Wir kommen zu Punkt 8 der Tagesordnung:

Beschlußfassung über den von der CDU-Landtagsfraktion eingebrachten Antrag betreffend Aufhebung des Jagdverbotes auf Elstern und Rabenkrähen (Drucksache 11/395).

Zur Begründung des Antrages erteile ich das Wort der Frau Abgeordneten Christel Steitz.

Abg. Steitz (CDU):
Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich hätte mir eigentlich gewünscht, daß zu diesem Thema die Abgeordneten auch in so einer großen Zahl hier anwesend sein würden wie heute morgen, denn dieses Thema, meine Damen und Herren, ist ein Thema mit einem sicherlich ernsten Hintergrund. Ich hatte mir vorgenommen, die Begründung zu diesem Thema nicht impulsiv vorzutragen, sondern ich wollte es in einer Art und Weise tun, die Emotionen ausschließt.

Nun bekamen wir heute morgen eine Presseerklärung der Bündnis 90/Die Grünen-Fraktion auf den Tisch _ leider ist Andreas Pollak nicht da _, die im Vorfeld dieser Diskussion eine Presseerklärung herausgegeben haben: Grüne für weiteres Jagdverbot.

(Zuruf von der SPD: Wo sind sie denn?)

Sie geben uns noch nicht einmal Gelegenheit, hierzu Stellung zu nehmen. Das, finde ich, ist eine parlamentarische Art und Weise, die ich nicht nachvollziehen kann.

(Zuruf von der CDU: Wo sind sie denn?)

Die Grünen werfen der CDU Arroganz gegenüber der Natur vor. Liebe Kolleginnen und Kollegen, unter Arroganz verstehe ich eigentlich das Gegenteil von dem, was wir tun. Ich verstehe darunter, daß diejenigen arrogant sind, die nicht einmal bereit sind zu diskutieren, die keine Bereitschaft erkennen lassen, andere Meinungen gelten zu lassen. So beurteile ich Menschen, die arrogant sind.

Die CDU nimmt andere Meinungen ernst, und deshalb haben wir diesen Antrag heute im Plenum eingebracht. Die Grünen werfen uns weiterhin vor, wir hätten den Antrag nur wegen der uns nahestehenden Jägervereinigung gestellt. Meine Damen und Herren, natürlich stehen uns die Jäger nahe, weil wir wissen, daß sie für die Natur, für den Umweltschutz Hervorragendes leisten.

(Beifall bei der CDU.)

Sie sind hervorragend ausgebildet und betreiben angewandten Naturschutz. Das ist eine Tatsache, und aus diesem Grund möchte ich darauf hinweisen, daß auch die Grünen einmal ähnlicher Auffassung waren. Lieber Herr Kollege Andreas Pollak, ich würde Ihnen raten, mit den Jägern des Saarlandes einmal Gespräche zu führen.

(Zuruf von der CDU: Und mit den Jägerinnen!)

Und mit den Jägerinnen natürlich. Vielleicht würden Sie Ihre Meinung ändern, wenn Sie die Gespräche führen und sich darüber informieren würden, welchen Schwierigkeitsgrad eine Jägerprüfung hat und daß die Durchfallquote bei diesen Jägerprüfungen enorm hoch ist. Das zeugt davon, daß die Jäger kompetente Mitglieder unserer Gesellschaft sind, die einen hervorragenden Beitrag zum Umwelt- und Naturschutz leisten. Und wenn ich hier noch etwas anfügen darf. Andreas Pollak, noch einmal zu Dir _ ich bin hier bei Deiner Presseerklärung. Wenn Du uns Arroganz vorwirfst, dann beziehe ich das auch auf mich. Ich persönlich betreibe seit 35 Jahren angewandten Natur- und Tierschutz. Ich bin seit 35 Jahren in einem Beruf, wo dies Grundlage des Wirtschaftens ist, und ich lasse mir von einer Grünen-Fraktion _ ich beziehe hier meine Kollegen der CDU-Landtagsfraktion mit ein _ nicht vorwerfen, daß wir arrogant seien gegenüber dem Naturschutz.

(Zuruf: So war es gar nicht gemeint.)

