Vizepräsidentin Hollinger:
Liebe Kolleginnen und Kollegen, wir setzen die unterbrochene Sitzung fort.

Wir kommen zu den Punkten 5 und 9 der Tagesordnung:

Beschlußfassung über den von der Bündnis 90/Die Grünen-Landtagsfraktion eingebrachten Antrag betreffend reflektierte Koedukation (Drucksache 11/1074),

Beschlußfassung über den von der CDU-Landtagsfraktion eingebrachten Antrag betreffend getrennter Fachunterricht für Jungen und Mädchen (Drucksache 11/1086).

Zur Begründung des Antrages der Bündnis 90/Die Grünen-Landtagsfraktion erteile ich das Wort der Frau Abgeordneten Gabriele Bozok.

Abg. Bozok (B 90/Grüne):
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Ich begründe unseren Antrag, der in der Überschrift lautet: ,,reflektierte Koedukation''. Deshalb sage ich vorab, um allen Mißverständnissen vorzubeugen: Wir von Bündnis 90/Die Grünen wollen nicht die Koedukation abschaffen.

(Abg. Gehring (CDU): Was ist das denn überhaupt?)

Das ist das gemeinsame Erziehen von Jungen und Mädchen in der Schule.

(Abg. Gehring (CDU): Ach so. Vielen Dank.)

Ein Zurück in die höheren Töchterschulen, die auf die Rolle als Hausfrau und Mutter vorbereiten, wollen wir nicht. Das zur Klarstellung.

Aber wir müssen uns doch alle fragen: Hat das gemeinsame Unterrichten von Jungen und Mädchen _ hier ist es noch einmal, Kollege Gehring _ wirklich sein erklärtes Ziel erreicht, nämlich mehr Gleichberechtigung? _ Hieran gibt es erhebliche Zweifel, wenn wir uns umsehen.

(Zuruf des Abgeordneten Feibel (CDU).)

Ja, ich habe auch auf dem Mädchengymnasium begonnen und bin nachher in die gemischten Klassen gegangen. Inzwischen wird gefragt, ob die Koedukation die Rollenklischees eher verstärkt hat, ob ein ,,heimlicher Lehrplan'', ob eine versteckte oder diskrete Diskriminierung existiert bis hin zum Begriff der ,,K.-o.-Edukation''.

(Abg. Gehring (CDU): Aha. Deswegen habe ich dieses Fremdwort nicht so gern.)

Ist in Ordnung. _ Meine sehr geehrten Damen und Herren, die Einführung des gemeinsamen Unterrichts Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre war ein gewaltiges Reformprojekt. Es galt als besonders fortschrittlich und emanzipatorisch. Aber auch Reformen müssen von Zeit zu Zeit kritisch beleuchtet werden, und es muß geprüft werden, ob die beabsichtigten Ziele erreicht wurden. Damals erhoffte man, durch gemeinsamen Unterricht von Jungen und Mädchen mehr Gleichberechtigung zu schaffen. Mit den alten ,,Macker- und Miezen-Klischees'' sollte aufgeräumt werden.

Doch bereits seit Mitte der achtziger Jahre kommt Kritik an diesem scheinbar einfachen Rezept auf. Formal hat zwar die Koedukation die Gleichberechtigung von Mädchen und Jungen im Bildungswesen besiegelt. Der Schulerfolg von Mädchen ist beeindruckend. Es gibt heute 54 Prozent Abiturientinnen, und im Durchschnitt haben die Mädchen die besseren Noten. Aber es mehren sich die Hinweise darauf, daß dieser Schulerfolg der Mädchen teuer erkauft wird. Es scheint nicht zu reichen, zusätzliche Toiletten für das jeweils andere Geschlecht einzubauen, wenn sich am täglichen Unterricht und an den Schulbüchern nichts ändert. Da gibt es ohne Zweifel ungeheuer viel Nachholbedarf.

(Beifall bei B 90/Grüne. _ Zurufe von allen Seiten.)

Aus zahlreichen Untersuchungen an Schulen in Nordrhein-Westfalen oder vom Max-Planck-Institut wissen wir heute: Jungen werden im Unterricht doppelt so häufig aufgerufen wie Mädchen, Jungen werden öfter gelobt _ _

(Abg. Ulrich (B 90/Grüne): Frau Präsidentin, ich verstehe kein Wort. _ Abg. Feibel (CDU): Sie telefonieren zuviel.)

Vizepräsidentin Hollinger:
Also, an der Anlage kann es im Moment nicht liegen, Herr Abgeordneter Ulrich, und der Lärmpegel hier im Plenum ist ausnahmsweise relativ angenehm.

Abg. Bozok (B 90/Grüne):
Jungen werden öfter gelobt oder getadelt, weil sie sich aggressiv in den Vordergrund drängen und dadurch mehr Beachtung erfahren; Mädchen werden häufiger unterbrochen, ihre Beiträge von den Jungen abgekanzelt. Jungen mit guten Noten werden von Lehrern und Lehrerinnen für aufgeweckt und intelligent gehalten, entsprechende Schülerinnen für fleißig und ordentlich. Kurz gesagt: Im Unterricht geben die Jungen den Ton an, und dies setzt sich im späteren Berufs- und Parteileben fort.

(Zuruf: Im Parteileben?)

Oder nicht? Wie sieht es denn in Ihren Fraktionen aus? Schon einmal reflektiert darüber?

(Weitere Zurufe.)

Schülerinnen werden oft als ,,sozialer Puffer'' oder ,,pädagogische Schmierseife'', wie es in Lehrerkreisen heißt, genutzt: Das Lehrpersonal setzt Mädchen neben Jungen, weil sie einen ausgleichenden Einfluß haben.

