Eule
S a a r b r ü c k e r   B i b l i o t h e k

(http://www.jura.uni-sb.de/projekte/Bibliothek2)



Thomas Gergen

Der Humanitätsbegriff bei Peter Wust
Versuch einer Herleitung





I n h a l t s ü b e r s i c h t
1. Standort
2. Humanismus mit und ohne Gott
3. Christliche Humanität
4. Kindheit und Humanität
5. Humanität in Güte und Liebe
6. Christliche Humanität in Rechts- und Gesellschaftsordnung




1. Standort

Beim Aufsatzwettbewerb der Peter-Wust-Gesellschaft von 1988 ergab sich für mich zum ersten Mal die Gelegenheit, mich mit dem Humanitätsbegriff Peter Wusts auseinanderzusetzen. Nach ihm tritt der Mensch schon als Kind mit dem Gottesgeschenk der Humanität, dem großen Menschheitsideal, in die Welt ein. Die Hauptaufgabe besteht darin, die eigene Kindheit durch alle Gefahren, mit denen die Freiheit droht, glücklich bis zum Tode hinüber zu retten. So schreibt Peter Wust: "Bewahrt er [der Mensch] die Kindheit, die in ihm schlummert, durch alle Gefahrenzonen der Willens- und Freiheitsoszillation hindurch, dann hat er das Palladium der Humanität glücklich heimgeholt. Verliert er diese Kindheit im Kampfgebiet des Lebens, dann war alles umsonst; dann war der Naturegressus des Geistes für ihn ein Fluch; denn er hat ihn zum absoluten Egressus aus dem Reich ewiger Liebe und Güte geführt."(1)

Über diesen Begriff der Humanität und das "Erbgute" des Menschen sowie ihre Bewahrung durch das ganze Leben sprach ich mehrmals mit Frank-Werner Veauthier, zu dessen Ehren ich meine Gedanken zusammenstelle.

Peter Wust stellte dem Positivismus seiner Zeit das "Leben" gegenüber(2); damit ist unmissverständlich das von christlicher Humanität geprägte Leben gemeint. Dass sich der Existenzphilosoph dieser Richtung der Humanität anschließt, sich gleichsam vor sie stellt, kann vorab damit begründet werden, dass er als Kenner und Liebhaber der hellenistisch-römischen Geisteswelt dem antiken Humanitätsbegriff hohe Beachtung zollte. Mit den ersten Lateinstunden und dem weiteren Erlernen der alten Sprachen bildete sich bei Wust eine komplexe, aber sichere Sicht der Humanität heraus(3). Der bloße Begriff der humanitas (und sicher auch der Philanthropie) verrät bereits wesentliche Züge: Menschentum, Menschlichkeit, menschliche Art, ebenso Milde, Höflichkeit, Geschmack, Anstand und Menschenliebe sind dabei lediglich zusammenhanglose Übersetzungen. Sie entsprechen jedoch nur teilweise dem Humanitätsbegriff Wusts, für den die Humanität zeitlebens modus animi continuus war.



2. Humanismus mit und ohne Gott

Die Richtung des Humanismus ist alleine oder mit Gott praktikabel. Bei denen, die den Humanismus ohne Gott fordern, wird einmal die Existenz Gottes geleugnet (Atheismus), ein anderes Mal wird sie für eine unlösbare Frage gehalten (Agnostizismus). So führt der Humanismus ohne Gott zwar zu Recht ins Feld, dass der Mensch deshalb zu achten sei, weil er mehr wert sei als ein Ding oder ein Tier. Bei dieser Sicht fehlt indes unweigerlich die höhere Instanz; gerade Wust bringt die Sache auf den Punkt, indem er erkennt, dass ein Humanismus losgelöst von Gott nicht lange bestehen kann. Aus diesem Grunde ist für Wust jedwede Form der Humanität sehr eng mit dem Christentum verwoben.



3. Christliche Humanität

Aber lassen wir Wust selbst sprechen und ihn das "große Menschheitsideal der Humanität" untersuchen(4): Humanität stellt für Wust nicht nur nicht Tugend oder sittlichen Wert dar, sondern vielmehr einen Idealzustand der Menschheit. Dieser Zustand ist von Anfang an im Menschen vorhanden, ja er ist angeboren. Denn in der Erbmasse schlummert, umhüllt von der Körperlichkeit, das "Erbgute" als eigentlich natürlicher Geistesbesitz des Menschen.