Meine Damen und Herren, ich bitte, mir einmal zuzuhören. Zu Beginn meiner Ausführungen möchte ich für meine Fraktion ausdrücklich betonen, daß es uns bei diesem Antrag überhaupt nicht darum geht, Elster und Rabenkrähe auszurotten, sondern sie durch die Möglichkeit der Bejagung auf ein vernünftiges Maß zu reduzieren. Das ist der Sinn dieses Antrages. In den acht Jahren der Unterschutzstellung haben sich diese Vogelarten derart vermehrt, daß Schäden in der Landwirtschaft, im Gartenbau und im Kleingarten zu verzeichnen sind. Der Rückgang der Kleinpopulation und der Rückgang der Singvögel sind Folge dieser Unterschutzstellung.

Wir beklagen _ und das wird uns auch immer wieder gesagt _ den Rückgang der Hasen. Meine Damen und Herren, daran ist nicht die Jagd schuld, sondern die Verschlechterung des Lebensraumes durch die Zunahme der Beutegreifer, zu denen die Rabenvögel gehören. Ich weiß, daß dieses Thema in den letzten Jahren sehr kontrovers behandelt wurde _ zu Recht oder Unrecht, das möchte ich heute nicht abschließend bewerten. Im Laufe der letzten Zeit hat hierüber in vielen Gruppen unserer Gesellschaft ein Umdenken stattgefunden, auch in den Reihen der Umweltverbände und des Vogelschutzes. Man kam nämlich zu der Erkenntnis, daß durch die ständige Zunahme einer Tiergattung andere Tierarten gefährdet sind.

Ich verweise auf den Beschluß der oberen Jagdbehörde von vor zwei oder drei Jahren, als es darum ging, die Verbißschäden in den Wäldern zu reduzieren. Da hat die obere Jagdbehörde angeordnet, die Abschüsse für Schalenwild drastisch zu erhöhen.

Die Population der Rabenvögel ist in einem Maße gewachsen, das mit einem ökologischen Gleichgewicht _ und darum geht es uns heute _ überhaupt nichts mehr zu tun hat. Wer glaubt, in der dichtbesiedelten Kulturlandschaft Deutschlands regele sich die Natur von selbst, muß mittlerweile erkennen, daß zur Erhaltung dieser Kulturlandschaft die Land- und Forstwirtschaft, aber auch die Jagd gehört. Meine Damen und Herren, dies wird auch allgemein anerkannt. Diese Erkenntnis hat sich mittlerweile durchgesetzt. Ich erinnere einmal an den Schulterschluß zwischen Landwirtschaft, Forstwirtschaft, Naturschutzverbänden und der Vereinigung der Jäger. Diese Gruppen waren bereit, miteinander in den Dialog zu treten. Ich denke, ohne die Bereitschaft, die Zusammenhänge erkennen zu wollen, geht es nicht. Wer eine Sache ideologisch verfolgt, wird niemals Gesprächspartner finden, um einen Ausgleich in der Natur zu finden.

Ich weise auf eine Gruppe in unserem Land _ auch bundesweit _ hin, die Tierversuchsgegner Saar, die uns _ natürlich im Vorfeld dieser Debatte _ einen unfreundlichen Brief geschrieben haben, die die Jäger als Mörder und Mörderinnen bezeichnen, die die Jäger beschimpfen, sie hätten nur aus niedrigen Beweggründen Lust am Töten, ja, die sogar dazu aufrufen, Hochsitze anzusägen und zu zerstören. Meine Damen und Herren, von solchen Dingen distanzieren wir uns.

(Beifall bei der CDU.)

Kaum ein Artenschutzthema hat in den letzten Jahren alle Bereiche des öffentlichen Lebens so beschäftigt wie dieser Vollschutz der Rabenvögel. Mit der Bundesartenschutzverordnung vom 19. Dezember 1986 wurden alle Rabenvogelarten ab dem 1. Januar 1987 der EG-Vogelschutzrichtlinie folgend unter Schutz gestellt. Es waren Ausnahmen möglich, sofern sie zur Vermeidung von Schäden auf land-, forst- oder fischereiwirtschaftlichen Kulturen und zum Schutz der heimischen Tier- und Pflanzenwelt notwendig waren.

(Zuruf des Abgeordneten Dr. Pollak (B 90/Grüne).)

