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Staats- und Verwaltungsrecht Repetitorium


Prof. Dr. Roland Rixecker



Fallbesprechung 9: "Ein Fremder liegt in meinem Grab" (115/SS07)
Fallbesprechung 7: "Vertragstreue eines Bauherrn" (061/SS07)
Fallbesprechung 5: "Eine unerwünschte Kontrolle" (114/SS07)


Fallbesprechung 4: "Ein Kopftuch für einen Parkscheinautomaten"

Polizeirecht (UNI-097/WS 05/06)



Sachverhalt:

Der A stellte eines Mittags sein Kraftfahrzeug in der saarländischen Stadt S. in der N-Straße ? sie führt unter anderem zu den Sonnentalkliniken der Stadt S. ? auf einem Seitenstreifen der Fahrbahn ab. Dort war das Parken mit einem Parkschein aus einem Parkscheinautomaten erlaubt.

§ 13 Abs. 1 Satz 1 StVO:

"An Parkuhren darf nur während des Laufens der Uhr, an Parkscheinautomaten nur mit einem Parkschein, der am oder im Fahrzeug von außen gut lesbar angebracht sein muss, für die Dauer der zulässigen Parkzeit gehalten werden."

Bedauerlicherweise vermochte A keinen Parkschein zu lösen, weil er nicht über die passende Münze verfügte. Daraufhin legte er deutlich sichtbar hinter die Windschutzscheibe seines Pkw einen Zettel mit dem Text "bei Störung bitte anrufen, komme sofort, Handynummer: 0160xxx". Dann entfernte er sich in sein nahe gelegenes Büro. Bedauerlicherweise brach etwa 2 Stunden später ein Teil der Fahrbahn der N-Straße infolge unterirdischer Arbeiten an einem Hauptsammlerkanal ein. Kraftfahrzeuge, die die N-Straße befuhren, konnten nur dann noch passieren, wenn der Seitenstreifen frei war. Der herbeigerufene Polizeibeamte ließ sofort den Parkscheinautomaten mit einer "Kappe" abdecken, ordnete ein absolutes Halteverbot an (entsprechende Schilder mussten allerdings erst noch besorgt werden) und veranlasste, dass die auf dem Seitenstreifen parkenden Fahrzeuge ? unter anderem der Wagen des A ? abgeschleppt wurden. So konnte die Fahrbahn über den Seitenstreifen kurzfristig neu geführt werden.

Durch das Abschleppen entstanden der zuständigen Polizeibehörde Kosten in Höhe von 110,- Euro. Durch Kostenbescheid nahm sie dafür den A in Anspruch. A setzte sich dagegen mit der Begründung zur Wehr, es könne nicht sein, dass ein Kraftfahrzeug abgeschleppt werde, nur weil ein Parkschein wegen Fehlens passender Münzen nicht gelöst worden sei. Die zuständige Polizeibehörde wies indessen darauf hin, dass der Wagen ohnehin hätte entfernt werden müssen, weil sich durch das Absacken der Fahrbahn die Notwendigkeit ergeben habe, den Parkstreifen vor allem für Krankentransportfahrzeuge freizumachen; auf die ausgebliebene Lösung des Parkscheins komme es daher gar nicht an. Dagegen wendet A ein, für das Absacken der Fahrbahn und seine Folgen müsse er wohl kaum einstehen. A erhebt nach vergeblichem Widerspruchsverfahren Klage gegen die zuständige Polizeibehörde.

§ 44 Abs.1 StVO:

Sachlich zuständig zur Ausführung dieser Verordnung sind, soweit nichts anderes bestimmt ist, die Straßenverkehrsbehörden;...

§ 44 Abs.2 StVO:

Die Polizei ist befugt, den Verkehr durch Zeichen und Weisungen (§36)...zu regeln. Bei Gefahr im Verzug kann zur Aufrechterhaltung der Sicherheit oder Ordnung des Straßenverkehrs die Polizei an Stelle der an sich zuständigen Behörden tätig werden und vorläufige Maßnahmen treffen; sie bestimmt dann die Mittel zur Sicherung und Lenkung des Verkehrs.