(Zuruf: Wer jetzt?)

Um die meist männlichen Radaumacher zu zähmen, fördern die Pädagogen und Pädagoginnen sie besonders und integrieren sie verstärkt in den Unterricht.

(Abg. Kuhn-Theis (CDU): Das ist fern jeder Realität, Frau Kollegin Bozok.)

Die Mädchen und deren Interessen vernachlässigen sie dadurch nur allzu leicht.

(Zuruf: Das ist unmöglich.)

Vor allem in Fächern wie Physik und Informatik verlieren die Mädchen schnell die Lust am Lernen und den Glauben an das eigene Können.

(Abg. Schreier (CDU): Das da hat sie von Dr. Specht. _ Heiterkeit.)

Sie lassen sich von den vermeintlich besser begabten Jungen und deren selbstbewußtem Auftreten entmutigen; sie lassen sich durch Sprüche verunsichern wie: ,,Weiber haben von Physik sowieso keine Ahnung'' _ das hört man immer wieder _ oder ,,Frauen und Technik _ zwei Welten begegnen sich'' _ auch das ist noch üblich _ oder ,,Mädchen verbessern Fehler am Computer mit Tipp-Ex''. Wer ist diesen Sprüchen nicht schon begegnet?

(Abg. Rauber (CDU): Die Sprüche hab ich noch nie gehört. _ Weitere Zurufe.)

Die stellen sich einfach dumm, so als gäbe es das nicht. Auch ne altbekannte Methode.

(Abg. Feibel (CDU): Das ist schon sehr amüsant.)

Das Ergebnis: Die Mädchen ziehen sich aus diesen Fächern zurück, wenn sie die Wahl haben, und sie wenden sich, wenn sie sich aus diesen Fächern zurückgezogen haben, lieber den Sprachen und musischen Fächern zu.

In NRW wurde eine Erkundung durchgeführt: Hier nehmen an Physikleistungskursen gerade mal zwölf Prozent, in Chemie 35 Prozent Mädchen teil. In den Fächern Kunst und Deutsch liegt der Anteil dagegen bei 71 bzw. bei 69 Prozent _ ein Riesenunterschied.

(Unruhe und Sprechen.)

Und so erweist sich auch immer deutlicher, daß der gemeinsame Schulunterricht mitnichten die Berufsaussichten der Mädchen verbessert. Bei den zukunftsträchtigen und _prägenden Jobs in der Computerindustrie, im Ingenieurwesen und in den Naturwissenschaften ist der Frauenanteil _ statistisch belegt _ nachlesbar äußerst gering.

Im Jahre 1990 traten zum Beispiel nur drei Prozent der Absolventinnen in eine Berufsausbildung in typischen Männerberufen ein, aber 46 Prozent in sogenannten Frauenberufen. Die Folgen spüren die Frauen auch finanziell: Ein Jahr nach Ende der Lehre liegen die Einkommen von Männern mit typisch männlicher Berufsausbildung um die Hälfte höher als die von Frauen mit typisch weiblicher Ausbildung.

In einigen Uni-Fächern ist die Lage besonders schlecht. Von den Studierenden der Elektrotechnik auch in Saarbrücken sind gerade mal vier Prozent Frauen; bei den Männern ist es das drittbeliebteste Fach überhaupt nach Betriebswirtschaft. Wenn wir das beobachten, muß es uns doch zu denken geben. In den Ingenieurberufen liegt der Anteil in den alten Bundesländern _ der Unterschied zwischen den alten und den neuen Bundesländern ist in dem Zusammenhang auch interessant _ gerade mal bei vier Prozent. Ich denke, diese Zahlen belegen eindeutig, daß wir über Koedukation in der Schule nachdenken und andere Wege suchen müssen. Professorinnen _ und das ging durch die Presse _ sind in der Bundesrepublik äußerst selten: gerade mal drei Prozent der C-4-Stellen _ die Krönung einer deutschen Wissenschaftslaufbahn _ sind mit Frauen besetzt.

Diese Zahlen sprechen für sich, und wir können feststellen: Das Ziel, gleiche Chancen für beide Geschlechter zu erreichen, hat die Koedukation demnach anscheinend nicht erfüllt.

(Zuruf des Abgeordneten Volz (SPD).)

Die Koedukation hat sich die Gleichberechtigung auf die Fahne geschrieben, und deshalb müssen wir sehen, wie Koedukation ergänzt und verbessert werden kann. Das ist die Aufgabe, der wir uns stellen wollen. Wir können also feststellen: Das Ziel, gleiche Chancen für beide Geschlechter zu erreichen, hat die Koedukation bis heute nicht erfüllt.

Die ersten Bundesländer haben schon mit Experimentierparagraphen reagiert. Schleswig-Holstein verankerte bereits 1990 als erstes Bundesland im Schulgesetz die Regelung: ,,Aus pädagogischen Gründen kann in einzelnen Fächern zeitweise getrennter Unterricht stattfinden.'' Andere Länder wie Hessen und Berlin zogen nach. So weit wollen wir erst mal mit unserem Antrag nicht gehen. Aber es gibt Schulversuche in Berlin, Hamburg, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen, die zeigen, daß Mädchen sich genauso für angeblich typische Jungenfächer begeistern, sobald sie unter sich sind.