Diese Ausnahmebewilligungen standen und stehen bis heute im Ermessen der Landesregierungen, und mit ihnen ist ein erheblicher bürokratischer Aufwand verbunden. Man muß einen Antrag an die oberste Jagdbehörde stellen. Dort wird das geprüft. Dann geht es an die untere Naturschutzbehörde. Dort wird es wieder geprüft. Also Sie sehen, daß der Aufwand, der hier getrieben wird, gegenüber dem Ziel, das man eigentlich erreichen möchte, kaum zu rechtfertigen ist.

Eine Umsetzung in nationales Recht durch Änderung der Bundesartenschutzverordnung scheiterte nicht am Willen der federführenden Ministerien in Bonn, sondern an der Zustimmung einzelner Länderregierungen. Seit Juni 1994 besteht die Möglichkeit für die einzelnen Mitgliedsstatten der Europäischen Union, die Jagd auf Rabenvögel zuzulassen. Dies ergibt sich aus der Änderung der EG-Vogelschutzrichtlinie, nach der die Rabenvögel in die Liste der bejagdbaren Vogelarten aufgenommen werden. Um in diesem Sinn eine bundeseinheitliche Regelung zu schaffen, hat das Bundesumweltministerium im Mai 1995 den Entwurf einer dritten Änderungsverordnung zur Bundesartenschutzverordnung den Ländern vorgelegt. Diese Regelung sah für Eichelhäher, Elster und Rabenkrähe außerhalb der Brutzeit keinen Schutz mehr vor. Auf einer Besprechung zwischen Vertretern der Länder und dem Bundesumweltministerium wurde dieser Änderungsentwurf von der Mehrheit der Bundesländer abgelehnt.

Uns wurde im Ausschuß am 18. Mai erklärt, die Landesregierung warte auf diese Verordnung, und bevor die Bundesrichtlinie nicht komme, werde sie nicht tätig werden. Das war am 18. Mai 1995.

(Widerspruch des Abgeordneten Dr. Tabillion (SPD).)

Doch, Herr Tabillion. Es ist eine Verordnung vorgelegt worden, und die Länder haben sie mehrheitlich abgelehnt. Daran war auch das Saarland beteiligt. So ist die Lage, wie wir sie durch Recherchen des Bundesumweltministeriums erfahren haben. Das sind die Fakten, die ich hier noch einmal darlegen wollte. Da wir im Umweltausschuß keine abschließende Erklärung erhalten haben und da für uns dieses Thema eigentlich sehr wichtig war und auch, weil uns immer wieder Gruppen daran erinnert haben, dieses Thema endlich einmal zu besetzen, haben wir es in das Plenum gebracht. Wir haben unseren Antrag eingebracht, um die Landesregierung aufzufordern, eine Rechtsverordnung vorzulegen, die Abschüsse der Rabenvögel auch in unserem Land vorsieht. Dies ist in anderen Ländern schon geschehen. Das sind zum Beispiel Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg, Bayern und Sachsen-Anhalt. Hessen wird folgen.

(Zuruf des Abgeordneten Volz (SPD).)

Diese Länder haben die Rechtsverordnung vorgelegt und geben der Jägerschaft die Möglichkeit, die Rabenvögel zu bejagen. Aus diesem Grund bitte ich die Kolleginnen und Kollegen der SPD- Landtagsfraktion _ die Grünen haben sich ja schon festgelegt _, unserem Antrag zuzustimmen, damit die Natur wieder bunter wird, damit die Natur einen normalen Ausgleich erfährt, damit nicht die schwarzen Vögel immer mehr überhandnehmen, sondern damit auch bunte Vögel wieder ihren Lebensraum hier in unserem Land finden. _ Ich bedanke mich.

(Beifall bei der CDU. _ Sprechen.)

Präsident Kasper:
Meine Damen und Herren, ich eröffne die Aussprache. Das Wort hat Frau Abgeordnete Hollinger.

Abg. Hollinger (SPD):
Herr Präsident! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Liebe Kollegin Steitz, Sie haben natürlich recht: Wenn es um die Jagd geht, wird sehr emotional diskutiert. Dies geht _ das gebe ich zu _ quer durch alle Parteien. Aber zu Beginn möchte ich eines direkt geraderücken. Es gibt in einigen Bundesländern sehr wohl Rechtsverordnungen, aber nur in Nordrhein-Westfalen und in Bayern. Rheinland-Pfalz hat bisher keine Rechtsverordnung erlassen.