Dass sich Wust deutlich für den Humanismus mit Gott entscheidet, bezeugt seine Aussage, dass Humanität ein persönliches Geschenk Gottes ist, sozusagen ein "Stück Gott". Gott hat dem Neugeschaffenen einen Teil seiner ihm eigenen Humanität abgegeben und übertragen. Dabei steht Gott als Instanz der Gerechtigkeit und Liebe in Person, der etwas Unbedingtes, Unantastbares, ja Heiliges zugesprochen wird. Da der menschenfreundliche Gott seine Geschöpfe mit Humanität bedacht hat, gibt er ihnen eine Chance, diese "inhumane" Welt zu überstehen oder gar selbst zu humanisieren.

Schließlich betrachtet Wust die Humanität als sich zu eigen gemacht, sobald der Mensch seine Kindheit durch alle Stürme des Lebens hindurch aufrecht erhält und verficht. Eigene Freiheitsbestrebungen sind für die Humanität bedrohlich, denn je mehr Freiheiten erreicht werden - so notwendig sie für den Lebensfortgang sein mögen -, desto mehr entschwindet die Makellosigkeit und die kleine überschaubare Welt der Kindheit.

Wir missverständen Wust jedoch, wenn wir ihm unterstellen wollten, er sei gegen die Freiheitsbestrebungen innerhalb der Entwicklung des Menschen. Natürlich können diese gefährlich sein, weil mit ihnen ein Stück weit die reine Kindheit aufgegeben wird. Aber sie sind das tägliche Brot des Fortschritts und des Forschungsdrangs des Menschen und für die Ausbildung des persönlichen Humanitätsbegriffs wiederum unerlässlich. Daher warnt Wust lediglich davor, die Humanität in den Wirren des Lebens zu vergessen und fordert zur stetigen Entdeckung und Bewahrung der Kindheit auf.

Für Wust ist Humanität nichts Abstraktes, Humanität sogar erfahrbar. Sie wird etwa dadurch greifbar, dass z.B. ein Kind sehr leicht verzeihen kann und durch seine ausstrahlende Milde bereit ist, anderen etwas abzugeben und mit ihnen zu teilen. Auch kann ein Kind gerade dank seiner Aufrichtigkeit genau das sagen, was es gerade zuvor gedacht hat. Im Erwachsenenleben dagegen sind diese Tatsachen eine Seltenheit, weil man sich durch Lügen und Schmeicheln sehr oft gewinnbringende Vorteile verspricht oder denkt, dass das Teilen nicht weiterbringt. Mit seinem Humanitätsbegriff setzt sich Wust gegen eine technisierte Welt durch, in der Kindheit und Humanität sowie das Stellen der Sinnfragen des Lebens gänzlich verschwinden. Die Flucht in die "erwachsene" Welt, die durch grenzenlose Freiheit und technische Möglichkeiten die "unmündige" Kindheit verdrängen will, beseitigt nicht zuletzt die erfahrbare Humanität des Alltags.



4. Kindheit und Humanität

Mit dem Bild des unbeschwerten, sorgenfreien, gefahrlosen Kinderdaseins, das in Reinheit und Unbescholtenheit sowie unbefangener Freiheit und Aufrichtigkeit aufgeht, macht Wust sein Humanitätsbild konkret erfahrbar, denn dann wird Humanität sichtbar, hörbar und sogar fühlbar. Mit der Kindheit legt uns Wust den lächelnden Kindermund, das herzhafte, vertrauensselige, ungekünstelte Lachen sowie den warmen, angenehmen Druck einer winzigen Kinderhand nahe. Diese Hand ist noch unverdorben und zur friedvollen Geste bereit. Kindheit kennt Verrohung, Unbarmherzigkeit, Konfrontation, Korruption und Kälte noch nicht. Ihr sind weder der dem Menschen inne wohnende Egoismus noch der ständige Lebenskampf um Achtung, Ehre und Ansehen geläufig. Da die zarte und zerbrechliche Kindheit und mit ihr die Humanität im Lebenskampf und den zunehmenden Alltagsproblemen zu schwinden drohen, müssen beide sorgsam behütet und gepflegt werden, denn beide können leicht wie eine wehrlose Frühlingsblume vom Winter des Alltags überrascht werden. Genauso wie die Humanität in Gefahr ist, muss das Individuum sich zurückbesinnen und sein privates, ihm von Gott übertragenes Geschenk verteidigen. Denn Humanität stellt das "Erbgute", den Hauptinhaltsstoff unserer Kindheit, reinste Menschlichkeit und das vom Schöpfer gegebene Menschliche dar, das er uns ganz konkret durch seine unermessliche Liebe stiftet.