Jungen und Mädchen haben nur auf dem Papier den gleichen Lehrplan. In der Schule wird fortgesetzt, was von früh an den Kindern vermittelt wird, oft unbewußt, aber dennoch nachhaltig: Jungen lernen früh, ihren Selbstwert über Konkurrenz, Leistung und Dominanz zu definieren. Niederlagen werden als Schwäche angesehen und als nicht männlich. Es wird von den Jungen nicht nur erwartet, daß sie sich in der gleichgeschlechtlichen Gruppe behaupten und durchsetzen, sondern sie müssen offensichtlich ihre Überlegenheit auch Mädchen gegenüber demonstrieren. Die Mädchen entziehen sich irgendwann stillschweigend dieser Konkurrenz und überlassen den Jungen den Raum, den diese für sich beanspruchen.

Vieles spricht dafür, daß in der Schule im gemeinsamen Unterricht dieses Sozialverhalten verstärkt wird. Bei Jungen werden Durchsetzungskraft und Risikobereitschaft gefördert, bei den Mädchen Anpassungsfähigkeit und Sozialkompetenz. Das heißt, die gegenwärtige koedukative Schule wird den Jungen ebensowenig gerecht wie den Mädchen.

Gegenwärtig ist eine breite Diskussion über die Aufgaben der Schule im Gange. Das ist nötig und gut so. Das Verhältnis von Lernen und Bildung steht dabei genauso zur Debatte wie das konkrete Lernangebot. Eine Erweiterung des Horizonts wird gefordert, die Auseinandersetzung mit drängenden Gegenwarts- und Zukunftsproblemen. Mit Nachdruck wird verlangt, die Schule solle Schlüsselqualifikationen vermitteln und nicht nur rasch veraltendes Wissen. Dazu gehört ganz zentral die Frage, wie eine wirkliche Gleichberechtigung von Frauen und Männern erreicht werden kann. Hier hat die Schule einen nicht zu unterschätzenden Einfluß. Es geht schlechthin um die Gewährleistung von Chancengleichheit. Aus diesem Grunde haben wir uns Gedanken gemacht über die Koedukation, wie sie stattfindet, und was es hierzu an Verbesserungsmöglichkeiten gibt. Bisher spielt die Gleichberechtigung in der Schule kaum eine Rolle. Lehrkräfte sowie Schülerinnen und Schüler sind weitgehend überzeugt, gemischte Klassen hätten die Benachteiligung der Mädchen längst aufgehoben, wie im übrigen auch einige Herren der CDU-Fraktion.

(Abg. Beck (CDU): Ich möchte mal den Vorsitzenden Ihrer Fraktion dazu hören. Machen Sie mal keine einseitigen Schuldzuweisungen!)

Das ist ein gemeinsamer Antrag der Bündnis 90/Die Grünen- Fraktion.

(Weiterer Zuruf der Abgeordneten Beck (CDU).)

Ein befragter Schüler, der übrigens aus dem Saarland stammt, sagte einmal: ,,Gleichberechtigung finde ich gut, aber die überlasse ich den Mädchen.'' Diese Auffassung besteht doch in unheimlich vielen männlichen Köpfen.

(Abg. Ley (CDU): Da wird irgendwas aufgebauscht, was am Stammtisch mal irgend jemand erzählt hat. Da kriege ich was an mich. _ Sprechen bei der CDU.)

Mit Ihrem scheinbar dominanten Verhalten bringen Sie mich nicht aus dem Konzept, Herr Ley. Ich werde fortfahren. Wir wollen einen Prozeß und eine Diskussion in Gang bringen und halten deshalb ein begrenztes Modellprojekt für sinnvoll. Daher bitten wir Sie, unserem Antrag zuzustimmen.

Zum Antrag der CDU-Landtagsfraktion möchte ich folgendes sagen. Wenn unser Antrag angenommen wird oder in den Bildungsausschuß überwiesen wird, wird es selbstverständlich eine Anhörung der Betroffenen und der Fachleute geben. Insofern ist aus meiner Sicht der CDU-Antrag bereits überholt. Ich bin guten Mutes, daß wir weiterhin an diesem Thema dranbleiben, um auf dem Weg der Gleichberechtigung weiterzugehen und vielleicht irgendwann einmal dieses Ziel zu erreichen. _ Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.

(Beifall bei B 90/Grüne und Teilen der SPD.)

Vizepräsidentin Hollinger:
Zur Begründung des Antrages der CDU-Landtagsfraktion erteile ich das Wort der Abgeordneten Daniela Schlegel-Friedrich.

Abg. Schlegel-Friedrich (CDU):
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Die Koedukation ist Ende der sechziger Jahre als Reformprojekt in der gesamten Bundesrepublik Deutschland durchgeführt worden. Ich halte nichts für natürlicher, als daß man, wenn eine Reform mit bestimmten Zielen durchgeführt würde, am Ende der Reform einmal fragt, ob diese Ziele denn erreicht worden sind und wie man, wenn man sie nicht erreicht hat, weiter vorgehen könnte, um diesen Zielen näherzukommen. Wir sind nicht der Meinung, daß die Koedukation Teufelszeug ist, und wir wollen das Rad auch nicht zurückdrehen.

(Beifall bei der CDU.)

Wir wollen, daß auch das Saarland _ wie viele andere Bundesländer dies bereits getan haben _ sich mit den Untersuchungen, die seit den achtziger Jahren in diesem Bereich vorliegen, auseinandersetzt und einmal prüft, ob nicht auch im Saarland die Koedukation verbesserungswürdig und verbesserungsfähig ist.

(Beifall bei der CDU.)