Aber nun zum Antrag, Frau Kollegin Steitz, liebe Kolleginnen und Kollegen. Die Zeiten ändern sich und mit ihnen selbstverständlich und letztendlich auch Schutzbestimmungen und Gesetze. Und ich denke, das ist auch gut so. Als sogenannte schädliche Vögel blieben ab dem Jahr 1970 nur noch Rabenkrähen, Elstern und Eichelhäher übrig. Seit diese drei Krähenarten 1987 gemäß Bundesartenschutzverordnung und Umsetzung der EG-Vogelschutzrichtlinie besonders geschützt sind, tobt _ ich zitiere jetzt die Allgemeine Forstzeitschrift _ der Rabenvogelkrieg, eine Auseinandersetzung, die da und dort durchaus die Züge eines Glaubenskrieges angenommen hat. Verbissener denn je _ so heißt es in der AFZ weiter _ postulieren Jäger und Jagdlobbyisten die Unabdingbarkeit jägerischer Regulierung dieser letzten drei Vogelarten. Die Rabenvogelfrage hat sich derweil zum Jagdpolitikum schlechthin gemausert.

Meine Damen und Herren, dies sind harte Formulierungen eines Forstamtsleiters, also auch eines Jägers, aber sie treffen den Kern. Rabenkrähen, Elstern und Eichelhäher unterliegen nicht dem Jagdrecht, wie es zum Beispiel der Freistaat Bayern vehement fordert, aber sie dürfen dennoch bejagt werden, soweit dies zur Abwendung erheblicher land-, forst-, fischerei-, wasser- oder sonstiger gemeinwirtschaftlicher Schäden oder zum Schutz der heimischen Tier- und Pflanzenwelt erforderlich ist. So ist es in § 20 g des Bundesnaturschutzgesetzes festgehalten. Denn die EG-Vogelschutzrichtlinie läßt seit acht Jahren Abschüsse außerhalb der Brutzeit _ also hier bei uns im Land außerhalb der Zeit vom 1. April bis 31. Juli _ in Ausnahmefällen zu. Es war deshalb, Frau Kollegin Steitz, auch schon in der Vergangenheit möglich, eine Rechtsverordnung _ so man sie überhaupt wollte und sie notwendig war _ zu erlassen, nicht erst seit der erneuten Änderung der EG-Vogelschutzrichtlinie im Juni 1994. Das muß man wissen, weil sich nämlich die Rechtssituation in der Bundesrepublik Deutschland nicht geändert hat.

Die Aufnahme der drei Krähenarten in die Liste der jagdbaren Vogelarten sieht nach EG-Vorgaben den Abschuß auch nur außerhalb der Brutzeit vor. Die landwirtschaftlichen Schäden aber treten _ bei uns hier im Saarland zumindest _ zeitlich und lokal sehr eng begrenzt hauptsächlich innerhalb der Brutzeit auf, im April und Mai, wenn die Rabenkrähen in die Maisfelder einfliegen.

(Zuruf der Abgeordneten Steitz (CDU).)

Hören Sie doch bitte zu, Frau Kollegin Steitz. Deshalb haben sich in den vergangenen Jahren im Saarland fast alle Einzelfallanträge auf die Monate April und Mai bezogen. Die etwa 50 Einzelfallanträge pro Jahr wurden fast ausschließlich für den Raum St. Wendel gestellt und hatten bis jetzt nur _ man höre und staune _ die Abschußerlaubnis für die Rabenkrähe zum Inhalt. Alle Anträge nach § 20 g Bundesnaturschutzgesetz wurden in der Zuständigkeit des Ministeriums und neuerdings in der Zuständigkeit der unteren Naturschutzbehörden großzügig und unbürokratisch behandelt. Kein einziger Antrag wurde bisher abgelehnt. Ein weiterer Regelungsbedarf besteht folglich _ wenn überhaupt _ nur für die Rabenkrähe, da weder Eichelhäher noch Elster in den vergangenen Jahren belegbare Schäden auf landwirtschaftlichen Flächen angerichtet haben.

Meine Damen und Herren, kurz zur Elster. Gerade die Elster ist eine Vogelart, die alljährlich zur Übeltäterin gestempelt wird. Die ständige Behauptung, daß sich die Elster massenhaft vermehrt und die Singvögel verschwinden, wo immer sie auftaucht, konnte durch wissenschaftliche Untersuchungen in der Vergangenheit in der Bundesrepublik Deutschland nicht bestätigt werden, wie die Arbeitsgemeinschaft der staatlichen Vogelschutzwarten belegt. Es gibt keinen Anhalt dafür, daß die Elster den Gesamtbestand irgendeiner Singvogelart zusätzlich gefährdet.

