Archiv des Criminalrechts, Neue Folge. Jahrgang 1840. Zweites Stueck.

Ueber Consummation des Diebstahls nach dem gemeinen Rechte und den neuesten Deutschen Strafgesetzgebungen.

Von

Waechter.

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Nach den civilistischen Grundsaetzen ueber Besitzerwerb und Besitzverlust ist der Diebstahl vollendet, sobald der Dieb die willkuerliche Einwirkung des jetzigen Besitzers auf die Sache durch eine positive Handlung ausgeschlossen und die Sache in der Absicht, sie sich zuzueignen, ergriffen und in seine Gewalt gebracht hat. Denn dadurch ist nach den bekannten, besonders durch v. Savigny's Forschungen festgestellten und hier nicht weiter zu erweisenden, Grundsaetzen ueber Besitzverlust und Erwerb dem bisherigen Besitzer der Besitz der Sache entzogen und derselbe vom Diebe erworben. Hieraus folgt:

I. Es reicht zur Vollendung des Diebstahls nicht hin, dass der Dieb sich blos in die Gegenwart der Sache versetzt, die er stehlen will. Denn dadurch hat er sie weder wirklich in seine Gewalt gebracht (Es ist nicht zu vergessen, dass hier blos von eigenmaechtigen Besitzentziehungen die Rede ist. Was die Quellen ueber Besitzerwerb in Folge einer traditio sagen, gehoert nicht hierher.), noch der Gewalt des Berechtigten auf irgend eine Weise entzogen. Eben so wenig reicht eine blosse Beruehrung der Sache von Seiten des Diebes hin. Es waere ueberfluessig, dies weiter erweisen zu wollen; denn es ist laengst allgemein zugestanden. auch blosse Vorbereitungen zum Ergreifen der Sache, z.B. Aufbrechen des Kastens, aus dem man stehlen will, sind so wenig genuegend zur Vollendung des Diebstahls, als Vorbbereitungen zum Wegbringen, wenn der Dieb die Sache selbst noch nicht ergriffen hat. Dringt z.B. ein Dieb in ein Zimmer ein, erbricht die dort befindliche Geldkiste, und breitet nun ein Tuch aus, um das Geld, das er noch nicht ergriffen hat, hineinzupacken und so wegzubringen: so ist, wenn er in diesem Moment ergriffen wird, natuerlich kein vollendeter Diebstahl des Geldes vorhanden.

II. Es muss der Dieb die Sache wirklich ergriffen und dadurch vollstaendig in seine Gewalt gebracht haben. Da mit dem Ergreifen einer beweglichen Sache stets bis auf einen gewissen Grad ein Wegnehmen derselben, ein Bewegen von ihrer Stelle verbunden ist, so kann man eben so gut sagen: zur Vollendung des Diebstahls gehoere, dass der Dieb die Sace von ihrewr Stelle hinweg und an sich genommen habe. Auf diese Weise druecken sich daher die oben angefuehrten neueren Gesetzgebungen auss, und eben so sprechen die Roemischen Quellen hier von einem loco movere, tollere, amovere, auferre und dergleichen.

III. Aber auch das blosse Ergreifen und Hinwegnehmen der Sache reicht nicht hin. Der Ergreifende muss die Absicht haben, die Sachen, welche er ergriffen hat, sich zuzueignen, sie zu diesem Zweck mit sich hinwegzunehmen. Hieraus erklaert sich die l.22.para.1.D.de furtis (XLVII,2.): Si eo consilio arca refracta sit, ut uniones puta tollerentur, hique furti faciendi causa contrectati sint, eorum tantummodo furtum factum videri; quod est verum. Nam caeterae res, quae seponuntur, ut ad uniones perveniatur, non furti faciendi causa contrectantur.

Aus dem gleichen Grunde ist kein vollendeter Diebstahl vorhanden, wenn Jemand einen mit Kleidern angefuellten Schrank erbricht, aber blos in der Absicht, einige von den Kleidern, die ihm etwa am besten gefallen wuerden, zu stehlen, zu diesem Zwecke alle Kleider aus dem Schranke herausnimmt, sie auf den Boden des Zimmers wirft, um nun die Auswahl zu treffen, und er in diesem Augenblicke ergriffen wird. Denn hier hatte er noch bei keinem der einzelnen Kleidungsstuecke die entschiedene Absicht gehabt, es zu behalten, also bei keinem noch den Besitz im e. S. erworben. Es fehlte fuer die einzelnen Sachen am noetigen Zusammentreffen des Subjektiven mit dem Objektiven; die Handlung war eine blosse Vorbereitung zum Stehlen. [...]

IV. Hat der Dieb die Sache wirklich ergriffen, in der Absicht, sie sich zuzueignen: so ist der Diebstahl vollendet. Denn dadurch, dass er sie so in seine Gewalt brachte und dem bisherigen Besitzer die Moeglichkeit entzog, sein bisheriges unmittelbares Gewaltverhaeltnis nach Willkuehr zu reproduciren, hat der Letztere bei beweglichen Sachen (Bekanntlich ist es bei unweglichen Sachen anders.) den Besitz verloren, und der Dieb denselben erworben, und mehr ist zur Vollendung des Diebstahls nicht erforderlich. Was nachher mit der gestohlenen Sache weiter geschieht, ob der Dieb mit ihr ergriffen wird, ob er spaeter seinen Entschluss aendert und die Sachen wieder wegwirft und dergleichen, dies hat auf die Frage, ob ein vollendeter Diebstahl vorliege, keinen Einfluss.