Ich will noch einmal zusammenfassen _ ich finde dies gar nicht so lustig, wie dies hier an manchen Stellen mitunter anklingt _, was diese Untersuchungen zutage gebracht haben. Es wurde festgestellt, daß in koedukativen Klassen das geschlechtsspezifische Verhalten von Mädchen und Jungen wesentlich ausgeprägter ist als in getrennten Klassen. Es zeigt sich auch _ die Kollegin Bozok hat das an Zahlen festgemacht _, daß die Fächerwahl in koedukativen Schulen stärker geschlechtsspezifisch ausgeprägt ist. Mädchen wählen in deutlich stärkerem Maße als Jungen neue Fremdsprachen, Literatur und Fächer mit sozialem Bezug. In den Naturwissenschaften und den technischen Fächern ist das männliche Geschlecht überrepräsentiert. Interessant ist jedoch _ das, finde ich, muß man an diesem Punkt mit betrachten _, daß die Schülerinnen in reinen Mädchenschulen ein größeres Interesse an naturwissenschaftlichen Fächern und der Mathematik zeigen.

In der koedukativen Erziehung werden Mädchen mehr als in einer Mädchenschule in ihre traditionelle Rolle gedrängt. Auch hierzu hat Frau Bozok ein Beispiel angeführt und davon gesprochen, daß Mädchen als ,,soziale Schmierseife'' und ,,sozialer Puffer'' benutzt werden, daß versucht wird, die Mädchen bei ihrem Streben nach Harmonie und positivem Sozialverhalten zu bestärken. Dies führt dazu, daß dieses Rollenverhalten verstärkt wird, während man den Jungen ihre Wildheit läßt.

Die Leistungen der Mädchen _ das finde ich ebenfalls sehr interessant _ verschlechtern sich in koedukativen Klassen, Jungen sind in koedukativen Schulen besser. Jetzt höre ich vielfach das Argument, die Frauen müßten sich im Leben behaupten, also müßten sie sich auch in gemischten Klassen behaupten. Allerdings übersieht man hierbei Untersuchungsergebnisse, wonach gerade Frauen, die von reinen Mädchenschulen kommen, sich in der Berufswelt wesentlich besser behaupten als diejenigen, die aus gemischten Klassen kommen. Obwohl Mädchen inzwischen gleichwertige, wenn nicht sogar bessere Schulabschlüsse erreichen als Jungen, entscheiden sie sich, und zwar verstärkt die Mädchen aus koedukativen Schulen, in der Studien- und Berufswahl für die typischen Frauendomänen.

Ich denke, das sind alles Untersuchungsergebnisse, die einen zumindest nachdenklich machen sollten und dazu führen sollten, daß eine Landesregierung einmal überlegt, was denn hier an Handlungsbedarf besteht.

(Beifall bei der CDU.)

Einige Landesregierungen haben das auch gemacht und haben Konsequenzen gezogen. In einer Studie der Wilhelm-Universität in Münster wurde bis 1993 verglichen, in welcher Weise die Ergebnisse der Koedukationsdebatten in den einzelnen Bundesländern umgesetzt wurden. Dabei wurden die Bundesländer auf einer Aktivitätsskala von eins bis vier positioniert. Sie dürfen raten, auf welchem Niveau wir gelandet sind:

(Zuruf von der CDU: Fünf! _ Lachen)

Wie so oft, auf dem untersten, also auf dem Niveau eins. Dem Saarland wird in dieser Untersuchung folgendes Testat ausgestellt: Als einziges altes Bundesland hat das Saarland lediglich im Schulgesetz einen Paragraphen zur Sexualerziehung, ansonsten gibt es keinerlei kultusministerielle Aktivitäten zur Koedukation.

(Abg. Henz (SPD): Wo steht das?)

Das steht in einer Untersuchung, die die Universität Münster 1993 durchgeführt hat. Meine Recherchen haben ergeben, daß sich im Ministerium bis heute in dieser Thematik immer noch nicht sehr viel getan hat.

(Abg. Beck (CDU): Sollte es aber.)

Die CDU-Landtagsfraktion hat beantragt, daß im Ausschuß Bildung, Kultur und Wissenschaft eine Expertenanhörung durchgeführt wird, deren Ergebnisse einer Verbesserung und Weiterentwicklung der Koedukation dienen sollen. Wir halten es für erforderlich, folgende Punkte anzusprechen.

(Zuruf von der CDU.)

Folgende Punkte sollte man dort besprechen: Wie kann man die Problematik in der Aus- und Weiterbildung der Lehrkräfte auflösen? Inwieweit müssen die Lehrpläne für eine mädchen- und jungengerechte Unterrichtung überarbeitet werden? Wo ist eine differenzierte Koedukation erforderlich und möglich? Werden Unterrichtsmaterialien ausreichend im Hinblick auf die vermittelten Rollenbilder in Qualität und Quantität geprüft? Das, denke ich, sind die Fragen, die man angesichts der eben vorgetragenen Untersuchungsergebnisse stellen muß. Einen Modellversuch, wie er von der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen gefordert wird, halten wir für überholt, denn diese Modellversuche sind in vielen anderen Bundesländern durchgeführt worden.

(Beifall bei der CDU.)

Man kann auf diese Ergebnisse zurückgreifen, zumal in dieser Thematik keine saarlandspezifischen Ergebnisse zu erwarten sind. Außerdem gibt es im Saarland ja noch eine Lehrergeneration, die sowohl an getrennten als auch an koedukativen Schulen unterrichtet hat. Die Erfahrungen dieser Lehrer kann man einbinden und hat damit im Grunde genommen auch die Notwendigkeit eines Modellversuchs negiert. Unser aller Ziel sollte es sein, die Koedukation im Sinne der Schülerinnen und Schüler zu verbessern, ohne sie grundsätzlich in Frage zu stellen. Einen Handlungsbedarf von vornherein zu leugnen, würde ich jedoch angesichts der angeführten Untersuchungsergebnisse für extrem fahrlässig halten. Ich bitte Sie, unserem Antrag zuzustimmen.