(Abg. Steitz (CDU): Das ist Ihre Meinung. Wir haben da eine andere Meinung.)

Es ist unbestritten, daß alle drei Krähenvögel auch Nesträuber sind. Aber bestandsgefährdende Rückgänge in der Singvogelwelt sind nie auf eine Dezimierung durch andere Arten zurückzuführen, sondern meist auf Lebensraumverschlechterungen, für die der Mensch verantwortlich ist.

(Weiterer Zuruf der Abgeordneten Steitz (CDU).)

Ich verstehe ja Ihre Emotionen, Frau Kollegin Steitz. _ Meine Damen und Herren, die Bundesartenschutzverordnung wird geändert. Der Entwurf liegt zur länderinternen Abstimmung vor. Auch hier wird, wie überall, sehr kontrovers diskutiert. Bayern zum Beispiel will alle drei Krähenarten, wie im Entwurf vorgesehen, bejagen, Hessen wiederum will sie auch weiterhin unter Schutz stellen. Deshalb ist es sinnvoll, wie wir es auch im Ausschuß in zwei Sitzungen deutlich gemacht haben, die bundeseinheitliche Regelung abzuwarten, weil eine Rechtsverordnung _ ich sage es noch einmal: so man sie überhaupt wollte _ mit der Novellierung der Bundesartenschutzverordnung gegenstandslos würde.

Meine Damen und Herren, im Moment besteht kein Handlungsbedarf, da sich die bisher geübte Praxis bewährt hat. Wir sehen und verstehen sehr wohl _ das sage ich ausdrücklich _ die berechtigten Anliegen der Landwirtschaft, wir nehmen sie auch sehr ernst.

(Abg. Steitz (CDU): Das merkt man.)

Das merkt man, richtig. Es ist ein Scheinantrag, den Sie gestellt haben. Im CDU-Antrag wird die Landesregierung aufgefordert, durch eine Rechtsverordnung die Bejagung von Elster und Rabenkrähe außerhalb der Brutzeit freizugeben. Damit, meine Damen und Herren, wird den Landwirten nicht geholfen, da nachweislich _ ich habe es bereits ausgeführt _ alle Schäden innerhalb der Brutzeit auftreten, wie alle Einzelfallanträge beweisen. Ein Abschuß kann nach der jetzigen Rechtslage _ und da spielt die EG natürlich auch eine gewaltige Rolle _ innerhalb der Brutzeit auch in Zukunft nur nach einem Einzelfallantrag genehmigt werden. _ Bitte, Frau Kollegin.

Abg. Steitz (CDU):
Frau Kollegin, ist Ihnen bekannt, daß im Frühjahr _ März, April _ und im September, Oktober, wenn die Aussaat auf den landwirtschaftlichen Kulturen erfolgt, die Rabenkrähen enormen Schaden anrichten? Haben Sie jemals davon gehört, daß Landwirte für diese Schäden von der Landesregierung einen Ausgleich erhalten?

Abg. Hollinger (SPD):
Frau Kollegin Steitz, ich weise noch einmal darauf hin, daß alle Einzelfallanträge innerhalb der Brutzeit _ _

(Zuruf der Abgeordneten Steitz (CDU).)

Darf ich jetzt einmal ausreden? Wenn Sie Wert darauf legen, daß ich Ihre Frage beantworte, dann halten Sie sich doch bitte etwas zurück. Ich wiederhole es noch einmal: Die Einzelfallanträge kommen im April und im Mai. Also lag es doch wohl nicht im Interesse der Landwirtschaft, auch außerhalb der Brutzeit Einzelfallanträge zu stellen. Daraus schließe ich, daß keine erheblichen Schäden, wie sie nach § 20 g Bundesnaturschutzgesetz nachgewiesen werden müssen, vorhanden sind.

(Abg. Steitz (CDU): Die Anträge werden doch von Jagdberechtigten gestellt, nicht von den Landwirten!)

Frau Kollegin, dann muß ich allen Ernstes fragen: Wenn dieser Antrag nicht der Landwirtschaft dienen soll, wem soll er denn dann dienen?

