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Staats- und Verwaltungsrecht Repetitorium


Prof. Dr. Roland Rixecker



Fallbesprechung 9: "Ein Fremder liegt in meinem Grab" (115/SS07)
Fallbesprechung 7: "Vertragstreue eines Bauherrn" (061/SS07)
Fallbesprechung 5: "Eine unerwünschte Kontrolle" (114/SS07)


Fallbesprechung 6: "Verbot einer internationalenGroßkundgebung"

Versammlungsrecht, Polizeirecht, Verwaltungsprozessrecht (UNI-059/WS05/06)



Sachverhalt:

Die von den Verfassungsschutzbehörden als rechtsextremistisch eingeschätzte Partei der Erneuerung (PdE) (Ortsverband S.) meldet bei der saarländischen Stadt S. am 20.3.  eine lautsprecherunterstützte Kundgebung ("Gegen das Europa der Ausländer und Bürokraten/ Schutz der souveränen Staaten und der nationalen Ordnung") mit anschließendem Aufzug für den 24.3. ? das ist im übrigen der Tag des Erlasses des "Ermächtigungsgesetzes" ?  an. Die Kundgebung, deren Teilnehmer mit Trommeln und schwarzen Fahnen marschieren wollen, soll vor dem Hauptfriedhof nahe der Grenze zu Frankreich stattfinden, der anschließende Aufzug sich ? vorbei an einer KZ-Gedenkstelle und der Einmündung zu einem israelitischen Friedhof ? zur Landesgrenze bewegen und sich dort auflösen.

Da französische Behörden keine Demonstration auf französischem Territorium wünschten, soll den Teilnehmern anheim gestellt werden, sich "privat" zu einer Kranzniederlegung an nahe gelegenen Ehrenmalen für im deutsch-französischen Krieg 1870/71 gefallene deutsche Soldaten zu begeben. Für die Veranstaltung ("1. internationale Großkundgebung  der Europäischen Rechten") wird, was die PdE verschwiegen hat, im Internet von verschiedenen in- und ausländischen Organisationen geworben. Bei ähnlichen Ereignissen der letzten Monate in anderen Städten ist es zu gewaltsamen Ausschreitungen mit zahlreichen Verletzten und hohem Sachschaden gekommen. Derartige Entwicklungen befürchtet nun auch die saarländische Polizei. Mehrere, den Aufzug kreuzende unangemeldete Gegendemonstrationen aus der linksextremen Szene sind angekündigt. Informationen des Verfassungsschutzes lassen erwarten, dass einzelne gewaltbereite Personen sich unter die Teilnehmer der Demonstration mischen und von dort aus begleitende Polizeikräfte angreifen. Erfahrungsgemäß sei auch die Schändung israelitischer Friedhöfe und von NS-Mahnmalen Rechtsextremisten zuzuordnen. Die französische Polizei habe die deutsche zur Grenzsicherung aufgefordert. Ob deren Kräfte zur Aufrechterhaltung des öffentlichen Friedens genügten, sei angesichts eines gleichzeitig stattfindenden Fußballspiels des 1. FC Saarbrücken zweifelhaft.

Daraufhin verbietet die zuständige Behörde der Landeshauptstadt Kundgebung und Aufzug und ordnet ? ohne gesonderte Anhörung der PdE ? die sofortige Vollziehung- unter Hinweis auf die besondere Dringlichkeit des Einschreitens ? an: Neben den von der Polizei gehegten Befürchtungen, die die Verbotsverfügung im einzelnen aufführt, habe die PdE wesentliche Aspekte der Demonstration verschwiegen; vor allem sei auch mit rechtsextremen Äußerungen von Demonstrationsteilnehmern zu rechnen. Die Wahl des Datums habe Symbolcharakter, das Mitführen von Trommeln und schwarzen Fahnen  erinnere an nazistische Organisationen. Die Demonstration störe auch die Totenruhe auf dem Friedhof.

Die PdE widerspricht der Verbotsverfügung und begehrt zugleich einstweiligen Rechtsschutz bei dem Verwaltungsgericht des Saarlandes. Wird sie mit diesem Begehren erfolgreich sein?