(Es soll unterstellt werden, dass nach §§ 5,7 StVZustG S. zuständige Straßenverkehrs- und Straßenbaubehörde ist).


Gliederungsskizze und Bearbeitungshinweise (UNI-097/WS05/06 ? Stand 11/2005)

Probleme des Falles:
  • Abschleppen verbotswidrig geparkter Kraftfahrzeuge

Die Aufgabe befasst sich mit dem immer wieder beliebten Examensproblem des Abschleppens verbotswidrig geparkter Fahrzeuge. Die Fallgestaltung, die einer Entscheidung des OVG Hamburg vom 29.11.2000 (VRS 100, 478) nachgebildet ist (aber auch Elemente der Entscheidung des OVG Hamburg vom 14.8.2001 (NJW 2001, 3647) aufnimmt) verlangt, dass sich die Bearbeiter sehr differenziert mit den einzelnen Voraussetzungen der Vollstreckung polizeilicher Verfügungen auseinandersetzen.

A. Zulässigkeit der Klage

Irgendwelche Probleme der Zulässigkeit stellen sich nicht. Daher sollten Verf. die einzelnen Voraussetzungen der Zulässigkeit in jeweils nur einem Satz feststellen.

B. Begründetheit der Klage

Die Klage ist begründet, wenn der Kostenbescheid der zuständigen Polizeibehörde rechtswidrig ist und A dadurch in seinen Rechten verletzt ist.

I. § 24 Abs. 3 i.V.m. § 21 i.V.m. § 90 SPolG

Rechtsgrundlage des Kostenbescheides §§ 24 Abs.3 SPolG i.V.m. § 21 SPolG i.V.m. § 90 SPolG? (Sicherstellung des Kraftfahrzeugs?)

In Betracht kommt zunächst, als Grundlage für den Kostenbescheid die Vorschriften über die Sicherstellung (Kostenerstattung für die  Sicherstellung eines Kraftfahrzeugs) zu stützen.

(Verf. sollten allerdings wissen, dass eine Sicherstellung regelmäßig auf die Verwahrung einer Sache gerichtet ist, durch die die von der Sache ausgehende Gefahr bekämpft werden soll. Die Ingewahrsamnahme abgeschleppter Kraftfahrzeuge ist aber lediglich eine Nebenfolge nicht aber Intention des Abschleppens.)

II. §§ 21, 77 SVwVG i.V.m. §§ 13 Abs. 1, 43 StVO

Rechtsgrundlage des Kostenbescheids §§ 21,77 SVwVG i.V.m. §§13 Abs.1, 43 StVO? (Vollstreckung durch Ersatzvornahme eines Wegfahrgebots wegen Nichteinwurfs einer Münze?)

In Betracht kommt sodann, dass das Verbot des § 13 Abs. 1 Satz 1 StVO (durch die nach § 85 Abs.1 S.2 SPolG zuständige Polizei), das zugleich ein Wegfahrgebot enthält, im Wege der Ersatzvornahme durchgesetzt werden sollte.

Das Abschleppen eines unter Verstoß gegen eine Verkehrseinrichtung rechtswidrig abgestellten Kraftfahrzeuges wird regelmäßig als Ersatzvornahme betrachtet. Verf. müssen allerdings erkennen, dass die Grundverfügung zum Zeitpunkt des Abschleppens nicht mehr bestand. Denn nach § 43 Abs. 2 SVwVG bleibt ein VA nur so lange wirksam, wie er nicht zurückgenommen, widerrufen, anderweitig aufgehoben oder durch Zeitablauf oder auf andere Weise erledigt ist (§ 15 Abs. 2 VwVG). Durch die Anordnung des insoweit sachlich zuständigen Polizeibeamten, den Parkscheinautomaten abzudecken und ein absolutes Halteverbot einzurichten, ist die in der Parkscheinautomatenregelung enthaltene Regelung insgesamt aufgehoben worden und durch ein neues Wegfahrgebot aufgrund des absoluten Halteverbotes ersetzt worden.