(Beifall bei der CDU.)

Vizepräsidentin Hollinger:
Ich eröffne die Aussprache. Das Wort hat der Abgeordnete Reiner Braun.

Abg. Braun (SPD):
Frau Präsidentin! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Für die gesellschaftliche Gleichstellung von Frauen und Männern ist das Bildungssystem ohne Zweifel von herausragender Bedeutung. Die bildungspolitische Diskussion der sechziger und siebziger Jahre, genaugenommen schon die bildungspolitische Diskussion zu Beginn dieses Jahrhunderts, war für die schulische Integration in mehrfachem Sinne von Bedeutung. Sie wollte die Standesgliederung _ heute sagen wir Schichtunterschiede _ Konfessionsgrenzen, die Trennung von Jungen und Mädchen, Arbeiter- und Akademikerkindern sowie geringer und gut Begabten überwinden. Immerhin hat die Diskussion Anfang des Jahrhunderts einen wichtigen Erfolg verbuchen können. Im Reichsgrundschulgesetz von 1920 wurde eine vierjährige für alle Kinder gemeinsame Unterrichtung vorgesehen. Der Grundstein für die Entkonfessionalisierung und Koedukation wurde damals schon gelegt, aber erst durch eine erneute Reformdebatte Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre realisiert.

Die Diskussion der sechziger Jahre thematisierte zudem die Bildungsbenachteiligung, die sich innerhalb der Mittelschichtinstitution Schule für Kinder aus Arbeiterfamilien ergab. Das katholische Mädchen aus dem Arbeitnehmerhaushalt vom Land galt damals als Synonym für Bildungsbenachteiligung. Das ist historisch gesehen auch leicht erklärbar. Von Rousseau bis Papst Pius XI gab es eine große Gegnerschaft gegen die Koedukation. Höhere Bildung für Mädchen war nach Rousseau überflüssig, Mädchen sollten im häuslichen Kontext zum weiblichen Wesen ihres Standes erzogen werden. Pius XI erklärte das Koedukationssystem 1929 für abwegig und für die christliche Erziehung gefährlich.

Wenn heute, knapp dreißig Jahre nach Einführung der Koedukation, zumindest katholisch und Mädchen und im Saarland auch nicht mehr Land für Bildungsbenachteiligung stehen, so zeigt das, daß einige der von mir genannten Integrationsbestrebungen einen mehr als beachtlichen Erfolg aufweisen können. Was Bildungsbeteiligung und Geschlechterbeteiligung bei Bildungsabschlüssen betrifft, haben die Mädchen im Verlauf der letzten Jahrzehnte deutlich aufgeholt, ja teilweise die Jungen überholt. Dies gilt zum Beispiel für das Abitur. Es ist schon gesagt worden, 54 Prozent eines Abiturjahrgangs sind junge Frauen, die zudem im Schnitt ein besseres Notenbild aufweisen. Im Saarland haben sich zu diesem Semester zum erstenmal mehr Studentinnen an der Universität eingeschrieben als Studenten. Eine solch überwiegend quantitative Betrachtung verdeckt allerdings, daß qualitative Benachteiligungen teilweise immer noch fortbestehen.

Die durch die Frauenbewegung initiierte Koedukationsdebatte, also die Debatte, Kollege Gehring, um die gemeinsame Unterrichtung von Schülerinnen und Schülern, zeigt, daß es nicht ausreicht, Mädchen und Jungen in einem Raum zu unterrichten, die Koedukation gewissermaßen zu Koinstruktion verkommen zu lassen. Daß diese Gefahr nicht von der Hand zu weisen ist, belegen wissenschaftliche Untersuchungen. Eine 1990 an saarländischen Gymnasien durchgeführte Erhebung bestätigt den überall festzustellenden Trend, wonach sich Mädchen in der Oberstufe aus den mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern zurückziehen. Die Untersuchung belegt, daß Mädchen in Leistungskursen vor allem der Fächer Mathematik und Physik unterrepräsentiert sind; in anderen Fächern dagegen, zum Beispiel Biologie und Fremdsprachen, sind sie überrepräsentiert.

Ähnliche Feststellungen kann man für die Ausbildungsberufe machen. Arzthelferin, Verkäuferin, Friseurin, Bürokauffrau führen die Hitliste bei den Mädchen an, Kfz- Mechaniker, Industriemechaniker, Elektroinstallateur die bei den Jungen. Geschlechtsspezifische Einengung auf bestimmte Berufsfelder zeigt so gesehen zunächst einmal eine Benachteiligung nicht nur der Mädchen, sondern auch der Jungen. Beklagt wird allerdings, daß der Rückzug der Mädchen aus Naturwissenschaft und Technik dazu führe, daß sie in einer technologisch orientierten Welt nicht in gleichem Maße wie Jungen in der Lage seien, Schlüsselpositionen zu besetzen. Daß dies zu Zeiten reiner Mädchengymnasien nicht anders war, das will ich der intellektuellen Redlichkeit wegen nicht unerwähnt lassen.

Die Kernfrage der heutigen Debatte ist, ob eine phasenweise geschlechtlich getrennte Unterrichtung angeboten werden soll, wie das die Grünen in ihrem Antrag fordern. Ich will es gleich vorweg sagen. Der Antrag der Grünen verdient es, diskutiert zu werden. Er ist weit davon entfernt, eine feministische Fundamentalposition zu vertreten. Genauso weit ist er davon entfernt, eine reaktionäre Roll-back-Pädagogik zu vertreten. Wir plädieren daher, ebenso wie die CDU-Fraktion, für eine Überweisung Ihres Antrages an den zuständigen Ausschuß, um ihn dort im Rahmen einer Anhörung zu behandeln.