Gliederungsskizze und Bearbeitungshinweise (059/SS 99/WS 01 - Stand 09/01)

Probleme des Falles:
  • Voraussetzungen des einstweiligen Rechtsschutzes
  • Begründung der Anordnung der sofortigen Vollziehung
  • § 15 Abs. 1 Vers
  • Gefahr für die öffentliche Ordnung
  • Schutzbereiche der Art. 5, 8 GG

Der Aufgabe liegt eine - unveröffentlichte - Entscheidung des Oberverwaltungsgerichts des Saarlandes vom 29.5.1998 - 9 V 14/98 - zugrunde. Neuere Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts (in Auseinandersetzung mit dem Oberverwaltungsgericht Nordrhein-Westfalen) geben ihr besondere Aktualität [-> Lesen: BVerwG NJW 2001, 2069; OVG Nordrhein-Westfalen NJW 2001, 2111]

A. Zulässigkeit des Begehrens der PdE

(Verf. sollten erkennen, dass es um ein Vorgehen im einstweiligen Rechtsschutz gegen die für sofort vollziehbar erklärte Verbotsverfügung geht. Klausurbeispiele sind insoweit: -> Lesen: Zilkens, JuS 1988, 915; Enders, JuS 1997, 539; Düwel JURA 2000, 92)

I. Eröffnung des Verwaltungsrechtswegs

PdE wendet sich gegen eine hoheitliche Verbotsverfügung.

II. Statthaftigkeit des Antrags

(Verf. sollten über § 123 Abs. 5 VwGO zu § 80 Abs. 5 VwGO kommen und erkennen, dass es um die Aussetzung der Vollziehung eines Verwaltungsaktes geht, der der Anfechtung unterliegt. § 80 Abs. 5 S. 2 lässt den Antrag schon vor Erhebung der Anfechtungsklage zu. Da Widerspruch erhoben ist, kommt es auf die Frage, ob er Voraussetzung für einen Antrag nach § 80 Abs. 5 VwGO ist, nicht an.)

III. Antragsbefugnis

(§ 42 Abs. 2 VwGO in entsprechender Anwendung: PdE wendet sich gegen eine an sie ergangene Verbotsverfügung).

IV. Beteiligtenfähigkeit

(Verf. müssen erkennen, dass ein Ortsverband einer politischen Partei das Verfahren führt. Sie sollten auf § 3 ParteiG kurz eingehen und sich fragen, ob auch einem Ortsverband einer Partei (nicht nur hinsichtlich der Benutzung gemeindeeigener Räume) über Art. 21 GG, Art. 8 GG ein Recht im Sinne des § 61 Nr. 2 VwGO zustehen kann (+).

V. Antragsgegner

Richtiger Antragsgegner ist gemäß § 78 Abs. 1 Nr. 1 VwGO in entsprechender Anwendung der Oberbürgermeister der Landeshauptstadt Saarbrücken.

VI. Rechtsschutzbedürfnis

Wie § 80 Abs. 6 S. 1 VwGO im Umkehrschluss zeigt, bedarf es auch keines vorherigen Verlangens gegenüber der Verwaltungsbehörde.

B. Begründetheit des Antrags

Der Antrag, der sich auf die Wiederherstellung der aufschiebenden Wirkung des Widerspruchs gegen die Verbotsverfügung richtet, ist begründet, wenn die Anordnung der sofortigen Vollziehung aus formellen Gründen rechtswidrig ist oder, materiell, wenn das Interesse an der Aussetzung der Vollziehung der Verbotsverfügung das Interesse an ihrer sofortigen Vollziehung überwiegt.

I. Formelle Voraussetzungen der sofortigen Vollziehung

1. Begründung

(§ 80 Abs. 3 VwGO verlangt eine nicht lediglich formelhafte Rechtfertigung der Anordnung. Sie muss vielmehr auf den konkreten Einzelfall abstellen. Dazu genügt der Hinweis darauf, dass die beanstandete Kundgebung mittelbar bevorsteht.)