(Beifall bei der SPD.)

Meine sehr geehrten Damen und Herren, eine Rechtsverordnung macht _ die geltende Rechtslage immer vorausgesetzt _ im Moment keinen Sinn. Aus den von mir genannten Gründen wird die SPD-Landtagsfraktion den CDU-Antrag ablehnen; wir sehen im Moment keinen Handlungsbedarf.

(Beifall bei der SPD.)

Präsident Kasper:
Das Wort hat der Abgeordnete Dr. Pollak.

Abg. Dr. Pollak (B 90/Grüne):
Herr Präsident! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Liebe Kolleginnen und Kollegen von der CDU-Fraktion, liebe Frau Steitz, die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen ist ehrlich gesagt von Ihrem Antrag enttäuscht. Es ist allgemein bekannt, daß es der saarländischen Jägerschaft von Anfang an ein Dorn im Auge war, Elster und Rabenkrähe unter Schutz zu stellen. Um es einmal klarzumachen: Die Rabenkrähe und die Elster _ Frau Hollinger hat es bereits gesagt _ waren nach dem Gesetz noch nie jagdbares Wild. Allerdings genügte es bisher der Jägerschaft, daß nie ein ausdrückliches Jagdverbot bestand.

Liebe Kolleginnen und Kollegen von der CDU, Sie behaupten in Ihrem Antrag, daß die Schäden in der Landwirtschaft bei der Kleintierpopulation und bei den Singvogelbeständen durch die explosionsartige Vermehrung von Elstern und Rabenkrähen erheblich zugenommen haben. So, das wollen wir uns jetzt einmal gemeinsam genauer betrachten.

(Heiterkeit.)

Die Rabenkrähe, Frau Steitz, verursacht die Hauptschäden nicht auf dem Acker, sondern sie verursacht die Hauptschäden an den wunderschönen weißen Planen der sogenannten Fahrsilos. Und das nicht etwa deswegen, weil der Krähe die darunterliegende Silage gut schmecken würde, nein, sie wird von dem leuchtenden Weiß dieser Planen angezogen. Die Krähe pickt aus offensichtlicher Bösartigkeit in diese Planen Löcher hinein. Und das ist der Grund, warum die Rabenkrähen jetzt abgeschossen werden sollen. Dazu sagen wir nein, denn ein paar Schippen Sand auf dieser Plane würden das Problem lösen.

(Zurufe von der CDU.)

Eine emotional aufgebrachte CDU-Fraktion, ich bin begeistert. _ Wirkliche Schäden, meine Damen und Herren, verursacht die Rabenkrähe _ und das bezweifelt niemand _ auf dem Maisacker, insbesondere dann, wenn die Maispflanzen zirka 10 Zentimeter hoch sind. Hier stellt sich jedoch eine ganz andere Frage. Es stellt sich die Frage: Ist es legitim, eine sogenannte Kulturpflanze, also den Mais, dadurch zu schützen, daß man eine bei uns schon seit über 1000 Jahren _ also viel länger als der Mais _ heimische Vogelart der Bejagung preisgibt? Sie wissen, es geht letztlich nur um den Mais. Der Mais wird im April gelegt, nicht gesät, sondern gelegt. Im Weizenbereich sind keine Schäden bekannt.

Es geht also allein um den Maisanbau. Der Maisanbau wurde erst in den letzten zwanzig Jahren in unserer Heimat eingeführt. Der Maisanbau wird mittlerweile selbst von der Landwirtschaft _ Frau Steitz, Sie wissen das _ als äußerst problematisch angesehen. Warum? Mais steht für hohen Dünger- und Pestizidaufwand, der Mais steht für den Verlust der Humusdecke, und der Mais steht für größte Erosiongefahren. Und dieser Pflanze zuliebe wollen Sie den Abschuß freigeben. Wir sagen hier nein, meine Damen und Herren. Übrigens löst sich dieses Problem von selbst, da der Anbau von Mais _ _

(Zuruf.)

Hören Sie zu, dann können Sie noch etwas lernen. Der Anbau von Mais ist von 210.000 Tonnen 1985 auf 110.000 Tonnen 1994 zurückgegangen.