Denn daß die aktuelle Praxis der Koedukation nicht uneingeschränkt die gewünschten Ergebnisse produziert, wird von niemandem, der ernst zu nehmen ist, bezweifelt. Meine Forderung lautet: Das Prinzip der Koedukation darf nicht in Frage gestellt werden. Ihrer Forderung nach partieller Trennung vermag ich nicht uneingeschränkt zu folgen. Dennoch bin ich bereit, der Ausschußdiskussion mit der gebotenen Offenheit entgegenzusehen.

Die Anhörung sollte sich allerdings nicht, wie von der CDU gefordert, auf Experten beschränken, sondern auch die unmittelbar Betroffenen, die Schülerinnen und Schüler, die Lehrerinnen und Lehrer, mit einbeziehen.

(Zuruf der Abgeordneten Bozok (B 90/Grüne).)

Denn es kann nicht Ziel dieser Debatte sein, die unmittelbar Betroffenen mit möglichen Konsequenzen der Anhörung zu beglücken, die die unmittelbar Betroffenen selbst nicht wollen. Es gibt Hinweise darauf, daß das möglicherweise so sein könnte. Eine breit angelegte Befragung von Schülerinnen und Schülern verschiedener Schulformen und verschiedener Altersklassen ergab, daß 85 Prozent der Schüler und 70 Prozent der Schülerinnen gegen eine partielle Trennung votieren. Zum jetzigen Zeitpunkt jedenfalls haben für mich andere Strategien zur Überwindung der festgestellten Nachteile Priorität vor einer partiellen Trennung. Alle Untersuchungen gehen davon aus, daß Unterrichtsziele und Unterrichtsstile der Gleichstellung von Jungen und Mädchen entgegenstehen. Wenn das so ist, müssen sie verändert werden. Lehrer und Lehrerinnen müssen für die negativen Folgen der Koedukation, die sie zum Teil unbewußt verursachen, sensibilisiert werden.

(Beifall bei CDU und SPD.)

Das heißt, Fragen der Koedukation müssen in der Aus- und Fortbildung von Lehrern zum Thema werden. Mit Hilfe der Supervision muß Lehrern bewußt werden, wo sie selbst aufgrund ihrer eigenen Biographie, ihrer eigenen Sozialisation überkommene Rollenklischees reproduzieren. Es muß sich also etwas in den Köpfen derer ändern, die für Unterricht zuständig sind. Solange das nicht geschehen ist, nutzt auch eine Trennung nichts. Im Gegenteil, wenn der Eindruck entsteht, Trennung solle Defizite, die Mädchen im Umgang mit Computern oder bei der Bewältigung naturwissenschaftlicher Aufgabenstellungen haben, kompensieren, zementiert sie gerade die Einschätzungen und Verhaltensweisen, die sie bekämpfen will. Kompensation verhindert in diesem Falle, was sie bewirken will, nämlich Emanzipation. Wobei, nebenbei bemerkt, Kompensation bei Jungen sicher auch im einen oder anderen Fall angebracht wäre.

Natürlich müßte eine reflektierte Koedukation auch die Eltern einbeziehen. Was nützt es, wenn Lehrer sensibilisiert sind, die Kinder aber tagtäglich die Diskrepanz erfahren zwischen der prinzipiellen Bejahung gleicher Möglichkeiten für Männer und Frauen und der tatsächlichen Aufgabenverteilung zu Hause. Viele Kinder erleben doch, daß die Mutter ebenso wie der Vater berufstätig sein kann, daß aber die Mutter zugleich zuständig ist für den reibungslosen Ablauf des Alltags und für die Erziehung.

(Beifall.)

Die Abwesenheit der Väter ist besonders für die Jungen problematisch, zumal sie im Kindergarten wiederum erfahren, daß Frauen für Erziehung zuständig sind und im Grundschulbereich wiederum zu 90 Prozent mit Lehrerinnen konfrontiert werden.

(Sprechen und Unruhe.)

Vorstellungen von dem, was Männlichkeit heißt, müssen folglich über eigene Phantasien oder über die unsäglichen Seifenopern der Vorabendprogramme entwickelt werden.

Wenn es zudem stimmt, was in allen einschlägigen Untersuchungen berichtet wird, daß nämlich Jungen im Unterricht doppelt so häufig aufgerufen werden wie Mädchen, daß Jungen auch über die Instrumente Lob und Tadel ein stärkeres Feed back erfahren, daß Jungen mit guten Noten von Lehrern für aufgeweckt und intelligenter gehalten werden, entsprechende Schülerinnen für fleißig und ordentlich, ist das doch noch kein Grund für die partielle Aufhebung der Koedukation. Vielmehr muß dies doch für den einzelnen Lehrer Anlaß sein, sich stärker selbst zu kontrollieren. Es kann doch kein Problem sein, Mädchen und Jungen abwechselnd aufzurufen. Es kann doch auch kein Problem sein, Mädchen und Jungen die gleiche Rede- und Bedenkzeit einzuräumen. Und es muß einem Pädagogen zugemutet werden können, auf versteckte sexistische Anmerkungen zu verzichten: ,,Heute beschäftigen wir uns mit Ammoniak. Die Mädchen kennen das sicherlich vom Putzen.'' Das ist eine solche Bemerkung, wie sie bisweilen vorkommt.

(Heiterkeit.)