Wusts Intention steckt im Ergreifen der Chance, diese Humanität aufzubewahren, damit sie immerfort hervorgeholt werden kann; so können der Jugendliche, der Erwachsene und der Greis den Ursprung der Gottheit in Gestalt der Humanität immer wieder neu erfahren und bis zu ihrer Lebensquelle zurückverfolgen. Dadurch, dass der Mensch ein Leben lang, jedes Mal von Neuem, zu seinem Ursprung zurückgeführt wird und auf diese Weise seine eigene Geschichte begreift, wird er immer mehr zum Eigentümer seiner persönlichen Humanität, ja er kann sein Leben mit Hilfe der erworbenen Humanität ausgestalten und die unbegrenzte und raumlose Humanität seines Gottes erfahren.

Der entschiedene, engagierte, auf die Liebe Gottes bauende Humanist ist auf diese Weise fähig, Gleichgültigkeit, Resignation, Hass und Hoffnungslosigkeit zu überwinden.



5. Humanität in Güte und Liebe

Der Humanitätsbegriff Wusts reicht aber noch weiter als die reinste Menschlichkeit, bleibt also nicht bei dem heute fast verbrauchten Begriff der fast übertriebenen und gewissermaßen gekünstelten Menschlichkeit stehen. Nein, er erfährt seinen Höhepunkt im "Reich ewiger Liebe und Güte". Der Quell der Humanität fließt ewig. Damit perpetuiert Wust gleichsam Menschlichkeit, also Güte und Liebe zugleich.

Zweifellos ist mit Güte mehr gemeint als bloße Freundlichkeit, mit Liebe mehr als pure Leidenschaft. Güte und Liebe (philia) beinhalten einen nie versiegenden Schatz an Bekundungen der Freundschaft dem Nächsten gegenüber dergestalt, dass der Nächste - genauso wie Gott uns selbst achtet - als mit Würde ausgestatteter Mensch akzeptiert und wertgeschätzt wird. Diese Sicht zeichnet Wust als besonderen Philanthropen aus, weil Menschenachtung, Respekt und Werthaftigkeit der Persönlichkeit vollends gefordert und an den ersten Platz der Werteskala gerückt werden. Dazu gehört unbedingt das Ehrgefühl vor der Humanität des anderen und die Achtung des Anspruchs, den der Nächste erhebt, damit auch seine Humanität, die er sich selbst genauso aufbauen und erhalten und im Lebenskampf gegen die Freiheiten verteidigen muss, gewahrt bleibt.



6. Christliche Humanität in Rechts- und Gesellschaftsordnung

Der Rechts- und Staatsphilosoph Gustav Radbruch, der in der Weimarer Republik ebenfalls Reichsjustizminister war, berichtet in seiner "Rechtsphilosophie", dass ein Unteroffizier einmal gesagt habe: "Leute, ich nehme ja alle erdenkliche Rücksicht auf Euch, aber in Humanität darf das doch nicht ausarten!"(5)

Dass der Humanitätsbegriff hier ironisch gebraucht und ins Lächerliche gezogen wird, braucht man wohl nicht zu erörtern. Denn er meint nur unnötigen Formalgram und das Zeigen von geheuchelter Menschlichkeit, die gerade in der Härte der Kriegszeit fehl am Platz waren. Im Zusammenhang mit der geäußerten Rücksichtnahme kann der Humanitätsbegriff dieses Zitats allenfalls noch die Steigerung dieser Rücksichtnahme bedeuten und in eine positive geistige Gesinnung einer wohlwollenden Verhaltensweise interpretiert werden.