Meine sehr verehrten Damen und Herren von der CDU, es kann auch heute schon _ Frau Hollinger hat es gesagt _ eine Ausnahmegenehmigung zur Reduzierung von Rabenvögeln erteilt werden, wenn die Vögel nachweislich einen wirtschaftlichen oder landwirtschaftlichen Schaden verursachen. Die oberste Naturschutzbehörde hier im Saarland erteilt in diesen Fällen eine Ausnahmegenehmigung im Zuge einer in der Stückzahl begrenzten Abschußgenehmigung. Alle Schadensfälle wurden bisher in den Monaten April und Mai gemeldet. Dies ist aber gerade die Brutzeit, in der auch nach Ihrem Antrag überhaupt nicht gejagt werden soll. Das aber nur nebenbei.

Lassen Sie uns das Argument noch einmal näher untersuchen, daß die Rabenvögel das ökologische Gleichgewicht stören würden. Zunächst einmal gehört es zum Einmaleins der Ökologie, daß keine Tierart eine andere ausrotten kann. Es gibt im Prinzip nur eine unrühmliche Ausnahme von dieser Regel und das ist der Mensch. Niemand bestreitet, daß Rabenvögel Eier und Jungvögel anderer Arten aus den Nestern holen. In der Schule haben wir gelernt, daß die Elster innerhalb der Singvogelbestände die Rolle der Aufseherin und der Regulatorin innehat. Daran hat sich auch nichts geändert. In den letzten zwanzig Jahren beobachten wir doch folgendes Phänomen. Die kleineren Singvögel wandern von Feld und Flur in die Nähe der Menschen, in die Nähe der Wohnbebauung. Die Elster, meine Damen und Herren, wandert nun nach. Wir haben nicht mehr Elstern insgesamt, sondern wir haben sie nun vor der Haustür. Wir haben die Elster auch hier auf unserem Landtagsrasen. Ich stelle mir gerade unseren Hausmeister, Herrn Honecker, vor, wie er mit der Knarre zwischen diesen beiden Gebäuden herumläuft und versucht, der Elster nachzustellen.

Draußen in der freien Natur, meine Damen und Herren, treffen wir die Elster hingegen kaum noch an. Ein Blaumeisenpaar zieht bei zweimaliger Brut im Jahr etwa zwanzig Junge groß. Für die Arterhaltung sind eigentlich nur drei Junge notwendig. Siebzehn Junge fallen also schlechten Witterungsbedingungen, der Elster oder einer Katze zum Opfer. Das ist eine natürliche Selektion, aber hierbei ist keine Gefährdung der Art zu befürchten. Die jüngeren Kolleginnen und Kollegen hier im Hohen Hause, Frau Schlegel und Herr Maas, werden es auch noch erleben, daß die kleineren Singvögel, wenn sie denn wirklich unter Existenzdruck geraten sollten, sich wieder in die Landschaft zurückziehen. Wir _ und das hat die Vergangenheit deutlich gemacht _ sollten uns als Menschen gerade nicht anmaßen, diese natürlichen Prozesse zu stören.

Nun wird von den Abschußbefürwortern _ Frau Steitz hat das ja angesprochen _ auch behauptet, die Elster und die Rabenkrähe hätten keine natürlichen Feinde mehr. Das stimmt _ allerdings nur sehr bedingt. Wer sind denn diese natürlichen Feinde? Das ist der Habicht, das ist der Uhu, der Fuchs, der Marder und der Sperber. Außer dem Uhu, den die lieben Jäger bei uns ausgerottet haben und den wir jetzt mit großem Aufwand wieder auszuwildern versuchen, sind diese Arten bei uns noch _ ich betone ,,noch'' _ in freier Natur vorhanden. Aber diese Arten sind aus der Sicht der Weidmänner natürlich Konkurrenten. Sie erlauben sich nämlich, auch Hasen, Rebhühner und Fasane auf ihrem Speisezettel zu führen. Meine sehr verehrten Damen und Herren, dem Rebhuhnküken ist es letztlich egal, ob es von der Rabenkrähe verspeist wird oder ob es vier Monate später in der Pfanne des Jägers landet.