Auch an diesem Punkt ist natürlich das Elternhaus gefragt. Je ausgeprägter dort tradierte Rollenmuster vorgelebt werden, um so fataler werden sich sexistische Bemerkungen von Lehrern auswirken.

Und es kann auch nicht angehen, daß zum Beispiel Mütter immer wieder in die Sprechstunde eines Mathematiklehrers kommen und dort halb wehklagend, aber auch halb kokettierend sagen: ,,Also ich war in Mathematik in der Schule auch nicht gut. Deshalb bitte ich Sie um Verständnis, daß meine Tochter in Mathematik ebenfalls keine allzu guten Leistungen erbringt.'' Ich denke, eher umgekehrt wird ein Schuh daraus, wenn zum Beispiel all die Väter, die in der Schule durch Minderleistungen in Mathematik aufgefallen sind, das ihren Töchtern sagen. Ich litt permanent darunter, das heißt, leiden ist noch zuviel gesagt, in Mathematik durch Minderleistungen aufzufallen, und ich hatte natürlich gewisse Bedenken, als meine Tochter dann in das Gymnasium überwechselte, was nun mit ihr in Mathematik werden wird. Ich habe ihr gleich gesagt: Ich kann dir in diesem Fach nicht helfen; entweder mußt du deine Mutter fragen oder du mußt dir selbst helfen. Also, sie hat erkannt, daß die Fähigkeit, mathematische Aufgabenstellungen zu bewältigen, nichts Männliches sein muß, und sie hat bisher noch nie eine schlechtere Note als zwei in Mathematik gehabt; die Regel ist sogar eher eine eins. Also über diesen Weg kann man sicher solche Rollenklischees aufbrechen.

(Beifall bei der SPD.)

Das geht mit anderen Fragen im Alltag so weiter. Wenn ich mir vorstelle, was ich mit unserem Videorecorder zu Hause anstellen kann, dann ist das null. Ich fühle mich der deutschen Sprache einigermaßen mächtig, aber es gelingt mir nicht, mich mit einer Gebrauchsanweisung zu beschäftigen. Deshalb gelingt es mir auch nicht, einen Videorecorder zu bedienen. Die Tochter bewältigt das durch learning by doing. Sie kann das. Ohne sie wäre ich auch in diesem Bereich verloren. Auch da kann man Rollenklischees aufbrechen.

(Beifall bei der SPD.)

Ein letztes Beispiel dazu vielleicht, aber nicht ganz so ernst zu nehmen. Seit 28 Jahren fahre ich Auto, und in diesem Zeitraum hatte ich ein einziges Mal eine Reifenpanne. Zum Glück war meine Frau dabei. Ich habe die Gebrauchsanweisung geholt, und als ich diese fertig studiert hatte, hatte meine Frau das Rad gewechselt.

(Heiterkeit und Beifall bei der SPD.)

Auch das ist sicher eine Möglichkeit, Rollenklischees aufzubrechen und Frauen in ihrem Selbstbewußtsein zu stärken.

(Heiterkeit und Beifall bei der SPD.)

Ich bitte zuzuhören, weil es jetzt noch einmal ernsthaft wird. Was ich sagen will, ist, daß es nach meinem jetzigen Erkenntnisstand wichtiger ist und auch mehr bringt als partielle Geschlechtertrennung im Unterricht, wenn sich Inhalte, Methodik und Didaktik des Unterrichts so ändern, daß die beobachteten Benachteiligungen von Mädchen überwunden werden. In der Lehreraus- und _fortbildung sind Veranstaltungen anzubieten, in denen geschlechtsspezifische Rollenklischees in den Unterrichtsmaterialien aufgearbeitet werden, in denen die geschlechtsspezifische Verteilung der Aufmerksamkeit von Lehrerinnen und Lehrern thematisiert wird. Darüber hinaus sind die Ergebnisse der Edukationskritik und der Sozialisationsforschung in Lehrpläne einzuarbeiten. Während einer Projektwoche oder während des Pädagogischen Tages sollte immer mal wieder die Chance genutzt werden, die Themen geschlechtsspezifisches Rollenverhalten, geschlechtsspezifische Fächerwahl und geschlechtsspezifisches Berufswahlverhalten zu behandeln. Wenn es dann noch gelingt, zu solchen Projektwochen Frauen einzuladen, die einen sogenannten untypischen Frauenberuf, also einen typischen Männerberuf haben, und umgekehrt Männer einzuladen, die einen typischen Frauenberuf haben, um so besser. Ich denke da zum Beispiel an Ingenieurinnen und Pfleger.

Und an diesem Punkt möchte ich auch sagen, daß es nicht ganz stimmt, was meine Vorrednerin gesagt hat, nämlich daß diese Landesregierung nichts in dieser Frage unternehmen würde. Ich weiß zum Beispiel, daß jetzt im Februar eine Initiative startet, eine gemeinsame Initiative der HTW, des Bildungsministers und der Frauenministerin, die zum Ziel hat, Mädchen an Schulen gezielt für Ingenieurberufe zu werben. Ich denke, auch das ist ein vernünftiger Ansatzpunkt in diesem Zusammenhang.

(Beifall bei der SPD.)

So wie man mit der Einführung der Koedukation ohne sonderliche intellektuelle Anstrengung kapiert hat, daß in Schulen, die als Jungenschulen konzipiert waren, es zusätzlicher Toiletten bedarf, wird man nun kapieren müssen, daß eine reflektierte Koedukation geänderter Curricula, einer geänderter Lehrerausbildung und geänderter Lehrbücher bedarf, ja und auch der Selbstreflexion der Lehrer und der Eltern.

