der Bundesregierung keine verfassungsrechtliche Streitigkeit ist. Die klassische Differenzierung zwischen verfassungsrechtlichen Streitigkeiten, die dadurch gekennzeichnet sind, dass Verfassungsorgane in dieser Funktion um Verfassungsrecht miteinander streiten ("doppelte Verfassungsunmittelbarkeit"), wird in neuerer Zeit bezweifelt; es wird jedenfalls in spezifischen Konstellationen gefragt, ob das Verfassungsrecht die Streitigkeit nicht in einem solchen Maße prägt, dass eine genuine verfassungsgerichtliche Zuständigkeit gegeben sein müsse. Verf. können allerdings leichthin darauf verweisen, dass es sich hier - bei dem Streit der V gegen die Bundesregierung - um das klassische Vorgehen eines Grundrechtsträgers gegen die Exekutive handelt, deren Vorgehen vom Verfassungsrecht beeinflusst sein kann, sich jedoch nicht ausschließlich auf der Ebene der Verfassung ereignet.

III. Antragsbefugnis

Es ist nicht auszuschließen, dass Grundrechte der V (Art. 4 Abs. 1, 2 GG) verletzt sind.

IV. Antragsgegner

Bundesregierung

V. Rechtsschutzbedürfnis

Verf. könnten auf den Gedanken kommen, dass ein Unterlassungsgebot die Hauptsache vorwegnehmen könnte. Das ist nicht zwingend anzunehmen, im Übrigen ist leichthin festzustellen, dass S bei Erlass einer einstweiligen Anordnung lediglich zu einer vorläufigen Untersagung der Warnungen käme.

B. Begründetheit der einstweiligen Anordnung

I. Unterlassung der Bezeichnung als Sekte

In erster Linie kommt es V darauf an (vorläufig) zu verhindern, dass die Bundesregierung sie im Rahmen einer Aufklärungskampagne als Sekte bezeichnet und vor ihr warnt. Es geht also um eine Unterlassung.

1. Rechtsgrundlage

Verf. müssen zunächst fragen, was die Rechtsgrundlage eines Unterlassungsanspruchs gegen hoheitliche Äußerungen sein kann (Grundrechte Betroffener: Art. 4 Abs. 1, 2 GG, ggf. Art. 140 GG i.V.m. Art. 137 Abs. 2, 3 WRV). Notwendig ist es dann, das Verhältnis von Art. 4 Abs. 1, 2 GG zu den durch Art. 140 GG inkorporierten Bestandteilen der WRV zu erörtern.

2. Schutzbereich

Fraglich ist sodann, ob der Schutzbereich der Religions- und Weltanschauungsfreiheit berührt sein kann. Verf. müssen sich mit der Frage befassen, ob V nach den Angaben im Sachverhalt eine Religion oder Weltanschauung vertritt oder ob es allein um wirtschaftliche Verhaltensweisen geht. Dabei wird entscheidend sein, ob die im Sachverhalt genannten wirtschaftlichen Gesichtspunkte die Tätigkeit von V prägen und die religiösen und weltanschaulichen Zielsetzungen lediglich eine Verbrämung der im Wesentlichen ökonomischen Zielsetzung darstellen. Indessen spricht viel dafür, jedenfalls nicht einen solchen Vorrang der ökonomischen Zwecke anzunehmen, dass die weltanschaulichen dahinter - grundrechtsrelevant - zurückzutreten hätten.

3. Eingriff

Verf. müssen sodann erkennen, dass ein klassischer - finaler - Eingriff in die Religions- und Weltanschauungsfreiheit an sich nicht vorliegt. Vielmehr handelt es sich um einen "Informationseingriff". Dabei geht es um eine faktische Belastung der grundrechtlichen Betätigungsfreiheit. Derartige faktische Belastungen grundrechtlicher Betätigungsfreiheiten stellen dann einen Eingriff dar, wenn sie nach Intention oder Schwere einem Verbot oder Gebot gleichkommen. Das liegt hier nicht fern.