2. Vorherige Anhörung

(Verf. sollten nicht vorschnell auf § 28 Abs. 2 VwVfG oder auf § 45 Abs. 1 VwVfG eingehen sondern sich die Frage stellen, ob § 28 Abs. 1 VwVfG überhaupt eine Anhörung verlangt. Sie sollten erkennen, dass die Anordnung der sofortigen Vollziehung selbst nicht in Bestandskraft erwächst und nicht vollstreckbar ist, daher, wie nicht zuletzt § 45 Abs. 1 Nr. 3, Abs. 2 VwVfG zeigt, § 28 Abs. 1 VwVfG nicht unmittelbar passt. Auch kann auf den Sinn der Anhörung Bezug genommen werden [-> Lesen: Enders, a.a.O., S. 541 unter 3].

II. Aussetzungs- gegen Vollzugsinteresse

Das Interesse der PdE an der Aussetzung der sofortigen Vollziehung überwiegt wenn - nach summarischer Prüfung - sein Rechtsbehelf in der Hauptsache voraussichtlich erfolgreich sein wird, die Verbotsverfügung sich also als rechtswidrig erweist und die PdE in ihren Rechten verletzt.

Im Folgenden kommt es darauf an, dass Verf. die einzelnen Gründe der Verwaltungsbehörde sehr präzise und differenziert rechtlich prüfen; zu den Ergebnissen der Prüfung können im Einzelnen durchaus unterschiedliche Auffassungen vertreten werden.

Rechtsgrundlage der Verbotsverfügung kann nur § 15 Abs. 1 VersG sein.

Verf. können kurz darauf eingehen, dass eine Versammlung/ein Aufzug geplant ist (Mehrheit von Personen, die an einem gemeinsamen Ort verbunden zu einem gemeinsamen Zweck zusammentreten, auch die zuweilen vertretene Voraussetzung, dass der Zweck eine Meinungsbildung in öffentlichen Angelegenheiten sein muss, ist gegeben; die Versammlung ist öffentlich, weil jedermann sich an ihr beteiligen kann und ein individuell nicht abgrenzbarer Personenkreis aufgerufen ist).

1. Formelle Rechtmäßigkeit

Formelle Bedenken gegen die Verbotsverfügung bestehen nicht.

2. Materielle Rechtmäßigkeit

a) Öffentliche Sicherheit

Ein Verbot kann zum einen erfolgen, wenn eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit vorliegt, also für die subjektiven Rechte und die Rechtsgüter des Einzelnen, für den Schutz des Staates und seiner Einrichtungen und für die Gesamtheit der positiven Rechtsordnung. Als Gefahr ist eine Lage anzusehen, die bei ungehindertem Ablauf mit hoher Wahrscheinlichkeit zu einer Beeinträchtigung des Schutzgutes führt. Sie ist unmittelbar, wie § 15 Abs. 1 VersG voraussetzt, wenn nach einer gesicherten Gefahrenprognose, dem bisherigen Erfahrungswissen und seiner konkreten Verbindung zur bevorstehenden Versammlung der Schadenseintritt mit hoher Wahrscheinlichkeit bevorsteht.

-     Befürchtung gewaltsamer Ausschreitungen? -> zu allgemein, ein hinreichend konkreter Bezug früherer Ereignisse zu der bevorstehenden Versammlung fehlt

-     Angriff gewaltbereiter Personen, die sich unter die Teilnehmer der Demonstration mischen

Die Gefahr geht von diesen gewaltbereiten Personen aus, dass die Demonstration sie sich zurechnen lassen müsste ist nicht erkennbar.

-     Straftaten im Zusammenhang mit der Schändung israelitischer Friedhöfe und von Mahnmalen; -> keine hinreichende Konkretisierung bestimmter von der Versammlung oder ihren Teilnehmern zu verantwortender Straftaten

-     Erinnerung an nazistische Organisationen: keine Straftat

-     Störung der Totenruhe (§ 168 StGB) -> setzt beschimpfenden Unfug an einer Beisetzungsstätte oder Totengedenkstätte voraus, die Voraussetzungen sind nicht erkennbar

-     Täuschung über den Ablauf der Versammlung als Verstoß gegen § 14 VersG -> Den Veranstalter einer Versammlung trifft keine Rechtspflicht zur Kooperation mit der Verwaltungsbehörde, die ihm die Aufklärung möglicher Gefahren im Zusammenhang mit der beabsichtigten Versammlung auferlegen würde

b) Öffentliche Ordnung

Ein Verbot kann zum anderen grundsätzlich dann erfolgen, wenn eine unmittelbare Gefährdung der öffentlichen Ordnung vorliegt.