Nicht unerwähnt bleiben sollte _ insofern lagen Sie da auch etwas schief, Frau Schlegel-Friedrich _, daß im Saarland eine zeitweise Aufhebung der Koedukation bereits im Sportunterricht sowie in der Sexualerziehung möglich ist. Das mit dem Sportunterricht geht bereits auf einen Erlaß aus dem Jahr 1979 zurück, und die Trennung im Sportunterricht wird partiell auch praktiziert. Der saarländische Bildungsminister _ auch das steht dem, was Sie kritisiert haben, entgegen _ hat bereits 1988 das Buch ,,Mädchen und Frauen in Büchern der Grundschule'' herausgegeben, das auf einem Gutachten der Kommission ,,Rollenklischees in Schulbüchern'' basiert, und 1991 gemeinsam mit der Frauenministerin das Buch ,,Mädchen und Frauen in Lesebüchern der Sekundarstufe I''. Wie man hört, haben beide Veröffentlichungen zu einer spürbaren Sensibilisierung der Schulbuchverlage geführt.

(Abg. Schreier (CDU): Das hat aber nichts mit Koedukation zu tun. _ Weitere Zurufe.)

Natürlich, Herr Kollege, hat das etwas mit Koedukation zu tun. Es hat etwas mit dem Kontext zu tun, in dem sie diskutiert wird, und es hat vor allem etwas mit der zentralen Frage zu tun, ob es Maßnahmen gibt, mit denen man eine partielle Trennung vermeiden kann, oder nicht. Das ist die Diskussion, um die es geht.

(Zurufe.)

Auch für die Revision saarländischer Lehrpläne gibt es einige Beispiele, die den Versuch zeigen, fachliche Interessen von Mädchen stärker zu berücksichtigen. Im Leistungskurs Geschichte der Jahrgangsstufe 13 wird der Wandel der Frauenrolle in Familie und Gesellschaft im 19. und 20. Jahrhundert behandelt. Um nur eines von mehreren Beispielen zu nennen. Das Landesinstitut für Pädagogik und Medien bietet seit Jahren regelmäßig Fortbildungsveranstaltungen zur Förderung der Gleichstellung von Frauen auch bei mathematisch-naturwissenschaftlichen Themenstellungen an. Die Schülerbetriebspraktika bieten sowohl Jungen als auch Mädchen die Möglichkeit, auch geschlechtsuntypische Berufe kennenzulernen und damit das eigene Berufswahlspektrum zu erweitern. Im Wettbewerb ,,Jugend experimentiert'' betrug die durchschnittliche Beteiligung der saarländischen Mädchen in den letzten fünf Jahren 41 Prozent. Das sind sechs Prozent mehr als im Bundesdurchschnitt. Bei ,,Jugend forscht'' waren es im Schnitt 26 Prozent. 1990, 1991, 1992, 1994 und 1995 gab es je eine saarländische Bundespreisträgerin.

Mein Fazit für die heutige Debatte: Rein organisatorisch ist den im Zusammenhang mit der Koedukation aufgetretenen Problemen nicht erfolgreich zu begegnen. Geschlechtertrennung im Unterricht ist noch keine Garantie für die pädagogische Auseinandersetzung mit geschlechtsspezifischen Problemstellungen, gemeinsamer Unterricht allerdings ebensowenig. Fest steht: Die schulpädagogische Reflexion, die bei der Einführung der Koedukation ganz offensichtlich versäumt wurde, muß nachgeholt werden. Wir als Parlamentarier und Parlamentarierinnen werden dazu im Ausschuß Gelegenheit haben. _ Ich bedanke mich.

(Beifall bei der SPD.)

Vizepräsidentin Hollinger:
Zur Geschäftsordnung erteile ich das Wort Frau Abgeordneten Anita Girst.

Abg. Girst (CDU):
Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Hier ist der Antrag gestellt, daß die Anhörung zur Koedukation im Ausschuß für Bildung, Kultur und Wissenschaft stattfinden soll. Ich würde gern für die CDU-Fraktion den Antrag dahin erweitern, daß der Unterausschuß ,,Frauen'' hinzugezogen wird. Ich hoffe, daß Sie Ihr Ja dazu uneingeschränkt geben. _ Danke.

Vizepräsidentin Hollinger:
Kolleginnen und Kollegen, weitere Wortmeldungen liegen mir nicht vor. Ich schließe die Aussprache.

Wir kommen zur Abstimmung über den Antrag der Bündnis 90/Die Grünen- Landtagsfraktion, Drucksache 11/1074. Es ist beantragt, den Antrag an den zuständigen Ausschuß für Bildung, Kultur und Wissenschaft unter Hinzuziehung des Unterausschusses ,,Frauen'' zu überweisen. Wer damit einverstanden ist, den bitte ich, eine Hand zu erheben. _ Ist jemand dagegen? _ Enthält sich jemand der Stimme? _ Ich stelle fest, daß der Antrag Drucksache 11/1074 einstimmig an die entsprechenden Ausschüsse überwiesen ist.

Wir kommen zur Abstimmung über den Antrag der CDU-Landtagsfraktion, Drucksache 11/1086. Auch hier ist die Überweisung an den Ausschuß für Bildung, Kultur und Wissenschaft unter Hinzuziehung des Unterausschusses ,,Frauen'' beantragt. Wer für die Überweisung des Antrags der CDU-Fraktion an den genannten Ausschuß bzw. Unterausschuß ist, den bitte ich, eine Hand zu erheben. _ Wer ist dagegen? _ Wer enthält sich der Stimme? _ Ich stelle fest, daß auch dieser Antrag einstimmig an den genannten Ausschuß bzw. Unterausschuß überwiesen ist.


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