III. §§ 21, 77 SVwVG i.V.m. § 44 Abs. 2 StVO

Rechtsgrundlage des Kostenbescheids §§ 21,77 SVwVG i.V.m. § 44 Abs.2 StVO? (Vollstreckung durch Ersatzvornahme eines durch polizeiliche Weisung angeordneten absoluten Halteverbots.)

(Verf. können diskutieren, ob das polizeiliche Handeln auf der Grundlage von § 8 SPolG beruht; dafür könnte angeführt werden, dass kein Verkehrszeichen aufgestellt wurde. Jedoch zeigen §§ 43 Abs.2 StVO und § 85 Abs.1 S.2 SPolG, dass die Polizei, wenn sie in einer Gefährdungssituation den Verkehr regelt, befugt ist, das Straßenverkehrsrecht zu vollziehen. Dann ist davon auszugehen, dass sie genau das auch will und nicht auf eine "Auffangnorm" zurückgreift.) Verf., die jetzt auf die Rechtsprechung zur Wirksamkeit von Verkehrszeichen (BVerwGE 102, 316) rekurrieren, verkennen, dass ein absolutes Haltverbot im Sinne des Zeichens 283 zu § 41 StVO nicht aufgestellt worden ist, eine wirksame Grundverfügung also in diesem Fall nicht angenommen werden kann. Das durch den Polizeibeamten ausgesprochene Halteverbot mag äußere Wirksamkeit erlangt haben, nicht aber dem A gegenüber innere Wirksamkeit.

IV. §§ 21, 77, 18 Abs. 2 SVwVG

Rechtsgrundlage §§ 21, 77, 18 Abs.2 SVwVG (sofortiger Vollzug einer Regelung des Verkehrs)?

Dann müsste die Polizei im Rahmen ihrer gesetzlichen Befugnisse gehandelt haben.  Eine solche Befugnis findet hier ihre Grundlage in § 44 Abs.2 StVO.

1. Zuständigkeit

Gegen die Zuständigkeit des Polizeibeamten bestehen keine Bedenken.

2. Voraussetzungen des § 44 Abs. 2 StVO

Die tatbestandlichen Voraussetzungen des § 44 Abs.2 StVO liegen, wie Verf. unschwer erkennen werden, vor.

Der Polizeibeamte hat zur Aufrechterhaltung der Sicherheit und Ordnung des Verkehrs gehandelt. Gefahr im Verzug besteht (Freihalten des Seitenstreifens für Krankentransportfahrzeuge).

3. Ermessen

Maßnahmen nach § 44 Abs.2 StVO stehen allerdings im Ermessen der Polizei. Dessen Grenzen werden ? auch ? durch das Verhältnismäßigkeitsprinzip bestimmt. Insoweit stellt sich die Frage, ob das Abschleppen, das zwar ein geeignetes Mittel zur Gefahrenabwehr war, das mildeste gleich wirksame Mittel war (nein, weil eine gleichermaßen schnelle Beseitigung der Gefahr nicht erwartet werden konnte) und den A nicht übermäßig belastet hat. Genügt das Hinterlassen einer Handynummer, um das Abschleppen als unzumutbar zu betrachten? Das wird in aller Regel verneint (vgl. dazu OVG Hamburg NJW 01, 3647).

4. Einforderung unverhältnismäßig

Verf. sollten schließlich erkennen, dass in vergleichbaren Fällen trotz des Wortlauts des § 21 SVwVG angenommen wird, die Einforderung der Abschleppkosten in Fällen einer nachträglich veränderten Gefahrenlage, die dem Pflichtigen nicht zurechenbar ist (Einbrechen der Fahrbahn, Anordnung eines absoluten Halteverbots ohne Erkennbarkeit für den Betroffenen) stehe im pflichtgemäßen Ermessen der Verwaltungsbehörde oder könne sich ? vorzugswürdig ? als unverhältnismäßig erweisen ("Sekundärebene" des behördlichen Handelns vgl. VG Saarlouis, zfs 1993, 215, VGH Mannheim, NJW 1991, 1698; OVG Hamburg NordÖR 2004, 399,401; vgl.a. Michaelis JURA 2003, 298). Das ist allerdings umstritten (vgl. Grupp/Stelkens, Saarheimer Fall "Abgeschleppt und abgezockt").