Verf. sollten den Begriff der öffentlichen Ordnung darlegen: die Gesamtheit der ungeschriebenen Regeln, deren Befolgung nach den jeweils herrschenden und dem Wertgehalt des Grundgesetzes zu vereinbarenden sozialen und ethischen Anschauungen als unerlässliche Voraussetzung eines geordneten menschlichen Zusammenlebens innerhalb eines bestimmten Gebiets angesehen wird. Sie sollten sich die Frage stellen, ob eine unmittelbare Gefährdung dieser Gesamtheit von Regeln durch die Wahl des Datums mit Symbolcharakter, das Mitführen von Trommeln und schwarzen Fahnen oder rechtsextreme Äußerungen verletzt würden.

Dabei muss darauf eingegangen werden, dass ein Verbot nationalsozialistischen und rechtsextremen Gedankenguts in Bezug auf den Inhalt der Meinungsäußerung an Art. 5 Abs. 2 GG, in Bezug auf die Besonderheiten der gemeinschaftlichen Kundgabe und Erörterung an Art. 8 GG zu messen ist. Verf. sollten sich in diesem Zusammenhang damit auseinandersetzen, dass fraglich sein kann, ob eine Ermächtigung zum Schutz der öffentlichen Ordnung als Schranke der Meinungsfreiheit im Sinne von Art. 5 Abs. 2 GG in Betracht kommt; das BVerfG verlangt, dass bei kommunikativen Angriffen auf Schutzgüter der Verfassung die Verwirklichung einer Strafrechtsnorm vorliegt, die den Rückgriff auf eine allgemeine Ermächtigung ausschließt (-> Lesen: BVerfGE 111, 147; 90, 241). Die Erwartung rechtsextremer ? aber nicht strafbarer ? Äußerungen ist also nicht erheblich.

Soweit es um das Mitführen von Trommeln und schwarzen Fahnen und die symbolträchtige Wahl des Datums geht und soweit es um außenpolitische Interessen der Bundesrepublik Deutschland geht müssen Verf. prüfen, ob solchen zu erwartenden Gefahren für die öffentliche Ordnung nicht durch Auflagen (§ 15 Abs. 1 VersG) begegnet werden kann oder dem entgegensteht, dass die Verwaltungsbehörde nicht durch Auflagen die Versammlung in ihrem von ihrem Veranstalter zu bestimmenden Inhalt und ihrem Wesen verändern würden (Die Frage kann systematisch im Zusammenhang mit der Problematik der grundrechtskonformen Interpretation der "öffentlichen Ordnung" angesprochen werden, kann aber auch ohne weiteres bei Annahme einer Gefahr im Rahmen der Ermessensprüfung angesprochen werden).

c) Nichtstörer

Soweit Verf. die hinreichende Wahrscheinlichkeit einer Gefahr für die öffentliche Sicherheit aus dem Auftreten von Gegendemonstrationen aus der linksextremen Szene herleiten, müssen sie erkennen, dass die Versammlung selbst nicht Störer ist und dass ein Verbot auf § 6 SPolG insoweit nur gestützt werden könnte, wenn die Gefahr nicht auf andere Weise abgewendet werden kann und die Verwaltungsbehörde nicht über ausreichende eigene, eventuell durch Amts- und Vollzugshilfe ergänzte Mittel und Kräfte verfügt: Die Begründung der Verwaltungsbehörde trägt insoweit eindeutig nicht.

d) Verletzung von eigenen Rechten

Erweist sich das Verbot als rechtswidrig, so liegt auch eine Verletzung von eigenen Rechten der PdE vor.