4. Verfassungsrechtliche Rechtfertigung

Ein Eingriff in die Religions- und Weltanschauungsfreiheit kann allerdings gerechtfertigt sein. Verf. müssen sich, wenn sie methodisch korrekt vorgehen, nach einer Rechtsgrundlage für die Warnung fragen.

a) Kompetenz zur Staatsleitung

Spezielle Regelungen fehlen. Verf. könnten die Befugnis zur Warnung aus der Kompetenz zur Staatsleitung herleiten (Art. 65 GG). Mit guten Gründen lässt sich allerdings insoweit das Vorhandensein einer Befugnisnorm verneinen.

(1) Bundeskompetenz

Hier – wenn das Vorhandensein einer Befugnis bejaht wird – kann dann die Frage nach der Kompetenz des Bundes gestellt werden. Verf. müssen sich zunächst überlegen, dass es sich um eine Verwaltungskompetenz handelt, die in Anspruch genommen wird, und die - mangels eines spezifischen Kompetenztitels im Grundgesetz - nur als ein Annex zur Sachaufgabe - Art. 74 Nr. 7 GG - begründet werden kann. Dafür spricht indessen viel.

(2) Parlamentsvorbehalt

Davon abgesehen müssen Verf. sich fragen, ob es nicht eines den Eingriff konkretisierenden Parlamentsgesetzes bedürfte (Lehre vom Parlamentsvorbehalt). Dazu ist die Kenntnis von BVerfG a.a.O. erforderlich.

b) Verfassungsimmante Schranken

Schließlich stellt sich die Frage nach verfassungsimmanenten Schranken der Religions- und Weltanschauungsfreiheit, die von V wahrgenommen wird. Verf. können solche verfassungsimmanenten Schranken unter Berufung auf die Verfassungsrechtsprechung aus einer Kompetenznorm - Art. 74 Nr. 7 GG - herleiten. Das lässt sich indessen bestreiten (Kompetenz à Befugnis?).

Die Kompetenz zum Einschreiten kann sich allerdings aus der Aufgabe zur Staatsleitung durchaus ergeben. Die Bundesregierung (wie jede Landesregierung) ist gehalten, das Volk über politische und gesellschaftliche Entwicklungen zu unterrichten.

Dabei muss die Exekutive allerdings Sachlichkeits- und Verhältnismäßigkeitsgebote einhalten. Nach dem Sachverhalt liegen immerhin nachrichtendienstliche Erkenntnisse vor, die auch grundrechtlich (Schutzpflicht) relevanten Bedenken gegen das Vorgehen der V wachrufen. Die Skizzierung der V durch die Bundesregierung ist zugleich, folgt man dem Sachverhalt, nur moderat. Das würde erlauben, das Sachlichkeitsgebot als gewahrt zu betrachten.

II. Unterlassung der Finanzierung

Die Subventionierung des S stellt einen den Parlamentsvorbehalt auslösenden Eingriff in die Rechte der V dar. Ohne formelles und materielles Gesetz ist die Finanzierung des S folglich nicht zulässig.

III. Rücknahme der Bezeichnung der V als Sekte

Anspruchsgrundlage kann ein Folgenbeseitigungsanspruch sein (Voraussetzungen: Hoheitlicher Eingriff in ein subjektives Recht/Schaffung und Andauern eines rechtswidrigen Zustands/Möglichkeit und Zumutbarkeit der Restitution). Verf. sollten erkennen, dass die Rechtsprechung zum Schutz des Persönlichkeitsrechts von Privaten einen Anspruch auf Widerruf nur insoweit zulässt, als es um die Korrektur von Tatsachenbehauptungen geht. Das muss auf das Verhalten eines Hoheitsträgers nicht zwingend übertragen werden, weil ein Hoheitsträger sich nicht auf die Meinungsäußerungsfreiheit berufen kann. Die Rechtsfrage ist allerdings ungeklärt.