Ein solches Verständnis des Humanitätsbegriffes hat natürlich in Rechts- und Staatsphilosophie nichts verloren, geschweige denn in einer von christlicher Humanität geprägten Rechts- und Gesellschaftsordnung. Zum Gebot der Humanität zählt nämlich die Pflicht, das Menschsein und die Werte aller Menschen als Persönlichkeiten zu achten, wobei eine bloße, einfache Rücksichtnahme lediglich der Beginn in der Sicht- und Verhaltensweise des Menschen darstellen sollte.

Das Humanitätsgebot, das man bei Peter Wust findet, bedeutet, dass nicht nur jeder selbst für die Bewahrung seiner Humanität verantwortlich zeichnet, um den angebotenen "Freiheiten" zu trotzen. Humanität hat auch das Ziel, die Chance wahrzunehmen, in gegenseitiger Achtung ein gesteigertes Maß an Verantwortung für die Erhaltung und Ausbildung der Humanität des Nächsten zu übernehmen. So wird Rücksichtnahme bezüglich der Humanität des Nächsten zum Gesellschaftsauftrag und zur Voraussetzung einer humanen Gesellschaftsordnung. Ohne sie ist wiederum die Praxis der Menschenrechte in einer humanen Rechtsordnung unmöglich. Im Prinzip der Humanität liegt damit ein selbstständiger Leitgedanke des Rechts und seiner Ordnung(6). Diese spezifische Humanität des Rechts wurde in der Rechtsphilosophie bereits in einen rechtstheologischen Rahmen eingeordnet: Der Mensch, der im Gottesverhältnis der "Personalität" steht, nimmt an der Rechts- und Gesellschaftsordnung im Nächstenverhältnis der "Solidarität" auf dem Boden des "Nächstenrechts" teil(7).

Mit dem umfassenden Humanitätsbegriff Peter Wusts sind wir auf einer Ebene angelangt, die den Menschen lebenslang fordert und auf seine ihm von Gott gegebene Humanität verpflichtet. Diese Aufgabe ist sowohl im kleinen Bereich (Familie) als auch im großen Wirkkreis (die gesamte Rechts- und Gesellschaftsordnung) ein hehres Ziel; sie ist deshalb so schwer praktikabel, weil Wust damit vornehmlich eins gemeint hat: den Auftrag zur täglichen Umsetzung des Gebots der christlichen Nächstenliebe.



  Fußnoten

(1) Peter Wust, Philosophisches Lesebuch, Walter Rest (Hg.), Münster 1984, S. 55-56.
(2) Bernd Philippi, Der philosophische Mensch: Offener Brief an Peter Wust, in: Begegnung mit Peter Wust, 1984, S. 111.
(3) Peter Lorson, Märchen mit schmerzlichen Konflikten, in: Begegnung (Fn. 2), S. 58 ff.
(4) Peter Wust, Philosophisches Lesebuch, (Fn. 1), S. 55-56.
(5) Gustav Radbruch, Rechtsphilosophie, 8. Auflage, Erik Wolf/Hans-Peter Schneider (Hg.), Stuttgart 1973, hier: Gustav Radbruchs Leben und Werk, S. 44.
(6) Vgl. z.B. Alessandro Baratta, Relativismus und Naturrecht im Denken Gustav Radbruchs, in: Archiv für Rechts- und Sozialphilosophie ARSP 45 (1959), S. 505-537 (516); Erik Wolf, Das Problem der Naturrechtslehre. Versuch einer Orientierung, 3. Auflage, Karlsruhe 1964, S. 191 ff.
(7) Erik Wolf, Recht des Nächsten. Ein rechtstheologischer Entwurf, 2. Auflage, Frankfurt a.M. 1966; ders., Rechtstheologische Studien, Frankfurt a.M. 1972, S. 138-159; Hans-Peter Schneider, Gustav Radbruchs Einfluss auf die Rechtsphilosophie der Gegenwart, in: Gustav Radbruch, Rechtsphilosophie (Fn. 5), S. 370.

 


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