Eine Dezimierung durch Feinde ist bei den Rabenvögeln noch nicht einmal so entscheidend. Die Rabenvögel begrenzen ihren eigenen Bestand durch sich selbst. Brütende Elstern und Rabenkrähen brauchen Territorien, die groß genug sind, um ihren Nachwuchs zu ernähren. Dabei konkurrieren die Elternvögel ständig mit anderen Paaren und nichtbrütenden Artgenossen um die Reviere. Ist ein Territorium zu klein, werden von vornherein weniger Junge aufgezogen oder rauben hungernde Rabenvögel den Nachwuchs der Artgenossen. Somit reduziert sich der Bestand eben auch ohne das Eingreifen durch den Menschen. Wir haben das in der Vergangenheit beim Fuchs erlebt. Durch den Druck der Bejagung zog eine Füchsin im Jahr sechs Junge groß. Läßt dieser Druck nach, werden in der Regel maximal drei Junge aufgezogen. Die Jagd darf also _ und das ist unsere Botschaft hier und heute vor diesem Hohen Haus _ kein Selbstzweck sein. Tiere abzuschießen und sie dann in die Mülltonne zu werfen, lehnen wir ab!

Die Diskussion um die Rabenvögel zeigt, wie verbreitet die längst überholte Einteilung der Natur in schädlich und nützlich, in niedlich und verrucht, in gut und böse heute eigentlich noch ist. Die Natur regelt das Verhalten der Arten untereinander besser, als wir Menschen es jemals können. Regeln wir uns lieber selbst. Meine Damen und Herren, 150 bis 200 Menschen machen im Saarland jährlich ihren Jagdschein. Nur 30 Jagdscheinbesitzer sterben. Diese angeblich explosionsartige Vermehrung der Elstern und der Rabenkrähen, wie Sie in Ihrem Antrag schreiben, sie ist nicht das Problem. Was wir in den Griff bekommen müs sen, ist die explosionsartige Vermehrung der Jäger, meine Damen und Herren.

(Lachen und Zurufe.)

Die Jäger haben nur einen einzigen ernstzunehmenden natürlichen Feind, und der muß gestärkt werden, spätestens 1999. Und dieser eine natürliche Feind sind wir, meine Damen und Herren. Ich denke, sehr geehrter Herr Müller, liebe Frau Steitz, Sie sind bei Ihrem Antrag der Jägerlobby auf den Leim gegangen. Vielleicht sind Sie auch ganz gerne daraufgekrochen. Ihr ökologisches Mäntelchen, Herr Hans, hat doch ein Loch bekommen. Das müssen Sie jetzt stopfen.

Ich zeige Ihnen noch etwas, nämlich Bilder. Es tut mir leid, daß wir hier keinen Tageslichtprojektor haben. Dies hier ist eine Rabenkrähe, das, Herr Müller, ist eine Saatkrähe. Sie wird auch bis zu 47 Zentimeter groß. Die Saatkrähe war der Vogel des Jahres 1986. Die Saatkrähe ist eine ,,Rote-Liste-Art''. Sie glauben dies also auch? _ Genauso schwarz,

(Heiterkeit)

sie sieht im Prinzip ganz ähnlich aus. Glauben Sie denn wirklich allen Ernstes, daß unsere Sonntagsjäger, die unter der Woche in ihren Anwaltspraxen und Amtsstuben sitzen, hier einen Unterschied sehen? Diesen Unterschied erkennen Sie nicht mal von der ersten Reihe bis zum Rednerpult. Das ist also im Prinzip ein ganz wichtiges Problem.

(Beifall bei B 90/Grüne.)

Ich will es kurz machen, meine Damen und Herren. Der Antrag der CDU, ich sage es ganz ehrlich: undurchdacht, unüberlegt, unausgewogen und unausgereift. Es gibt sicher bessere Möglichkeiten in diesem Parlament, einen entsprechenden Aufmerksamkeitswert zu erlangen. Nutzen Sie den. _ Vielen Dank.

(Beifall bei B 90/Grüne und bei Teilen der SPD. _ Zurufe von der CDU.)

Präsident Kasper:
Meine Damen und Herren, ich schließe die Aussprache.

(Abg. Müller (CDU): Sagt die Regierung gar nichts dazu? _ Weitere Zurufe von der CDU.)

Meine Damen und Herren, wir kommen zur Abstimmung über den Antrag.

(Anhaltend Sprechen bei der CDU.)

Wer für die Annahme der Drucksache 11/395 ist, den bitte ich, eine Hand zu erheben. _ Wer ist dagegen? _ Wer enthält sich der Stimme? _ Ich stelle fest, daß der Antrag Drucksache 11/395 mit Stimmenmehrheit abgelehnt ist.


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