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Der Urheberrechtsstreit um Heinz Becker, SZ vom 3. Mai 2000 (URECHT Web-Dok. 2/2000)
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Der Urheberrechtsstreit um Heinz Becker

Fortsetzung (Artikel aus der SZ vom 3. Mai 2000)



"Ich wollte kein Neider sein"

Im Streit um die Figur "Heinz Becker" legt Autor Bungert auch Wert auf inhaltliches Vetorecht

- Von KATJA PREISSNER -

Wem gehört die "Familie Heinz Becker"? Diese Frage dürfte demnächst vor Gericht verhandelt werden, zwischen dem Kabarettisten Gerd Dudenhöffer und dem Autor Gerhard Bungert, der den Mann mit der Batschkapp samt Anhang entscheidend mitgestaltet haben will. Er will nun auf Anerkennung seiner Miturheberschaft klagen. Ein Sieg vor Gericht hätte laut Bungert handfeste Folgen. Zum einen fordert er Anteile aus früheren Honoraren Dudenhöffers in "sechsstelliger Höhe", immerhin ist der Becker-Clan längst auch im Fernsehen und im Kino zu sehen. Zum anderen möchte Bungert fortan im Abspann aller Produktionen der "Familie Heinz Becker" genannt werden ("nach einer Idee von . . . "). Bungert legt außerdem Wert auf ein inhaltliches Vetorecht. Er will bei missliebigen Äußerungen der Figuren einschreiten, im Notfall auch Szenen verbieten können.

Der Streit zwischen Bungert und Dudenhöffer schwelt bereits seit zwei Jahren (wir berichteten). War damals Dudenhöffer der "Angreifer", der Bungert in die Verteidigung zwang, hat dieser den Spieß inzwischen umgedreht und geht nun in die Offensive. Mitte Mai soll die Klage eingereicht werden, dann ist es an Dudenhöffer zu reagieren. Entzündet hatte sich der Streit an einem Solo-Auftritt der früheren "Hilde"-Darstellerin Alice Hoffmann, der Dudenhöffer allzu sehr an Beckers bessere Hälfte erinnerte. Es folgten Abmahnungen an Hoffmann und Bungert, den Autor der Solo-Nummer. Sie betrafen auch Hoffmanns aktuelles Alter Ego "Vanessa Backes", aber in erster Linie sollte Bungert schriftlich bekunden, die Figuren der "Familie Becker" nicht mitentwickelt zu haben. Wohlgemerkt: Alleiniger Urheber des Fernseh-Trios wäre demnach Dudenhöffer selbst gewesen. Doch die Genese des "Heinz Becker" hat Bungert anders in Erinnerung. "Im Juni 1980 hab ich mit einer Band im Saarbrücker ,Barrelhouse' gespielt", so Bungert. Im Vorprogramm: ein junger Kabarettist namens Dudenhöffer mit einer Dialekt-Nummer als Handwerker. "Zur gleichen Zeit suchte der SR eine regionale Comedy-Figur für Stegreif-Sketche im Hörfunk. Ich war als Autor vorgesehen, mir fehlte nur der passende Darsteller", erzählt Bungert weiter. Den hatte er nun, und zu viert machte man sich daran, ein Konzept auszuarbeiten.

Beteiligt waren Bungert und Dudenhöffer, der Autor Rainer Petto und Franz Walter Freudenberger, Dudenhöffers damaliger Regisseur. Bungert will damals ein komplettes Profil aller drei Kunstfiguren samt Namen vorgelegt haben, "und die anderen drei haben es dann gemeinsam mitausgebaut". Um ein Haar hätte die Hauptfigur übrigens Peter Müller geheißen, erinnert sich Bungert - weil's der gebräuchlichste Name war. Zum Glück für den aktuellen saarländischen Ministerpräsidenten entschloss man sich jedoch, haarscharf neben das Klischee zu treffen und entschied sich für "Heinz Becker", erzählt Bungert. Heinz Becker ging dann auch auf Sendung, mit Sketchen von Dudenhöffer und Bungert. "Für die Auftritte", so Bungert, "galt ein Gentlemen-Agreement: die Hälfte des Honorars fürs Spielen, der Rest fürs Schreiben der Sketche." Der Kontakt verlor sich, als Dudenhöffer Mitte der 80er Jahre zu Jürgen von der Lippes TV-Show "So isses" wechselte.

Wenn die Lage in Sachen "Urheberschaft" jedoch so klar ist, warum hat Bungert keine finanzielle Beteiligung gefordert, als die Beckers Anfang der 90er Jahre zu Fernsehstars wurden? "Weil mir der Schaden an öffentlichem Ansehen größer schien als der Nutzen. Ich wollte kein Neider sein, der aus der letzten Bank hervorkriecht, wenn ein anderer erfolgreich ist. Aber Dudenhöffer wollte mich plötzlich zum Plagiator stempeln, und das konnte ich mir nicht bieten lassen. Das hätte auch nicht der Wahrheit entsprochen." Als Beweise für seine Darstellung nennt Bungert unter anderem das Vorwort der "Heinz Becker-Story" (1984 erschienen, Verfasser: Gerhard Bungert, Gerd Dudenhöffer und Charly Lehnert), in dem Dudenhöffer Bungert ausdrücklich zu den Mitentwicklern der Familie Becker zählt. "Im Übrigen", so Bungert, "kann der anonyme Handwerker aus Dudenhöffers Anfangszeit kaum mit dem Universal-Dilettanten Becker identisch sein, der noch nicht mal eine Küche ausmessen kann." Also ließ Bungert nun seinerseits Dudenhöffer abmahnen. Mit dem Ziel, offiziell als Miturheber anerkannt zu werden. Die Gegenseite reagierte völlig unerwartet: Sie bot Verhandlungen an, die nur an einer finanziellen Einigung gescheitert sein sollen.

Seit 1999 stützt auch ein juristisches Gutachten Bungerts Sicht, erstellt vom Potsdamer Urheberrechts-Experten Professor Wilhelm Nordemann. Im Falle eines Sieges vor Gericht würde Bungert künftig ein scharfes Auge auf Beckers Mundwerk haben? "Bei rassistischen Sprüchen würde ich Einspruch erheben. Ich weiß, dass Heinz Becker auch ohne Witze über Afrikaner auskommt", sagt Bungert. "Vielleicht sieht das Publikum solche Äußerungen nicht immer so kritisch wie Dudenhöffer selbst."


 
Vervielfältigung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung der Saarbrücker Zeitung.



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